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Evy_Heart

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Veröffentlicht am 17.10.2020

Starke zweite Hälfte.

Antonia Baum über Eminem
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Obwohl mein erster Versuch mit der KiWi Musikbibliothek nicht so erfolgreich war, wagte ich einen neuen. Ich habe Eminem nicht exessiv gehört, aber ich finde ihn charismatisch. Ich hatte erwartet, spannende ...

Obwohl mein erster Versuch mit der KiWi Musikbibliothek nicht so erfolgreich war, wagte ich einen neuen. Ich habe Eminem nicht exessiv gehört, aber ich finde ihn charismatisch. Ich hatte erwartet, spannende Fakten über Eminem zu erfahren, was nicht der Fall war. Stattdessen glänzt das Buch im zweiten Teil mit einer Abhandlung über das Schreiben von Frauen und der Auseinandersetzung mit den frauen-feindlichen Texten Eminems. Als Rahmen dient die Frage, warum die Autorin Eminem als Teeanger gern gehört hat und wie es ihr heute, mit seinen neuen Texten, geht.

Bei mir nimmt der Text übrigens 69 von 81 Seiten ein - finde ich etwas kurz.

Meine Meinung

Die erste Hälfte beschreibt den Werdegang Eminems und warum seine Texte so wichtig für die Autorin waren. Später folgt der für mich interessante Teil: Warum ein weiblicher Teenager Eminem hört und in die (männliche bzw. gemischte Gruppe) integriert wird, obwohl seine Texte sich gegen Frauen wenden und oft den Heiligen-Hure-Dualismus bedienen. Die Antwort ist, u.a.: Gewohnheit. Mittlerweile setzen wir uns mit diesen Texte auseinander, wir nehmen sie nicht mehr hin. Vor einigen Jahren war das noch anders - es war normal, dass Eminem darüber rappte und es war normal, dass das nur Show war, die mit der Realität nichts zu tun hatte. Mittlerweile wissen wir es besser. Ein weitere Grund ist, dass Frauen den Eindruck erwecken, dass sie "über" den Texten stehen, dass sie die versteckte Botschaft dahinter erkennen, vielleicht auch, dass das Frauenfeindliche nur feindlich wirkt? Außerdem setzt sie sich mit dem Thema "Kunstfigur" auseinander. Warum vermuten wir, dass Eminem sich gegen Frauen und Homosexuelle stellt, nur, weil er darüber schreibt? Der Text erklärt, dass Eminem auf diese Frage keine klare Antwort gibt und das deswegen so schlimm ist. Ich fand das sehr interessant und vermute, dass er das selbst nicht weiß. Oder seine Glaubwürdigkeit verliert? Anerkennung scheint ein großes Thema zu sein. Das wird am Ende deutlich, als die Autorin feststellt, dass aus dem wütenden Mittzwanziger mit innovativer Energie ein wütendener Mittvierziger mit Klischeesätzen geworden ist. Dass er sich aus dem Trailerpark heraus gegen die Großen gestellt hat, von diesen bewundert wurde, dass er aber trotz seines Erfolges niemals so hoch gekommen ist.

Fazit

Für mich setzt dieses Buch wunderbar an die "Oral Historie" der deutschen Rap-Geschichte an, die ich vor einigen Monaten gelesen habe. Besonders die Beziehung zwischen Frau-Sein und Rap wird noch einmal vertieft. Trotzdem fand ich das Buch etwas kurz - denn die Gedanken sind interessant, für mich sogar stellenweise zu komplex. Ich hätte mich gefreut, wenn es mehr Zitate, mehr Quellen, mehr Ausführlichkeit gegeben hätte.

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Veröffentlicht am 12.06.2021

Gut für zwischendurch

Nachrichten von Männern
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Ich habe das Hörbuch über Netgalley erhalten und wusste anfangs nicht, ob es meinen Humor trifft. Mir hat das Buch gefallen, ich hatte Spaß damit, weil ich mich und einige meiner Gesprächspartner wiedererkannt ...

Ich habe das Hörbuch über Netgalley erhalten und wusste anfangs nicht, ob es meinen Humor trifft. Mir hat das Buch gefallen, ich hatte Spaß damit, weil ich mich und einige meiner Gesprächspartner wiedererkannt habe und weil ich das Gefühl hatte, dass ich nicht allein bin. Objektiv betrachtet sieht die Sache leider etwas anders aus. Übrigens funktioniert das Buch als Hörbuch grandios, weil die Sprecher den Text aufwerten. Als geschriebenes Buch hätte ich Probleme gehabt.

Worum geht es?

Digitale Gespräche mit Männern - bei Dates, Anmachen und anderen Situationen, in denen man sich eher distanziert gegenüber steht.

Der Inhalt im Detail

Das Buch arbeitet ca. 15 Gesprächstypen ab - von Männern, die sich plötzlich nicht mehr melden, über Männer, die einem nur zu besonderen Gelegenheiten schreiben, ohne, dass ein tiefes Gespräch entsteht. Oder Männern, mit denen man sich gut hassen kann.

Die Reihenfolge wirkt beliebig, der Tonfall ist witzig, aber oberflächlich. Ich musste einige Male lachen, hätte mir aber mehr Pointen gewünscht. Immerhin gibt es nur wenige Anspielungen, sodass das Niveau eher niedrig ist.

Was ich vermisst habe, sind klare Handlungsempfehlungen. Im Zweifel werden Fragen mit Humor weggewischt, was ich schade finde. Besonders, als es um das Thema Hassliebe geht, zählt das Buch auf, wie man diesen Kampf am besten vorbereitet und aufrecht erhält. Natürlich könnte man alle Typen mit einer Strategie bewältigen: Überlegen, was einem an der Person liegt und klar sagen, was man erwartet. Wenn man sich nicht auf eine Form der Beziehung einigen kann, dann geht man. Aber es gibt ja viele Zwischentöne. Das Buch ermutigt Menschen in diesem Punkt sehr wenig.

Leider endet das Buch aprupt - es gibt eine Einleitung, aber kein Nachwort - nicht einmal eine Danksagung. So fehlt dem Buch er Abschluss.

Wie funktioniert das Buch als Hörbuch?

Die Texte hören sich gut, sind kurzweilig. Besonders die Chats sind so umgangssprachlich, dass sie normal und nicht steif klingen, aber nicht übertrieben "hip" - es gibt keine Abkürzungen, selten Smilies und Daumen-Hoch. Das fand ich gut.

Ranja Bonalana als Erzählerin, die man als Sprecherin von Kim Raver, Rachel McAdams und Renee Zellweger bzw. Bridget Jones kennt, trägt einen durch das Buch mit einer Betonung, die der Ironie des Buches sehr entgegen kommt, die aber nie überzeichnet ist. Ich fand das sehr angenehm.

Nana Spier spricht u.a. Drew Barrymore und hat den "weiblichen" Teil der Chats vertont. Sie spricht hier höher, fast quietschig, zeigt aber ein bisschen Vielseitigkeit. In einigen Passagen fand ich sie angenehm, in anderen nervig. Ihre Stimme unterstreicht aber leider auch das Klischee von Frauen, die viel fordern und sich viel erhoffen und dabei immer zu hoch, zu quengelig sprechen. Das ist eigentlich nicht mehr notwendig.

Steffen Groth, den ich bisher nicht als Sprecher kannte, sondern als Schauspieler von u.a. Alexis in Doctor's Diary, hörte sich gut an. Ich mag den Klang seiner Stimme, aber er war mir mit seiner Kombination aus Wärme der Stimme, Volumen und Lautstärke in einem Hörbuch zuviel - als Schauspieler ergibt das mit Mimik und Gestik eine tolle Performance, aber nur als Audio war es einfach zuviel. Ein bisschen weniger Energie wäre gut gewesen. Ich denke, dass die Chats zu knackig abgemischt sind. Dennoch wirkt Groth in den verschiedenen Typen sehr stimmig und zeigt, wie vielseitig er sprechen kann.

Fazit

Das Buch erheitert und lässt sich wunderbar auf einer Zugfahrt hören, wenn einem die Nachbarn auf die Nerven gehen. Wer hier praktische Tipps erwartet, wird enttäuscht.

  • Cover
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Veröffentlicht am 15.05.2021

Fast besonders

Blütenschatten
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Nach langer Zeit wollte ich ein Buch vom Diogenes Verlag lesen. Und da es um Kunst und Musen geht, und ich mich gern mit bildender Kunst beschäftige, habe ich das Buch angefordert.

Rezi enthält Spoiler.

Worum ...

Nach langer Zeit wollte ich ein Buch vom Diogenes Verlag lesen. Und da es um Kunst und Musen geht, und ich mich gern mit bildender Kunst beschäftige, habe ich das Buch angefordert.

Rezi enthält Spoiler.

Worum geht es?

Um eine Frau, die sich und die Kunst in den Mittelpunkt rückt. Eve befindet sich im steten Kampf - mit ihrem Mann, mit dem sie ein langweiliges Leben führt und dessen Affären sie mit Affären bestraft. Mit ihrer Tochter, von deren Leben als Influencerin sie nichts hält. Mit ihrer Erinnerung an den Künstler Florian, dessen Muse sie einst war, für den sie aber nur eine von vielen Affären war und der sogar Kapital aus ihrer Verletzlichkeit als junge Künstlerin geschlagen hat, indem er sie malte. Mit Konkurrentin Wanda, deren selbst-kasteiende Aktions-Kunst im krassen Gegensatz zu Eves Stillleben stellt. Doch die Angst zu versagen verdrängt sie mit dem unerschütterlichen Glauben an ihre Kunst. Und genau an diesem Stolz scheitert sie und reiht sich ein in die, die sie so sehr verachtet.

Treffend formuliert des der englische Untertitel: "Family life. Reputation. They took a lifetime to build and a second to wreck." (Familienleben. Anerkennung. Es braucht ein ganzes Leben, um sie aufzubauen. Und einen Augenblick, um sie zu zerstören.)

Wie ging es mir beim Lesen?

Die ersten 50 Seiten habe ich mich gelangweilt, weil das Buch eine Parallelmontage aus der Jetzt-Zeit, auf einem Spaziergang durch London, und Erinnerungen ist. Wer schonmal in London war, wird vieles wieder erkennen und ich vermute, dass sich die Leser in das Gefühl der Stadt fallen lassen können.

Interessant fand ich, dass sich die Spannung nach und nach aufbaut und sich meine Meinung von der Figur verändert hat. Anfangs hatte ich Mitleid, weil sie traurig durch den Regen läuft. Doch je weiter die Handlung voranschreitet und je mehr man von der Figur entdeckt, desto undurchsichtiger wird die Schuldfrage. Welchen Anteil hat sie an dem Unglück, das ihr widerfährt? Warum macht sie das Gefühl, dass jeder gegen sie ist, blind für die Menschen? Warum denkt sie, dass man mit Geld (für die Tochter, einen Ex-Lover ...) alles kitten kann? Und warum ändert sie nicht die Richtung, obwohl es deutliche Hinweise gibt, dass etwas nicht stimmt? »Das Problem mit dir ist, dass du eine als Rebellin verkleidete Traditionalistin bist.«, sagt Eves Mann bei 51 % des Buches. Und das zieht sich durch das ganze Buch.

Letztlich habe ich Eve so sehr gehasst, dass ich überlege, ob das Werk nicht eine Satire ist. Auf einen Künstler, der das Kunst-Schaffen über alles stellt. Und auf einen Kunstbetrieb, der noch so konservativ ist, dass man jemanden mit einer Affäre zu einem jüngeren Mann den Ruf ruinieren kann. Dass ausgerechnet die Kunst, die uns frei machen sollte, so deutliche Grenzen setzt, wenn es um's Geld geht. Besonders der Höhepunkt zeigt das. [Spoiler] Nachdem sich Eves Liebhaber, der sich als Intrige ihrer Konkurrentin Wanda entpuppte, versehentlich selbst verletzte und im Sterben liegt, ruft sie keinen Krankenwagen, sondern findet das Rot seines Blutes so schön, dass sie erst ihr Bild fertig malt. Sie erkennt die Tat nicht als Verbrechen, sondern das größere Verbrechen wäre es, das Bild unvollendet zu lassen. [Spoiler Ende] Bis zum Schluss glaubt sie, dass ihre Anerkennung als Künstlerin über allem steht.

Letztlich bekommt man einen guten Einblick in die Figur und das Buch entfaltet einen guten Sog.

Was hat mir nicht gefallen?

Mit Distanz betrachtet ist die Geschichte relativ simple und die Hinweise auf das Ende deutlich. [Spoiler] Der Täter ist ziemlich dumm, er versucht nicht, sich zu retten oder Eve zu beschwichtigen, und er hat sein Verbrechen nicht einmal gut verschleiert. [Spoiler Ende]

Ich fand es gut, einen Einblick in die Arbeit einer Künstlerin zu bekommen, deren Arbeit so weit von meinen Präferenzen entfernt liegt. Aber die Passagen über Farben und Blumen sind langatmig.

Aktionskunst vs. Stilleben

Ein Schwerpunkt des Buches ist der Gegensatz aus Wanda (Performance Art) und Eve (Blumen). Wanda, die sich Eve angeblich immer unterlegen fühlte, celebriert ihr Leiden. Beispielsweise steht sie drei Tage lang öffentlich vor einem Spiegel und starrt sich an. Oder sie hängt vollgeblutete Tampons an die Decke. Wanda steht für eine neue Form der Kunst, die für mehr Menschen zugänglich ist, weil sie verschiedene Sinne anspricht. Als Betrachter muss man keine geheimen Codes entschlüsseln, sondern man wird durch seine Rolle als Zuschauer Teil des Kunstwerkes. Man denkt über sie nach, kann mit ihr interagieren. Und ich glaube auch, dass die parasoziale Beziehung zwischen Künstler und Rezipient, an der Grenze zum Konsum, eine Erfahrung ist, nach der sich Menschen sehnen. Weil sie Gefühle sichtbar macht, über die die Gesellschaft selten spricht. Innerhalb des Kunstwerks darf man sie erleben, ähnlich wie Fremdscham, wenn man Reality-TV guckt.

Eve dagegen mag Stillleben und gibt damit einer Kunstform ein Gesicht, das lange als bloße Abbildung der Natur galt und in dem vor allem Frauen aktiv waren - ohne, dass man sie gesehen hat. Der Text zeigt, dass die Auswahl der Farben, die Anordnung der Blumen und die Wahl der Blüten ein bewusster Prozess ist. Das macht das Bild zur Kunst. Und obwohl sich Eve nicht wertgeschätzt fühlt, gibt es eine Käuferschicht für diese Richtung.

Genauso wie Wanda ihre Gefühle nach außen tragen muss, um sich gut zu fühlen, trägt Eve sie nach innen, indem sie sich penible dem Prozess widmet. Worin sich beide Frauen gleichen.

Fazit

"Blütenschatten", im Englischen düsterer "Nightshade" (Nachtschatten) ist ein Buch, das Eindruck hinterlässt. Es besticht mit seiner geradlinigen Figur, über die man gut nachdenken kann, und mit vielen Aspekten, die angesprochen werden. Trotzdem finde ich den Text ein bisschen altbacken, weil er ein eher traditionelles Bild von der Kunst und der Künstlerin zeichnet.

  • Cover
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Veröffentlicht am 14.04.2021

Nuancen eines Trainingsanzugs

Die Kobra von Kreuzberg
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Ich wollte eine amüsante Krimi-Komödie lesen, deswegen habe ich es angefordert. Was ich nun allerdings gelesen habe, weiß ich nicht einzuordnen - ist das kunstvoller Trash, wie manche Rezensenten behaupten? ...

Ich wollte eine amüsante Krimi-Komödie lesen, deswegen habe ich es angefordert. Was ich nun allerdings gelesen habe, weiß ich nicht einzuordnen - ist das kunstvoller Trash, wie manche Rezensenten behaupten? Ist das gute Unterhaltung? Oder soviel Kunst, dass ich sie nicht verstehe?

Worum geht es?

Beverly ist Teil einer Verbrecher-Dynastie - sämtliche männliche Verwandete (ohnehin gibt es nur wenige Frauen ...) haben legendäre Diebstähle begangen. Ihr selbst ist noch kein großer Coup gelungen, dafür soll es nur ein Kunstwerk von symbolischem Wert sein - die Quadriga vom Brandenburger Tor in Berlin.

Wie hat mir das Buch gefallen?

Dass es sich hier um eine Parodie handelt, erkannte ich daran, dass der Kommissar Ference Hotfilter heißt. Und fast alle Figuren nicht-deutsch-klingende Namen haben. Auch die Trainingsanzüge als Arbeitskleidung, der Clubchef, der ein Verhältnis mit seinem Security hat und die hipster-mäßig philosophierende Beverly, die sich mit ihrem Love-Interest hervorragend über die Frage unterhalten kann, wann man die Zahnbürste mit Wasser befeuchtet. Dass sich der Erzähler mehrere Seiten über eine fiktive Genderforscherin und ihre Rezeption auslässt, obwohl diese mit der Handlung nichts zu tun hat, ist eine Anspielung, die ich nicht kapiert habe, aber es zeigt für mich gut, dass sich auch "richtige" Krimis manchmal gern an Details aufhalten.

Ich glaube, dass man im Buch viele Anspielungen suchen und finden kann.

Die Geschichte selbst ist interessant und hat einen überraschenden Wendepunkt.

Letztlich bleiben aber die Figuren grob skizziert - man baut zu keiner einen Bezug auf, sie entwickeln sich kaum - aber sie sind bunt und bilden ein stimmiges Kollektiv.

Das Buch spielt mit Sprache, besonders mit Wortwiederholungen und das macht Spaß. Schnörkel, die in "normalen" Romanen oft gestelzt wirken, verleihen dem Buch Witz und Leichtigkeit.

Fazit

"Die Kobra von Kreuzberg" kann man lesen, muss man aber nicht. Es ist ein Buch, mit dem man seine Freude hat, während man von einem Ende Berlins zum anderen fährt. Ob man in der Handlung einen SInn findet, das sei dahingestellt. Aber es war nett zu lesen.

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Veröffentlicht am 21.02.2021

Dann ist es zu früh (zu früh)

Career Suicide
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Ich hatte das Buch angefordert, weil auch ich eine typische Gossip-Leserin war, die Tokio Hotel nur aus den Medien kennt und immer ein bisschen belächelt hat - zu laut, zu berühmt, zu viel geschminkt. ...

Ich hatte das Buch angefordert, weil auch ich eine typische Gossip-Leserin war, die Tokio Hotel nur aus den Medien kennt und immer ein bisschen belächelt hat - zu laut, zu berühmt, zu viel geschminkt. Und dann waren plötzlich Bills Haare ab, die Musik elektronischer und alles wirkte gewollt. Hinzu kam noch der Rummel, der um das Buch veranstaltet wurde - es gibt nur wenige bekannte Medien, die keine "Rezension" darüber geschrieben haben. Ich war gespannt, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Erkenntnisse am Anfang: Was die Band in 5 Jahren erlebt hat, wieviel sie gearbeitet hat, das würde sich kaum jemand freiwillig antun. Dass sie das in einer Zeit getan hat, in der man sich normalerweise ausleben kann, macht es umso bitterer. Ich musste aber auch feststellen: Für eine Biografie ist es wohl noch zu früh. Kaulitz konnte sich erst mit Anfang, Mitte 20 von dem Trubel lösen und zu einer Persönlichkeit werden und ich merkte, dass viele Dinge noch zu nah sind, um reflektiert darüber zu sprechen. Daher ist besonders das letzte Drittel sehr oberflächlich.

Fakt ist aber auch: Es hat mich bewegt.

Worum geht es?

Um Bill Kaulitz. Weniger um Tokio Hotel, weniger um Kunst, manchmal um die Beziehung zu Bruder Tom. Überwiegend um Bill.

Das titelgebende Thema "Karriereselbstmord" wird immer wieder aufgegriffen und ist ein loser, roter Faden. Prägnant ist das Thema "Freiheit"

Inhalt

Im ersten Drittel erzählt Kaulitz von seiner Kindheit in der Wendezeit, was ich sehr interessant fand. Die Beziehung zu seiner Mutter ist tief und die Angst, sie zu verlieren, war groß. Genauso wie die Angst, später wieder am Existenzminimum leben zu müssen. Gleichzeitig erweisen sich die Brüder in Kombination als erstaunlich - sie ecken überall an, schaffen es aber durch geschickte Kooperationen, durch den Schulalltag zu kommen.

Zum Nachdenken gebracht hat mich, dass sich Kaulitz in der Schule, aber auch im Montessori-Kindergarten, nicht frei genug fühlte - ich vermute, dass die Methoden damals noch anders waren. Heutzutage gibt es Einrichtungen, die Kinder teilweise individuell fördern können. Allerdings ist Kaulitz' Schlussfolgerung "Für mich ist die DDR eh eines der größten Verbrechen" - ziemlich drastisch. Ich denke, dass manche Taten des Staates Verbrechen darstellen können, besonders, was die Überwachung und die Einschränkung mancher Rechte betrifft. Andererseits war die Intention damals nicht, der Bevölkerung zu schaden. Hinzu kommt der Generationenkonflikt - während die Eltern im System aufgewachsen sind und es ein Stück akzeptiert haben, sahen die Kinder die Folgen der Wende und den beginnenden Kapitalismus. Es ist eine These, über die man herrlich diskutieren kann. Sie zeigt aber auch, dass mangelndes Reflexionsvermögen eine Schwachstelle des Buches ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass das ein Teil von Kaulitz' Persönlichkeit ist - geradlinig, immer nach vorn, wenig zurück.

Komischerweise findet die Mutter später kaum noch statt - nachdem Tokio Hotel durchgestartet waren, erfahren wir nur wenig. Auch das ist ein roter Faden.

Schwierig fand ich, dass Kaulitz ausführlich erzählt, dass er und seine Mitschüler sich ausprobiert haben. Und dass manche Mädchen mit sehr vielen Jungs rumgemacht haben - ich hatte an einer Stelle das Gefühl, dass er das belächelt oder ein bisschen negativ findet.

Eine weitere intensive Zeit mit vielen Infos war Tokio Hotel - mir war gar nicht bewusst, dass alle von der Situation überfordert waren und selbst die Eltern, von denen man als Außenstehender denkt, dass sie ihre Kinder schützen, die Brüder nicht schützen können, weil sie keine Erfahrung haben. Das, was als Spaß beginnt, wird schnell zum öden Alltag, in dem genau das fehlt, was Kaulitz so wichtig ist - Freiheit. Nicht vor die Tür gehen zu können, keine Erfahrungen machen dürfen, aus Angst, dass die Presse davor erfährt, das stelle ich mir schrecklich vor.

Interessant war, dass Kaulitz weder sein Aussehen noch seine Sexualität oder sein Gender thematisiert - er wollte Kunst machen und rechtfertigt sich nicht. Ich fand das gut, weil es zeigt, wie nebensächlich das ist.

Negativ in der Tokio Hotel-Passage fand ich, dass er erwähnt, die Verträge mit der Plattenfirma seien teilweise sittenwidrig gewesen, aber das nicht ausführt. Außerdem spielen nach dem Zusammenbruch aufgrund der Zysten auf den Stimmbändern die anderen Jungs der Band keine Rolle mehr.

Das letzte Drittel beschäftigt sich mit dem Fall und Wiederaufstieg. Hier kippte die Stimmung für mich ein bisschen. Einerseits entdeckt sich Kaulitz selbst, was ich toll fand, und er behält dabei seine Bescheidenheit. Ich dachte, dass er jetzt endlich erwachsen werden darf. Andererseits hoffte ich, mehr über ihn als Künstler zu erfahren. Die Begegnungen mit Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop waren Lichtblicke, die aber schnell verschwanden, weil die Passagen so kurz sind. Ich hatte gehofft zu lesen, was Kaulitz bewegt, außer die Angst zu scheitern und andere zu enttäuschen. Leider gab's dazu wenig.

Ich habe aber Respekt davor, dass die Brüder ihr erstes eigenes Album fast allein auf die Beine gestellt haben - Musik machen ist nicht leicht.

Auf den letzten 30 Seiten implodiert das nicht-vorhandene Reflektieren - ja, man kann ihn wirklich arrogant finden; ich glaube aber, dass er manches verschweigt. Mich hat total irritiert, dass die Band nach dem Comeback-Album ein ähnliches Presse-Pensum erfüllt wie früher. Und anstatt zu gucken, wie man das bewältigen kann, ohne im nächsten Burn-Out zu landen, meckert Kaulitz darüber, wie langweilig das ist und wie anstrengend, wenn man verkatert zu Interviews erscheint. Weil er jetzt Party im Berghain macht. Und wie gut es ihm gelungen ist, immer die Fassade aufrecht zu erhalten. Ich habe mich gefragt, wie hart das Leben sein muss, wenn man nichts anderes zu tun hat, außer Party zu machen.

Dafür gibt's nette philosophische Sprüche über das Leben.

Das Thema Liebe kommt immer wieder auf, bleibt aber leider an der Oberfläche.


Schreibstil und Optik

Kaulitz schreibt sehr flüssig, geradlinig, nahbar. Ich empfand das Buch nicht als verkrampft erzählend, nicht als jemand, der unbedingt eine Botschaft vermitteln will, sondern wie jemand, der einfach nur plaudert. Manchmal duzt er den Leser, was ich unnötig fand. Aber ich sehe das als Mittel, um Nähe zum Leser herzustellen - das kann gefallen.

Probleme hatte ich mit den Zeitsprüngen, die besonders im letzten Drittel zunehmen. Beim Thema "toxische Beziehung" setzt Kaulitz mehrmals an, bricht aber immer wieder ab. Ich verstehe, dass das zu belastend ist, um darüber zu reden, vor allem öffentlich. Aber ich hätte es besser gefunden, wenn er die Beziehung nicht angesprochen hätte - denn das fördert die Neugier des Lesers und lenkt davon ab, was Kaulitz eigentlich zu sagen hat.

Und ja, Kaulitz spart nicht mit vulgären Ausdrücken. Kann man erregend finden, kann man abstoßend finden. Ich fand's unnötig, aber nicht extrem störend. Immerhin hat man mit 300 Seiten seinen Jahresvorrat an "lecken", "saugen", "kotzen" verbraucht.

Sehr benutzerfreundlich ist, dass die Fotos nach den Kapitelüberschriften gesetzt sind, nicht als extra Anhang, und dass sie unabhängig von der Schriftgröße sind - ich hatte keine Probleme bei der Darstellung als E-Book. Auch die Quellen sind direkt im Text angegeben.


Fazit

"Career Suicide" war weder so oberflächlich, wie ich anfangs gedacht hatte, noch so tiefgründig, wie ich in der Mitte gehofft hatte. Letztlich fand ich die Passage der Kindheit am stärksten. Sie zeigt, dass Kaulitz ein sensibler Mensch ist, der sich und vor allem andere beschützen will und von vielen Ängsten getrieben ist. Ein Mensch, der immer voran will, in die Praxis will, der sich aber schnell eingeschränkt fühlt. Letztlich ist Bill Kaulitz ein Mensch wie jeder von uns. Das hat das Buch immerhin gezeigt. Ich war trotzdem nicht komplett glücklich damit. Aber es war eine intensive Erfahrung und ein Buch, das im Gedächtnis bleibt.

PS: Das Vorwort hätte man sich sparen können. Künstlerisch abgehackte Bandwurmsätze, deren Inhalt schwer zu erfassen ist, waren weder gut noch passen sie zum Buch.

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