Die Zeit von Völkerschauen
Das Mädchen und der Totengräber (Die Totengräber-Serie 2)Eine interessante Geschichte mit vielschichtigen Persönlichkeiten und einem tiefen Einblick in das Jahr 1894 in Wien lassen die Seiten nur so dahinfliegen. Ich bin erneut sehr gut unterhalten worden. In ...
Eine interessante Geschichte mit vielschichtigen Persönlichkeiten und einem tiefen Einblick in das Jahr 1894 in Wien lassen die Seiten nur so dahinfliegen. Ich bin erneut sehr gut unterhalten worden. In der Geschichte geht es um einen mysteriösen Leichenfund im Kunsthistorischen Museum in Wien. Die Leiche eines Professors wird mumifiziert aufgefunden. Kurze Zeit später wird ein weiterer Toter entstellt in Wien gefunden. Beide Morde weisen keinerlei Parallelen auf bevor ein weiterer brutaler Todesfall Wien erschüttert. Können Leopold Herzfeld und seine Kollegen von der Polizei in Wien den Fall lösen?
Leopold Herzfeld ist ein sehr charismatischer Hauptdarsteller, welcher wie im ersten Fall durch seine Eleganz und sein Interesse an den modernsten kriminaltechnischen Errungenschaften überzeugt. Ihm zur Seite steht erneut der berühmt berüchtigte Totengräber Augustin Rothmayer. Seine eigenwillige, aber auch sehr herzliche Art machen ihn zu meinem Lieblingscharakter. Er ist der heimliche Star des Romans und ich bin froh, dass er wieder eine wichtige Rolle bei dieser brutalen Mordserie spielen durfte. Als weitere interessante Nebenfiguren können neben Julia Wolf der Lebensgefährtin von Leopold Herzfeldt, Charlotte Rapoldy, die Tochter des ermordeten Professors, Dr. Clemens Rapoldy ihr Ehemann, Dr. Friedrich Carl Knauer, der Direktor des Wiener Tiergartens sowie sein Assistent Carl Rebers genannt werden. Gerade das Ehepaar Rapoldy war aufgrund seines opulenten Auftretens ein interessanter Faktor im Laufe der Geschichte.
Der Aufbau der Erzählung ist stringent und wird nicht durch Zeitsprünge unterbrochen. Der Schreibstil des Autors ist bildhaft, dem damaligen Sprachgebrauch angepasst und dialogorientiert. Was mir sehr gut gefallen hat war die schonungslose Darstellung des Rassismus, welcher in der damaligen Zeit leider alltäglich war. Auch die Darstellung der Völkerschau im Tiergarten hat der Autor sehr gut in die Geschichte eingebaut. Am Ende des Romans nimmt der Autor sehr gut Stellung, weshalb er sich entschieden hat diese Darstellung unverblümt wiederzugeben. Ich zitiere an dieser Stelle: „Ich glaube, wenn wir Geschichten in Romanen (und Filmen) abbilden, dürfen wir nichts ausblenden. Sonst wird irgendeine spätere Generation sagen, es seid doch nicht so schlimm gewesen- weil sie längst vergessen hat, wie schlimm es wirklich war.“ Genau dieses Problem hat der Autor mit diesem Zitat exakt taxiert.
Wir müssen uns der Vergangenheit stellen und dürfen diese nicht beschönigen. Es war leider vollkommen normal um 1894 Menschen anderer Hautfarbe als nicht gleichberechtigt zu behandeln. Diese wurden als Wilde den Tieren gleichgestellt klassifiziert. Leider hat es noch sehr lange gedauert bis dieses Gedankengut aus den meisten Köpfen herausgebrochen werden konnte. Wir müssen alles daransetzen, dass dieses auch bei zukünftigen Generationen so bleibt.
Als Besonderheit in dem Roman ist noch ein Personenverzeichnis zu nennen. Das Fazit ist sehr positiv. Eine spannende Geschichte, facettenreich mit einer interessanten Wendung am Ende hat mir sehr schöne Lesestunden beschert. Eine klare Leseempfehlung für alle Freunde von gut recherchierten und schön erzählten historischen Kriminalromanen