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Veröffentlicht am 01.10.2025

Eindringliches Plädoyer für einen Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit der Droge Alkohol

Trocken
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Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn ...

Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn so bin ich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam geworden. Aus beruflichem und privatem Interesse habe ich schon viele Bücher Betroffener über Suchterkrankungen und andere psychische Probleme gelesen, doch lange hat mich keines mehr so berührt wie dieses.

Basierend auf Tagebucheinträgen und Rückblicken nimmt der Autor uns mit auf seine Reise durch die Hölle der Alkoholabhängigkeit. Wir erleben, wie auf den hochintelligenten, aber schüchternen, mit Depressionen und Ängsten kämpfenden Teenager an jeder Ecke in Österreich die Verführung zum Saufen lauert. Ja, leider ist Saufen nicht nur normalisiert in diesem Land, es besteht ein regelrechter Druck, mitzumachen, dem nur wenige unter guten Bedingungen standhalten können. Denn wer nicht trinkt, der macht sich zum Außenseiter und wird immer und immer wieder aufgefordert, mitzumachen und doch nicht so langweilig zu sein (das kenne ich als lebenslange Alkoholverweigerin in Österreich nur zu gut aus eigener Erfahrung).

Bei Daniel Wagner braucht es nicht viel, um ihn zum regelmäßigen Saufen zu verleiten: zu wohltuend ist das angenehme Gefühl der Entspannung und Erleichterung, der Enthemmung und Beruhigung, das damit einhergeht. Nur betrunken fühlt er sich wohl, sicher und kommunikativ. So kommt es schnell zu einer Gewöhnung, bis ein dauerhafter Alkoholspiegel von 2 bis 4 Promille im Blut für ihn völlig normal ist. Wozu es hingegen sehr lange braucht, ist das Eingeständnis, ein Alkoholproblem zu haben: viel zu lange verleugnet er dieses, sieht nur seine Depressionen und Angststörungen sowie die Traumata, die er erlebt hat, als seine Probleme an.

Denn zu lange fügt sich auch ein sehr problematisches Trinkverhalten immer noch recht harmonisch in die bestehende Suchtkultur in diesem Land ein: bis ihm sein Leben immer mehr entgleitet: nicht nur ist seine Mutter tragisch viel zu früh an Krebs verstorben, auch wenden sich Freundinnen und Freunde immer mehr von ihm ab, seine Leberwerte sind jenseits von gut und böse, er wandelt am Rande des Suizids und ist am schnellsten Weg zu einem sehr verfrühten Ende. Bis langsam in ihm Einsicht zu wachsen beginnt und er versucht, sich seinem "Monster", dem Alkoholproblem, zu stellen. Aber der Weg zurück wird lange und steinig sein, von Rückschlägen und Schwierigkeiten gepflastert... doch am Ende steht ein Mensch, der es geschafft hat, trocken zu werden und dieses Buch darüber zu verfassen.

Hier noch ein paar eindringliche Zitate aus dem Buch. Es sind außergewöhnlich viele für eine Rezension von mir, und ich habe mir beim Lesen noch viel mehr davon notiert, weil der Autor einfach über eine so eindringliche Sprache verfügt, die seine Gefühle und seinen inneren Kampf, aber auch seine Wut über die gesellschaftlichen Umstände in Österreich, die regelrecht zum Saufen verleiten, so treffend auf den Punkt bringt:

"Ich war betrunken, als du gestorben bist, und ich war betrunken, als du beerdigt wurdest. Es tut mir unendlich leid, Mama. Dei Bua ist jetzt trocken." (S. 5)

"Irgendwann haben wir in Österreich still und heimlich Alkohol als Kulturgut ausgerufen und beschlossen, dass wir uns gemeinschaftlich einfach so lange ansaufen, bis wir kritische Stimmen als kulturfeindlich wahrnehmen. Und wir brauchen dafür nicht einmal eine Lobby, wie die Tabak- oder Waffenindustrie. Überall, in jedem Gasthaus, auf jeder Feier, bei jeder noch so beliebigen Veranstaltung findet man sie, die ehrenamtlichen Lobbyisten..." (S. 12)

"Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression." (S. 16)

"Depression - Wenn du da bist, machst du alles andere nichtig. Du trittst meine Türen ein und verbarrikadierst dich in mir, bis ich mich dir ergebe. Bis ich dir gehöre. Bereit, von dir zerbröckelt zu werden. Alle Scheinwerfer sind auf dich gerichtet und dann beginnst du dein scheußliches Lied zu singen. Du singst vom Tod und von der Dunkelheit. Du singst all die Dämonen aus ihren Löchern hervor, die in den dunkelsten Ecken meiner Gedanken auf ihren Einsatz warten." (S. 58)

"ICH WILL LEBEN, durchführt es meinen gesamten Organismus, implodiert in mir und exlodiert aus mir heraus. Ich bekomme Gänsehaut am ganzen Körper und bebe, als würde mich diese Erkenntnis mit aller Kraft wachrütteln." (S. 61)

"Visiten, Therapien, Verlaufsgespräche. Ich fühle mich überlegen und lasse mich nicht wirklich behandeln. Ich stelle dem medizinischen Personal nur eine meiner Masken zur Verfügung, an mein Inneres lasse ich sie nicht ran." (S. 64)

"Na ja, und irgendwann steht man dann beim Billa an der Kassa. Unter Schweißausbrüchen beim Weinregal und pochendem Suchtdruck bei der Bierabteilung hat man es irgendwie dorthin geschafft und ist am Limit des Zumutbaren. Man kann weder vor noch zurück und ist verdammt, an einem Ort zu stehen, der vollgesogen ist mit Scham, Stress und Druck. Und dann stellt's ihr geldgierigen Arschlöcher da allen Ernstes Schnapsflascherln hin? WOFÜR?! Falls man für die Bratensauce am Sonntag seine 0,1 Liter Underberg vergessen hat? Bullshit." (S. 115)

Ich wünsche diesem besonderen und mutigen Buch aus tiefstem Herzen, dass es den Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, gewinnt, und damit verbunden viel Aufmerksamkeit erregt, die hoffentlich endlich zu dem längst überfälligen Umdenken führt, das einen Wandel in der österreichischen Gesellschaft bewirkt, wenn es um die Einstellung zu Alkohol geht und dem, was wir Jugendlichen damit antun, wenn wir sie regelrecht in die Arme dieser gefährlichen Sucht, dieses tückischen Monsters, drängen.

Vielleicht kann dadurch eine Bewegung entstehen, die dafür eintritt, dass keinen Alkohol zu trinken als mindestens genauso normal angesehen wird wie zu saufen, dass sich eine Kultur des Feierns, der Gemeinsamkeit und der Freude jenseits der Sauferei entwickelt und dass auch die kleinen Alkoholflaschen an den Supermarktkassen, die offensichtlich so eine Gefahr für viele trockene ehemalige Alkoholikerinnen und Alkoholiker sind, endgültig der Vergangenheit angehören. Möge es so sein!

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Unter der scheinbaren Leichtigkeit liegen viele Schichten

Goldstrand
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Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit ...

Katerina Poladjan hat für ihr Werk schon unzählige Literaturpreise erhalten. Oft spricht das für tiefgründige, anspruchsvolle, oft gar nicht so leicht auf den ersten Blick zu entschlüsselnde Bücher mit Niveau. „Goldstrand“ ist da keine Ausnahme.

Im Zentrum des Buches steht Eli, vielleicht Sohn einer italienischen Mutter und eines ukrainisch-bulgarischen Vaters, der bei den faschistischen Großeltern aufgewachsen ist, wochenends von der ledigen Mutter besucht wurde, später Filmregisseur wurde und nun auf der Couch einer Psychoanalytikerin, der „dottoressa“, liegt und sein Leben analysiert. Wenn das nun alles überhaupt wahr sein sollte, denn es handelt sich um einen unzuverlässigen Erzähler und es gibt im Buch viele sonderbare Begebenheiten, die hinterfragen lassen, was real und was erfunden ist.

Vordergründig kommt „Goldstrand“ leichtfüßig daher und geschrieben ist das Buch äußerst szenisch, wie eine Aneinanderreihung von bildlich beschriebenen Filmszenen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als der junge Eli auf den wöchentlichen Besuch seiner Mama wartet: „Jeden Samstag putzte ich mir die Ohren, zog ein sauberes Hemd an und erwartete sie am Tor. Endlich kam sie, meistens im Laufschritt auf hohen Absätzen und außer Atem, das lockige Haar hochgesteckt zu einem Vogelnest, aus dem es lebhaft zwitscherte: Da steht mein Junge und wartet! Heute wird es großartig, das wird ein vollkommener Tag!“ (S. 56/57)

Die Geschichte begleitet uns fast ein Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das Buch liest sich leicht und schnell und doch hat es im Hintergrund eine enorme Tiefe: an vielen Stellen gibt es Verweise auf hochkarätige Werke der Literatur sowie Referenzen auf Philosophie und Mythologie, die man nur mit einer umfassenden humanistischen Bildung vollständig erkennt und zu schätzen weiß, z.B. „Dunkle Wolken hängen über den Symplegaden, es zieht ein Sturm auf, und wieder wird es Nacht. Als endlich die Morgendämmerung heraufzieht, erreiche ich nach vierzig Tagen und Nächten Goldstrand.“ (S. 141)

Doch auch ohne eine solche lässt sich das Buch problemlos lesen. Es ist, wie so viele anspruchsvolle Werke, ein Kaleidoskop, in das jeder Betrachter und jede Betrachterin je nach momentanem Blickwinkel und Perspektive etwas anderes hineininterpretieren und herauslesen kann.

Dabei informiert es wie nebenbei über die Idee des sozialistischen Goldstrandes an der bulgarischen Schwarzmeerküste und darüber, was nach dem Untergang des Kommunismus daraus geworden ist, genauso wie darüber, wie verschiedene politische und soziale Systeme die Menschen prägen: wie beifällig sind viele passende Referenzen in das Buch eingewoben und informieren uns fast nebenbei über den zeitgeschichtlichen Bezug, z.B. „Zu Beginn der dritten Amtszeit von Silvio Berlusconi besuchte mich Vera zum ersten Mal allein.“ (S. 113)

Insgesamt ist es somit gerade ein in seiner Kürze und Prägnanz vielschichtiges und tiefgründiges Werk, das auf Leserinnen und Leser wartet, die ein solches zu schätzen wissen.

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Veröffentlicht am 28.09.2025

Zwei Verlorene wandern durch London

Alle unsere Leben
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Wie ist es, an einen anderen Ort zu gehen und doch nie so ganz anzukommen? Mit schwerem Gepäck auf der Seele. Sich zu verlieben und doch nicht wirklich zusammenzufinden, weil beide viel zu viel mit sich ...

Wie ist es, an einen anderen Ort zu gehen und doch nie so ganz anzukommen? Mit schwerem Gepäck auf der Seele. Sich zu verlieben und doch nicht wirklich zusammenzufinden, weil beide viel zu viel mit sich herumschleppen und es nie so wirklich passt? Die Sehnsucht nach Verbundenheit und Ankommen zu spüren und gleichzeitig Angst vor Starre und Verbindlichkeit zu haben?

Das sind einige der persönlichen Themen, mit denen sich dieser Roman beschäftigt. Doch es gibt noch eine weitere Ebene:

Wie könnte es gewesen sein, zur Zeit der IRA-Anschläge sichtbar und/oder hörbar irisch in London zu sein? Mit welchen Zuschreibungen und Ausgrenzungen könnte man zu kämpfen haben? Und was macht das mit einem? Wer definiert, wer wir sind, wir selbst oder die anderen und wie sie uns wahrnehmen?

Auch darum geht es in diesem Buch.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven zweier psychisch verwundeter Menschen erzählt: Milly und Pip. Milly ist als sehr junge Frau schwanger aus Irland ausgewandert. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt, ihre Mutter hat sich suizidiert, als Milly klein war, sie selbst ist bei den eher lieblosen Großeltern aufgewachsen, hat Schlimmes erlebt und war zusätzlich als Protestantin eine Außenseiterin im katholischen Irland. So richtig dazu gehört hat sie nie und das wird sich auch in London nicht ändern, auch wenn sie durchaus ihre Freundschaften haben wird und bei vielen beliebt ist. In London findet sie Arbeit in einem Pub, wo sie Pip kennen lernt und sich ihm aufgrund des gemeinsamen Irlandbezuges verbunden und auch sonst zu ihm hingezogen fühlt.

Pip hat einen englischen Vater und eine irische Mutter, aber ebenfalls letztere als Kind verloren. Äußerlich ein attraktiver junger Mann mit einer aufstrebenden Boxkarriere, verfällt er doch schon in jungen Jahren dem Alkoholismus und wird viele Jahrzehnte damit zu kämpfen haben. Kann sich auf keine Frau dauerhaft einlassen, auch nicht auf Milly, trotz der Anziehung zu ihr.

Der Zeitverlauf des Erzählens ist interessant gewählt: Pip erzählt aus der Perspektive als älterer Mann um die 60 Jahre, nach seinem Alkoholentzug, auf sein bisheriges Leben zurückblickend und bedauernd. Nun erkennt er, wen er alles verletzt hat durch die Handlungen, die aus seinem Alkoholismus resultierten, und was er alles versäumt hat und nicht wieder gutmachen kann. Gemeinsam mit seinem Mentor Colin von den Anonymen Alkoholikern gibt er sich Mühe, nun nicht mehr rückfällig zu werden. Es ist eine reflektierte, bedachte Perspektive, die ich durchaus sehr mochte.

Millys Erzählperspektive hingegen beginnt mit der jungen Frau und begleitet sie über die folgenden Jahrzehnte, in denen sie wächst und reift, Verbindungen knüpft, aber auch Abwertungen und Ausgrenzungen aufgrund ihres Irisch-Seins erlebt, und ihre eigenen alten Verletzungen und Wunden mit sich herumträgt. Wir erleben also Millys Älter-Werden, Wachsen und Reifen mit.

Dabei wechseln sich Milly-Kapitel mit Pip-Kapiteln ab und es bleibt bis zum Ende spannend, ob es doch noch ein Happy End für die beiden, deren tiefe Verbindung spürbar ist, geben kann.

Insgesamt würde ich das Buch aber nicht als Liebesroman bezeichnen, stärker als literarisches Drama mit interessanten historischen Bezügen. Das Buch liest sich grundsätzlich leicht, interessant und unterhaltsam. Ein wesentliches Element sind lange Spaziergänge der Charaktere (überwiegend) in London, auf denen scheinbar nichts passiert außer Umgebungsbeobachtungen... doch bevor man sich sehr langweilen könnte, passiert dann doch wieder etwas und die Handlung geht interessant weiter. Wer London gut kennt, wird hier sicherlich einiges wiedererkennen und innerlich noch einmal deutlicher diese Spaziergänge und Umgebungen nachvollziehen können. Wer London nicht ganz so gut kennt oder stärker handlungsgetriebene Romane mag, könnte stellenweise ein bisschen ungeduldig werden angesichts der so ausführlichen Umgebungsbeschreibungen.

Das Buch macht nachdenklich über viele Themen, so wie ich es in den Fragen am Anfang dieser Rezension aufgezeigt habe. Es ist ein empfehlenswertes, interessantes und gut geschriebenes Buch, das bei mir auch danach noch stark emotional nachhallt. Leseempfehlung für jene, die tiefgründige Bücher mögen.

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Sehr berührendes persönliches Buch über wahre Freundschaftsgeschichten

Freundschaft – Eine andere Form von Liebe
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Freundschaften sind für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens, umso mehr in Zeiten, in denen so vieles andere unsicher geworden ist. Kerstin Schweighöfer hat eine sehr enge Freundin, Jantina, ...

Freundschaften sind für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens, umso mehr in Zeiten, in denen so vieles andere unsicher geworden ist. Kerstin Schweighöfer hat eine sehr enge Freundin, Jantina, die sie lange treu begleitet hat, durch einen unbarmherzigen, rasch voranschreitenden und metastasierenden Krebs an den Tod verloren. Ihr und der Erinnerung an die gemeinsame Freundschaft hat sie dieses besondere Buch gewidmet.

In diesem Buch werden verschiedene Menschen porträtiert, die schon lange in tiefer Freundschaft miteinander verbunden sind. Es geht um solche Freundschaften, die auch die Stürme des Lebens ausgehalten haben und sich auch in schlechten Zeiten bewährt haben. Es sind wahre Geschichten, die die Autorin da erzählt und für die sie ganz besondere Interviewpartnerinnen und Interviewpartner gefunden hat, die Außergewöhnliches miteinander erlebt haben: zwei blutjunge holländische Blauhelmsoldatinnen, die zur Zeit der Jugoslawienkriege in Bosnien stationiert waren und die unglaubliche Hilflosigkeit der unterlegenen holländischen Truppen gegenüber der Übermacht der Serben, die letztendlich das Srebrenica-Massaker verübten, erleben mussten, dadurch traumatisiert wurden und sich doch gegenseitig stützen und beistehen konnten. Eine Gruppe von Freunden, bei denen eine eine schlimme Diagnose bekommt und die dennoch gemeinsam noch möglichst viel erleben möchten. Zwei Sandkastenfreundinnen, eine mit unerfülltem Kinderwunsch, eine gewollt kinderfrei, und letztere wird schließlich ersterer selbstlos eine eigene Eizelle spenden. Und noch weitere Geschichten.

Ja, es sind nicht irgendwelche Geschichten, die hier erzählt werden, es sind ganz besondere, und jede ist auf ihre Weise emotional tief berührend und macht nachdenklich über das, was das Leben auf diesem Planeten und unsere menschlichen Verbindungen zueinander ausmacht. Ergänzend werden die Geschichten jeweils durch persönliche Gedanken der Autorin zum Thema Freundschaft und insbesondere durch ihre Erinnerungen an ihre verstorbene Freundin Jantina. Dadurch wird das Buch gut abgerundet und genau diese persönlichen Kommentare machen ein stimmiges und persönlich berührendes Gesamtkonzept daraus.

Leseempfehlung für alle, denen Freundschaft etwas bedeutet und die sich von eindringlichen wahren Geschichten zu diesem Thema berühren lassen wollen.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Wahre Worte offen ausgesprochen

Links-grüne Meinungsmacht
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Die deutsche Journalistin Julia Ruhs ist bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen: etwas, das eine Seltenheit geworden ist in den klassischen Medien – während bekanntlich in den diversen neuen ...

Die deutsche Journalistin Julia Ruhs ist bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen: etwas, das eine Seltenheit geworden ist in den klassischen Medien – während bekanntlich in den diversen neuen „sozialen“ Medien jegliche Meinungen zu finden sind.

In diesem mutigen Buch spricht sie vieles aus, das auch ich als Akademikerin in einer beruflich sehr linksgrün geprägten Blase mir oft schon gedacht habe, aber gezögert habe, es auszusprechen. Denn, wie Julia Ruhs es in ihrem Buch anführt, hat sich die Bandbreite dessen, was öffentlich oder auch nur im beruflichen Umfeld gesagt werden darf, ohne massive soziale und berufliche Konsequenzen zu riskieren, in den letzten zehn Jahren leider sehr verengt.

Und nein, da muss es nicht unbedingt um AfD-Positionen gehen oder den Bereich des strafrechtlich Relevanten berühren: es reicht schon, sich fernab des im akademischen und journalistischen Bereich dominierenden linksgrünen Mainstreams zu bewegen und etwa liberale oder klassisch-konservative CDU-nahe Positionen zu vertreten, so wie die Autorin das tut.

Wie Julia Ruhs selbst anführt, ist es ihr ein Anliegen gewesen, ein verständliches und gut lesbares Buch zu schreiben, das „keine akademische Abhandlung“ sein soll. Deshalb geht es in diesem Buch viel um ihre eigenen Erfahrungen als Journalistin, um die unzähligen Zuschriften verschiedenster Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung, die sie zitiert, gelegentlich ergänzt durch einzelne Positionen von Wissenschaftlern, Wissenschaftlerinnen oder Prominenten, etwa dem Hochschullehrer, Juristen und Schriftsteller Bernhard Schlink.

Die überwiegende Mehrheit der im Journalismus tätigen Menschen scheint nach eigenen Angaben ausschließlich Parteien klar im linken Spektrum zu wählen, während CDU- und FDP-Wählende kaum vorkommen und niemand angibt, mit der AfD zu sympathisieren. Damit ist dieser Berufsstand parteipolitisch und ideologisch ganz anders zusammengesetzt als die Bevölkerung insgesamt und konservative Positionen sind unterrepräsentiert. Das ist per se schon deshalb problematisch, weil absolut neutrale Berichterstattung gar nicht möglich ist: die eigene Einstellung beeinflusst selbstverständlich schon die Auswahl und Art der Präsentation der jeweiligen Themen.

Dazu kommt, dass „Haltung“ im Journalismus in den letzten zehn Jahren immer wichtiger geworden zu sein scheint, was sich für viele Menschen aus der Bevölkerung schon ab der Flüchtlingskrise 2015, aber spätestens mit der Berichterstattung über die Coronapandemie deutlich gezeigt hat. Sehr lange gab es damals, mit wenigen Ausnahmen, nur eine einzige mediale Stimme zu hören, und zwar warb diese für alle Maßnahmen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Dazu beschreibt die Autorin, was damals die Angst vieler im Journalismus tätiger Menschen war und zeigt gleichzeitig die damit verbundene Problematik auf:

„Wer Maskenpflicht, Impfung oder andere Maßnahmen medial zu kritisch hinterfrage, könnte den Rückhalt in die Coronamaßnahmen untergraben – und das hehre Ziel, Menschenleben zu retten, gefährden. Aber ist es nicht so, dass genau in solchen Ausnahmesituationen, in Zeiten der Krise, es einen besonders scharfen, kritischen, journalistischen Blick braucht?“ (S. 43)

Doch genau von dieser homogenisierten Einheitsmeinung haben sich viele Menschen nicht mehr abgeholt gefühlt. Besonders fällt das immer jenen auf, die sich dort gerade nicht gespiegelt fühlen – und zu je mehr einzelnen Themen die Berichterstattung und „Haltung“ dermaßen eng ist, desto größer wird die Anzahl der Betroffenen, die sich von den klassischen Medien nicht mehr repräsentiert fühlen und sich deshalb wütend und enttäuscht von diesen abwenden:

„Ich glaube, genau das ist der Punkt: Solange man sich in der Mehrheitsmeinung oder der medial gespiegelten Darstellung wiederfindet, spürt man keinen „Mainstream“ – man hält die Berichterstattung für neutral. Das Gespür für ausgegrenzte Meinungen und Weltanschauungen entwickelt man erst, wenn man selbst mit seinen Ansichten nicht mehr vorkommt.“ (S. 46)

Dazu zitiert die Autorin viele Menschen, die ihr auf verschiedenen Plattformen in Reaktion auf ihre unkonventionelle und mutige Berichterstattung geschrieben haben, so wie etwa diese Frau aus den östlichen Bundesländern Deutschlands:

„Journalisten traut sie nicht mehr über den Weg (…). Aufgewachsen ist sie in der DDR, und heute sagt sie, es fühle sich oft wieder so an wie damals. Sie spürt eine Art Unfreiheit, erzählt sie mir. Man werde auch heute wieder zu einer gewissen Unmündigkeit erzogen.“ (S. 22)

Es ist ein mutiges Buch, eines, das viele Dinge klar benennt, die sich viele der in den klassischen Medien Tätigen heute nicht mehr zu sagen trauen. Es ist ein Buch, das auch so einige gängige Argumente, man würde mit diesem oder jenem nur den Rechten in die Hände spielen, entkräftet, und klar aufzeigt, dass man genau durch den immer engeren Meinungskorridor dessen, was öffentlich noch gesagt werden darf, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, erst recht die extremen Kräfte stärkt.

Spürbar wird, dass der Autorin unsere Demokratie und Meinungsvielfalt am Herzen liegen, wie sich auch in diesen abschließenden Worten von ihr zeigt:

„Ich bin überzeugt: Wenn klassische Medien wieder für alle da sind, alle Stimmen abbilden, Empathie auch für jene zeigen, deren Meinung und Wahlentscheidung sie nicht teilen, würde dies das gesellschaftliche Klima verändern. Dann würde der Ton weniger unerbittlich, der Diskurs offener. Wir brauchen wieder einen Debattenraum, in dem niemand aus Angst vor Konsequenzen schweigt oder sich in eine Nische zurückzieht.“ (S. 181)

Von Herzen danke ich der Autorin für den Mut, dieses Buch zu schreiben und sich für stärkere Meinungsvielfalt auch in der Öffentlichkeit und in klassischen Medien einzusetzen, und dem Verlag dafür, ihr diesen Raum gegeben zu haben.

Eine absolute Leseempfehlung für alle – ganz besonders für jene, die sich vom Titel getriggert fühlen oder glauben, dass an diesem Thema nichts wahr sei: wer bisher noch nie die intellektuell-linksgrüne Meinungsblase verlassen hat, kann ganz besonders viel von diesem mit viel Engagement, Mut und Herzblut geschriebenen Buch lernen, wenn man bereit ist, sich für neue Ideen zu öffnen und die eigenen Positionen kritisch zu hinterfragen.

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