Gekürzt um die Hälfte könnte es ein gutes Unterhaltungsbuch sein
Die Sonne und die MondWenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war ...
Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war das für mich nicht der Fall: 600 Seiten braucht für mich schon einiges an wirklich interessantem Inhalt und Tiefgang... eine Geschichte, die so ein langes Buch auch tragen kann. Und das war diese Geschichte für mich persönlich nicht, weshalb es für mich persönlich einige Längen aufwies und ich damit gekämpft habe, das Buch zu beenden.
Inhaltlich geht es um zwei große Themenfelder: eine Frauenfreundschaft aus jungen Jahren, bei der es zu einem scheinbar unkittbaren Bruch kam, woraufhin Jahrzehnte ohne Kontakt zwischen den beiden Frauen folgten... bis mit Anfang 40 Jana von Mond, die als Kabarettistin im Fernsehen Karriere gemacht hat, auf einmal im Bestattungsinstitut von Sonja "Sonne" Meling auftaucht und vehement darauf besteht, ihren verstorbenen Ehemann und dessen schwangere Geliebte von der ehemaligen Freundin in einem gemeinsamen Grab beerdigen zu lassen. Gegen Sonjas großen, aber letztendlich erfolglosen Widerstand schafft es Jana, einen immer größeren Platz im Leben der ehemaligen Weggefährtin einzunehmen, zieht bei dieser ein, verzieht deren Sohn und misshandelt die Schildkröte und begeht auch in vielen weiteren Bereichen Verrat an den Werten und Prinzipien der Jugendfreundin. Und das, nachdem schon damals ihr Handeln zum Ende der gemeinsamen Freundschaft geführt hatte.
Nein, eine Sympathieträgerin ist Jana von Mond tatsächlich nicht. Sowohl als junge Frau als auch heute verhält sie sich überwiegend gedankenlos bis rücksichtlos oder sogar manipulativ. Was hat die zwei jungen Frauen damals in ihrer Jugend miteinander verbunden? Dass sie beide ein oder beide Elternteile tragisch verloren hatten? Was verbindet sie heute? Das wurde für mich auch nach der Lektüre des umfangreichen Buches nicht klar, es ist mehr Hassverbindung als sonst etwas für mich gewesen.
Sonja Meling war mir als Charakter deutlich sympathischer als Jana, auch wenn sie klar ihre emotionalen Wunden in sich trägt, die sie hinter der Fassade einer toughen Geschäftsfrau und alleinerziehenden Mutter, die keinen Mann nötig habe, versteckt, während sie emotionale Briefe an ihren langjährigen Mitarbeiter und treuen Freund Samuel schreibt. Ebenfalls eine in sich zutiefst belastete Persönlichkeit.
Wäre dieses Buch anspruchsvolle Literatur, dann hätte ich mir eine deutlich stärkere Charakterentwicklung der beiden Frauen und ihrer Beziehung zueinander gewünscht, als sie in diesem Buch vorkommt. So sind es für mich zwei unreife Protagonistinnen, die auch Jahrzehnte nach den ursprünglichen Ereignissen nur wenig erwachsener geworden sind, das gilt insbesondere für Jana. Getragen wird das Buch von vielen Szenen, die im Bestattermilieu spielen, deren Authentizität und Glaubwürdigkeit ich aber mangels genauerer Kenntnis dieses Berufsfeldes nicht im Detail beurteilen kann. Manche davon sollen wohl lustig sein, ich persönlich habe vieles davon makaber gefunden, etwa eine rasante Autofahrt mit dem Leichenwagen, bei der der transportierten Leiche - ursprünglich eine alte Frau, die sehr darauf bedacht war, respektvoll beerdigt zu werden - post mortem noch einmal das Genick gebrochen wird. Manche mögen darüber lachen, für mich, die ich mit der Figur der Verstorbenen mitgefühlt habe, war es einfach nur makaber.
An dieser Stelle auch eine Triggerwarnung für alle, die vom Thema Suizid und insbesondere Schienensuizid im näheren Umfeld betroffen sind: ein solcher kommt im Buch vor und wird explizit und mit grauslichen, drastisch geschilderten Szenen, die mich als Betroffene immer noch bildlich in meinem Kopf verfolgen, beschrieben. Das geschieht in einer Ausführlichkeit, die meiner Meinung nach nichts zur Handlung dieses Buches beiträgt - ob das auch Teil des seltsamen Humors des Autors ist, der in diesem Buch, das ich Trauerdistanzierungsbuch nennen möchte, laut Nachwort die Trauer über den Tod seiner geliebten Lebensgefährtin verarbeiten möchte, kann ich nicht sagen.
Insgesamt ist das Buch durchaus unterhaltsam erzählt, hat allerdings viele Cliffhanger: immer, wenn es richtig spannend wird, wird die Handlung unterbrochen und es geht über dutzende Seiten mit einem völlig anderen Themenstrang, oft im Bestattermilieu, weiter. Manche Leserinnen und Leser mögen das schätzen, weil es für sie die Spannung erhöht, mich hat es in dieser Häufung nur genervt.
Empfehlen kann ich das Buch nur jenen, die einen sehr speziellen, teils makabren Humor zum Thema Tod schätzen, sich auf ein eher langes Buch einlassen möchten und keine hohen Ansprüche an Charakterentwicklung, Tiefe und Authentizität stellen. Meine Art von Humor war es nicht, vieles grenzte für mich an Respektlosigkeit im Umgang mit dem Thema Tod. Diese Einschätzung ist aber wohl individuell und muss jede/r für sich treffen.