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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.05.2026

Toller Sommerroman

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Anna Katharina Scheidemantels Roman „Statt aus dem Fenster zu schauen“ erzählt die Geschichte von Sophie, einer jungen Studentin, die sich in einem monotonen Praktikum wiederfindet und zunehmend an ihrem ...

Anna Katharina Scheidemantels Roman „Statt aus dem Fenster zu schauen“ erzählt die Geschichte von Sophie, einer jungen Studentin, die sich in einem monotonen Praktikum wiederfindet und zunehmend an ihrem eingeschlagenen Lebensweg zweifelt. Zwischen Erwartungsdruck und Selbstsuche trifft sie eine radikale Entscheidung: Ohne Besichtigung kauft sie für rund 2000 Euro eine verfallene Immobilie in Ostdeutschland – ein Schritt, der ebenso impulsiv wie mutig ist.
Der Reiz des Romans liegt vor allem in Sophies Entwicklung. Sie ist keine klassische Heldin, sondern eine Figur, die zweifelt, hadert und sich dennoch traut, etwas völlig Neues zu wagen. Gerade diese Mischung aus Unsicherheit und Entschlossenheit macht sie greifbar und stark zugleich. Ihr Projekt, das Haus eigenständig und mit minimalen Mitteln bewohnbar zu machen – unterstützt nur durch YouTube-Videos und ihren eigenen Willen – wirkt authentisch und inspirierend, ohne dabei unrealistisch verklärt zu werden.
Besonders gelungen ist die Atmosphäre des Buches. Mit zunehmendem Fortschritt im Haus verändert sich auch die Stimmung: Aus anfänglicher Skepsis und Überforderung wächst eine sommerliche Leichtigkeit. Die Szenen im Garten, das Halten von Hühnern und das Empfangen von Besuch vermitteln eine fast schon entschleunigte Idylle, die im starken Kontrast zu Sophies vorherigem Alltag steht. Diese Passagen laden dazu ein, selbst innezuhalten und den Wert des Moments neu zu betrachten.
Ein weiterer subtiler, aber wichtiger Aspekt ist der Umgang mit Vorurteilen gegenüber Ostdeutschland. Ohne belehrend zu wirken, schafft es der Roman, stereotype Bilder aufzubrechen und eine differenziertere Perspektive zu zeigen. Das verleiht der Geschichte zusätzliche Tiefe und gesellschaftliche Relevanz.
Insgesamt ist „Statt aus dem Fenster zu schauen“ ein leiser, aber eindringlicher Roman über Selbstfindung, Mut zur Veränderung und die Schönheit einfacher Lebensweisen. Ein Buch, das nachhallt – und vielleicht dazu anregt, selbst weniger aus dem Fenster zu schauen und mehr ins eigene Leben hineinzuhandeln.

Veröffentlicht am 06.05.2026

Spannend und Ungewöhnlich

Noch fünf Tage
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„Noch 5 Tage“ von Helena Falke ist ein ungewöhnlicher Thriller, der mit einem starken Ausgangsszenario sofort fesselt: Eine Privatköchin, deren Arbeitgeber durch ein vergiftetes Silvestermenü sterben – ...

„Noch 5 Tage“ von Helena Falke ist ein ungewöhnlicher Thriller, der mit einem starken Ausgangsszenario sofort fesselt: Eine Privatköchin, deren Arbeitgeber durch ein vergiftetes Silvestermenü sterben – und die selbst nur noch wenige Tage zu leben hat, während sie unter Mordverdacht steht. Allein diese Prämisse sorgt für ein hohes Tempo und eine permanente Grundspannung.

Im Mittelpunkt steht Lis, eine hochbegabte Köchin, die für die superreiche Familie Harman arbeitet. Nach der Vergiftung überlebt sie zunächst, erfährt jedoch im Krankenhaus, dass ihr nur noch fünf Tage bleiben. Statt sich ihrem Schicksal zu ergeben, beginnt sie – gemeinsam mit ihrer Krankenschwester – vom Krankenbett aus zu ermitteln. Dieser Ansatz, die Aufklärung fast ausschließlich über Gedanken, Erinnerungen und Gespräche laufen zu lassen, ist ungewöhnlich, funktioniert aber erstaunlich gut. Die Autorin schafft es, daraus einen regelrechten Sog zu entwickeln, sodass zu keiner Zeit Langeweile aufkommt.

Besonders gelungen sind die Einblicke in zwei Welten: zum einen in das Leben der Superreichen, mit all ihren Abgründen, Geheimnissen und Spannungen innerhalb der Familie Harman, zum anderen in die Spitzengastronomie. Die vielen kulinarischen Details und Metaphern verleihen dem Buch eine eigene Atmosphäre und heben es angenehm von klassischen Thrillern ab.

Allerdings hat die Geschichte auch Schwächen. An manchen Stellen wirkt sie etwas konstruiert, insbesondere die medizinische Prämisse: Dass der Todeszeitpunkt nach einer Vergiftung so exakt auf fünf Tage festgelegt werden kann, erscheint fragwürdig und mindert gelegentlich die Glaubwürdigkeit. Wer sich daran stört, könnte kurzzeitig aus der Handlung gerissen werden.

Das Ende hingegen überzeugt wieder: Es kommt überraschend, wirkt aber gleichzeitig schlüssig und rundet die Geschichte sinnvoll ab.

Insgesamt ist „Noch 5 Tage“ ein spannender, origineller Thriller mit einer starken Hauptfigur, atmosphärischem Setting und einem ungewöhnlichen Erzählansatz. Kleine Ungereimtheiten in der Plausibilität werden durch die packende Handlung und die interessante Perspektive weitgehend ausgeglichen. Ein lesenswertes Buch für alle, die Spannung mit einem besonderen Twist mögen.

Veröffentlicht am 06.05.2026

Über das Leben auf der Straße

Solange ein Streichholz brennt
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Mit „Solange ein Streichholz brennt“ legt Christian Huber einen Roman vor, der auf eindringliche Weise von Nähe, Vorurteilen und den oft unsichtbaren Bruchlinien unserer Gesellschaft erzählt. Im Mittelpunkt ...

Mit „Solange ein Streichholz brennt“ legt Christian Huber einen Roman vor, der auf eindringliche Weise von Nähe, Vorurteilen und den oft unsichtbaren Bruchlinien unserer Gesellschaft erzählt. Im Mittelpunkt stehen Bohm, ein junger obdachloser Mann, und Alina, eine ehrgeizige Journalistin, die ihm zunächst aus rein beruflichem Interesse begegnet. Ihr Angebot, ihn eine Woche lang zu begleiten und anschließend zu porträtieren, lehnt Bohm erst ab – bis ihn die Verletzung seines Hundes zwingt, das Geld anzunehmen. Was als nüchterne Recherche beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer ungewöhnlichen, emotionalen Verbindung.

Der Roman überzeugt vor allem durch seine zugängliche, flüssige Sprache. Man findet schnell in die Geschichte hinein, und durch den Wechsel zwischen Alinas und Bohms Perspektive entsteht ein vielschichtiges Bild zweier sehr unterschiedlicher Lebensrealitäten. Besonders gelungen ist dabei die Darstellung des Lebens auf der Straße: ungeschönt, direkt und ohne falsche Romantisierung. Immer wieder wird deutlich, wie schnell ein Mensch in solche Umstände geraten kann – eine Erkenntnis, die nachhallt.

Auch die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren ist ein zentraler Reiz des Buches. Aus anfänglicher Distanz wächst Vertrauen, dann Freundschaft, und schließlich eine zarte Liebesgeschichte, die gerade durch ihre Ungewöhnlichkeit besticht. Gleichzeitig bringt der Roman immer wieder humorvolle Momente ein, die die Schwere des Themas auflockern, ohne es zu relativieren.

Trotz vieler Stärken bleibt das Buch nicht ganz frei von Schwächen. Einige Entwicklungen wirken stellenweise etwas konstruiert oder nicht vollständig glaubwürdig, und gewisse Fragen bleiben offen. Das kann einerseits Raum für eigene Interpretationen lassen, andererseits aber auch ein leicht unbefriedigendes Gefühl hinterlassen.

Insgesamt ist „Solange ein Streichholz brennt“ ein gut erzählter, berührender Roman mit einer besonderen Liebesgeschichte und gesellschaftlicher Relevanz. Trotz kleinerer Ungereimtheiten bleibt vor allem die Botschaft im Gedächtnis: Dass es oft nur einen Moment braucht, um aus einem sicheren Leben herauszufallen – und dass hinter jeder Geschichte mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht.

Veröffentlicht am 06.05.2026

Drei Generationen

Die Riesinnen
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Hannah Häffners Roman Die Riesinnen erzählt die Geschichten von drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen – Großmutter, Mutter und Tochter – die alle in einem kleinen Schwarzwalddorf leben. Im Zentrum ...

Hannah Häffners Roman Die Riesinnen erzählt die Geschichten von drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen – Großmutter, Mutter und Tochter – die alle in einem kleinen Schwarzwalddorf leben. Im Zentrum stehen weniger äußere Ereignisse als vielmehr die inneren Spannungen: zwischen den Generationen, zwischen individuellen Lebensentwürfen und den engen Strukturen des Dorflebens.

Jede der drei Figuren ist auf ihre Weise mit den Bedingungen ihrer Zeit konfrontiert und ringt darum, ihren eigenen Platz zu finden. Dabei geraten sie nicht nur in Konflikt mit ihrer Umgebung, sondern auch miteinander. Gerade diese familiären Reibungen verleihen dem Roman Tiefe. Trotz aller Unterschiede verbindet die Frauen eine stille Stärke: Jede geht ihren eigenen Weg, ohne sich vollständig den Erwartungen anderer zu beugen.

Besonders hervorzuheben ist die Sprache. Häffner schreibt klar und zugleich poetisch, wodurch sich der Roman angenehm und flüssig lesen lässt – auch wenn die Themen durchaus schwer wiegen. Die streng chronologische Erzählweise sorgt für Übersicht und unterstreicht die Entwicklung der Figuren über die Zeit hinweg. Der Fokus liegt konsequent auf den drei Hauptfiguren; alle weiteren Personen bleiben Randerscheinungen, was die Konzentration auf das Wesentliche verstärkt.

Allerdings entwickelt das Buch wegen seiner inhaltlichen Tiefe einen starken erzählerischen Sog. Die Handlung entfaltet sich ruhig und gleichmäßig.

Insgesamt ist Die Riesinnen ein sprachlich schöner, nachdenklicher Roman über Generationen, Selbstbestimmung und das Leben in begrenzten Verhältnissen. Wer eine leise, charaktergetriebene Geschichte schätzt, wird hier fündig.

Veröffentlicht am 06.05.2026

Drei Generationen

Die Riesinnen
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Hannah Häffners Roman Die Riesinnen erzählt die Geschichten von drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen – Großmutter, Mutter und Tochter – die alle in einem kleinen Schwarzwalddorf leben. Im Zentrum ...

Hannah Häffners Roman Die Riesinnen erzählt die Geschichten von drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen – Großmutter, Mutter und Tochter – die alle in einem kleinen Schwarzwalddorf leben. Im Zentrum stehen weniger äußere Ereignisse als vielmehr die inneren Spannungen: zwischen den Generationen, zwischen individuellen Lebensentwürfen und den engen Strukturen des Dorflebens.

Jede der drei Figuren ist auf ihre Weise mit den Bedingungen ihrer Zeit konfrontiert und ringt darum, ihren eigenen Platz zu finden. Dabei geraten sie nicht nur in Konflikt mit ihrer Umgebung, sondern auch miteinander. Gerade diese familiären Reibungen verleihen dem Roman Tiefe. Trotz aller Unterschiede verbindet die Frauen eine stille Stärke: Jede geht ihren eigenen Weg, ohne sich vollständig den Erwartungen anderer zu beugen.

Besonders hervorzuheben ist die Sprache. Häffner schreibt klar und zugleich poetisch, wodurch sich der Roman angenehm und flüssig lesen lässt – auch wenn die Themen durchaus schwer wiegen. Die streng chronologische Erzählweise sorgt für Übersicht und unterstreicht die Entwicklung der Figuren über die Zeit hinweg. Der Fokus liegt konsequent auf den drei Hauptfiguren; alle weiteren Personen bleiben Randerscheinungen, was die Konzentration auf das Wesentliche verstärkt.

Allerdings entwickelt das Buch wegen seiner inhaltlichen Tiefe einen starken erzählerischen Sog. Die Handlung entfaltet sich ruhig und gleichmäßig.

Insgesamt ist Die Riesinnen ein sprachlich schöner, nachdenklicher Roman über Generationen, Selbstbestimmung und das Leben in begrenzten Verhältnissen. Wer eine leise, charaktergetriebene Geschichte schätzt, wird hier fündig.