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Veröffentlicht am 02.03.2026

Raffiniert in Szene gesetzte Heldinnenreise

Grüne Welle
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Nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin verfährt sich eine Frau auf dem Rückweg nach Hause. Überraschenderweise sind die Ampeln, sowie sie sie erreicht, auf Grün umgeschaltet, sodass sie weiterfährt. ...

Nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin verfährt sich eine Frau auf dem Rückweg nach Hause. Überraschenderweise sind die Ampeln, sowie sie sie erreicht, auf Grün umgeschaltet, sodass sie weiterfährt. Während ihrer Fahrt fängt sie an zu reflektieren über ihre Situation. und über Erinnerungen, wie sie geworden ist. Wir lernen die Frau in ihren unterschiedlichen Facetten und Emotionen kennen. Ihr Inneres, Gegenwärtiges und Vergangenes und ihr handeln.
Sie ist, jetzt in den 40gern, bildende Künstlerin und mit einem Anwalt, den sie auf einer Vernissage kennenlernte, verheiratet. Nach und nach freundet sie sich damit an, immer weiter von zu Hause wegzufahren, die Ampeln sind ihr gewogen.
Handy geht nicht, das einzige sind ihre Gedanken und später, nachdem sie ein Reh überfährt und mitnimmt, nimmt sie auch zwei junge Frauen mit. Sie denkt auch an ihre Freundin.
Die Freundschaft zur Freundin hatte, obwohl vormals grenzenlos, plötzlich eine Begrenzung. Sie fragt sich auch: „wo endet die Situation, wo wird sie zu einem Zustand, der nach einem Ausweg verlangt.
Die Geschichte findet überwiegend, wie in einem Kammerspiel, im Auto statt.
Keine Person, weder die Freundin, die beiden Frauen noch der Mann haben Namen.
Da die Geschichte in der dritten Person geschrieben ist, bekommt man einen distanzierten Zugang und möchte gern mehr beobachten und hören, was weiter passiert. Die Geschichte im Realen lässt Ungewöhnliches zu. Man hätte vielleicht nicht selbst so gehandelt, aber lernt die Vorgehensweise individuell der Frau verstehen ohne sich zu identifizieren.
Die klugen Reflexionen und Erinnerungen, die Gestalt annehmen, regen die Vorstellung einer Bedeutung an. Es steckt mehr dahinter, hinter dem was die Frau erlebt. Alles in der Geschichte scheint auf besondere Art wichtig zu sein, so wie auch die Musik, die gehört wird. Die Frau merkt einmal an, als sie über ihre Kunst erzählt:. „Die Eingebung komme aus dem Inneren, gleichzeitig komme sie von außen. Innen und außen träfen sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und auf einmal sei alles klar“ und „die Frauen im Golf sahen wie eine sinnvolle Konstellation aus“.
Die innere Auseinandersetzung kombiniert mit der äußeren erzeugt die Spannung und treibt die Geschichte voran. Man fährt mit der Frau mit, die sich später als eine andere wiedererkennt. Die Schreibweise ist sofort zugänglich. Die Heldinnenreise ist raffiniert in Szene gesetzt von der Autorin. Die vertraute Welt wird verlassen und es warten Abenteuer auf die Frau. Auch der Schluss hat mir sehr gut gefallen, denn die Frau kann jetzt an den Ausgangspunkt zurück.
Ein literarisches Schätzchen, tiefgründig und inspirierend!

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Veröffentlicht am 26.02.2026

Unerfülltes Begehren einer Frau im Alter - klug, witzig und sehr unterhaltsam

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Erika reist mit ihrem Mann nach Italien, um ihre Ehe wiederzubeleben. Jan und sie sind 65 Jahre alt und haben einen erwachsenen Sohn.
Die Geschichte ist aus Sicht Erikas geschrieben. Sie liebt und begehrt ...

Erika reist mit ihrem Mann nach Italien, um ihre Ehe wiederzubeleben. Jan und sie sind 65 Jahre alt und haben einen erwachsenen Sohn.
Die Geschichte ist aus Sicht Erikas geschrieben. Sie liebt und begehrt ihren Mann und fragt sich, warum Jan nicht mehr intim mit ihr ist, ob er kein Verlangen hätte.
Sie erinnert sich, dass sie Jan vor 20 Jahren betrogen hatte und ob er nicht darüber hinweggekommen sei. Sie kommt nicht an ihn heran und stellt ihm die provozierende Frage, ob sie sich nicht freistellen wollen, das würde die Möglichkeit des Fremdgehens bedeuten. Als er dem gegenüber nicht abgeneigt ist, ist sie aufgewühlt und fängt an sich Fragen zu stellen, wie es zur jetzigen Situation gekommen ist. Gegenwart und Vergangenheit weiß Erika, machen sie aus. Sie lässt ihr Kennenlernen, die Situation ihrer Mutter (auf keinen Fall eine Degradierung auf eine enttäuschte Frauenrolle) und vor allem ihren damaligen Seitensprung Revue passieren. Dann gesteht Jan ihr, dass er seit geraumer Zeit mit einer Jüngeren zusammen ist. Sie weint, macht ihm Vorwürfe und sie entscheiden, dass sie eine Paartherapie aufsuchen werden. Erika wird mit Gedanken und Gefühlen überflutet, die sie hin und her wendet – unerfüllte Begierde, Eifersucht, Trauer, Zerrissenheit und Wut mit entsprechenden Ausbrüchen. In der Paartherapie erfahren wir auch Jans Äußerungen, die Erika wiederum gedanklich analysiert und versucht zu deuten, was auch witzig ist, denn es kommt, wie es sich entpuppt zu Fehldeutungen.

Die Gedanken sind tiefgründig und klug, erfassen trotz der Betroffenheit von Erika den gesellschaftlichen Überbau auch in ihrem Dasein als Frau, was den Leser in die Distanz katapultiert, (anregend), um dann wie ein Gummiband in die Befindlichkeit und in die Vordergründigkeit zu schnellen. Das erzeugt Spannung und Aufmerksamkeit. Eine breite Palette wird bedient und ich fühlte mich auf diese offene Art ein wichtiges Thema anzugehen aufgehoben und inspiriert; auch durch den Witz sehr gut unterhalten. Mir gefällt dieser Schreibstil, diese Art von Erzählungen; war ich schon beeindruckt von dieser Art zu schreiben von der auch norwegischen Autorin Vigdis Hjorth.

Wencke Mühleisen ist Genderforscherin. Als Performancekünstlerin in direkter eigener Darstellung in den 1980ger Jahren beschäftigte sie sich mit Geschlecht, Körper, Sexualität, Feminismus und Politik.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Sehr gelungen und wertvoll!

Der Comic-Club
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Eine coole Lehrerin zeigt einer Gruppe von interessierten Schülern und Schülerinnen wie man Comics herstellt. Man lernt viel, über die Materialien, die man benutzen kann, dass es unterschiedlichste Herangehensweisen ...

Eine coole Lehrerin zeigt einer Gruppe von interessierten Schülern und Schülerinnen wie man Comics herstellt. Man lernt viel, über die Materialien, die man benutzen kann, dass es unterschiedlichste Herangehensweisen und Ausführungen gibt, dass es sehr viele Möglichkeiten des Erzählens gibt, wie man die Bilder zusammenstellen kann, wie man die Figuren in einem Comic zum Leben bringt oder wie der Betrachter mit einbezogen werden können usw.
Dann gibt es noch die unterschiedlichen Jugendlichen, die mit ihren eigenen Zweifeln, Möglichkeiten und Überwindungen zu kämpfen haben und sich zusammenfinden für diesen Comic-Club.

Dies wird als Comic auf eine gekonnte Weise dargebracht; das Visuelle kombiniert mit den Texten macht viel Freude. Es kommt ganz direkt beim Leser und der Leserin an.
Man möchte regelrecht sofort loslegen ( eigentlich gibt es keine Altersbeschränkung nach oben). Teens, die ungern lesen, werden durch die liebevollen Zeichnungen mit den Texten, neugierig geworden, angeregt. Die Phantasie kann sich entfalten und wird gelenkt durch das Gerüst, das die coole Lehrerin anbietet.
Das führt bei den Mitspielern im Club zu einem neuen Selbstwertgefühl und befreienden -verwirklichung –und vielleicht auch bei denjenigen, die das Buch in Händen halten.

Das Glossar ist abschließend eine wichtige Ergänzung, Gespräche mit dem Zeichner und der Texterin und Erklärungen von Begriffen und Weiterführendes. Diese zusätzlichen wertvollen Anregungen runden das Buch ab, das man vorher schon ins Herz geschlossen hat und beeindrucken. Absolut empfehlenswert und wertvoll!

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Ein komplexer, kluger und beeindruckender Roman

Alma
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Hauptschauplatz des Romans ist das italienische Triest mit dem heute angrenzenden Slowenien in einer Zeitspanne von über 50 Jahren.
Die Erinnerungen werden erzählt von der heute 53 jährigen Alma, die dort ...

Hauptschauplatz des Romans ist das italienische Triest mit dem heute angrenzenden Slowenien in einer Zeitspanne von über 50 Jahren.
Die Erinnerungen werden erzählt von der heute 53 jährigen Alma, die dort aufgewachsen ist. Mit Einfluss von den großbürgerlichen Großeltern, gebildete Germanisten, vornehm und dem lebendigen aber wenig halt gebenden Elternhaus – die italienische Mutter arbeitet in einer Psychiatrischen Anstalt, der unstete slawische Vater, ein „charmanter Herumtreiber“ und oft in dem damaligen Jugoslawien aus politischen Gründen unterwegs.
Alma beschreibt ihre Eindrücke und ihr Leben von Kindheit an. Auch die Beziehung zu ihrem Kindheitsfreund Vili zieht sich über Jahrzehnte hinweg. Vili ist ein Sohn von intellektuellen jugoslawischen Dissidenten unter Tito und wird in ihrer Familie aufgenommen. Alma wird Reporterin, Redakteurin, Kriegsberichterstatterin, Vili setzt sich ins Kriegsgebiet in die serbische Hauptstadt ab und fotografiert.
Alma erbt keine Beständigkeit in ihrem Leben. Nachdem sich die Eltern mit den Großeltern überworfen hatten, (ihr Vater war Kommunist mit Verbindungen zu Marschall Tito), ziehen sie auf den Triester Karst, dem Grenzgebiet zwischen Italien und dem heutigen Slowenien.
Nach dem Tod ihres Vaters vermacht er Alma ein Kästchen mit Erinnerungsstücken. Diese Erinnerungen vervollständigen das Bild, das Alma im Laufe ihres Lebens von ihm hatte und ergänzt ihr eigenes Bild von Herkunft und Verständnis.
Doch wo gehört Alma hin und wo findet Vili seinen inneren Frieden seine Zugehörigkeit. Alma erkennt, dass sie ihrem unsteten Vater sehr ähnlich ist.
Ein ganzes Leben lang dem Spielball politischer und innerer Wirren ausgeliefert, finden Alma und Vii nach Jahrzehnten wieder zusammen. Beide, auf ihre Weise, möchten verstehen, wo sie ihren Platz finden, wo sie Wurzeln schlagen können.„Geografie siegt immer über Geschichte“ sagte sie einst, doch : „sie hatte gemerkt, dass sich ihre widerstreitenden Facetten natürlich ineinanderfügten“

Das Leben an sich ist kompliziert und komplex und Federica Manzon kombiniert in ihrem Roman beeindruckend politische gesellschaftliche Strömungen mit persönlichen Entscheidungen.
Der Roman umspannt die Zeit vom Beginn der jugoslawischen Tito Ära über die Jugoslawienkriege in den 1990ger Jahren und den Zerfall von Jugoslawien 1998/99. Auch die Entlassung von allen Anstaltsinsassen in Triest, bahnbrechend in Italien, wird angeschnitten.
Fotos aus entsprechenden Zeitabschnitten vervollständigen den Roman und geben ihm auch die geschichtliche Authentizität.
Der Roman ist gnadenlos in der Beschreibung von Kriegsszenarien im Jugoslawienkrieg, besticht auch durch beeindruckende Weisheiten und Humor mit klugen Formulierungen.

Ein Buch, das man aufmerksam lesen muss; einiges habe ich, angeregt, recherchiert.
Ein Roman der nachhallt und auch in Erinnerung ruft und deutlich macht anhand der Protagonisten, was es bedeutet aufgrund von Herkunft und Geografie zerrissen zu sein und dennoch den eigenen Weg zu finden. Beeindruckend, klug und schön geschrieben, spannend und sehr aufschlussreich.

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Eine Annäherung an die eigene Herkunftsgeschichte

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Der Roman ist autobiographisch, literarisch.
Der Großvater war Nazi und Mitglied in der Waffen-SS. Nach dem Krieg setzte er sich on der Familie ab und lässt sich später scheiden. Die Erinnerungen der ...

Der Roman ist autobiographisch, literarisch.
Der Großvater war Nazi und Mitglied in der Waffen-SS. Nach dem Krieg setzte er sich on der Familie ab und lässt sich später scheiden. Die Erinnerungen der Enkelin sind nicht vorhanden und die Tochter, weiß wenig mitzuteilen.
Sie, die Enkelin, recherchiert und entdeckt ein Foto, ihr Großvater auf einem SS-Motorrad aufgenommen in Radon, Polen.
Sie macht sich dann auf den Weg zu Archiven, Museen und den Weg nach Polen wo sie sich für einige Zeit eine Wohnung mietet. Radon war vor dem Krieg ein Zentrum jüdischer Kultur gewesen. Dann errichteten die Deutschen dort 1941 ein Ghetto.
In Telefongesprächen mit ihrer Mutter werden ihr auch eigene Kindheitserinnerungen bewusst. Doch kommt sie nicht weiter in der Recherche, es gibt Leerstellen, ihr bleibt das Foto.
Von Krakau aus fährt sie weiter in das sonnige und lebendige Neapel um ihre Schwester zu besuchen. Was weiß die Schwester vom Großvater? Sie ist Archäologin gräbt aus, analysiert, restauriert und legt fremde Dramen frei. Es entsteht ein farbenfroher Kontrast, das Leben Süditaliens zu dem traurigen nördlichen Radon. Was hat man von der Erbmasse bekommen als dritte Generation fragt sie sich. „ Sie wollte bleiben und zugleich an den Anfang zurück“.

Der Dritte Abschnitt des Buches heißt Tidstomme – übersetzt als Zeittäschchen. Es handelt vom Verschwinden und Wiederauftauchen der Eltern ihres Mannes. Es handelt von der Lücke, in der niemand darüber informiert wurde, ein unbekanntes Zeitfenster, eine Leerstelle, die die Angehörigen in höchstem Maße irritiert.

Gibt es nun Zusammenhänge? Judith Hermann will nichts konstruieren sie stellt die Geschehnisse in den Raum, gibt Andeutungen und Anregungen. Eine gewisse Ratlosigkeit bleibt am Ende des Romans, genau die Ratlosigkeit, die sie vielleicht selbst empfunden hat. Die Leerstellen gehören zum Leben und jeder geht in diesem Roman anders damit um, mit zeitweiliger Amnesie, Ausgrabungen von Dramen anderer oder Orientierungslosigkeit. Oder in dem Aufschreiben, was man weiß. Und genau das macht sie und mit ihrem Roman inspiriert sie die Leser, sich zu überlegen, wie man mit Herkunft und Geschichte umgeht. Erinnern oder Vergessen. Sie geht dem Ungesagten, dem Nichtwissen, den Lücken in der Familiengeschichte nach und zieht alles hinzu, das ihr in ihrer Recherche begegnet. „Mein Großvater hält sich in der Zwischenwelt auf.... und ich frage mich durchaus, ob ich ihn erlöse, wenn ich an ihn denke....“

Judith Hermann trifft genau den Punkt, der berührt und obwohl das Buch in der Suche und Recherche bruchstückhaft und unvollendet bleibt, ermüdet es nicht. Ihr Schreibstil ist anregend, sensibel und klug. Ihr autobiographischer Roman hat mir sehr gut gefallen.

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