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Veröffentlicht am 24.01.2020

Die Ausgestoßenen Istanbuls

Unerhörte Stimmen
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Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

Ein spannendes Konzept und ein toller Schreibstil – was will man mehr!
Die soeben ermordete und in einer Mülltonne in Istanbul entsorgte Leila, erzählt aus ihrem Leben. ...

Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

Ein spannendes Konzept und ein toller Schreibstil – was will man mehr!
Die soeben ermordete und in einer Mülltonne in Istanbul entsorgte Leila, erzählt aus ihrem Leben. Denn nach dem Tod eines Menschen kann das Gehirn noch gut zehn Minuten aktiv sein.
Ein wirklich ungewöhnlicher Anfang. Empathie stellt sich erst nach und nach ein, wenn man die Person Leila besser kennenlernt.

Sie erzählt davon, wie es zu ihrem viel zu frühen Tod kommen konnte. Sie erinnert sich an ihre Kindheit in einem kleinen Dorf in der Türkei, an den Missbrauch durch den Onkel und an die darauf folgende Vertuschung und daran, wie sie schließlich vom Vater verstoßen wurde. Kaum in Istanbul angekommen, landet sie schon in der Prostitution.

Nicht nur Leila, auch ihre fünf Freunde erheben ihre Stimmen und das hat durchaus etwas Anklagendes. Denn sie alle wurden auf verschiedene Art und Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ohne Hoffnung auf Rehabilitation. Alle fünf Schicksale werden dem Leser vorgestellt.
Nun wollen sie sich nicht damit abfinden, dass ihre Freundin in aller Eile auf dem Friedhof der Geächteten begraben wurde. Einmal wollen sie sich wehren gegen die Mächtigen und die Ungerechtigkeit. Und nun verändert der Roman auch seine Struktur. Nun erzählt nicht mehr Leila die Geschichten aus der Vergangenheit, nun befinden wir uns mit ihren Freunden inmitten eines waghalsigen Abenteuers. Das kann man mögen oder auch nicht. Ein klein wenig hanebüchen fand ich den Roman gegen Ende schon. Aber das sei der Autorin verziehen.

Elif Shafak hat selbst türkische Wurzeln, lebt aber schon lange nicht mehr dort. Sonst könnte sie auch nicht so schreiben wie sie es tut. Erfrischend modern und direkt prangert sie Missstände und Widersprüche der türkischen Kultur und Traditionen an. Ein falsches Ehrgefühl, das den Mord an Leila und sehr viel Leid zuvor überhaupt erst möglich gemacht hat. Vor allem aber tut sie das unglaublich eindringlich und fesselnd. Auch nach einem langen Arbeitstag kann man das Buch kaum weglegen, vor Spannung ob der Schicksale dieser armen Menschen. Diese sind manchmal kaum zu ertragen, unendlich traurig. Aber sprachlich immer top.

Es wird viel von Kultur und Bräuchen der Türkei vermittelt, allerdings immer die Seite der Opfer des Systems betrachtend. Elif Shafak verleiht durch Leila den Ausgestoßenen ihre Stimme.
Sehr empfehlenswert!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2020

Existentiell

Die Wand
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Die Wand – Marlen Haushofer

Der Klappentext in aller Kürze: "Eine Frau wacht eines Morgens in einer Jagdhütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein ...

Die Wand – Marlen Haushofer

Der Klappentext in aller Kürze: "Eine Frau wacht eines Morgens in einer Jagdhütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert..."
Damit beginnt ein spannendes Gedankenexperiment.

Diesen Roman kann man meiner Meinung nach nicht angemessen beurteilen, ohne sich mit der Biografie Marlen Haushofers auseinandergesetzt zu haben. Eine Frau, die sich in ihrem bürgerlichen Leben zutiefst eingeengt, gefangen fühlte, von Menschen missverstanden. Ihre schriftstellerische Tätigkeit konnte sie nur heimlich und nebenbei ausüben.
An unzähligen Stellen kommt die Verzweiflung der Autorin durch, gar eine Sehnsucht nach Einsamkeit. Und so fügt sich die namenlose Protagonistin sehr schnell in ihr Schicksal und verlegt sich darauf, eine Überlebensstrategie zu entwickeln. In weiten Teilen hat der Roman somit etwas von einer Robinsonade. Nur Berge, statt Insel.

"Vielleicht war die Wand auch nur der letzte verzweifelte Versuch eines gequälten Menschen, der ausbrechen musste, ausbrechen oder wahnsinnig werden." Seite 110

"Während des langen Rückwegs dachte ich über mein früheres Leben nach und fand es in jeder Hinsicht ungenügend. Ich hatte wenig erreicht von allem, was ich gewollt hatte, und alles, was ich erreicht hatte, hatte ich nicht mehr gewollt." Seite 61

Immer wieder klingt deutliche Gesellschaftskritik an, auch die Rolle der Frau und ihre damit einhergehende Unzufriedenheit, spricht sie immer wieder an, von daher wurde das Werk auch von der Frauenbewegung aufgegriffen. Generell liegen ihr Tiere näher als Menschen.

Dieses Buch ist geradezu gespickt von Lebensweisheiten, mit denen jeder schon einmal zu kämpfen hatte, die aber nur selten ausgesprochen werden. Auch wenn die Protagonistin versucht, sich mit Arbeit und der Sorge um ihre Tiere abzulenken, bleiben grundlegende Fragen nicht aus, wie die nach dem Sinn des Lebens etwa. Oder ob menschliche Gesellschaft erstrebenswert wäre…

Dieser Roman hat mich mit seiner stillen Eindringlichkeit sehr beeindruckt. Auch wenn dieses Konstrukt der Wand nicht zu erklären und schwer zu fassen ist, wenn man über die Hauptfigur den Kopf schüttelt, sie bemitleidet, gar an ihrem Verstand zweifeln mag. Von der ersten Seite an, glaubt man alles ganz deutlich vor sich zu sehen, ich hatte oft Gänsehaut vor Grusel angesichts der ausweglosen Situation.
Gerade wenn man an die Biografie der Autorin denkt, hat man immer wieder tiefes Verständnis für deren Nöte und Gedankengänge.

Zweifellos ein Buch, das man gelesen haben sollte. Ein wahrer Schatz im Bücherregal. Ein Buch, das seinen Leser so existentiell berührt, dass er es wohl nie mehr vergessen wird. Schade, dass Haushofer nicht mehr Zeit und Muse zum Schreiben fand. Zu allem Überfluss starb sie nämlich auch noch sehr früh mit kaum fünfzig Jahren.


  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2020

Das ist definitiv kein Erstlesebuch!

bayala - Das Erstlese-Buch zum Film
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Bayala – Erstlesebuch zum Film

Leider hat mir dieses Buch gar nicht zugesagt. Auf dem Cover wird es ausdrücklich als Erstlesebuch bezeichnet, aber genau das ist es ganz und gar nicht.
Die Schrift ist ...

Bayala – Erstlesebuch zum Film

Leider hat mir dieses Buch gar nicht zugesagt. Auf dem Cover wird es ausdrücklich als Erstlesebuch bezeichnet, aber genau das ist es ganz und gar nicht.
Die Schrift ist viel zu klein, die Sätze zu lang, die Handlung viel zu komplex und verworren. So komplizierte Zusammenhänge können Leseanfänger überhaupt gar nicht erfassen! Mit einem herkömmlichen Erstlesebuch hat das nichts zu tun!
Dazu kommen noch extrem viele Figuren, die mehr oder weniger vom Film als bekannt vorausgesetzt werden und darüber hinaus extrem blass bleiben. Ich denke, dass sich hier nur eingefleischte Fans zurechtfinden werden.

Wie bereits erwähnt handelt es sich um ein Buch zum Film. Bei solchen eine Filmhandlung nacherzählenden Büchern ist mir, wie auch hier, schon öfter eine recht holprige, unzusammenhängende Erzählweise aufgefallen.

Ich habe eine Erstklässlerin, die bereits sehr flüssig liest, aber das ist zu viel Text. Meines Erachtens erst ab der dritten Klasse geeignet. Drittklässler greifen wohl aber eher nicht so gerne zu einem Buch, auf dem dick "Erstlesebuch" steht. Das finde ich vom Verlag einfach sehr ungut gemacht.

Die einzigen Pluspunkte dieses Kinderbuchs sind die vielen farbigen Bilder aus dem Film.
Ansonsten leider nur sehr eingeschränkt empfehlenswert.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.12.2019

Wie alles begann...

Langsame Jahre
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Langsame Jahre – Fernando Aramburu
Ist es tatsächlich so, dass Zeit, die man in einer Diktatur (vergleichsweise Gefangenschaft) verbringt, wesentlich langsamer vergeht, als Jahre in Freiheit? Ja, vermutlich ...

Langsame Jahre – Fernando Aramburu
Ist es tatsächlich so, dass Zeit, die man in einer Diktatur (vergleichsweise Gefangenschaft) verbringt, wesentlich langsamer vergeht, als Jahre in Freiheit? Ja, vermutlich ist das so und damit hat Aramburu seinen Buchtitel treffend gewählt, denn wie schon in seinem großen Erfolg „Patria“ geht es um die schweren Jahre der Basken unter Francos Herrschaft.
Sehr viel mehr möchte ich zum Inhalt auch gar nicht sagen, es geht um eine einfache baskische Familie, die in diesen langen und harten Jahren um ein einigermaßen normales Leben kämpft. Der Klappentext sagt dazu:
„Nach dem großen Erfolg des Baskenromans „Patria“ wird hier erzählt, wie alles begonnen hat: eine berührende Familiengeschichte aus der Perspektive eines Kindes“

Aramburu kann schreiben, das ist gewiss. Er vermag es, den Leser mit wenigen Sätzen in seinen Bann zu ziehen und ihn in ein anderes Land, eine andere Zeit, ein völlig fremdes Leben zu entführen.
Es ist unmöglich, diesen Roman nicht mit seinem großen Bruder „Patria“ zu vergleichen, egal welches Buch denn nun zuerst geschrieben wurde bzw. erschienen ist.
Wie schon erwähnt, sind Thematik und Schreibstil unverkennbar, quasi ein Markenzeichen Aramburus. Der Aufbau dieses Romans unterscheidet sich allerdings grundlegend. Zum einen ist „Langsame Jahre“ wesentlich schmaler. Zum anderen beschreibt hier ein Junge dem Autor seine Erinnerungen. Dieser notiert sie, macht sich in vielen Einschüben selbst Notizen, wie das Erzählte zu einem Roman verarbeitet werden kann. So setzt sich dieses Buch aus Erzählungen und Bruchstücken eines Skripts zusammen. Ist dies einerseits sehr interessant, da es Einblicke in das Handwerk des Schriftstellers gewährt, hemmt es doch ein bisschen den Lesefluss und lässt den Leser emotional
nicht so nah an die Figuren heran, wie er das aus „Patria“ gewohnt ist.

Fazit: Absolut lesenswert, an „Patria“ reicht es aber nicht ganz heran!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.12.2019

Wunderbar!

Käthe, Band 1: Der Gorilla-Garten
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Käthe - Der Gorilla-Garten

Käthe zieht vom Apfelgarten ihrer Großmutter in Pommeranzen nach Berlin - Ein Kulturschock, keine Frage. Doch Käthe macht das Beste aus ihrer Situation und begegnet allen neuen ...

Käthe - Der Gorilla-Garten

Käthe zieht vom Apfelgarten ihrer Großmutter in Pommeranzen nach Berlin - Ein Kulturschock, keine Frage. Doch Käthe macht das Beste aus ihrer Situation und begegnet allen neuen Anforderungen mit Mut und Humor. Ihre Naturverbundenheit und ihr großes Wissen über Pflanzen und Tiere helfen Käthe auch in der neuen Umgebung schnell Anschluss zu finden. Mehr noch, sie schafft es, ein Stück Natur in die Stadt zu bringen und sich so dort schnell heimisch zu fühlen.

Dieses tolle Buch strotzt nur so vor total liebevollen Einzelheiten, wie zum Beispiel ein Baumstamm, der als offener Bücherschrank dient. Käthe ist ein total aufmerksames Mädchen, das extrem stark auf ihre Umgebung und Pflanzen und Tiere achtet. Die Geschichte transportiert ganz viel Naturverbundenheit, und die Liebe zu Pflanzen und Tieren. Es ist ein Bullerbü-Gefühl, das Käthe bis in die große Stadt hineinträgt. Einfach schön, ein Wohlfühlbuch zum Vorlesen.

Unterstützt wird das Ganze noch durch wunderbare farbige Illustrationen. Wirklich ganz toll. Überhaupt macht das Buch einen sehr hochwertigen Eindruck.
Unbedingt (Vor)lesen! 5 Sterne!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere