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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.10.2025

Buch im Buch im Buch usw.

Wackelkontakt
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"Wackelkontakt" ist kein gewöhnlicher Roman, sondern ein erzählerisches Experiment. Ansich wäre die Story über einen puzzlenden Trauerredner mit defekter Steckdose und einen zum Elektriker umgeschulten ...

"Wackelkontakt" ist kein gewöhnlicher Roman, sondern ein erzählerisches Experiment. Ansich wäre die Story über einen puzzlenden Trauerredner mit defekter Steckdose und einen zum Elektriker umgeschulten Ex-Mafioso eher mau, aber die Erzählweise macht den Unterschied: das Springen zwischen zwei sich gegenseitig bedingenden Erzählebenen, in den beide Protagonisten jeweils ein Buch über den anderen lesen. Dadurch ergibt sich ein Buch im Buch im Buch usw., das ich so noch nie gelesen habe und das ich erzählerisch spannend und unterhaltsam fand. Respekt vor Wolf Haas, dass das so klappt und sich insgesamt gut liest!
Die Geschichte für sich genommen und das Ende haben mich nicht restlos überzeugt, aber das stelle ich mir bei diesem Buch auch schwierig vor. Insgesamt passt es aber trotzdem und bekommt von mir eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 10.10.2025

"Mein Bruder war an seinen Träumen erkrankt"

Der Absturz
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Auch das neuste Buch, mit dem Édouard Louis seine autofiktionale Reihe abschließen möchte, hat mich wieder sehr berührt. In "Der Absturz" steht sein verstorbener älterer Bruder im Mittelpunkt. Obwohl Édouard ...

Auch das neuste Buch, mit dem Édouard Louis seine autofiktionale Reihe abschließen möchte, hat mich wieder sehr berührt. In "Der Absturz" steht sein verstorbener älterer Bruder im Mittelpunkt. Obwohl Édouard Louis selbst sagt, dass er diesen namenslos bleibenden Bruder nicht geliebt hat, findet er doch auch immer wieder warme Worte und ein gewisses Verständnis für diese sehr ambivalente Figur. Der Bruder wird sehr reflektiert mit all seinen negativen Charakterzügen, aber auch mit kleinen Lichtblicken, seinen Träumen, dann aber auch mit dem alles bestimmenden Alkoholismus beschrieben. Immer wenn man denkt, man hätte jetzt ein Bild dieses Mannes, kommt ein weiterer überraschender Aspekt, der den Blick wieder wendet, dazu. Édouard Louis trifft hier sehr reflektiert den richtigen Ton: ist nie anklagend, nie mitleidig, aber doch mitfühlend. Die schwere Kindheit wird beschrieben, ohne dass sie als Entschuldigung für sein späteres Leben dient.
Von mir gibt es dafür Respekt für diese reflektierte Darstellung und eine Lesempfehlung!

Veröffentlicht am 14.09.2025

Entschleunigend

Spät am Tag
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Kristin Vego hat ein ruhiges, stimmungsvolles, poetisches Buch geschrieben. Die Beschreibung der Liebesgeschichte von Johanne und Mikael kommt ohne große Handlung aus, sondern zeichnet sich durch stimmungsvolle ...

Kristin Vego hat ein ruhiges, stimmungsvolles, poetisches Buch geschrieben. Die Beschreibung der Liebesgeschichte von Johanne und Mikael kommt ohne große Handlung aus, sondern zeichnet sich durch stimmungsvolle Naturbeschreibungen und poetische Gedanken aus.
Sowohl Ich-Erzählerin Johanne als auch ihr Vermieter und späterer Partner Mikael bleiben der Leserin (und vielleicht auch einander) ein Stück weit fremd, was für mich aber ok war. Die Liebesgeschichte hält sich auch nicht mit Verliebtheiten oder anderem Kitsch auf, sondern beschreibt eher den realistischen Alltag der beiden. Dabei ist aber auch noch viel Raum für die Protagonistin selbst und ihren Blick auf sich selbst und ihren Umwelt.
Der Mangel an Handlung und die Zeitsprünge in der Erzählweise sowie die kitschfreie Liebesgeschichte von " Spät am Tag" sind vermutlich nicht jederfraus Sache. Aber wenn man sich darauf einlässt, liest man ein lohnendes, entschleunigendes Stück Literatur.

Veröffentlicht am 10.09.2025

Fordernd und lohnend

Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich
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Ein Buch, das seine Leser*innen fordert - sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Kaśka Bryla öffnet so einige Themenkomplexe - von Polen im und nach dem Zweiten Weltkrieg über eine Vater-Tochter-Beziehung ...

Ein Buch, das seine Leser*innen fordert - sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Kaśka Bryla öffnet so einige Themenkomplexe - von Polen im und nach dem Zweiten Weltkrieg über eine Vater-Tochter-Beziehung bis hin zur Corona-Pandemie. Ausgangspunkt ist die Geschichte des Vaters, von der aus aber Exkurse zur polnischen und allgemeinen Gegenwart gezogen werden. Meistens werden hier nur Nadelstiche gesetzt, oft pointiert und das Thema wird oft rasant schnell mehrfach innerhalb eines der ellenlangen Sätze gewechselt. Das las sich für mich dennoch einfacher, als man hier denken könnte, aber das Buch ist definitiv keine Wohlfühllektüre und auch nichts für nebenbei. Für mich aber durchaus packend und lohnend. Interessant die Parallelen, die zwischen den verschiedenen Themen gezogen werden (können).
Lichtblick in dieser eher Düsternis ist sowohl für die Ich-Erzählerin als auch die Leserin die Krähe Karl.

Veröffentlicht am 27.08.2025

Frauen mit Ecken und Kanten

Die Verlorene
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Eine mitreißende Geschichte. Generationenübergreifend wird in "Die Verlorene" die Geschichte der Frauen einer deutsch-schlesischen Familie beschrieben. Zentrales Moment ist die Flucht Ännes in den Westen ...

Eine mitreißende Geschichte. Generationenübergreifend wird in "Die Verlorene" die Geschichte der Frauen einer deutsch-schlesischen Familie beschrieben. Zentrales Moment ist die Flucht Ännes in den Westen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die sich als generationsübergreifende unbewußte Prägung (vielleicht auch Trauma) erweist. Dazu wie üblich einige Familiengeheimnisse, denen Laura, die jüngste der Frauen, auf den Grund geht. Auch wenn eigentlich nur diese Enkelin Laura als sympathisch durchgeht, sind mir doch alle Frauen mit ihren Ecken und Kanten ans Herz gewachsen und ich habe mit ihnen in schweren Zeiten mitgefiebert. Das Gewichtung zwischen deutscher Schuld und deutschem Leid finde ich in dieser Darstellung gerade noch passend. Die schlesische Landschaft und den Gutshof fand ich sehr stimmungsvoll beschrieben. Vielleicht ist die Geschichte an manchen Stellen etwas einfach und dafür an anderen Stellen an den Haaren herbei gezogen, aber da lohnt es sich, großzügig zu sein, denn dann wird man gut unterhalten.
Die Geschichte ist von Miriam Georg sprachlich im besten Sinne einfach, aber dennoch fesselnd erzählt. Warum polnische Figuren in Büchern deutscher Autor*innen so selten einfach mal echte polnische Namen haben, bleibt allerdings auch in diesem Buch ungeklärt.
Kleine Kritikpunkte und leider blieb mindestens eine Frage offen, aber dennoch insgesamt für mich ein Pageturner.