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Veröffentlicht am 25.09.2025

Ein persönliches Mitmach-Experimentier-Buch

Spielen
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Gehen wir spielen! Experimentieren wir mehr in unserem eigenen Leben! Tun wir Dinge, die wir noch nie getan haben: einen neuen Weg ausprobieren, neue Geschmäcker probieren, sich auf vielfältige Art und ...

Gehen wir spielen! Experimentieren wir mehr in unserem eigenen Leben! Tun wir Dinge, die wir noch nie getan haben: einen neuen Weg ausprobieren, neue Geschmäcker probieren, sich auf vielfältige Art und Weise mal ganz anders verhalten als bisher! Dazu möchte dieses außergewöhnliche Buch von Karen Köhler einladen.

Es ist kein normales Sachbuch, in dem man auf theoretischer Ebene etwas übers Spielen liest, auch wenn man in den einzelnen Kapiteln durchaus wie nebenbei so einiges darüber lernt, was Spielen sein könnte: Spiel. Ausprobieren. Experimentieren. Neugierde. Wettbewerb. Offenheit für neue Erfahrungen. Lernen. Und noch so vieles mehr.

Die Autorin hat das Buch zum Teil während eines Indienaufenthalts geschrieben und das merkt man auch. Immer wieder lässt sie Erfahrungen aus dem persönlichen Leben und aus ihrer Reise einfließen: etwa zur inneren Haltung, als sie fast ihren Anschlussflug verpasst hätte, aber auch sonst zu Themen wie Achtsamkeit und Im-Moment-Sein.

Jedes Kapitel beginnt mit einigen persönlichen Gedanken der Autorin zu dem jeweiligen Aspekt des Spielens, z.B. "Spaß und Vergnügen", "Lernen und Entwicklung", "Stressabbau und Entspannung", "Soziale Bindung" oder "Kreativität und Fantasie".

Hier ein Beispiel zum Schreibstil, der persönlich, nahbar und zugänglich ist: "Spielen und Kreativität sind direkt miteinander verknüpft. Wenn wir das Leben spielen wollen, ist Kreativität der Schlüssel zu allem. Bleiben Sie bitte dran, egal, für wie wenig kreativ Sie sich halten. Ich glaube: Jeder Mensch ist per Anlage ein kreatives Wesen." (S. 130)

Nach diesen persönlich-theoretischen Einführungen finden sich am Ende des Kapitels Anregungen zum Spielen auf unterschiedlichen Levels, z.B. "Essen Sie einen Tag lang nur Lebensmittel einer Farbe", "Essen Sie eine Hauptmahlzeit mit den Händen" (ja, Essen und generell Sinnliches spielt eine große Rolle in diesem Buch), "Basteln Sie ein Origamitierchen und platzieren Sie es an einem öffentlichen Ort" oder "Porträtieren Sie eine andere Person, ohne auf das Papier zu sehen und ohne den Stift abzusetzen".

Dabei versucht die Autorin ihr Bestes, die Leserinnen und Leser zu überzeugen, tatsächlich mitzumachen und das Buch nicht nur zu lesen, sondern die Experimente auszuprobieren. Ganz am Anfang soll man sich zum Beispiel einen Spielnamen ausdenken, diesen schriftlich festhalten und ein Commitment zur Teilnahme unterschreiben.

Wenn man, wie ich, eine Person ist, die sowieso offen für Erfahrungen ist, Kreativität liebt und ständig Neues probiert, kann es sein, dass man so einige der Spielanregungen schon kennt. Wer bisher nichts mit dem Thema zu tun hat, wird viele neue Ideen oder Inspirationen finden, allerdings auch vielleicht eine innere Hemmschwelle überwinden müssen, mit dem "Spielen" zu beginnen. Da ist es dann gut, dass so viele unterschiedliche Übungen auf ganz unterschiedlichen Schwierigkeitsniveaus vorgestellt werden. Für die, die ihre Erfahrungen gerne mit anderen teilen, stellt die Autorin dafür passende Hashtags und eine Plattform zur Verfügung.

Politisch und gesellschaftlich hat die Autorin eine klare Position und Haltung, scheint von ihrer Wahrnehmung der Welt sehr überzeugt zu sein sowie zu vielen Themen eine sehr starke Meinung zu haben (Gendern, Umgang mit Kindern, Relevanz verschiedener geopolitischer Herausforderungen), die manche Leserinnen und Leser teilen werden und andere vielleicht nicht. Da es so ein persönlich geschriebenes Buch ist, kommt diese Haltung an vielen Stellen durch. Das macht das Buch einerseits persönlicher, andererseits wird man sich vielleicht aber auch an mancher Stelle innerlich widersprechen sehen, so ging es jedenfalls mir gelegentlich beim Lesen. Vielleicht gehört auch das zum Spielen dazu: sich damit zu konfrontieren, mit der eigenen Haltung zu experimentieren und zu spielen.

Ich kann das Buch allen, die für eine unkonventionelle Herangehensweise offen sind, Neues probieren möchten und keine theoretische Abhandlung, sondern ein Mitmach-Experimentier-Buch zum Thema Spielen suchen, sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Vom Platzen der Traumwelt und der unternehmerischen Anpassung an neue Herausforderungen

Die Stunde der Nashörner. Wie Unternehmen die neuen geopolitischen Risiken managen.
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In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es den verbreiteten Traum von immer mehr Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es ...

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es den verbreiteten Traum von immer mehr Globalisierung, Demokratie und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah es für kurze Zeit für viele Menschen im Westen so aus, als würde die Welt immer friedlicher, erfolgreicher und wohlhabender werden und immer mehr zusammenwachsen, nach westlichen Maßstäben und Werten. Auch das Projekt EU wurzelt tief in diesem Glauben, was sich auch darin zeigt, dass gemeinsame Verteidigungspolitik lange überhaupt kein Fokusthema war.

Nun stehen wir bekanntlich vor einer gänzlich veränderten Welt der neuen Kriege und zunehmenden Krisen. In dieser Welt kann es höchst problematisch sein, dass so viele kritische Industrien, insbesondere im IT-Bereich, große Teile ihrer Produktion nach China ausgelagert haben, auf eine Art, wie es nur unter sehr hohen Kosten und langsam wieder rückgängig gemacht werden könnte. Davon handelt dieses Buch: es analysiert dieses Thema, zeigt anhand von Daten, Grafiken und Beispielen den zunehmenden Aufschwung Chinas und den Abschwung des Westens und die damit einhergehende Abhängigkeit von Fernost auf, sensibilisiert für dieses Thema und zeigt erste Lösungswege.

Das Buch ist grundsätzlich übersichtlich gestaltet und Beispiele und Grafiken machen die Inhalte interessanter. Dennoch handelt es sich klar an ein Fachpublikum, das über tiefgehendes wirtschaftliches und idealerweise auch IT-technisches Vorwissen verfügt und mit dem entsprechenden Vokabular vertraut ist.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Gekürzt um die Hälfte könnte es ein gutes Unterhaltungsbuch sein

Die Sonne und die Mond
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Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war ...

Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war das für mich nicht der Fall: 600 Seiten braucht für mich schon einiges an wirklich interessantem Inhalt und Tiefgang... eine Geschichte, die so ein langes Buch auch tragen kann. Und das war diese Geschichte für mich persönlich nicht, weshalb es für mich persönlich einige Längen aufwies und ich damit gekämpft habe, das Buch zu beenden.

Inhaltlich geht es um zwei große Themenfelder: eine Frauenfreundschaft aus jungen Jahren, bei der es zu einem scheinbar unkittbaren Bruch kam, woraufhin Jahrzehnte ohne Kontakt zwischen den beiden Frauen folgten... bis mit Anfang 40 Jana von Mond, die als Kabarettistin im Fernsehen Karriere gemacht hat, auf einmal im Bestattungsinstitut von Sonja "Sonne" Meling auftaucht und vehement darauf besteht, ihren verstorbenen Ehemann und dessen schwangere Geliebte von der ehemaligen Freundin in einem gemeinsamen Grab beerdigen zu lassen. Gegen Sonjas großen, aber letztendlich erfolglosen Widerstand schafft es Jana, einen immer größeren Platz im Leben der ehemaligen Weggefährtin einzunehmen, zieht bei dieser ein, verzieht deren Sohn und misshandelt die Schildkröte und begeht auch in vielen weiteren Bereichen Verrat an den Werten und Prinzipien der Jugendfreundin. Und das, nachdem schon damals ihr Handeln zum Ende der gemeinsamen Freundschaft geführt hatte.

Nein, eine Sympathieträgerin ist Jana von Mond tatsächlich nicht. Sowohl als junge Frau als auch heute verhält sie sich überwiegend gedankenlos bis rücksichtlos oder sogar manipulativ. Was hat die zwei jungen Frauen damals in ihrer Jugend miteinander verbunden? Dass sie beide ein oder beide Elternteile tragisch verloren hatten? Was verbindet sie heute? Das wurde für mich auch nach der Lektüre des umfangreichen Buches nicht klar, es ist mehr Hassverbindung als sonst etwas für mich gewesen.

Sonja Meling war mir als Charakter deutlich sympathischer als Jana, auch wenn sie klar ihre emotionalen Wunden in sich trägt, die sie hinter der Fassade einer toughen Geschäftsfrau und alleinerziehenden Mutter, die keinen Mann nötig habe, versteckt, während sie emotionale Briefe an ihren langjährigen Mitarbeiter und treuen Freund Samuel schreibt. Ebenfalls eine in sich zutiefst belastete Persönlichkeit.

Wäre dieses Buch anspruchsvolle Literatur, dann hätte ich mir eine deutlich stärkere Charakterentwicklung der beiden Frauen und ihrer Beziehung zueinander gewünscht, als sie in diesem Buch vorkommt. So sind es für mich zwei unreife Protagonistinnen, die auch Jahrzehnte nach den ursprünglichen Ereignissen nur wenig erwachsener geworden sind, das gilt insbesondere für Jana. Getragen wird das Buch von vielen Szenen, die im Bestattermilieu spielen, deren Authentizität und Glaubwürdigkeit ich aber mangels genauerer Kenntnis dieses Berufsfeldes nicht im Detail beurteilen kann. Manche davon sollen wohl lustig sein, ich persönlich habe vieles davon makaber gefunden, etwa eine rasante Autofahrt mit dem Leichenwagen, bei der der transportierten Leiche - ursprünglich eine alte Frau, die sehr darauf bedacht war, respektvoll beerdigt zu werden - post mortem noch einmal das Genick gebrochen wird. Manche mögen darüber lachen, für mich, die ich mit der Figur der Verstorbenen mitgefühlt habe, war es einfach nur makaber.

An dieser Stelle auch eine Triggerwarnung für alle, die vom Thema Suizid und insbesondere Schienensuizid im näheren Umfeld betroffen sind: ein solcher kommt im Buch vor und wird explizit und mit grauslichen, drastisch geschilderten Szenen, die mich als Betroffene immer noch bildlich in meinem Kopf verfolgen, beschrieben. Das geschieht in einer Ausführlichkeit, die meiner Meinung nach nichts zur Handlung dieses Buches beiträgt - ob das auch Teil des seltsamen Humors des Autors ist, der in diesem Buch, das ich Trauerdistanzierungsbuch nennen möchte, laut Nachwort die Trauer über den Tod seiner geliebten Lebensgefährtin verarbeiten möchte, kann ich nicht sagen.

Insgesamt ist das Buch durchaus unterhaltsam erzählt, hat allerdings viele Cliffhanger: immer, wenn es richtig spannend wird, wird die Handlung unterbrochen und es geht über dutzende Seiten mit einem völlig anderen Themenstrang, oft im Bestattermilieu, weiter. Manche Leserinnen und Leser mögen das schätzen, weil es für sie die Spannung erhöht, mich hat es in dieser Häufung nur genervt.

Empfehlen kann ich das Buch nur jenen, die einen sehr speziellen, teils makabren Humor zum Thema Tod schätzen, sich auf ein eher langes Buch einlassen möchten und keine hohen Ansprüche an Charakterentwicklung, Tiefe und Authentizität stellen. Meine Art von Humor war es nicht, vieles grenzte für mich an Respektlosigkeit im Umgang mit dem Thema Tod. Diese Einschätzung ist aber wohl individuell und muss jede/r für sich treffen.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Treffende Parodie aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse in der sozialen Blase des Journalismus

Aufsteiger
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Dramaturgisch spannend beginnt "Aufsteiger", der neue Roman von Peter Huth, mit einem Leichenfund und einem ermittelnden Kommissar. Doch wer die Leiche ist und wie sie zu Tode gekommen ist, das werden ...

Dramaturgisch spannend beginnt "Aufsteiger", der neue Roman von Peter Huth, mit einem Leichenfund und einem ermittelnden Kommissar. Doch wer die Leiche ist und wie sie zu Tode gekommen ist, das werden wir erst ganz am Ende erfahren. Schon jetzt wissen wir aber: es wird wohl um eine sich zuspitzende Dynamik gehen, die am Ende mindestens für eine Person gar nicht gut ausgeht.

Nach diesem Einstieg lernen wir Felix Licht kennen, der, wie er meint, kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere steht. Der jetzige Chefredakteur des Magazins, für das er seit Jahrzehnten als Journalist tätig ist, hat sich einen kritischen Faux-Pas geleistet. Und wer könnte ihm nachfolgen, wenn nicht Felix Licht? Das müsse doch die logische Konsequenz all seiner Anstrengungen und Verdienste sein, niemand kenne das Magazin so gut wie er, niemand beherrsche das journalistische Handwerk so gut wie er (ach, das grenzenlos überhöhte Selbstbewusstsein so mancher Männer!), und außerdem hat er es bewusst darauf angelegt, zum neuen Eigentümer eine nahe Verbindung aufzubauen. Nun also ist es so weit, die Position wird frei und Felix Licht hat auch schon einen Gesprächstermin beim Eigentümer, er sieht sich innerlich schon feiern und plant seinen Triumph.

Doch es kommt anders, statt ihm bekommt die bildschöne, kluge, junge Zoe Rauch die Position: Zoe, mit der ihn eine Geschichte von vor über zehn Jahren verbindet, als sie als blutjunge Volontärin kurz für das Magazin gearbeitet hat. Inzwischen ist sie zu einer Lichtgestalt des neuen Journalismus aufgestiegen und hat ein Buch veröffentlicht. Vor allem ist sie aber alles, was Felix Licht nicht ist: jung, weiblich und mit dunkler Hautfarbe. Insgesamt hoffen der Eigentümer und vor allem seine Frau, damit das Magazin neu und entsprechend dem aktuellen linkswoken Zeitgeist positionieren zu können. Für Felix Licht hingegen bricht eine Welt zusammen, er kann mit der Niederlage nicht umgehen, und auch privat geht es mit ihm bergab: nach einer Entgleisung im Beisein von Frau und Tochter muss er von Zuhause aus- und ins Hotel umziehen (um 300 Euro pro Nacht, man sieht hier den extrem privilegierten finanziellen und sozialen Hintergrund) und die Trennung steht bevor. Verzweifelt möchte er das Magazin auf Diskriminierung verklagen.

So viel zum bekannten Inhalt. Dieser hat mich schon in der Ankündigung neugierig auf dieses Buch gemacht und ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn aus satirischen Gründen einiges auf die Spitze getrieben wurde: der aktuelle links-woke Zeitgeist wird mit diesem Buch passend porträtiert, genauso wie die manchmal verunglimpfend "alten weißen Männer" genannten älteren Herren, die sich so lange ihrer Positionen, Privilegien, Machtansprüche und dem, was ihnen vermeintlich zustehen würde, so sicher waren... bis sie von einer Welle des aktuellen Zeitgeistes überrollt und oft psychisch in den Abgrund getrieben werden. Jedenfalls nehmen sie selbst es als Abgrund wahr - realistisch betrachtet fallen sie finanziell und sozial oft sehr weich - viel weicher als all jene, die zu früheren Zeiten auch mit noch so viel Talent niemals eine Chance auf solche Positionen gehabt hätten - und haben immer noch ein bestens abgesichertes, privilegiertes Leben, doch das fragile Ego dieser Männer kann manchmal keinerlei Degradierung ertragen und hält sich noch lange verbissen an der vermeintlichen Ungerechtigkeit fest, ist oft nach Jahren noch verbittert und voll Hass.

Mein Mitleid mit diesen privilegierten Herren, für die es ein Leben lang nur beruflichen Aufstieg gegeben hat, hält sich persönlich sehr in Grenzen, denn selten habe ich von ihnen viel Mitgefühl gegenüber weniger Privilegierten erlebt, als sie selbst noch an der Macht waren. Und ich habe persönlich in meinem Berufsleben schon einige Demontagen dieser aus der Zeit gefallenen Gestalten durch selbstbewusste, junge Frauen, die plötzlich aufgrund ihrer Netzwerke und des veränderten Zeitgeistes mehr Gestaltungsmacht haben, erlebt.

Dieses Buch lässt keines der aktuellen Zeitgeistthemen aus: ob es um die Coronazeit und ihre Nachwirkungen geht, das Wiedererstarken konservativer Kräfte, die Klimakleber, gendergerechte Sprache, Transgenderthemen und vieles mehr - alles davon findet im Buch seinen Platz. Wer sich ein realistisch geschriebenes Buch erwartet, mag diese Häufung übertrieben finden, für eine satirisch-parodistische Überzeichnung der aktuellen Verhältnisse insbesondere in der links geprägten Blase des Journalismus finde ich das aber durchaus passend.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam und regt dabei an vielen Stellen zum Schmunzeln und Nachdenken an. Ich mochte auch, dass es für keine der Seiten klar Position bezieht, sondern die Vielfältigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und des damit verbundenen Handelns aufzeigt. Gerade, dass keine eindeutige Botschaft und Intention des Autors daraus ablesbar ist und über seine eigenen politischen Einstellungen spekuliert werden kann, macht für mich eine der Qualitäten des Buches aus. Ich kann es allen an den aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen interessierten Menschen sehr empfehlen. Ganz besonders eignet es sich auch für Leserunden und Diskussionsabende.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Autistische Wahrnehmung aus der Du-Perspektive

Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien
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Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, ...

Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, dass nicht direkt aus der Ich-Perspektive erzählt wird, sondern eine unsichtbare Stimme sich per "Du" an das kleine "Alien" wendet, ein Mädchen mit einer ganz eigenen Weltwahrnehmung, die in vielem der autistischen ähnelt. Die Autorin Alice Franklin wurde selbst als Erwachsene als autistisch diagnostiziert und dieses Buch ist laut Interviews ein Versuch von ihr, diese Welt anderen Menschen näher zu bringen.

Auch wenn das nirgends explizit so benannt wird, gibt es im Buch viele Hinweise auf die Besonderheiten des Erlebens und Wahrnehmens autistischer Menschen, z.B. auf das Wörtlich-Nehmen vieler Aussagen, auf Schwierigkeiten, üblichen Humor zu verstehen, körperliche Ungeschicklichkeiten oder, wie an dieser Stelle, fehlenden Blickkontakt: "In dem Dokumentarfilm spricht eine Frau mit schiefen Zähnen mit jemandem, den die Kamera nicht zeigt. Vielleicht hält diese Person genau wie du nicht gern Augenkontakt. Vielleicht ist auch in Gedanken versunken, während sie von Büchern und der Vergangenheit erzählt. Hinter der Frau befinden sich Bücher. Zudem trägt sie eine Brille. Daher weißt du, dass die Frau schlau ist, denn in der Welt des Fernsehens sitzen ausschließlich schlaue Leute vor Büchern und tragen Brillen." (S. 71)

Diese Du-Perspektive begleitet das Mädchen von der Zeit als Kleinkind über die Volksschulzeit bis ins Teenageralter, als es zufällig vom geheimnisvollen Voynich-Manuskript erfährt, das vielleicht Aliens erstellt haben könnten, sich darin wiedererkennt und es unbedingt finden und mehr darüber erfahren will: "Bisher war dir nicht klar, dass Aliens existieren, zumindest in Wirklichkeit. Bisher war dir nicht klar, dass sie ihre eigene Sprache haben. Das erscheint dir sehr einleuchtend. Es leuchtet ein, weil du manchmal das Gefühl hast, deine Sprache wäre gar nicht deine Sprache. Andere Leute sagen Dinge und du weißt nicht, was sie damit meinen. Andere Leute tun Dinge und du weißt ebenso wenig, was sie damit meinen. Da ist etwas entkoppelt, durch und durch falsch. Das spürst du ganz stark, tief in deinem Inneren." (S. 73)

Dabei führt sein Weg über verschiedene Bibliotheken und Bekanntschaften. Im Hintergrund geht es aber auch stark um die Familiengeschichte des Mädchens und insbesondere um dessen psychisch kranke Mutter, die sich hinter der Lektüre unzähliger Ratgeber versteckt, kaum auf das Mädchen und seine Bedürfnisse eingeht und mal von Lethargie, dann von Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten geplagt wird und auch schon mal unfreiwillig länger in der geschlossenen Psychiatrie landet.

Am Ende jeden Kapitels finden sich humorvoll ausgesuchte Literaturtipps, passend zur Lektüre der Sachbücher verschlingenden Mutter, z.B. "Wie man das volle Potenzial eines Bibliotheksausweises ausschöpft" oder "Der riskante Weg: Sind Sie gemacht für das Leben als Versicherungsmathematiker?" (S. 89)

Insgesamt ist es ein interessant und liebevoll geschriebenes Buch, das sich leicht und schnell liest und an vielen Stellen Empathie für Menschen aus dem autistischen Spektrum und generell für alle, die sich auf dieser Welt unzugehörig und anders fühlen, fördern kann. Es ist also durchaus ein bezauberndes Buch, das für das Thema sensibilisieren und zum Nachdenken anregen kann, und das eine besondere Erzählperspektive aufweist.

Dass es für mich persönlich dennoch kein 5-Sterne-Buch ist, hat vielleicht auch mit den vielen anderen Werken zum Thema zu tun, die ich kenne und von denen einige mich mit ihrer Authentizität und Tiefe deutlich mehr überzeugt haben: trotz allen Hinweisen habe ich den Eindruck, das Gesamtgefühl für eine autistische Wahrnehmung kommt für mich durch die vermeintlich allwissende Du-Außenperspektive etwas zu kurz, und die Geschichte ist für mich auch etwas zu stark vermischt mit den psychischen Problemen der Mutter. Irgendetwas macht für mich da das Bild insgesamt nicht ganz rund, sodass es ein etwas weniger starker Leseeindruck ist, als es sonst gewesen sein könnte.

Auch der Titel passt für mich nicht ganz: so richtig um Lebensweisheiten geht es für mich darin nicht, es wird die Welt des autistischen Mädchens eher beschrieben als dem Mädchen verständlich gemacht, es ist keine Aufklärung über die Welt und wie sie funktionieren könnte, und so, wie das Buch geschrieben ist, hätte es auch sehr gut aus der Ich-Perspektive des Mädchens erzählt sein können und würde genauso aufzeigen, wie das Mädchen sich fremd fühlt und viele Dinge nicht versteht, die nicht explizit erklärt werden und nur die vermutlich überwiegend neurotypischen Leserinnen und Leser verstehen werden. Es ist trotz der Du-Form viel mehr Innenperspektive einer Autistin als Dialog mit der Welt.

Von mir als Bewertung gibt es jedenfalls gut verdiente 4 Sterne und eine Empfehlung für alle, die sich für besondere und etwas andere Bücher interessieren. Es ist durchaus empfehlenswert, das Buch kurz anzulesen, um selbst entscheiden zu können, ob dieser spezielle Schreibstil einen emotional erreichen kann oder nicht.

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