Zwischen Poesie und romantischen Ungereimtheiten
My Dearest Enemy. The Heygate GirlsErwartung vs. Einstieg – schwere Anfänge trotz großer Vorfreude
Ich habe mich wirklich auf dieses Buch gefreut, nicht nur, weil ich historische Romane liebe, sondern auch, weil die Atmosphäre, genau mein ...
Erwartung vs. Einstieg – schwere Anfänge trotz großer Vorfreude
Ich habe mich wirklich auf dieses Buch gefreut, nicht nur, weil ich historische Romane liebe, sondern auch, weil die Atmosphäre, genau mein Geschmack ist. Bücher wie My Dearest Enemy sind selten, und ich war neugierig auf Figuren mit Tiefe, emotionale Dynamiken und eine dichte, sprachlich kunstvolle Erzählweise.
Doch der Einstieg hat mich leider ziemlich kalt erwischt, vor allem die anfängliche Liebesdynamik zwischen Amabel und Harriet wirkte auf mich unstimmig und überstürzt. Bereits in den ersten 50 Seiten wird erwähnt, dass Amabel eigentlich noch in ihre beste Freundin verliebt war, nur um kurz darauf scheinbar aus dem Nichts eine romantische Anziehung zu Harriet zu verspüren. Das war für mich völlig unglaubwürdig und hat mich zunächst komplett rausgeworfen. Ich habe mich ehrlich gefragt: Was passiert hier gerade? Ich war kurz davor, das Buch zur Seite zu legen.
Die Sprache, ein poetisches Highlight (meistens)
Was mich aber durch viele holprige oder unglaubwürdige Momente getragen hat, war der Schreibstil. Die Sprache war stellenweise so wunderschön, poetisch, lebendig und einfühlsam, dass ich wirklich ins Schwärmen geraten bin. Besonders in den ruhigeren, nachdenklichen Szenen oder in Dialogen, die nicht nur platte Handlung transportieren, sondern echte Tiefe zeigen, war die Sprache ein echtes Highlight.
Leider verliert sich dieser poetische Stil ab der Mitte des Buches etwas. Das ist teilweise nachvollziehbar, schließlich sprechen Freunde, untereinander oft umgangssprachlich, dennoch hätte ich mir gewünscht, dass diese sprachliche Feinheit sich konstanter durch den Text zieht. Es gab aber auch am Ende wieder schöne, gut formulierte Passagen, die mich emotional erreichen konnten.
Vielschichtige Perspektiven, ein echter Gewinn für die Erzählung
Ein echtes Highlight des Romans war für mich die Erzählweise aus mehreren Perspektiven. Im Zentrum stehen natürlich Amabel und Harriet, deren Gedankenwelten uns abwechselnd nähergebracht werden, das allein sorgt schon für Tiefe und emotionale Vielschichtigkeit. Besonders gelungen fand ich aber die zusätzliche, eher selten auftauchende dritte Perspektive. Sie wird sehr gezielt eingesetzt, immer genau dann, wenn in der Handlung ein Wendepunkt oder ein emotionales Missverständnis entsteht. In diesen Momenten eröffnet uns die neue Sichtweise einen frischen Einblick in das Innenleben einer weiteren Figur. Gerade gegen Ende des Romans hatte ich das Gefühl: Jetzt wüsste ich gern, was XY denkt, und genau dann kam dieses Kapitel. Das war für mich erzählerisch extrem klug und emotional bereichernd. Diese Entscheidung hat dem Roman nochmal mehr Tiefe und Menschlichkeit verliehen.
Familiendynamiken, Freundschaft und Internatsleben, die große Stärke des Romans
Was mir hingegen sehr gut gefallen hat, war alles rund um das Thema Familie, Freundschaft und Gemeinschaft. Besonders die Adoptivfamilie von Amabel, ihre Bindung zu Lucie, und die Konflikte, die sich durch Loyalität, Herkunft und Erwartungen ergeben, haben mich sehr berührt. Auch das Internatsleben, die Gruppendynamik und die Gespräche unter den Freund*innen wirkten realistisch und liebevoll ausgestaltet.
Die Romantik
Was die romantische Entwicklung angeht: Ich konnte lange Zeit nicht mitfühlen. Die „Enemies to Lovers“-Dynamik, die der Titel vielleicht andeutet, war inhaltlich kaum vorhanden. Eigentlich gab es gar keine echte Feindschaft, und die nachträgliche Behauptung der Protagonistin, sie habe Harriet zu Beginn „den Hals umdrehen wollen“, widerspricht dem eigentlichen Verhalten völlig. Das wirkte für mich wie ein später, eher künstlich eingefügter Versuch, dem Roman ein gängiges Trope aufzustülpen.
Erst im späteren Verlauf gab es einige Szenen, in denen ich eine echte Verbindung spüren konnte. Hier wurde es authentischer, emotional nachvollziehbarer, aber der ungeschickte Einstieg hat das Verhältnis zur Liebesgeschichte über weite Strecken getrübt.
Was mich beim Lesen immer wieder aus der Geschichte herausgerissen hat, war die ständige Wiederholung, dass Amabel auf keinen Fall romantische Gefühle für Männer hat. Diese Betonung zieht sich durch mehrere Szenen, ich habe bestimmt fünf Mal gelesen, dass ihre Nähe zu männlichen Figuren nicht als Liebe zu verstehen ist.
Besonders schade war das in einer Szene, die eigentlich sehr ruhig und emotional war, ein Moment, den ich wirklich genossen habe, weil sich die Dynamiken gerade zum Positiven gewendet hatten. Dann kam wieder dieser Einschub, dieses „aber das ist auf keinen Fall Liebe!“ und plötzlich war diese zarte Stimmung wie zerschnitten.
Gerade weil die Geschichte aus Amabels Perspektive erzählt wird, wirkte das für mich unnatürlich. Sie würde sich ja nicht bei jedem Kontakt mit einer männlichen Figur denken: „Keine Sorge, das ist nur Freundschaft, nur Freundschaft, wirklich nur Freundschaft.“ Viel schöner wäre es gewesen, einfach die Szene für sich sprechen zu lassen, durch Blicke, Dialoge, Körpersprache. Das hat für mich etwas vom emotionalen Gewicht genommen, nicht, weil ich ihre Orientierung infrage stelle, sondern weil die Erzählweise ihr nicht zutraut, sie selbstverständlich zu leben, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen.
Fazit – starkes Potenzial, aber nicht ganz eingelöst
Insgesamt bin ich zwiegespalten. Das Buch hat großartige Einzelmomente, liebevoll gezeichnete Nebenfiguren, eine stimmige Internats-Atmosphäre und einen sprachlichen Zauber, der über vieles hinwegsehen lässt. Aber gerade die Romantik, die für den Titel und das Genre zentral ist, konnte mich nicht überzeugen. Zu viele Widersprüche und ein unausgereifter Beziehungsaufbau haben mein Lesevergnügen geschmälert. Auch wenn sich die Dynamik im Laufe des Buches bessert, blieb ein Rest Skepsis zurück.
Der Ausblick, den das Ende gibt, sowohl thematisch als auch emotional, war für mich stimmig und berührend. Es hat vieles aufgefangen, was ich zuvor als unrund empfand, und einen versöhnlichen Bogen gespannt. Auch wenn der Weg dahin für mich oft holprig war, bin ich froh, dass ich durchgehalten habe, denn das Finale hat sich wirklich gelohnt.