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Veröffentlicht am 29.10.2025

Wahnsinnige mit bürgerlicher Fassade

Echtzeitalter
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Till ist ein durchschnittlicher Schüler am Marianum in Wien. In seiner knappen Freizeit ist er außerdem erfolgreicher Gamer. Wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht und doch ganz gut. Während er und ...

Till ist ein durchschnittlicher Schüler am Marianum in Wien. In seiner knappen Freizeit ist er außerdem erfolgreicher Gamer. Wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht und doch ganz gut. Während er und seine Mitschüler:innen sich vom strengen Klassenvorstand Herrn Professor Dolinar drangsalieren lassen müssen, wartet zuhause sein Spiel auf ihn, das er in Echtzeit mit anderen Gamern auf der ganzen Welt spielt.

Ich habe einen Großteil des Buches gehört, das unglaublich charmant von Johannes Nussbaum gelesen wird, der es versteht, die Schüler und vor allem den schrecklichen Dolinar mit seiner Stimme lebendig werden zu lassen. Da viel österreichischer Slang vorkommt und andererseits auch die Wiener Elite spricht (und kritisiert wird), passt es einfach wahnsinnig gut, dass die Geschichte in österreichischem Deutsch bzw. österreichischer Hochsprache gesprochen wird. Die feinen Unterschiede würden beim Selbstlesen nicht so hervortreten. Gerade die nahezu absurden, oftmals hektischen Situationen in der Schule sind dadurch noch humorvoller.

Mir hat es riesigen Spaß gemacht, das nicht immer einfache Erwachsenwerden von Till in seiner wechselvollen Umgebung, zwischen Rauchereck und Informatikkammerl, für einige Jahre (bis zum Schulabschluss) zu begleiten. Die Szenen, in denen das Gaming und vor allem das von Till so geliebte Spiel "Age of Empires 2" erläutert werden, halten sich erfreulicherweise in Grenzen. Und wer es bisher versäumt hat, Stifters Brigitte - äh - Brigitta zu lesen, wird es nach Echtzeitalter nachholen wollen und sich anschaffen, aber natürlich nur als Reclamheft.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Der.letzte Roman

Baumgartner
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Sy Baumgartner ist jenseits der 70, emeritierter Professor aus Princeton und schon etwas vergesslich. Vor zehn Jahren hat er seine geliebte Frau Anna verloren und diesen Schlag bis heute nicht verwunden. ...

Sy Baumgartner ist jenseits der 70, emeritierter Professor aus Princeton und schon etwas vergesslich. Vor zehn Jahren hat er seine geliebte Frau Anna verloren und diesen Schlag bis heute nicht verwunden. Während er durch sein Leben "stolpert" und ein philosophisches Buch schreibt, denkt Sy an verschiedene Stationen seiner Biografie zurück und natürlich an seine Frau. Als er endlich bereit ist, mit der Vergangenheit abzuschließen, um sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, scheint ein neues Glück möglich.

Deutlich ist die Figur Baumgartner ein Alter Ego des Autors Auster, der zum Zeitpunkt der Romanentstehung bereits erkrankt war. Obwohl der Roman einen roten Faden hat, wir begleiten Baumgartner etwa zwei Jahre seines Lebens, setzt er sich aus vielen Versatzstücken zusammen. Gegenwärtigen Ereignissen, Rückerinnerungen, eingeschobenen Texten der verstorbenen Anna und Texten von Baumgartner selbst. Manche Situationen werden bestechend ausführlich geschildert, so zum Beispiel der Beginn des Romans, andere werden durch den Autor Auster für die Leser:innen zusammengefasst: "Weil all dies in den folgenden neun Monaten tatsächlich so eintrifft [...] können wir uns eine detaillierte Schilderung dieser Monate sparen." (S. 107)

Ein leises Buch, das ohne eine wirkliche Spannungskurve auskommt, zum Ende hin jedoch durch die Einführung einer neuen Figur stärker vorangetrieben wird.

Der Roman hat mir eine melancholische Gr

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Die Geschichten hinter den Verbrechen

Verbrechen
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Elf mal schauen wir hinter die Schlagzeile und lernen die Schicksale hinter den Verbrechen und Verbrechern kennen. Elf mal werden wir überrascht. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Bei ...

Elf mal schauen wir hinter die Schlagzeile und lernen die Schicksale hinter den Verbrechen und Verbrechern kennen. Elf mal werden wir überrascht. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Bei "Verbrechen" aus dem Jahr 2009 möchte man fast schon von einem True-Crime-Klassiker sprechen. Der Anwalt Ferdinand von Schirach berichtet sehr lesenswert von Kriminalfällen, die auf wahren Ereignissen beruhen, von Fällen, die er selbst erlebt hat. Unser Rechtsempfinden wird auf die Probe gestellt, denn hier ist Mord nicht gleich Mord, wenn man erst die Hintergründe kennt. Verbrechen, die zum Nachdenken anregen und deutlich machen, dass Schuld unterschiedlich gewertet werden kann.

Die 200 Seiten des Buches hatte ich in kürzester Zeit durchgelesen; der eher nüchterne Schreibstil fesselt ungemein. Eine Leseempfehlung nicht nur True-Crime-Fans. Mit "Verbrechen" läutete von Schirach seine überaus erfolgreiche Karriere als Autor ein.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Die Frau in Rot

Der ewige Tanz
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Anita Berber liegt mit Tuberkulose im Bethanien Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg und läßt ihr kurzes, aber intensives Leben Revue passieren: Mit 18 Jahren erobert Anita durch ihre extravaganten Tanzauftritte ...

Anita Berber liegt mit Tuberkulose im Bethanien Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg und läßt ihr kurzes, aber intensives Leben Revue passieren: Mit 18 Jahren erobert Anita durch ihre extravaganten Tanzauftritte 1917 das Berliner Nachtleben, schnell wird sie zum Star mit ihrem Ausdruckstanz, den sie nackt oder in auffälligen Kostümen aufführt. Sie stürzt sich ohne Kompromisse ins Lebens, trinkt Unmengen Alkohol und nimmt Drogen. Sie wirkt außerdem in wenigen Jahren in über 25 Filmen mit und geht auch im Ausland auf Tournee.

Ich kannte ihren Namen bisher nicht, aber ein Bild, das 1925 von ihr gemalt wurde, kenne ich sehr wohl. Dazu heißt es im Roman: "Es wird kein schönes Bild von dir sein. Aber es wird sehr berühmt werden, dieses Gemälde, weil", er kniff verkrampft die Augen zusammen, "weil ... das weiß ich nicht genau. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Dieses Bild ist das einzige Zeugnis, mit dem du der Nachwelt in Erinnerungen bleiben wirst: als hässliche, alte Frau." (S. 207) So alt, wie Anita Berber auf dem Gemälde aussieht, ist sie nie geworden. Sie starb bereits mit 29 Jahren und vielen ist sie nur als die rote Frau auf dem tatsächlich sehr berühmten Bild von Otto Dix bekannt.

Ich habe den Roman über das Leben der "Skandal-Tänzerin" gerne gelesen, der in die turbulente Welt Berlins in den 1920er Jahren entführt und Anita Berber ins Bühnenlicht zurückholt.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eine Americanah

Americanah
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Ich habe mir so viele Markierungen in den Roman geklebt, dass ich unmöglich alles, was ich als wichtig empfunden habe, hier einbringen kann.

Ifemelu kommt aus Nigeria, sie hat dort studiert und hat es ...

Ich habe mir so viele Markierungen in den Roman geklebt, dass ich unmöglich alles, was ich als wichtig empfunden habe, hier einbringen kann.

Ifemelu kommt aus Nigeria, sie hat dort studiert und hat es geschafft, in den USA Fuß zu fassen. Sie hat ein Stipendium erhalten und betreibt einen erfolgreichen Blog, auf dem sie sich u.a. mit dem Thema Rassismus beschäftigt. Als der Roman einsetzt, ist sie beim Friseur und steht kurz vor der Rückkehr nach Nigeria. Während in dem stickigen kleinen Laden ihre Haare gemacht werden, wird in Rückblenden ihr Leben und das ihres nach Großbritannien gegangenen Freundes Obinze abwechselnd aus personaler Sicht erzählt.

Der Roman greift unheimlich viele Themen auf. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme in Nigeria, die gerade die gut ausgebildeten jungen Menschen ins Ausland treiben. Die Schwierigkeiten als (illegaler) Einwanderer. Der Rassismus, den Ifemelu mit ihren Freunden und Lebensgefährten unterschiedlicher Hautfarbe und auf ihrem Blog thematisiert. Der Verlust der Heimat und die Rückkehr als jemand anderer, der das Land einst verlassenen hatte. Daher auch der Titel: "Americanah", das ist Ifemelu. Eine Frau, die die Heimat nun mit amerikanischen Augen sieht und sich amerikanische Eigenheiten angewöhnt hat. Die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten der USA beherrscht ein Kapitel und bespricht bemerkenswerte Aspekte.

Die eher gegenläufigen Geschichten des einstigen Liebespaares Obinze und Ifemelu enden beide wieder in Nigeria.

Ich habe besonders die Darstellung der Zusammenhänge und Hintergründe des Rassismus in den USA, den Ifemelu in vielen Facetten beschreibt, als unheimlich lehrreich empfunden. Der Unterschied, der zwischen amerikanischen Afrikanern und Afroamerikanern gemacht wird und wie sich auch diese von einander abgrenzen. Ifemelu macht Rassismuserfahrungen, die sie aus ihrem Heimatland nicht kennt. "Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam." (S. 367) Dass der Friseurbesuch einen großen Teil der Geschichte einrahmt, ist kein Zufall.

Insgesamt ein wichtiger und lohnender Roman, der mit 600 Seiten aber seine Zeit braucht.

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