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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.11.2025

Alles nur Theater

Miss Winters Hang zum Risiko
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Als junge Schauspielerin hat man es schwer in den Kriegsjahren am Broadway eine Rolle zu ergattern. Das muss auch Rosie Winter feststellen. Leider ist ihr Zimmer in einer günstigen Schauspielerinnenunterkunft ...

Als junge Schauspielerin hat man es schwer in den Kriegsjahren am Broadway eine Rolle zu ergattern. Das muss auch Rosie Winter feststellen. Leider ist ihr Zimmer in einer günstigen Schauspielerinnenunterkunft an ein Engagement gebunden und so ist Rosie mehr als verzweifelt auf der Suche nach einer Rolle. Um sich über Wasser zu halten, arbeitet sie in einem Detektivbüro, dessen Betreiber Jim aber schon auf Seite 16 an einem Telefonkabel im Schrank hängt. An einen Selbstmord (mit gefesselten Händen?) mag Rosie nicht so recht glauben und schon taucht im Detektivbüro ein merkwürdiger Mann auf, der nach etwas sucht, was er nicht näher beschreiben kann, dem Jim aber auf der Spur war. Rosies Neugier ist geweckt.

Nun, das Ambiente des Broadways, das Treiben im Wohnheim, die Suche nach Rollen, die Konkurrenz und die Theaterproben haben alle ihren Reiz, aber mich konnte der Roman insgesamt leider nicht überzeugen. Es gibt viele Anspielungen und Verweise auf das Showbusiness und (sehr schön gemacht) Kapitelüberschriften die an Filme und Theaterstücke angelehnt sind, aber das reicht nicht. Rosies Charakter einer witzigen, vorlauten und unerschrockenen jungen Frau, war mir häufig, nein eigentlich durchgängig, zu gewollt. Sie agiert als Ich-Erzählerin, die ständig unterwegs ist und versucht, alle Fäden in der Hand zu halten, das konnte sie aber nicht für mich einnehmen. Alle anderen Figuren blieben blass. Die Auflösung des "Falles" ist zwar mal was ganz anderes, aber deswegen nicht unbedingt besser und wirkte auf mich arg konstruiert. Die kurzen Kapitel von durchschnittlich 14 Seiten und die verschiedenen Schauplätze machen die Spurensuchen von Rosies erstem Fall einigermaßen zügig, aber nicht spannend. Ich merke immer, dass mich ein Roman nicht packen konnte, wenn mir bereits nach kurzer Zeit zum Inhalt nicht mehr so viel einfallen will. Wäre es nicht ein Geschenk gewesen, hätte ich das Buch wohl nicht zu Ende gelesen.

Wer gerne Cosy-Crime liest, dürfte mit diesem Roman ganz zufrieden sein, der sowohl die Kriegsstimmung als auch dessen Verdrängung durch die Glitzerwelt der Broadwayshows in New York ganz gut einfängt.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Jahresringe

Das Flüstern der Bäume
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Viele Wälder sind abgeholzt, die restlichen Bäume sterben, die Luft ist voller Staub und der Kampf um die letzten Ressourcen und ungiftigen Lebensraum hat begonnen. Eine der letzten Oasen ist die Insel ...

Viele Wälder sind abgeholzt, die restlichen Bäume sterben, die Luft ist voller Staub und der Kampf um die letzten Ressourcen und ungiftigen Lebensraum hat begonnen. Eine der letzten Oasen ist die Insel Greenwood vor Vancouver. In diesem Urwald arbeitet Jake als Touristenführerin. Mit ihr beginnt für uns im Jahr 2038 die Geschichte einer Familie, die eng mit den Wäldern verbunden ist. Immer weiter geht es in der Familiengeschichte zurück, bis wir zu ihren Wurzeln kommen, die sich 1908 in die nordwestliche Erde von Kanada gruben.

Was für ein faszinierender Roman. Das Buch ist in erster Linie ein Generationenroman, der die wechselvolle, tragische und außergewöhnliche Geschichte einer Familie erzählt und zwischendurch immer wieder Haken schlägt, die wirklich überraschend sind. Voller Naturmetaphern begleiten wir die einzelnen Familienmitglieder durch ihre Leben, die auch die amerikanische Geschichte widerspiegeln. Wie die Schichten eines Baumstammes jedes Jahr einen Baum wachsen lassen, eine Schicht über der anderen, so sind auch wir gewachsen. Nichts bleibt ohne Folgen. Böse und gute Menschen, richtige und falsche Entscheidungen ziehen sich durch diesen spannenden Text, der uns nach der Lektüre die Bäume und Wälder mit anderen Augen sehen läßt.

"In einem Wald gibt es keine Einzelwesen.Tatsächlich verhält er sich eher wie eine Familie." (S. 512)

Ich habe ein bisschen gebraucht, um in den Text reinzukommen, aber dann konnte ich das Buch praktisch nicht mehr aus der Hand legen. Wie sich nach und nach alles in der Handlung zusammenfügt, um dann doch immer wieder eine andere Richtung einzuschlagen, entwickelt einen erstaunlichen Sog.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Zweiter Fall für Flynn

Gegen alle Regeln
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Eddie Flynn gerät erneut in einen komplizierten Fall, den er unter Zeitdruck zu bewältigen hat. Wieder betrifft es ihn auf einer persönlichen Ebene, denn sollte er den Fall nicht im Sinne des FBI abwickeln, ...

Eddie Flynn gerät erneut in einen komplizierten Fall, den er unter Zeitdruck zu bewältigen hat. Wieder betrifft es ihn auf einer persönlichen Ebene, denn sollte er den Fall nicht im Sinne des FBI abwickeln, droht seine Frau ins Gefängnis zu wandern. Allerdings wird Eddie schnell klar, dass sein Mandant offenbar gar nicht so überzeugend schuldig ist, wie es die Beweislage zunächst aussehen läßt. Was tun? Einen Unschuldigen ins Gefängnis schicken oder die eigene Frau?

Trickbetrüger und Anwalt Eddie Flynn zieht erneut alle Register seines Könnens aus beiden Berufssparten und kann sich auf die Hilfe seiner zahlreichen Freunde und Bekannten aus den unterschiedlichsten Milieus in New York City verlassen. Der Fall schlägt Haken und überrascht an vielen Stellen, einiges ist jedoch auch vorhersehbar. Der Roman beginnt mit einer Schießerei und springt dann 48 Stunden zurück, um zu zeigen, wie es zu dem Zwischenfall gekommen ist. Eine nicht neue, aber doch spannende Eröffnungsvariante.

Mir gefällt, dass die Handlung aus der Sicht von Eddie erzählt wird und es einem oft so vorkommt, als erkläre er den Leser*innen, was vor sich geht, wie das Rechtssystem funktioniert, was wir als nächstes zu erwarten haben. Wir sind also Teil des Teams, wenn auch nur als stille Beobachter. Neben dem ersten und dem vierten Teil, die ich beide schon gelesen habe, empfand ich diesen Teil als nicht ganz so aufregend. Dennoch mag ich die Reihe sehr und kann sie allen, die Gefallen an Gerichtsthrillern und wendungsreichen Handlungen haben auf jeden Fall empfehlen.

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Veröffentlicht am 12.11.2025

Zertrümmerung

Von Norden rollt ein Donner
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Schon der Titel zeigt, in welche Richtung es geht: Das Heimatidyll der farbenprächtigen und beschaulich anmutenden Lüneburger Heide wird in diesem Roman zertrümmert und das gleich auf mehreren Ebenen. ...

Schon der Titel zeigt, in welche Richtung es geht: Das Heimatidyll der farbenprächtigen und beschaulich anmutenden Lüneburger Heide wird in diesem Roman zertrümmert und das gleich auf mehreren Ebenen. Jannes ist 19 Jahre alt und er ist Schäfer. Während seine Freunde studieren oder weggezogen sind - ebenso wie die Schwester - treibt er jeden Tag die Schnucken auf die Heideflächen und hält Ausschau. Seine Augen muss er überall haben, am Waldrand lauert vielleicht der Wolf und eine unheimliche Frau scheint ihn zu verfolgen. Zuhause muss er gemeinsam mit der Mutter sehen, dass der angeschlagene Betrieb läuft, denn sein Vater vergisst immer mehr und sein Großvater läuft mit dem Gewähr durch die Gegend. Der NDR will eine Reportage drehen und die Touristen fallen ein.

Viele Themen hat der Autor hier zusammengebracht, die mit dem Landstrich und der Familie verbunden sind. Vergangenheit und Gegenwart treffen aufeinander und man fragt sich, wie wird die Zukunft aussehen.

In einer kargen Sprache, die eher Sprachlosigkeit spiegelt, führt uns Thielemann durch die Geschichte. Geht es jedoch um die Landschaft und die Tiere findet er fast zärtliche Worte. Dennoch zieht sich - dem Titel entsprechend - eine gedämpfte, bedrohliche Atmosphäre durch den Text. Das Warten auf den Wolf wird durch das Krachen der Panzermuniton untermalt, alle 15 Minuten donnert es über der Heide.

Ein vielschichtiges Buch, das ein feines Netz aus Verweisen und Verkettungen auswirft, in dem alles Inhaltliche eingefangen wird. Sehr beeindruckend.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Heute Nichtraucher (Bis 15 Uhr)

Glitterschnitter
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Neue Vahr Süd habe ich vor ewigen Zeiten gelesen und fand es irre witzig. Protagonist Frank Lehmann ist nach seinem Bundeswehrdienst in West-Berlin eingefallen und arbeitet im Café Einfall. Tja, die Handlung ...

Neue Vahr Süd habe ich vor ewigen Zeiten gelesen und fand es irre witzig. Protagonist Frank Lehmann ist nach seinem Bundeswehrdienst in West-Berlin eingefallen und arbeitet im Café Einfall. Tja, die Handlung des 500-Seiten-Krachers zu beschreiben ist schwierig. Es geht um die Teilnahme der Band Glitterschnitter an der Wall City Noise - mit oder ohne Bohrmaschine -, um Konzeptkünstler H.R. Ledigt, der ein Gemälde für die Wall City Ausstellung malen soll, was er ablehnt und lieber eine IKEA Musterwohnung samt Servietten kauft, um Helgas Schwangerschaftsgruppe, wegen der das Café Einfall bis 15.00 Uhr zum Nichtraucherort wird, um die Punks vom Hinterhof und vor allem um die Frage, wie aus dem Café Einfall ein ordentliches Wiener Kaffeehaus wird. Und das bitte nicht mittels wasserverlängerter Kondensmilch im Milchaufschäumer. Während Frank Lehmann zum Barista mutiert, nimmt das 80er-Jahre-Chaos in Kreuzberg seinen Gang.

Ein unglaubliches Gelaber bahnt sich hier den Weg und es ist zum Kopfschütteln, Staunen und einfach nur witzig. Die Figuren sind schlicht klasse und man möchte nur eins: Sofort mit dabei sein!

Einen Großteil habe ich als Hörbuch gehört, einfach famos gelesen vom Autor selbst, der mit gehetzter, rauchiger Stimme und norddeutscher Charmeoffensive durch den Text mäht. Ich habe so gelacht!

Wer schon im Lehmann-Universum zu Hause ist oder den besonderen Schreibstil von Regener mag, wird diesen Roman lieben. Obacht: Die chronologische Reihenfolge der bisher sechs Romane entspricht nicht dem Veröffentlichungszeitpunkt.

"Ihr scheiß Popper!" (S.277) Gröhl! Eine Jugendkulturrichtung, die der heutigen Jugend nichts mehr sagt.

"Wieso ist die bei IKEA?", fragte Erwin. "Da kann man Möbel kaufen", sagte Frank, "ich war da mal, das ist bei uns in Stuhr!" (S. 28) Genau, Bremen-Stuhr, kenn' ich, war ich auch schon Teelichter kaufen.

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