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Dajobama

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.11.2018

Auswirkungen des Krieges

Kriegslicht
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Michael Ondaatje - Kriegslicht

Nachdem ich erst vor etwa einem Jahr „Der englische Patient“ gelesen habe, welcher mir hervorragend gefallen hat, war dieser neue Roman von Ondaatje für mich ein absolutes ...

Michael Ondaatje - Kriegslicht

Nachdem ich erst vor etwa einem Jahr „Der englische Patient“ gelesen habe, welcher mir hervorragend gefallen hat, war dieser neue Roman von Ondaatje für mich ein absolutes Muss. Unerwarteter Weise hab ich mich mit diesem Werk relativ schwer getan. Ich glaube fest, dass dies ein sehr gutes Buch ist, einige Passagen haben mir auch sehr gefallen. Trotzdem konnte mich die Geschichte im Ganzen einfach nicht wirklich und vor allem nicht über einen längeren Zeitraum fesseln. Vermutlich kam es für mich einfach nicht zur richtigen Zeit, um mich vollständig darauf einlassen zu können. Sehr schade, denn die Erwartungen waren hoch.

Konkret geht es um die Geschwister Nathaniel und Rachel, die kurz nach dem Krieg von ihren Eltern in London zurückgelassen werden. In der Obhut eines geheimnisvollen Mannes, Falter genannt. Jahre später kommt die Mutter zurück, ohne den Vater und ohne eine befriedigende Erklärung. Für ihre Kinder bleibt sie fortan eine Fremde.
Viele Jahre später, nach dem Tod der Mutter, beginnt Nathaniel nachzuforschen, was damals wirklich geschehen ist und welche Rolle sie damals im Kalten Krieg einnahm.

Die Geschichte ist zweigeteilt. Während der erste Teil die Gefühlswelt und das Unverständnis der zurückgebliebenen Kinder behandelt, geht es im weiteren Verlauf um die Nachforschungen des erwachsenen Nathaniel, der Stück für Stück die Geschichte seiner Mutter aufdeckt, deren selbstloses Handeln von Liebe und Krieg geprägt war, die dadurch dennoch ihre Familie zerstört hat, und das Leben ihrer Kinder bis weit ins Erwachsenenleben hinein beeinflusst hat. Beinahe erscheint es dem Leser wie eine Flucht, die sie ihren Kindern unwiderruflich entfremdet.

"Man kehrt zu dieser früheren Zeit zurück, ausgerüstet mit der Gegenwart, und einerlei, wie dunkel diese Welt war, will man sie doch erhellen. Das eigene erwachsene Selbst nimmt man mit. Man erlebt das Vergangene nicht von neuem, sondern ist erneut Beobachter." Seite 133

Auch wenn der Roman durchaus vielversprechend beginnt, verliert er sich doch immer wieder in Nebensächlichkeiten und Abschweifungen. So erfordert er sehr viel Geduld. Besonders gegen Ende der ersten Hälfte hatte das Buch für mich eine lange Durststrecke.
Auch wenn diese Geschichte toll geschrieben ist, erreicht sie jedoch bei Weitem nicht die Sogwirkung des „englischen Patienten“.
Mich hätte dieser Roman beinahe auf der halben Strecke verloren. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los, ihn trotz aller Bemühungen letztendlich nicht komplett verstanden, durchdrungen zu haben.

Veröffentlicht am 10.11.2018

Ein etwas anderer Ostfrieslandkrimi

Totenstille im Watt
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Ein Ostfriesland-Krimi, der so ganz anders war, als ich erwartet hatte. Diese Geschichte wird nämlich aus der Perspektive des Täters erzählt. Dies ist einerseits sehr ungewohnt, macht aber auch einen besonderen ...

Ein Ostfriesland-Krimi, der so ganz anders war, als ich erwartet hatte. Diese Geschichte wird nämlich aus der Perspektive des Täters erzählt. Dies ist einerseits sehr ungewohnt, macht aber auch einen besonderen Reiz aus. Die Gedankengänge eines Mörders und Psychopathen, erzählt mit viel schwarzem Humor, sind allemal die Lektüre wert.

Dr. Sommerfeldt ist ein falscher Arzt mit neuer Identität, der sich nicht nur um die medizinische Versorgung des kleinen Touristenortes an der Ostsee kümmert, sondern sich gerne auch um die Beseitigung von gewalttätigen Ehemännern kümmert. ..

Ein ungewöhnlicher Plot, erzählt aus einer besonderen Sichtweise mit erfrischend deutlicher Ausdrucksweise.
Trotzdem, so wirklich identifizieren kann man sich mit diesem Protagonisten nicht. Und so bin ich auch mit der ganzen Geschichte nicht so wirklich warm geworden. Einige Redewendungen erschienen mir arg platt und bemüht, abgedroschen.

Diesen Krimi würde ich nicht unbedingt als solchen bezeichnen, Spannung fehlt hier nämlich fast komplett. Vielmehr handelt es sich hierbei um das Psychogramm eines Mörders. Und als solches finde ich es durchaus gelungen.


Veröffentlicht am 03.11.2018

Der Text eines Lebens

TEXT
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Dmitry Glukhovsky - Text

Ein russischer Autor der modernen Generation, der in seinem neuen Roman auf außergewöhnliche Art und Weise das moderne Russland thematisiert, auch soziale Missstände benennt, ...

Dmitry Glukhovsky - Text

Ein russischer Autor der modernen Generation, der in seinem neuen Roman auf außergewöhnliche Art und Weise das moderne Russland thematisiert, auch soziale Missstände benennt, doch gleichermaßen die Abgründe menschlicher Existenzen berührt. Ja, das Regime (gemeint ist Putins Russland) trägt eine Mitschuld, indem es durch Korruption die kleinen Leute im Stich lässt. Trotz alldem ist jeder seines Glückes Schmied und muss zusehen, wie er selbst wieder auf die Beine kommt. Damit erinnert dieses Werk durchaus an bekannte russische Schriftsteller, wie Tolstoi und Dostojewski, mit den klassischen Themen der Schuld und Sühne, nur in moderner Ausführung.

Nach sieben endlosen Jahren wird Ilja aus dem Straflager entlassen, in ein Leben, das ihm nicht mehr gehört. Er muss feststellen, dass seine Mutter nur wenige Tage vor seiner Rückkehr verstorben ist, seine Freundin hat ihn längst verlassen. Völlig überfordert kommt er mit seiner lang ersehnten Freiheit nicht zurecht und ertränkt seinen Kummer, nach russischer Art, mit Wodka.
"Außen war seine Haut rein geblieben, aber die Innenhaut war voller Tätowierungen. Niemand kann im Gefängnis sein Inneres schützen." Seite 58

In seiner Verzweiflung beginnt er zu suchen und trifft schließlich tatsächlich auf den Mann, der ihn damals aus reiner Willkür und Bosheit ins Straflager gebracht hatte, Petja, von Ilja auch genannt, das Schwein. Überwältigt vom Alkohol und Rachegelüsten ersticht er ihn und nimmt sein Handy an sich. Um die Entdeckung seiner Tat hinauszuzögern, beginnt er, auf Nachrichten, die an das Opfer gerichtet sind, zu antworten. Nach und nach setzt er aus älteren Chats und Aufzeichnungen wie aus Puzzleteilen das Leben dieses Mannes zusammen.
Ilja hat den Text seines Lebens gefunden und hat sich unversehens viel zu sehr darin verfangen. Nachdem er in sein eigenes Leben nicht mehr zurückfindet, schlüpft er in die Rolle des Anderen und nimmt ein Stück weit dessen Identität an, denn dies ist alles, was ihm geblieben ist.

Ilja hat im Eifer des Gefechts Gott gespielt. Indem er den Täter ermordet hat, hat er ihn zu seinem Opfer und sich selbst wiederum zum Täter gemacht. Doch Ilja hat das Herz eigentlich am rechten Fleck und fühlt sich nun für die Angehörigen Petjas verantwortlich. (Schuld und Sühne)

Glukhovsky hat einen besonderen, sehr kraftvollen Erzählstil. In diesem Roman beschäftigt sich Ilja über weite Teile hauptsächlich mit dem Handy seines Opfers. Hauptsächlich auf der Grundlage von WhatsApp-Nachrichten und Mails erfährt man zeitgleich mit Ilja Hintergründe aus dem Leben seines Opfers. Das ist schon sehr gut gemacht und erfrischend anders. So etwas habe ich in der Art noch nicht gelesen.
Zwangsläufig spielt so der Einfluss der sozialen Medien eine große Rolle. In diesem Fall machen sie ein ganzes Leben nachvollziehbar, alles ist gespeichert. Offensichtlich leidet jedoch der persönliche Kontakt zueinander. Ein Handy kann man einfach wegdrücken oder ignorieren. Eine knappe Nachricht ist schnell geschrieben. Verstörend, wenn die Angehörigen tagelang nicht bemerken, dass es nicht Petja ist, der ihnen schreibt.

Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen und neugierig gemacht auf die früheren Werke des Autors. Mit der dystopischen Metro-Trilogie hat er einen Weltbestseller gelandet.

Auf jeden Fall, absolut empfehlenswert!

Veröffentlicht am 28.10.2018

Lebenslügen vor einem wunderbaren Naturpanorama

Helle Tage, helle Nächte
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Hiltrud Baiers Roman besticht eindeutig durch tolle Landschaftsbeschreibungen. Er spielt sowohl am Rande der Schwäbischen Alb als auch im weit entfernten Lappland. Man merkt durchaus, dass die Autorin ...

Hiltrud Baiers Roman besticht eindeutig durch tolle Landschaftsbeschreibungen. Er spielt sowohl am Rande der Schwäbischen Alb als auch im weit entfernten Lappland. Man merkt durchaus, dass die Autorin beide Gegenden sehr gut kennt und liebt. Geboren in Süddeutschland, ist sie später nach Lappland ausgewandert.

Anna ist bereits über siebzig und lebt schon lange relativ einsam. Als sie schwer an Krebs erkrankt, überkommen sie lange unterdrückte Schuldgefühle. Seit Jahrzehnten lebt sie mit einer großen Lüge. Plötzlich ist sie es satt, den Menschen, die ihr wichtig sind, weiterhin etwas vorzumachen.
Wenig später ist ihre frisch geschiedene Nichte Frederike auf dem Weg in den hohen Norden Lapplands. Mit einem langen Brief im Gepäck ist sie auf der Suche nach einem gewissen Petter Svakko. In der Einsamkeit der Berge wird sie jedoch mehr finden als nur diesen älteren Herrn.

Dies ist ein sehr stilles und ruhiges Buch. Es geschieht kaum etwas Unvorhergesehenes, mit Überraschungen ist nicht zu rechnen. Seine Stärke liegt in den wirklich schönen Naturbeschreibungen.

Kapitelweise wird abwechselnd von Anna in Deutschland und von Frederike in Lappland erzählt. Beide Frauen sind sehr sympathisch und nachvollziehbar dargestellt. Es geht in diesem leisen Roman sehr viel um die Vergangenheit, um ein Zurückschauen auf das eigene Leben. Auch um den Versuch der Wiedergutmachung und das Bemühen, seinen Frieden mit sich selbst zu machen. Sehr ernste Themen, durchaus auch tiefgründig, aber schön erzählt. Ein Roman, der meiner Meinung nach insbesondere für ältere Leser geeignet ist.

Veröffentlicht am 25.10.2018

Spannend bis zum Schluss

Stein
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Reinhard Kleindl - Stein

Vor fünf Jahren wurde der Banker Bert Köhler entführt. Diverse Lösegeldübergaben scheiterten, lediglich mehrere Päckchen mit abgetrennten Gliedmaßen des Opfers tauchten damals ...

Reinhard Kleindl - Stein

Vor fünf Jahren wurde der Banker Bert Köhler entführt. Diverse Lösegeldübergaben scheiterten, lediglich mehrere Päckchen mit abgetrennten Gliedmaßen des Opfers tauchten damals auf. Köhler konnte nie gefunden werden.
Nun tauchen plötzlich neue Informationen zu diesem dubiosen Fall auf. Wider Willen nimmt sich die ehemalige Ermittlerin Anja Grabner der Sache erneut an, die sie damals den Job kostete. Es ist nicht auszuschließen, dass Köhler noch immer am Leben ist und sich nach wie vor in der Gewalt seines Entführers befindet. Und ein ganzes Dorf scheint darüber mehr zu wissen, als es zugibt.

Der Autor hat einen tollen, leicht lesbaren Schreibstil, der es dem Leser ermöglicht, sich auf das Geschehen zu konzentrieren. Auch die düstere, geheimnisvolle Atmosphäre in dem kleinen österreichischen Ort Stein hat er sehr gut getroffen. Dessen Einwohner haben irgendetwas mit dem Verschwinden Köhlers zu tun. Es ist offensichtlich, dass sie ein Geheimnis bewahren.

Mit Anja Grabner hat Reinhard Kleindl eine sehr eigenwillige Ermittlerfigur geschaffen. Ihren Mitmenschen gegenüber benimmt sie sich sehr direkt, oft unfreundlich. Sie ist gewiss niemand, mit dem man sich identifizieren könnte. Aber gerade deshalb ist sie sehr interessant und hebt sich von den Ermittlerinnen anderer Krimis ab.
Generell fand ich eigentlich alle Figuren dieses Buches seltsam, verrückt. Insbesondere die Einwohner von Stein. Aber auch die ehemaligen Kollegen Anjas benehmen sich eigenartig und sind schwer einzuschätzen. Eine wirklich nette und unkomplizierte Person habe ich hier vergeblich gesucht.

Interessant fand ich auch die Rückblenden, welche regelmäßig auftauchen und in kursiver Schrift gehalten sind. So erfährt man nach und nach mehr darüber, was vor fünf Jahren geschehen ist. Die beiden Zeitebenen sorgen für Abwechslung und bringen etwas Tiefe in die Handlung.

Leider haben sich für mich zum Schluss hin ein paar Kritikpunkte ergeben, die mit der Auflösung zu tun haben und welche ich deshalb nicht näher ausführen möchte. Nur so viel: für mich haben am Ende einige Dinge nicht zusammengepasst. Die Lösung des Falles Köhler konnte mich letztendlich nicht so wirklich überzeugen. Es hat einfach der Aha-Effekt gefehlt. Trotzdem habe ich das Buch sehr gerne gelesen.

Insgesamt ein wirklich spannender und empfehlenswerter Thriller mit einer tollen, gruseligen Atmosphäre, wenn auch mit einigen Abstrichen.