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Veröffentlicht am 22.07.2025

Ruhig und empathiefördernd - ein Juwel!

In Erwartung eines Glücks
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Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung ...

Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk, mittlerweile über 80 Jahre alt, ist für ihre Romane mit einer autobiografischen Note bekannt, in denen sie ganz besondere, eindringliche Worte für die Beschreibung menschlicher Lebenserfahrung findet. Dem wird auch ihr neuestes Buch "In Erwartung eines Glücks" vollends gerecht.

Ich selbst befinde mich erst am Anfang der Lebensmitte, somit ist die Geschichte der Frau, die in diesem Buch porträtiert wird und die wohl so einige Züge der Autorin selbst trägt (darauf gibt es auch im Buch den einen oder anderen Hinweis) altersmäßig noch viele Jahrzehnte von meiner eigenen Lebenserfahrung entfernt. Doch gelingt es Sylvie Schenk ganz wunderbar, mich für Irène, die Ich-Erzählerin einzunehmen, mich mit ihr mitfühlen zu lassen und mich für ihre Perspektive zu interessieren. So etwas ist großartige Literatur, der das gelingt, und die damit Menschen dabei unterstützt, Empathie für jene zu empfinden, deren Schicksale sie noch nicht einmal ansatzweise aus eigener Erfahrung kennen.

Irène, die Ich-Erzählerin, ist in einer der letzten Phasen ihres Lebens angekommen. Als junge Frau in Frankreich hat sie sich in den deutschen Austauschstudenten Johann verliebt, ist mit ihm nach Deutschland gegangen, hat geheiratet, mit ihm einen Sohn bekommen und über fünfzig Jahre an seiner Seite verbracht, bis er vor einiger Zeit gestorben ist. Auch wenn die Ehe ihre Auf und Abs hatte, wie wohl jede so lange Beziehung, fehlt er ihr sehr. Nun ist sie selbst im Krankenhaus, mit unklaren neurologischen Symptomen, deren Ursache abgeklärt werden soll. Immer wieder soll sie der Sprachtherapeutin zeigen, wie weit ihre kognitiven Fähigkeiten noch gehen, z.B. wie viele Wörter zum Thema Wasser ihr einfallen. Das Zimmer teilt sie mit einer jungen muslimischen Frau... geschätzt 17 oder 18 Jahre alt, so meint Irène. Die beiden sind sich anfangs noch fremd, nähern sich dann aber einander an, unterhalten sich stundenlang und Irène erzählt ihr von ihrer Leidenschaft für den politisch umstrittenen, aber gerade in Deutschland sehr erfolgreichen französischen Autor Houellebecq. Einen älteren Herren gibt es auch auf der Station, mit dem Irène sich anfreundet und Gedanken und Lebensgeschichten austauscht.

Vordergründig passiert in diesem Roman nicht sehr viel. Den Großteil des Romans nimmt Irènes Zeit im Krankenhaus ein und die Begegnungen mit den beiden genannten Personen. Dahinter spielt sich aber unglaublich viel ab: in Irènes Gedanken und Gefühlen. Sie nimmt uns mit auf eine rückblickende Betrachtung ihres Lebens, all das, was sie getan, erlebt, gedacht und gefühlt hat, und was das heute mit ihr macht.



Selten hat mir ein Buch so deutlich zu spüren gegeben, wie ähnlich ältere Menschen doch uns jüngeren und ihren eigenen jüngeren Versionen sind: oft mit körperlichen Einschränkungen, mit vielen erlittenen Verlusten und mit viel Reife und Lebenserfahrung, aber doch im Kern die gleichen Personen, die sie immer waren. Menschen mit Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten, die nicht einfach nur noch als alte Menschen abgestempelt werden möchten, sondern als die vielfältigen Persönlichkeiten wahrgenommen werden möchten, die sie immer noch sind.

Darüber hinaus verfügt das Buch über eine sehr schöne Sprache, die mich beeindruckt und berührt hat, und ist voll tiefgründiger Einsichten, hier ein paar Beispiele für beides:

"Sie wusste längst, dass Ängste sich nur im Zaum halten lassen, wenn man die Zukunft ignoriert, die Vergangenheit ausblendet und sich in der Gondel der Gegenwart schaukeln lässt: Ich bin da, noch atme ich." (S. 14)

"Schreiben war ein Festhalten im Sturm, die Buchstaben Felshaken, die Zeilen Seile. Oder ein Festhalten am Grashalm, die Buchstaben flüchtige Samen, die Zeilen fragile Spuren." (S. 48)

"Ihr Leben schien so viele Gesichter, Orte und Ereignisse in sich zu bergen, dass jeder Gedanke in dieser Fülle, in diesem Durcheinander, nicht mehr deutlich und einzeln aufgezeichnet werden konnte." (S. 80)

"Ihre Wut war längst verflogen. Es lohnt sich nicht, fremdzugehen, wenn man sich selbst fremd ist." (S. 108)

Damit ist das Buch für mich ein großartiges generationenverbindendes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt, Empathie fördert und das ich Menschen aller Generationen nur wärmstens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Starker Anfang, schwaches Ende

Ungebetene Gäste
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"Ungebetene Gäste" von Ayelet Gundar-Goshen ist mein drittes Buch von dieser Autorin. Davor habe ich "Wo der Wolf lauert" und "Löwen wecken" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. ...

"Ungebetene Gäste" von Ayelet Gundar-Goshen ist mein drittes Buch von dieser Autorin. Davor habe ich "Wo der Wolf lauert" und "Löwen wecken" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. Die Bücher der Autorin haben etwas Gemeinsames: auf die eine oder andere Art geht es darin immer auch um Grenzbereiche und Abgründe der menschlichen Psyche und moralische Dilemmata. Das ist grundsätzlich sehr interessant, birgt aber die Gefahr der Wiederholung.

So ging es mir auch anfangs mit "Ungebetene Gäste". Auch hier will ein Hauptcharakter, hier ist es eine Frau, die junge Mutter Naomi, nicht für die Konsequenzen ihres Tuns oder Unterlassens einstehen: diesmal geht es um einen Hammer eines arabischen Arbeiters, den der kleine Sohn Naomis wohl vom Balkon geworfen hat, woraufhin er einen Jugendlichen traf, der starb. Dafür wird erst einmal von der Polizei und vom aufgebrachten Mob der arabische Arbeiter verantwortlich gemacht, zu tief sitzen die Vorurteile und die Angst vor einem Anschlag. Naomi weiß mit Sicherheit, dass dieser es nicht gewesen sein kann, der Mann war am Klo, während es passierte. Und doch schweigt sie erst einmal... erst einmal!

Dann entwickelt sich das Buch zum Glück nicht genau gleich wie "Löwen wecken", sondern durchaus in eine andere Richtung, aber mit einigen Parallelen. Es geht auch hier wieder um die drastischen Gegensätze zwischen den sozialen Milieus und den Nationalitäten in Israel, um die Privilegierten und die am Rande der Gesellschaft. Darum, was man aus der jeweiligen Position heraus wahrnehmen kann und auch über die Privilegien, deren sich die Privilegierten oft nicht bewusst sind: so kommt es etwa dann zu einer Gerichtsverhandlung, bei der Naomi und ihr Mann aufgrund ihrer Mittel und Kontakte einen sehr guten Anwalt haben, während der arabische Arbeiter und seine Familie nur einen Pflichtverteidiger aufweisen können.

Es gibt in dem Buch also durchaus einige sehr interessante Charaktere und Ideen und es ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Schade fand ich aber, dass so einige Nebencharaktere vorkamen, die dann einfach nicht mehr erwähnt wurden (etwa "Madonna"). Etwas enttäuscht lässt mich auch das Ende zurück, das für mich sehr abrupt gekommen ist und in dem einige für mich sehr relevante Fragen einfach nicht mehr geklärt wurden. Damit ist es für mich insgesamt ein Buch mit gutem Schreibstil und interessanten Ansätzen, dem aber für eine mehr als mittelmäßige Bewertung meinerseits einiges fehlt.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Atmosphärische Milieustudie

Das Nest
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"Das Nest", der zweite Roman von Sophie Morton-Thomas entführt mich beim Lesen an die ruhige Ostküste Englands... und das erst einmal im Winter. Wir lernen Fran kennen, die hier Mobilheime betreibt.. aber ...

"Das Nest", der zweite Roman von Sophie Morton-Thomas entführt mich beim Lesen an die ruhige Ostküste Englands... und das erst einmal im Winter. Wir lernen Fran kennen, die hier Mobilheime betreibt.. aber jetzt im Winter ist nicht viel los. Umso mehr Zeit bleibt ihr für ihre Leidenschaft, Vögel zu beobachten. Vögel, die werden noch eine zentrale Rolle in diesem Buch spielen, wie sowohl der englische Originaltitel "Bird spotting in a small town" als auch der doppeldeutig gut gewählte Titel der deutschsprachigen Übersetzung, "Das Nest", passend andeutet.

Beim Lesen wird die Leidenschaft der Autorin für die Natur spürbar. Eine Stärke des Buches sind definitiv die atmosphärischen Natur- und Vogelbeschreibungen, die einen innerlich in diese ruhige Landschaft am Meer versetzen. Ich habe das Buch deshalb sehr gerne gelesen, es war für mich ein ruhiges und zugleich spannendes Leseerlebnis.

Ist es ein Krimi? Da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls kein typischer. Ja, es gibt einen Mord, an einer Lehrerin, aber es gibt kaum detaillierte oder gar kompetente Ermittlungsarbeit. Stattdessen steht die Milieubeschreibung im Vordergrund. Wir erleben den Roman aus zwei Perspektiven: einerseits die oben schon erwähnte Fran, die mit ihrem Mann eine leidenschaftslose und bestenfalls mittelmäßige Ehe führt, in der sich die Eheleute nicht mehr sonderlich viel zu sagen haben. Nicht viel besser ist die Beziehung zu ihrem 12-jährigen Sohn Bruno, für den sie sich auch nur sporadisch interessiert und den sie nicht wirklich zu verstehen scheint. Dann gibt es noch ihre Schwester Ros und deren Mann, mit großen Geld- und Suchtproblemen im Hintergrund, die Fran gratis in einem der Mobilheime leben lässt, dieses sogar für sie putzt und sich immer wieder Sorgen um ihre Nichte Sadie macht... ohne dem wirklich Handlungen folgen zu lassen.

Die zweite Perspektive ist die des Roma Tad, der sich gemeinsam mit anderen Reisenden für einige Wochen bis Monate in dieser Gegend mit ihren Wohnwägen niederlässt. Die Gruppe der Reisenden ist sehr positiv gezeichnet, es sind freundliche Menschen mit viel Familiensinn, bei denen auch die Kinder Bruno und Sadie immer wieder Zuflucht und Trost finden, ein Ausgleich zu den eher lieblosen, desolaten Familien, aus denen sie stammen.

Dann passieren schrittweise verschiedene Dinge: besagte Lehrerin wird ermordet, Frans Schwager verschwindet in der gleichen Nacht spurlos, Vögel werden zerstückelt aufgefunden und ein Vogelnest mit Eiern verschwindet. Wie hängt das alles zusammen und womit hat es zu tun?

Ob die Auflösung am Ende glaubhaft ist, möge jede/r individuell entscheiden. Insgesamt regt das Buch viel zum Nachdenken an, vor allem über soziale Verhältnisse, Isolation in der eigenen Familie und darüber, wem wir welche Taten zutrauen und wem nicht.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Das Zugehörigkeitsgefühl als Schlüssel für Wohlbefinden und Leistung

Dein bestes Selbst
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"Dein bestes Selbst" ist ein persönliches Entwicklungsbuch für Menschen, die sich für Weiterentwicklung, Führung und menschliche Beziehungen interessieren. Es wurde vom Berater und Coach Mike Lipkin in ...

"Dein bestes Selbst" ist ein persönliches Entwicklungsbuch für Menschen, die sich für Weiterentwicklung, Führung und menschliche Beziehungen interessieren. Es wurde vom Berater und Coach Mike Lipkin in Kooperation mit der Psychiaterin Diane McIntosh geschrieben. Eingeteilt in ein paar größere Kapitel geht es im Buch im Kern darum, aufrichtige und für beide Seiten gewinnbringende Beziehungen für beide Seiten mit anderen Menschen aufzubauen.

So beginnt das Buch schon mit dem Thema "Zugehörigkeit" und damit, wie wichtig es für die allermeisten Menschen sei, sich zu den Gruppen, die sie umgehen, und an den Orten, an denen sie sich befinden, zugehörig zu fühlen. Darauf aufbauend gibt es Tipps, wie man vor allem andere dabei unterstützen kann, sich in der eigenen Gegenwart wohl zu fühlen und wie man sowohl privat als auch am Arbeitsplatz eine produktive, wertschätzende Umgebung für alle Menschen schaffen kann.

Damit ist das Buch insgesamt sympathischerweise eben nicht von blinder Selbstoptimierungswut getrieben, sondern man spürt dahinter die Motivation der Autoren nach einer besseren, auch menschenfreundlicheren und kooperativeren Welt. Es ist sehr persönlich geschrieben, es finden sich insbesondere viele Beispiele aus dem Leben des Autoren darin.

Die Co-Autorin Diane McIntosh kommt leider nicht mit direkter Stimme zur Welt; ihre Beiträge werden immer vom männlichen Co-Autor in einen Rahmen gestellt, indem er berichtet, was sie erlebt hätte, aber sie nicht direkt zu den Lesenden spricht. Das habe ich ein bisschen schade gefunden und hätte mich gefreut, wenn beide mit ihren eigenen authentischen Stimmen berichtet hätten, insbesondere, da auch die Co-Autorin eine Person zu sein scheint, die viel zu sagen hat und alleine schon andere sehr gut bewertete Bücher zu ihrer Expertise, etwa zum Thema Depression, veröffentlicht hat.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Ein spannender, moderner Thriller, der zum Nachdenken anregt

Eine falsche Lüge – Wird es ihre letzte sein?
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"Eine falsche Lüge - wird es ihre letzte sein?" von Sophie Stava ist ein spannend erzählter, mehrperspektivischer und außergewöhnlicher Thriller. Wir lernen zuerst Sloane kennen, die meint, keine aufregende ...

"Eine falsche Lüge - wird es ihre letzte sein?" von Sophie Stava ist ein spannend erzählter, mehrperspektivischer und außergewöhnlicher Thriller. Wir lernen zuerst Sloane kennen, die meint, keine aufregende Lebensgeschichte zu haben und sich schon früh daran gewöhnt hat, ihren Klassenkameradinnen Lügen über ihre Familiensituation zu erzählen, um Mängel zu vertuschen und sich interessanter darzustellen. Und so ist Sloane mit der Zeit eine erfahrene Lügnerin geworden, doch ab und zu fällt ihr dieses auf den Kopf, und sie verstrickt sich immer mehr in ihre Lügen.

Als sie den extrem attraktiven und reichen Start-Up-Unternehmer Jay im Park mit seiner Tochter Harper kennen lernt, die von einer Biene gestochen wird, gibt Sloane sich kurzerhand fälschlicherweise als Krankenschwester aus, nennt sich Caitlin und versorgt das Mädchen. Danach wird sie sich zielstrebig und bewusst auch mit Jays Partnerin und der Mutter des Mädchens, Violet, anfreunden. Sloane/Caitlin genießt die Nähe zur reichen Familie und wird Harpers Kindermädchen. Doch ist sie die einzige, die hier nicht ganz mit offenen Karten spielt?

Interessanterweise lernen wir nach Sloanes eigener Perspektive etwa ab der Mitte des Buches auch die von Violet kennen und später auch noch die von Jay. Da können sich die Lesenden auf einige sehr spannende Überraschungen und plötzliche Wendungen gefasst machen. Ganz besonders überrascht das ungewöhnliche Ende.

In Summe ist es ein gut geschriebenes, unterhaltsames und leicht zu lesendes Buch, ein spannender Thriller mit plötzlichen Twists, der vieles, was man angenommen hatte, plötzlich wieder in Frage stellt. Besonders hat mir das Ende gefallen, das für so ein Buch überraschend modern ist. Auch wenn es bei einem Thriller hauptsächlich um Unterhaltung geht, mochte ich es sehr, dass das Buch auch die heutige Frauenrolle insbesondere in gehobenen Kreisen sehr kritisch hinterfragt und damit zum Nachdenken anregt.

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