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Veröffentlicht am 18.04.2026

Unsichtbare Tinte

Ein Geist in der Kehle
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Der Klappentext dieses in Irland sehr erfolgreichen und mit dem "An Post Irish Book of The Year Prize" ausgezeichneten Romans hat mich sehr angesprochen. Die Ich-Erzählerin spürt einer Dichterin aus dem ...

Der Klappentext dieses in Irland sehr erfolgreichen und mit dem "An Post Irish Book of The Year Prize" ausgezeichneten Romans hat mich sehr angesprochen. Die Ich-Erzählerin spürt einer Dichterin aus dem 18. Jahrhundert nach, die mit dem Klagelied über ihren toten Mann quasi ein irischen Nationalheiligtum geschaffen hat. Das Klagelied "Caoineadh Airt Uí Laoghaire" ist Pflichtlektüre in den Schulen. Über die Dichterin ist jedoch kaum etwas bekannt, nicht einmal ihre genauen Lebensdaten oder ihre Grabstelle.

Ich hatte mir eine spannende, zumindest aber interessante Spurensuche erhofft, in der sich die zwei Leben miteinander verweben und am Ende eine Art von Erkenntnisgewinn bleibt. Leider war es für mich nicht so. Die Autorin schildert sehr detailreich das Dasein als Mutter von vier kleinen Kindern, das ihr Alter Ego völlig erschöpft und auslaugt. Ihre "Stillgeschichte" nimmt sehr viel Raum ein und ihr Wunsch nach weiteren Babys war mir unverständlich. Das Klagelied und dessen Dichterin Eibhlīn Dubh werden für die Ich-Erzählerin zur Obsession und sie versucht mehr über diese Frau zu erfahren. Nächtelang forscht sie online oder sucht in ihrer raren Freizeit Archive auf. Ihre Ergebnisse sind jedoch nur wenige enttäuschende Fragmente. Dies ist der für mich einnehmendste Aspekt des Romans, das Verschwinden nicht nur dieser Dichterin, sondern das generelle Versinken von Frauen in der Historie oder der Literatur. "Wie umstandslos der akademische Blick sie in einen männlichen Schatten stellt, als könne sie nur als Trabant des Lebens von Männern von Interesse sein." (S. 86) Eingebettet in die ausufernden Alltagsbeschreibungen kam mir dieser Aspekt zu kurz.

Der Text enthält viele schöne Stellen, zumal die Autorin eine bekannte Lyrikerin ist und dieses Genre reichlich in den Roman eingeflossen ist. Der Genre-Mix konnte mich aber nicht überzeugen. Möglicherweise liegt dies auch an dem fehlenden Bezug zur bzw. Hintergrundwissen über irische/gälische Sprache und Literatur. Ohne Zweifel spielt dies im Originaltext und in der Rezeption des Romans eine wichtige Rolle.

Dass die Autorin der historischen Dichterin eine ausgewiesen "weibliche" Stimme verleihen möchte, muss ohne Frage gewürdigt werden.

"Ich beschließe, mich noch mal diesen Texten zuzuwenden und einen Akt der vorsätzlichen Auslöschung zu begehen, indem ich jedes Dokument und jeden Brief so zusammenstreiche, dass nur noch das Leben von Frauen übrig bleibt. Durch diese schräge Form von Lektüre widme ich mich der Aufgabe, weibliche Leben aus männlichen Texten hervorzulocken. Ein solches Experiment der Umkehrung wird, so hoffe ich, das verborgene Leben der Frauen zum Vorschein bringen, das immer da ist, kodiert, geschrieben mit unsichtbarer Tinte." (S. 93)

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Veröffentlicht am 29.03.2026

Nacht, Apotheke, Laterne, Straße

Die Netzflickerin
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Roemer Simon Minderhout ist ein schlauer Junge und möchte eigentlich nur Philosophie in Leiden studieren. Sein Onkel hat aber andere Pläne und so wird Simon Apotheker mit einer Examensarbeit in Philosophie ...

Roemer Simon Minderhout ist ein schlauer Junge und möchte eigentlich nur Philosophie in Leiden studieren. Sein Onkel hat aber andere Pläne und so wird Simon Apotheker mit einer Examensarbeit in Philosophie und übernimmt das Geschäft seines Onkels in Maassluis. Er ist ein bisschen eigenbrötlerisch und bleibt eher für sich. Als er von Hillegonda, einer Netzflickerin, in seiner Funktion als Apotheker um Hilfe gebeten wird, ist ihm klar, dass er damit womöglich den Widerstand gegen die deutsche Besatzung unterstützt.

In drei Abschnitten beschreibt der Autor das Leben von Roemer Simon. Der unbeschwerten Kindheit - was man so unbeschwert nennt -, folgt die Zeitspanne als Apotheker während der Besatzung und die Begegnungen mit Hillegonda. Im letzten Abschnitt vermischen sich die beiden ersten Teile zu einem brisanten Konglomerat, das man so keinesfalls erwartet hat. Das Leben des alten Apothekers, der mittlerweile schon im Ruhestand ist, wird auf den Kopf gestellt und er muss schließlich bei einem Freund untertauchen.

Ich habe jeden Abschnitt mit Begeisterung gelesen und wie verblüffend kleinste Elemente der ersten beiden Teile im letzten eingefügt und (wieder-)verwendet werden, hat mich wirklich überrascht. Die Lebensgeschichte eines niederländischen Mannes, der diese selbst mit nur vier Worten erschreckend eindeutig beschrieben findet: "'Nacht, Apotheke, Laterne, Straße.' Als sei sein ganzes Leben mühelos darin zusammengefaßt." (S. 412)

Sprachlich ist es ein bisschen "bunt"; es geht häufig um Themen der Philosophie und Religion (da gab es zwei Stellen, die mir etwas langatmig erschienen). Für mich spiegelt sich das ein bisschen in der Sprache wider, etwas distanziert und verschlungen, wenn (auch vertraute) Personen mit einander sprechen. Musik spielt ebenfalls eine Rolle, besonders im letzten Abschnitt. Die Handlung liest sich einerseits unterhaltsam und leicht, andererseits gilt es immer wieder "theoretische" Überlegungen, Einsprengsel einzuordnen bzw. zu bearbeiten. Insgesamt eine Lektüre, die mich gefesselt hat. Eine vermeintlich mehr oder weniger gewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte, die im zweiten Teil, vor dem Hintergrund der deutschen Besatzung, eine nicht zu ahnende Entwicklung in Gang bringt.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Die Familiengeschichte der Borowskis wird weitergeschrieben

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" hat mich wahnsinnig gut unterhalten, daher war ich auf den zweiten Teil sehr gespannt. Wir lernen nun mehr über das Leben von Dr. Evelyn Borowski ...

"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" hat mich wahnsinnig gut unterhalten, daher war ich auf den zweiten Teil sehr gespannt. Wir lernen nun mehr über das Leben von Dr. Evelyn Borowski und ihrer Tochter Silvia, die kein gutes Verhältnis zu einander haben. Auf zwei Zeitebenen wird einerseits Evelyns Weg zur Ärztin, Gattin und Mutter in der Nachkriegszeit beschrieben, andererseits die Rückkehr Silvias aus Berlin in die schwäbische Provinz 1989. Mit dabei ist ihr Baby Hannah, dem wir im ersten Teil als erwachsene Frau bei der Recherchearbeit zu Evelyns Erbschaft über die Schulter schauen durften.

Erst war ich enttäuscht, dass Hannah keine der Hauptrollen spielt, aber dann hat mich die Geschichte genau so gepackt, wie der erste Teil. Ganz wunderbar läßt die Autorin die Figuren in ihrer jeweiligen Zeit lebendig werden. Glaubwürdig hadern sie mit ihren Lebensumständen, treffen richtige und fatale falsche Entscheidungen und entfremden sich. Als am Schluss Silvia wieder nach Berlin fährt, sind nicht nur die Grenzen offen.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, der sich lückenlos in die Geschehnisse des ersten Bandes einfügt. Alena Schröder schreibt so lebendig, als schaue man einen Film an. Ein Buch zum Abtauchen. Große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Die "verfluchte Hütte" in der schwäbischen Provinz

Das Tränenhaus. Roman
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Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe ...

Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe hat Reclam erneut einen Roman von Gabriele Reuter neu aufgelegt. Nachdem mir "Aus guter Familie" sehr gut gefallen hatte, war ich auf dieses Buch sehr gespannt.

Wiederum steht das Schicksal einer Frau in der Wilhelminischen Zeit im Mittelpunkt. Cornelie will ihr Kind zur Welt bringen, ohne den Vater. Als unverheiratete Frau bleibt ihr nur die Verschwiegenheit eines "Geburtshauses", das sich auf solche Niederkünfte spezialisiert hat. Cornelie zieht sich in die schwäbische Provinz zurück und kommt in der "Villa" der Hebamme Uffenbacher unter. Von einer "Villa" könnte dieses Haus jedoch nicht weiter entfernt sein. Zunächst bleibt die Schriftstellerin für sich, läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen und meidet den Kontakt zu den anderen schwangeren Frauen. Jede Bewohnerin hat ihr eigenes Drama, ihre eigene Tragödie erlebt oder wird sie noch erleben, nicht umsonst wird die "Villa" Uffenbacher das Tränenhaus genannt. Die bunte Mischung der Bewohnerinnen und ihre jeweiligen Schicksale und ihre (zumindest bei einigen) Verzweiflung sorgen dafür, dass Cornelie sich ihnen verbunden fühlt und Partei für sie ergreift. Aufgrund ihrer Herkunft hat die Schriftstellerin ein anderes Auftreten und einen anderen Stand gegenüber der Anstaltsleiterin.

Obwohl die Geschichten der einzelnen Frauen und wie sie in ihre aktuelle Lage geraten sind, wütend machen, hat der Roman viele humorvolle Stellen. Das liegt besonders an der Figur der Frau Uffenbacher, die so unfassbar unsympathisch, berechnend, grobschlächtig und kriecherisch daherkommt und das alles noch im feinsten schwäbischen Dialekt. Trotz der etwas altmodischen Sprache liest sich der Roman nach kurzer Zeit ganz frisch, er unterhält und liefert ein Bild von der Unterdrückung der Frau in der damaligen Zeit. Er zeigt aber auch die Aufbruchsstimmung, die sich in der Figur der Cornelie findet. Gabriele Reuter wusste, wovon sie schrieb, denn in weiten Teilen ist es ihr eigenes Leben, dem wir auf 181 Seiten folgen. Die unverheiratete Reuter brachte ihre Tochter in einem Geburtshaus zur Welt, den Kindsvater nannte sie nicht. Statt die Tochter diskret bei einer Pflegemutter unterzubringen, lebte sie mit ihr zusammen.

Das Nachwort von Annette Seemann informiert über die Entstehungsgeschichte des Romans und die Autorin.

Ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und der es absolut verdient hat, durch die Klassikerinnen-Reihe von vielen neu entdeckt zu werden.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

9. Teil der schwedischen Krimireihe

Schatten über dem Wald
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Auch wenn auf dem Cover mit dem Ermittlerduo Olivia Rönning und Tom Stilton geworben wird, ist dieser 9. Teil der Reihe doch ein Alleingang der Polizistin aus Stockholm. Sie wird zur Unterstützung der ...

Auch wenn auf dem Cover mit dem Ermittlerduo Olivia Rönning und Tom Stilton geworben wird, ist dieser 9. Teil der Reihe doch ein Alleingang der Polizistin aus Stockholm. Sie wird zur Unterstützung der örtlichen Polizei nach Slagtjärn beordert, dort sind die Ermittler überfordert und dankbar für den frischen Blick auf die Leiche im Ameisenhaufen. Rönning trifft nicht nur auf einen ungewöhnlichen Fall, sondern auch auf eine ungewöhnliche Dorfgemeinschaft, die von skurrilen Gestalten bevölkert ist.

Die früheren Teile der schwedischen Reihe haben mich mehr begeistert. Hier werden ziemlich viele Zutaten in einen Topf geworfen: geheimnisvoller Kult, verschwundene Menschen, Leichen ohne Köpfe, blinder Hellseher, unheimlicher Waldmensch, Tierquälerei, Prepper, Neonazis; um nur ein paar zu nennen. Das alles ist aber kein Garant für Spannung, die eine Geschichte über 450 Seiten trägt. Dass Mette Olsäter und Stilton auf den letzten Seiten in das Geschehen eingreifen, verstärkt nur den Eindruck von Konstruiertheit und Künstlichkeit.

Auch sprachlich finde ich den Roman schwächer als die Vorgänger. Das mag für viele Jammern auf hohem Niveau sein, aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine zu Beginn sehr erfolgreiche Serie totläuft. Für Fans ist auch der 9. Teil ein Muss. Es bleibt die Hoffnung, dass Teil zehn vielleicht wieder an Fahrt gewinnt.


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