Profilbild von ErleseneSeiten

ErleseneSeiten

aktives Lesejury-Mitglied
offline

ErleseneSeiten ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit ErleseneSeiten über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.07.2020

Mord im Wunderland

Der Fall Alice im Wunderland
0

Zum zweiten Mal geraten Professor Arthur Seldom und der argentinische Doktorand, von dem wir immerhin den Anfangsbuchstaben ‚G‘ erfahren, in einen verzwickten Fall.

Die Handlung des Romans spielt im Sommer ...

Zum zweiten Mal geraten Professor Arthur Seldom und der argentinische Doktorand, von dem wir immerhin den Anfangsbuchstaben ‚G‘ erfahren, in einen verzwickten Fall.

Die Handlung des Romans spielt im Sommer 1994 in Oxford. Kristen Hill, die ebenfalls eine Doktorandin Seldoms war, ehe sie zu einem Forschungsstipendium kam und sich nun mit den Tagebüchern von Lewis Carroll auseinandersetzt, hat einen sensationellen Fund gemacht. Einige Tagebuchseiten wurden einst von Carrolls Familienangehörigen vernichtet, doch Kristen findet eine Notiz, die den Inhalt besagter Seiten zusammenfasst. Welches brisante Geheimnis vermag diese Notiz zu enthüllen? Was verrät sie über den Schöpfer von „Alice im Wunderland“, das seine Verwandten verschweigen wollten? Die Lewis-Carroll-Bruderschaft gerät aus dem Häuschen. Doch bei der Versammlung, auf der die Nachricht enthüllt werden soll, kommt Kristen niemals an.

In diesem zweiten Kriminalfall rund um Professor Seldom, der gut 16 Jahre nach „Die Oxford-Morde“ publiziert wurde, zeigt sich ein deutlicher Reifegrad von Guillermo Martínez. Die Längen aus Band 1, in denen mathematische Theoreme erläutert wurden, sind zugunsten einer spannenden Handlung gekürzt. Den Leser erwartet ein kniffliger Krimi mit einer Reihe von Morden, die dem weltbekannten Kinderbuch entlehnt sind. Die immer wieder herausgezögerte Enthüllung des Tagebuchinhalts hat mich fast in den Wahnsinn getrieben.

Natürlich kenne ich „Alice im Wunderland“, doch über Lewis Carroll wusste ich bislang nichts. Nicht, dass er eigentlich Charles Dodgson hieß. Dass er ebenfalls Mathematiker war. Und auch nichts über seine – nun ja, heute würde man sagen skandalösen – Fotografien. Mit umso größerem Staunen habe ich die Forschungsergebnisse verfolgt, die im Buch durch die Vertreter der Lewis-Carroll-Bruderschaft erklärt werden. Für dieses umfangreiche Wissen hat sich Guillermo Martínez in die Sekundärliteratur eingearbeitet. Eine gigantische Recherchearbeit, die sich auszahlt.

Schockierend sind die Neigungen Carrolls. Wie gesagt, ich war im Vorfeld völlig unbedarft, was seine Biografie betrifft. Aus diesem Grund konnte der Roman bei mir seine volle Wirkung entfalten.

Der Aufbau der Handlung ist brillant, vielschichtig, wendungsreich. Jedes Detail ist perfekt aufeinander abgestimmt. Seien es die mysteriösen Tagebuchseiten, Carrolls Fotografien, die Morde oder die verschiedenen Blickwinkel, wobei alles mit den Betrachtungen der Logik unterlegt ist.

„Der Fall Alice im Wunderland“ ist ein extrem guter Kriminalroman, der wieder klassische Elemente des Genres aufgreift und gelungen umsetzt. Er ist meisterhaft recherchiert und strukturiert, mit einer spannenden, nicht vorhersehbaren Handlung von Anfang bis Ende.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.07.2020

Ein gelungenes Debüt

Zeitenchaos
0

Ich lese gerne Zeitreisegeschichten und freue mich, dass es endlich Nachschub in diesem Genre gibt. „Zeitenchaos“ ist definitiv eine Bereicherung für die Buchwelt und hat mir eine vergnügliche Lesezeit ...

Ich lese gerne Zeitreisegeschichten und freue mich, dass es endlich Nachschub in diesem Genre gibt. „Zeitenchaos“ ist definitiv eine Bereicherung für die Buchwelt und hat mir eine vergnügliche Lesezeit verschafft.

Dabei hatte ich anfangs ein paar Probleme, in die Geschichte hineinzufinden. Pepper verlässt ihren Freund, nachdem sie in seinen E-Mails eindeutige Hinweise für seinen Betrug entdeckt hat. Zu tiefst deprimiert und verbittert sitzt sie im Zug nach London. Diese geballte Gefühlslast war am Anfang echt heftig. Doch sobald sie in London eintrifft und einen Neuanfang startet, war auch ich voll in der Handlung angekommen.

Bei Peppers Zeitreisen geht es nicht um große, geschichtlich bedeutsame Ereignisse. Sondern nur um eine Kleinigkeit, eine winzige Veränderung in einer gar nicht so entfernt zurückliegenden Vergangenheit, die Peppers Gegenwart völlig auf den Kopf stellt. Die Autorin spielt hier sehr geschickt mit dem Zeitparadoxon und mir gefallen gerade die vielen kleinen Irrungen und Wirrungen, die durch die Zeitreise ausgelöst werden.

Pepper und Noah sind zwei ungemein sympathische Protagonisten. Auch die Nebenfiguren wirken authentisch und greifbar. Es ist spaßig, sie durch ihr Zeitenchaos zu begleiten. Bei dem wundervoll erfrischenden und gekonnt leichten Schreibstil schwebt man geradezu durch das Buch und ist viel zu schnell am Ende angekommen.

Über die Herkunft und genaue Funktionsweise der Taschenuhr wird man allerdings noch sehr im Unklaren gelassen. Es werden ja doch einige Andeutungen im Buch gemacht, die viel Spannung versprechen und „Größeres“ vermuten lassen. Es scheint, als wäre „Zeitenchaos“ nur der Anfang und als hätte es gerade erst begonnen... Wir können also gespannt auf mehr warten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.07.2020

Morde, die keine sind

Die Oxford-Morde
0

Oxforduniversität. Ein argentinischer Mathematikstudent findet die Leiche seiner Vermieterin. In seiner Begleitung befindet sich der hochangesehene Professor für Logik, Arthur Seldom. Kurz zuvor erhielt ...

Oxforduniversität. Ein argentinischer Mathematikstudent findet die Leiche seiner Vermieterin. In seiner Begleitung befindet sich der hochangesehene Professor für Logik, Arthur Seldom. Kurz zuvor erhielt dieser eine merkwürdige Nachricht, eine Uhrzeit und ein Symbol, das Rätsel aufgibt. Alles deutet auf einen Serienmörder hin. Die Frage ist nun: Wer ist der nächste? Schon bald taucht eine weitere Nachricht auf.

Das Duo macht sich daran, die Symbole zu entschlüsseln und die Logik hinter ihnen zu ergründen. Dabei sind sie allerdings so mit wissenschaftlichen Thesen, Mutmaßungen und Warten beschäftigt, dass von einer aktiven Detektivarbeit keine Rede sein kann. Geschweige von einer ernsthaften Absicht, den Mörder zu entlarven.

Wer also aufgrund der Symbolik einen atemlosen Wettlauf gegen die Zeit ganz im Stile diverser Dan-Brown-Romane erwartet, dürfte enttäuscht werden. Seldom und sein junger Student sind Theoretiker, die anhand mathematischer Lösungsansätze das weitere Vorgehen des Mörders analysieren, wobei sie nie konkret genug werden, um tatsächlich ins Geschehen einzugreifen. Die eigentliche Jagd nach dem Mörder ist Sache der Polizei und steht eher im Hintergrund. Aufgrund der weitschweifigen Erörterungen über Mathematik, die zwar verständlich und nicht zu abgehoben waren, empfand ich die Handlung eher als statisch. Der richtige Nervenkitzel wollte nicht aufkommen. Die Morde selbst sind so abstrakt, dass man sie kaum als solche wahrnimmt. Auch die Auflösung des Ganzen fällt eher unbefriedigend aus, da sie mir stellenweise nicht schlüssig genug erklärt wird.

Dabei bedient sich der Autor klassischer Elemente, die den Kriminalroman in meinen Augen sehr ansprechend gestalten. Das Setting zwischen den altehrwürdigen Mauern der Oxforduniversität passt hervorragend. Der Schreibstil liest sich wunderbar gefällig und insbesondere die Figuren tragen ein Potenzial in sich, das sie den Vergleich mit Holmes und Watson nicht scheuen lässt. Selbst die Grundidee mit der symbolischen Reihenfolge ist super. Für meinen Geschmack hätte „Die Oxford Morde“ aber energetischer und einen Tick reißerischer sein können, um mich zu einhundert Prozent zu überzeugen.

„Die Oxford-Morde“ ist eine Neuauflage des bereits 2003 erschienenen Kriminalromans „Die Pythagoras-Morde“, der 2007 mit Elijah Wood verfilmt wurde.

Ich bedanke mich bei der Bloggerjury und dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.05.2020

Wie ein Heimatfilm

Grandhotel Schwarzenberg – Der Weg des Schicksals
0

Die Familiensaga beginnt mit der Geschichte zweier Frauen aus grundverschiedenen Verhältnissen. Auf der einen Seite gibt es Anna Gmeiner, die ein entbehrungsreiches, hartes Leben lebt und nach dem Tod ...

Die Familiensaga beginnt mit der Geschichte zweier Frauen aus grundverschiedenen Verhältnissen. Auf der einen Seite gibt es Anna Gmeiner, die ein entbehrungsreiches, hartes Leben lebt und nach dem Tod von Bruder und Vater für sich selbst kämpfen muss. Ihr Verlobter ist auf nach Übersee, um das große Geld zu machen und lässt nichts mehr von sich hören. So steht Anna allein im Leben und versucht über die Runden zu kommen. Sie erhält eine Stelle als Küchenhilfe im vornehmen Haus der Familie von Feil.

Katharina von Feil ist eine wohlerzogene, junge Dame, für die es längst Zeit ist, sich zu vermählen. Ihre Mutter ist eine herrische Frau, die über Katharinas Leben bestimmt und die Geschicke der gesamten Familie lenkt. Katharina fügt sich wie immer dem Willen ihrer Mutter und heiratet Friedrich Bahlow. Der ist einfach nur widerlich und vergreift sich an Anna. Die von Feils bieten Anna einen Ausweg aus ihrer fürchterlichen Situation und Katharina zieht die Konsequenz, nicht länger mit ihrem Ehemann unter einem Dach zu leben. Obwohl Anna und Katharina gegensätzliche Charaktere sind, sind beide auf ihre Art starke Frauen, die für sich, für ihr Schicksal und ihre Liebe kämpfen.

Das ist das Grundgerüst der Handlung. Sophie Oliver webt immer mehr Handlungsstränge und Figuren in die Geschichte, bis sie ein feines, aber komplexes Muster ergeben. Wie selbstverständlich fügt sich ein Teil in das andere, kommen neue Verstrickungen hinzu. Dabei bleibt die Handlung jedoch so klar, dass man nie den roten Faden oder die Übersicht verliert. Ihr Erzählstil ist feinsinnig, geschmeidig und sehr fesselnd. Ich hatte den Auftakt dieser Trilogie an zwei Tagen durchgeschmökert und kann kaum die Fortsetzung erwarten.

Stellenweise erinnert der Roman an einen Heimatfilm und ist noch nicht so ganz die große Familiensaga. Ich erwarte bei dem Wort Familiensaga etwas in der Größenordnung von Thomas Manns „Die Buddenbrooks“. Es kommen ja auch noch zwei weitere Teile. Wenn die genauso gut werden, wie der erste Teil, dann Jippie!

Denn das „Grandhotel Schwarzenberg“ bietet ein großartiges Lesevergnügen. Es ist kurzweilig, aber nicht trivial. Die Autorin schildert die Bad Reichenhaller Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als wäre sie selbst dabei gewesen. Man kann sich wunderbar in die Geschichte hineinversetzen. Gefühlsmäßig wird sehr viel geboten. Es gibt die große Liebe, große Verluste, große Schicksalsschläge. Genau so muss mich ein Heimatroman unterhalten! Wunderbar!

Vielen lieben Dank an die Bloggerjury für das zur Verfügung gestellte E-Book!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.04.2020

Mit erhobenem moralischem Zeigefinger

Ohne Flugzeug um die Welt
0

Klimawandel, Umweltschutz, Fridays for Future – das sind alles Schlagworte, die uns beschäftigen. Aber nur, weil im Titel dieses Buches das Wörtchen ‚klimabewusst‘ vorkommt, bedeutet das nicht automatisch, ...

Klimawandel, Umweltschutz, Fridays for Future – das sind alles Schlagworte, die uns beschäftigen. Aber nur, weil im Titel dieses Buches das Wörtchen ‚klimabewusst‘ vorkommt, bedeutet das nicht automatisch, dass es sich um einen ultimativen Ratgeber zum Thema Reisen ohne Flugzeug handelt.

Alles beginnt sehr vielversprechend mit der Ankündigung einer Hochzeit. Einer der schönsten Gründe für eine Reise. Allerdings gerät er alsbald in den Hintergrund und es folgt eine umfangreiche Einführung ins Thema Klimakrise. Das Buch versucht eine Mischung aus Sachbuch und Reisebericht zu sein. Doch das qualitative Gefälle zwischen beiden Gebieten ist zu enorm, um ein homogenes Bild zu ergeben.

In allem, was mit der Klimakrise in Zusammenhang steht, sind die beiden Autoren voll in ihrem Element. Sie profitieren von ihren Erfahrungen im Verfassen von Seminararbeiten. Zwischen stilistischen Richtlinien, Fachwissen und einer umfangreichen Bibliografie befinden sie sich in vertrauten Gewässern. Zumal in diesen Teilen keine eigenen Forschungsergebnisse präsentiert, sondern Fakten aus existierenden Studien wiedergegeben werden.

Der Reisebericht nimmt sich dagegen sehr einfach aus. Simple Sätze, häufig mit identischem Wortlaut, wechselnde Erzählperspektiven. Die Schilderungen der Vorbereitungen, Reise und der Hochzeit sind kurz und emotionslos. Allzu schnell fällt man ins Thema CO2-Ausstoß zurück und verliert sich darin. Ich lese sehr gerne Reiseberichte und Reiseblogs, man muss kein erfahrener Schriftsteller sein, um einen halbwegs interessanten Reisebericht zu verfassen. Schon eine Reise allein bietet doch eigentlich genug Erzählstoff. Alles, was von der Reise um die Welt hängengeblieben ist, sind stundenlange Zugfahrten und gewichtige Diskussionen, dann und wann mit Mitreisenden. Dabei wird auch unermüdlich auf jedes länderspezifische Konfliktthema hingewiesen. Man fühlt sich beim Lesen häufig moralisch zurechtgewiesen.

„Ohne Flugzeug um die Welt“ bietet auch nicht den irgendwie erhofften Wow-Effekt. Ich weiß selbst nicht, was ich erwartet habe, aber statt des Flugzeuges nehmen die beiden eben ein Frachtschiff. Kurz und gut. Vielleicht habe ich zu stark an Jules Verne gedacht und finde den Reisebericht deshalb zu banal.

Alles in Allem informiert das Buch intensiv zur Klimakrise und regt zum Umdenken und Mitdenken an, wie wir alle zum Umweltschutz beitragen können. Die fachliche Seite ist gut recherchiert und wird wissenschaftlich vorgetragen. Wenn der Reisebericht schwungvoller, aufgeweckter, emotionaler aufbereitet worden wäre, läse er sich bestimmt besser. Im Endeffekt habe ich mich nicht auf diese Reise mitgenommen gefühlt, sondern hatte nur den moralischen Zeigefinger unter der Nase.

Vielen lieben Dank an die Bloggerjury und LYX für das Rezensionsexemplar!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere