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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.10.2019

Interessanter Künstlerroman

Die Zeit des Lichts
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1929 laufen sich in Paris zwei Menschen zufällig über den Weg: Man Ray, Künstler und Fotograf trifft auf die junge Lee Miller, die zwar ebenfalls künstlerische Ambitionen hat, diese bisher aber nicht ausleben ...

1929 laufen sich in Paris zwei Menschen zufällig über den Weg: Man Ray, Künstler und Fotograf trifft auf die junge Lee Miller, die zwar ebenfalls künstlerische Ambitionen hat, diese bisher aber nicht ausleben kann. Sie geht bei ihm in die Lehre, macht ihr Talent zur Fotografie zum Beruf. Bald verbindet die beiden nicht nur die Liebe zur Kunst, sondern auch zueinander.
Lee Miller war ein Name, den ich mit dem Foto in der Hitlerbadewanne verbinde, ansonsten wusste ich über sie aber quasi nichts. Scharer bringt dem Leser die Künstlerin näher, auch wenn sie sicherlich keine ganz einfache Person war. Ebenso Man Ray, der in diesem Roman ebenfalls viel Platz einnimmt. Die Beziehung der beiden ist natürlich geprägt von Kunst und ihrem Schaffen, aber auch von Eifersüchteleien und alten Liebesgeschichten. Die Autorin beschreibt gerade ihre Kunst sehr detailreich, man bekommt große Lust sich mit der Arbeit der beiden zu befassen. Ich finde es ein bisschen schade, dass über Lees Zeit als Kriegsreporterin nur sehr kurz berichtet wird. So definiert sich ihre Arbeit immer in Abhängigkeit von Man Ray, ihre eigenständige Arbeit geht einfach unter, wird nicht so richtig gewürdigt. Der Erzählstil ist etwas eigenwillig und distanziert, zwischenzeitlich empfand ich die Handlung auch etwas zäh. Trotzdem war die Zeit des Lichts ein interessanter Ausflug ins wilde Paris der 1930er, und ein guter Einblick in die frühen Schaffensjahre von Lee Miller.

Veröffentlicht am 13.10.2019

Digital-detox-frei

Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.
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Das neue Konzept eines Reiseveranstalters läuft unter dem Schlagwort Digital detox. In einem verschneiten Hotel in den Bergen sollen sich die Teilnehmer fernab von Smartphone, Internet & Co ganz auf sich ...

Das neue Konzept eines Reiseveranstalters läuft unter dem Schlagwort Digital detox. In einem verschneiten Hotel in den Bergen sollen sich die Teilnehmer fernab von Smartphone, Internet & Co ganz auf sich und ihre Kollegen konzentrieren. Doch die Lage spitzt sich zu als ein Schneesturm über sie hereinbricht; und noch ein bisschen mehr als der erste Teilnehmer schwer misshandelt aufgefunden wird.

Was hatte es mir der Klappentext angetan. Ehrlich. Und dann kam Arno Strobel daher, und bastelt aus der Idee ein Buch, das mir so gar nicht gefallen wollte. Ich hatte ja in meiner jugendlichen Naivität gedacht, dass es neben der angekündigten Folter durchaus auch um (ebenfalls angekündigt) Digital detox geht. Stimmt aber nicht. Schon lange vor Smartphone und Internet hätte man diesen Thriller quasi identisch schreiben können, der Schneesturm als Ausrede für Isolation und eine zerstörte Telefonleitung hätten denselben Ausgangspunkt für die Story geschaffen. Keine Rede von Internetsucht, Abhängigkeit von sozialen Medien, oder was man sonst noch hätte thematisieren können (und sollen). Stattdessen eine kurze lahme Gesprächsrunde à la „Ich konnte gar kein Selfie machen“ und fertig ist der Autor mit dem Thema. Aber vielleicht verkauft sich das Buch mit dieser Masche besser. Die Figuren sind auch nicht so recht gelungen, führen hölzerne Dialoge, in denen es hauptsächlich darum zu gehen scheint, wer mit wem wohin gehen/bleiben/reden wird. Einzig David fand ich amüsant, weil er mit seiner Art gezielt provoziert und damit wenigstens etwas frischen Wind in die Handlung bringt. Auch die Einsichten in den Kopf einer der Gefolterten fand ich nicht so schlecht. Mal abgesehen von der Tatsache, dass sie gefühlte 300x denkt „Was hat mir dieses Monster nur angetan? Ich darf nicht an den Namen denken, sonst wüsste ihn der Leser ja viel zu früh.“ Was soll das? Entweder ich will als Autor realistisch die Gedanken einer Gefolterten darstellen, die dann auch über die Person nachdenkt, die ihr all das Elend angetan hat. Oder ich will die Leser hinhalten und gehe ihnen damit unerhört auf die Nerven, wenn ich solche Sätze schreibe. Ich war beim Lesen unendlich genervt, muss ich das extra erwähnen? Die Handlung hat sich also nicht so recht nach meinem Geschmack entwickelt, Spannung wird hauptsächlich durch Gewalt erzeugt, die dann auch diverse Logiklöcher überdecken muss. Den Erzählstil fand ich ok, sonst allerdings nicht so sonderlich viel.

Fazit: Arno Strobel schreibt Bücher, die viele Leute zu mögen scheinen. Erkenntnis: ich bin nicht viele.

Veröffentlicht am 13.10.2019

Ein Wiedersehen mit den Isings

Eine Familie in Deutschland
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Im Jahre 1939 ist nicht nur die Kluft durch die deutsche Bevölkerung, sondern auch die innerhalb der Familie Ising größer geworden. Während Horst und seine Frau Ilse voll hinter dem Regime der Nationalsozialisten ...

Im Jahre 1939 ist nicht nur die Kluft durch die deutsche Bevölkerung, sondern auch die innerhalb der Familie Ising größer geworden. Während Horst und seine Frau Ilse voll hinter dem Regime der Nationalsozialisten stehen, muss seine Schwester um ihren jüdischen Mann Benny bangen. Auch Nesthäkchen Willy ist in Gefahr, gilt er doch als Reichsausschusskind. Und die Lage spitzt sich immer weiter zu…

Mit diesem zweiten Band erzählt Peter Prange aus dem Leben der Isings bis kurz nach der Kapitulation Deutschlands 1945. Mich hatte schon am ersten Band etwas gestört, dass praktisch alle Feindbilder der Nazis in der Isingfamilie bzw. der engeren Verwandtschaft zu finden sind. Das erscheint mir immer noch unrealistisch und wirkt zu gewollt. Die Charaktere selbst sind gut ausgearbeitet, überraschen können sie den Leser immer wieder. Manche gehen trotz aller Gefahren für meinen Geschmack zu naiv durchs Leben, aber auch das ist sicherlich realistisch, bedenkt man, dass viele die Gräueltaten der Nazis erst geglaubt haben, als es schon viel zu spät für Flucht bzw. Widerstand gewesen ist. Ich mochte Charly besonders, fand aber auch Gilla als ambivalente Figur sehr spannend (wenn auch nicht wirklich sympathisch). Die Stimmung im Land wird gut transportiert, kleine und große historische Ereignisse fließen wie nebenbei in die ganz persönlichen Schicksale ein. Der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen, die besonders kurzen Kapitel (manchmal nur eine Seite) empfinde ich immer noch als etwas unglücklich. Kaum ist man bei einer Person angekommen, wird man dort schon wieder weggerissen. Trotzdem hat mir der Roman in der Summe der Dinge gut gefallen, und ich habe die Isings gerne auf ihrem Weg begleitet. Gehofft und gebangt, mich geärgert, manchmal gelacht, aber auf jeden Fall immer mitgefiebert.

Veröffentlicht am 09.10.2019

Kriminalistischer Ausflug auf die Pariser Weltausstellung

Der Turm der Welt
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Die letzten Tage der Weltausstellung in Paris sind nicht nur geprägt vom fulminanten Abschluss der großartigen Ausstellung, sondern auch vom Mord an zwei Geheimagenten. Ausgerechnet auf dem Gelände der ...

Die letzten Tage der Weltausstellung in Paris sind nicht nur geprägt vom fulminanten Abschluss der großartigen Ausstellung, sondern auch vom Mord an zwei Geheimagenten. Ausgerechnet auf dem Gelände der Exposition! Als wäre das nicht schlimm genug, werden die Ermittlungen durch das fehlende Vertrauen und die Verachtung der großen europäischen Mächte füreinander behindert. Jeder geht seinen eigenen Spuren nach, und natürlich ist der verhasste Nachbar erst mal der Hauptverdächtige. Doch nur noch knapp zweieinhalb Tage bleiben, um größeres Übel zu verhindern.

Monferat lässt in seinem Roman das Paris der Weltausstellung lebendig werden. Flair, Atmosphäre und Bilder stimmen, neben dem Mordfall bleibt viel Zeit um die Exposition zu genießen. Natürlich kennt jeder den Eiffelturm, aber was die Ausstellung sonst noch zu bieten hatte, das wird dem Leser immer wieder wie nebenbei vor Augen geführt. Gut beschrieben ist aber nicht nur die Ausstellung, sondern auch die angespannte politische Lage. Bismarcks Spiel mit den fünf Kugeln, das Misstrauen der Nationen, spiegelt sich in der fehlenden Zusammenarbeit der beteiligten Ermittler und Geheimdienste wider. Daraus ergeben sich natürlich einige Handlungsstränge und viele Charaktere, was aber nicht in Verwirrung endet, sondern dafür sorgt, dass man erst recht noch weiterlesen muss. Ich mochte die Figuren unterm Strich recht gerne, gerade die Legende des französischen Geheimdienstes Marais hat mich mit seiner unkonventionellen Art überzeugt. Auch der Erzählstil hat mir sehr gut gefallen, und so waren die zweieinhalb Tage bis zum Finale der Ausstellung circa ebenso schnell gelesen. Ein wirklich schöner historischer Krimi mit Mehrwert.

Veröffentlicht am 06.10.2019

Das flüssige Land

Das flüssige Land
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Der letzte Wunsch ihrer verstorbenen Eltern stellt Ruth vor eine schwierige Aufgabe: beide möchten im Heimatort ihrer Kindheit begraben werden. Der ist aber gar nicht so leicht zu finden, nur zufällig ...

Der letzte Wunsch ihrer verstorbenen Eltern stellt Ruth vor eine schwierige Aufgabe: beide möchten im Heimatort ihrer Kindheit begraben werden. Der ist aber gar nicht so leicht zu finden, nur zufällig stößt Ruth schließlich darauf. Doch nicht nur die Anreise ist ein großes Abenteuer, auch das Örtchen selber. Mit fast uneingeschränkter Macht herrscht die Gräfin über die Einwohner. Und so ganz nebenbei ist der komplette Ort einsturzgefährdet, denn einst wurde untertage nach Edelmetallen gesucht, sodass der Untergrund löcheriger als der sprichwörtliche Schweizer Käse ist.

Edelbauers Idee hatte es mir wirklich angetan, konnte mich dann letztendlich doch nicht so recht überzeugen. Der Ort Groß-Einland und seine Einwohner wirken für mich letztendlich nicht real, gerade der Umgang mit der permanenten Lebensgefahr ist einfach unglaubwürdig. Niemand scheint je etwas verändern, oder den Ort verlassen zu wollen. Auch Ruth handelt oft unlogisch, was aber sicherlich zum Großteil von ihrem bunten Pillencocktail abhängt, den sie jeden Tag einwirft. Sie ist nicht unsympathisch, aber anstrengend in ihrer Lethargie. Auch den Stil der Autorin fand ich gewöhnungsbedürftig, er passt aber letztendlich zu der Geschichte. Ich kann schon erkennen, warum dieses Buch auf der Shortlist gelandet ist, nur hat mir der Roman nicht das gegeben, was ich mir ursprünglich versprochen hatte. Die etwas zähe Geschichte greift viele Themen auf, die sich dann aber ebenso schnell verlieren, wie Ruth sich in dem löchrigen Ort.
Fazit: interessant, aber kein Buch für mich.