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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.09.2025

Entschleunigend

Spät am Tag
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Kristin Vego hat ein ruhiges, stimmungsvolles, poetisches Buch geschrieben. Die Beschreibung der Liebesgeschichte von Johanne und Mikael kommt ohne große Handlung aus, sondern zeichnet sich durch stimmungsvolle ...

Kristin Vego hat ein ruhiges, stimmungsvolles, poetisches Buch geschrieben. Die Beschreibung der Liebesgeschichte von Johanne und Mikael kommt ohne große Handlung aus, sondern zeichnet sich durch stimmungsvolle Naturbeschreibungen und poetische Gedanken aus.
Sowohl Ich-Erzählerin Johanne als auch ihr Vermieter und späterer Partner Mikael bleiben der Leserin (und vielleicht auch einander) ein Stück weit fremd, was für mich aber ok war. Die Liebesgeschichte hält sich auch nicht mit Verliebtheiten oder anderem Kitsch auf, sondern beschreibt eher den realistischen Alltag der beiden. Dabei ist aber auch noch viel Raum für die Protagonistin selbst und ihren Blick auf sich selbst und ihren Umwelt.
Der Mangel an Handlung und die Zeitsprünge in der Erzählweise sowie die kitschfreie Liebesgeschichte von " Spät am Tag" sind vermutlich nicht jederfraus Sache. Aber wenn man sich darauf einlässt, liest man ein lohnendes, entschleunigendes Stück Literatur.

Veröffentlicht am 10.09.2025

Fordernd und lohnend

Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich
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Ein Buch, das seine Leser*innen fordert - sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Kaśka Bryla öffnet so einige Themenkomplexe - von Polen im und nach dem Zweiten Weltkrieg über eine Vater-Tochter-Beziehung ...

Ein Buch, das seine Leser*innen fordert - sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Kaśka Bryla öffnet so einige Themenkomplexe - von Polen im und nach dem Zweiten Weltkrieg über eine Vater-Tochter-Beziehung bis hin zur Corona-Pandemie. Ausgangspunkt ist die Geschichte des Vaters, von der aus aber Exkurse zur polnischen und allgemeinen Gegenwart gezogen werden. Meistens werden hier nur Nadelstiche gesetzt, oft pointiert und das Thema wird oft rasant schnell mehrfach innerhalb eines der ellenlangen Sätze gewechselt. Das las sich für mich dennoch einfacher, als man hier denken könnte, aber das Buch ist definitiv keine Wohlfühllektüre und auch nichts für nebenbei. Für mich aber durchaus packend und lohnend. Interessant die Parallelen, die zwischen den verschiedenen Themen gezogen werden (können).
Lichtblick in dieser eher Düsternis ist sowohl für die Ich-Erzählerin als auch die Leserin die Krähe Karl.

Veröffentlicht am 27.08.2025

Frauen mit Ecken und Kanten

Die Verlorene
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Eine mitreißende Geschichte. Generationenübergreifend wird in "Die Verlorene" die Geschichte der Frauen einer deutsch-schlesischen Familie beschrieben. Zentrales Moment ist die Flucht Ännes in den Westen ...

Eine mitreißende Geschichte. Generationenübergreifend wird in "Die Verlorene" die Geschichte der Frauen einer deutsch-schlesischen Familie beschrieben. Zentrales Moment ist die Flucht Ännes in den Westen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die sich als generationsübergreifende unbewußte Prägung (vielleicht auch Trauma) erweist. Dazu wie üblich einige Familiengeheimnisse, denen Laura, die jüngste der Frauen, auf den Grund geht. Auch wenn eigentlich nur diese Enkelin Laura als sympathisch durchgeht, sind mir doch alle Frauen mit ihren Ecken und Kanten ans Herz gewachsen und ich habe mit ihnen in schweren Zeiten mitgefiebert. Das Gewichtung zwischen deutscher Schuld und deutschem Leid finde ich in dieser Darstellung gerade noch passend. Die schlesische Landschaft und den Gutshof fand ich sehr stimmungsvoll beschrieben. Vielleicht ist die Geschichte an manchen Stellen etwas einfach und dafür an anderen Stellen an den Haaren herbei gezogen, aber da lohnt es sich, großzügig zu sein, denn dann wird man gut unterhalten.
Die Geschichte ist von Miriam Georg sprachlich im besten Sinne einfach, aber dennoch fesselnd erzählt. Warum polnische Figuren in Büchern deutscher Autor*innen so selten einfach mal echte polnische Namen haben, bleibt allerdings auch in diesem Buch ungeklärt.
Kleine Kritikpunkte und leider blieb mindestens eine Frage offen, aber dennoch insgesamt für mich ein Pageturner.

Veröffentlicht am 22.08.2025

Gelungen!

Die Ausweichschule
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Berührend, aber nie schwermütig, tatsächlich sowohl informativ als auch intelligent unterhaltsam und nie langweilig.
Eine Autofiktion über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor mittlerweile ...

Berührend, aber nie schwermütig, tatsächlich sowohl informativ als auch intelligent unterhaltsam und nie langweilig.
Eine Autofiktion über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor mittlerweile über zwanzig Jahren - das kann ja nur schief gehen und wer will sowas eigentlich lesen, könnte man denken, aber Kaleb Erdmann ist es tatsächlich gelungen, sich diesem Ereignis in seiner Kindheit zu stellen und mit "Die Ausweichschule" ein wirklich überaus gelungenes Buch darüber zu schreiben, das meiner Meinung nach immer den richtigen Ton trifft und die Begleitumstände des Amoklaufs persönlich und (selbst-)kritisch, aber ohne Schuldzuweisung darstellt.
Das Buch und sein namensloser Protagonist werden mir in Erinnerung bleiben und ich drücke Kaleb Erdmann die Daumen für den Deutschen Buchpreis!
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung, es sei denn, die auf der Hand liegenden Trigger sind zu belastend.

Veröffentlicht am 19.08.2025

Hat mich gepackt

Heimat
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Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich an "Heimat" so gefesselt hat, denn eigentlich ist die Geschichte eher erwartbar, aber irgendwie hat mich dieses Buch von ...

Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was mich an "Heimat" so gefesselt hat, denn eigentlich ist die Geschichte eher erwartbar, aber irgendwie hat mich dieses Buch von Hannah Lühmann richtig gepackt, so dass ich es fast an einem Stück durchgelesen habe.
Das dystopische Deutschland, in dem die Handlung angesetzt ist, finde ich beklemmend gut beschrieben, denn ich habe mich an einigen Stellen gefragt, wie weit wir denn wirklich noch davon entfernt sind. Die Betäubung mit Social Media und der Strudel des Algorithmus, die Abgestumpftheit gegenüber schlimmen Nachrichten und die Salonfähigkeit rechter Parolen sind jedenfalls schon jetzt präsent.
Die Figuren sind ausnahmslos unsympathisch - trotzdem kommt die Faszination, die Karolin auf Jana ausübt, glaubhaft rüber. Auch den schleichenden Prozess zur Radikalisierung, den Jana durchläuft, halte ich durchaus für plausibel.
Geschrieben ist das alles sehr flüssig und eingänglich.