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FranziskaBo96

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Der Garten der "Introvertierten"

Der Garten der kleinen Wunder
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Toja lebt als Buchillustratorin ziemlich abgeschieden in einem kleinen Haus am Stadtrand. Der besondere Clou ist aber der üppige und wilde Garten drumherum - den auch die kleine Vica wie magisch anzieht. ...

Toja lebt als Buchillustratorin ziemlich abgeschieden in einem kleinen Haus am Stadtrand. Der besondere Clou ist aber der üppige und wilde Garten drumherum - den auch die kleine Vica wie magisch anzieht. Toja und das Kind freunden sich schnell an und merken schnell, dass sie beide Probleme haben, in unserer heutigen, lauten Welt klarzukommen. Nach und nach kann Toja Vica und auch ihre Umwelt von einem alternativen Lebensstil überzeugen.

Eins vorab: Ich gebe der Autorin Recht, dass ruhigere Menschen, die besondere Bedürfnisse haben, in unserer Gesellschaft häufig nicht bedacht werden. Auch bringt sie richtig an, dass diejenigen, die den Normen nicht entsprechen oder diese, zum Beispiel in Form von Prüfungen in der Schule, nicht gerecht werden können, oft auf der Strecke bleiben. Was das angeht, lädt das Buch wirklich zum Nachdenken ein, und das rechne ich ihm hoch an.

Da hört das Positive bei mir leider aber auch schon auf. Ich glaube, mein Hauptproblem an der ganzen Geschichte ist, dass die Autorin nicht zu verstehen scheint, was "introvertiert" bedeutet, denn im Buch ist Introversion das, was Toja und Vica so "anders" macht. Introvertierte Menschen sind eher in sich gekehrt und sind durch soziale Interaktionen schnell ausgelaugt (im Gegensatz zu Extrovertierten, die eher Energie aus sozialen Interaktionen ziehen). Tatsächlich sind schätzungsweise bis zu 50 Prozent unserer Gesellschaft eher introvertiert als extrovertiert. Toja und Vica würde ich eher als hypersensibel oder möglicherweise auf dem autistischen Spektrum bezeichnen. Das ändert natürlich nichts daran, dass, wie bereits erwähnt, die Probleme solcher Menschen auch mehr Anerkennung finden sollten, die Fehlverwendung dieses Begriffs hat mich aber komplett aus der Handlung herausgeholt und zeugt irgendwie davon, dass sich die Autorin gar nicht so richtig mit dem Problem auseinandergesetzt hat. Wenn sie nicht mit dem Begriff so um sich geschmissen hätte, sondern die beiden einfach nur als "anders" oder "nicht der Norm entsprechend" beschrieben hätte, hätte mich das kaum weiter gestört. Ganz davon abgesehen finde ich es komplett unrealistisch, dass im Jahr 2025 ein Teenager und mehrere Erwachsene in ihrem Umfeld noch nie den Begriff "introvertiert" gehört haben und total geflasht sind, wenn ihnen erklärt wird, dass es tatsächlich Leute gibt, die Menschenansammlungen anstrengend finden.

Was mich auch unheimlich gestört hat war, dass immer wieder gegen Schubladendenken gewettert wird, kurz danach aber genau dieses Verhalten von der Autorin selbst vollzogen wird. Es wird beispielsweise kaum Verständnis dafür gezeigt, dass Vicas Vater doch tatsächlich Spaß daran hat, andere Menschen zu sich einzuladen. Und dieses wiederholte Runtermachen von weiblichen Teenagern, die sich für Schminke, Klamotten und Partys interessieren, sollten wir doch eigentlich auch in den 90ern gelassen haben. Irgendwann beschlich mich das Gefühl, dass für die Autorin das ruhige, künstlerische Leben das einzig Richtige ist - und so eine Lebensweise ist ja völlig okay, aber wenn man über andere schlecht redet, die vielleicht eher der Norm entsprechen, beteiligt man sich halt eben auch am Schubladendenken.

Es gab für mich auch viele Ungereimtheiten und unlogische Stellen. Warum hinterfragt zum Beispiel kein Erwachsener, warum diese 14-Jährige so viel Zeit allein in einem Haus mit Leuten verbringt, die ihr so gut wie fremd sind? Wenn es nicht im Klappentext erwähnt worden wäre, hätte ich auch keine Idee gehabt, wie alt Vica ist, weil sie sich manchmal wie eine Achtjährige verhält, während ein paar Seiten später schon ernsthaft über Ausbildung geredet wird.

Wie man merkt, war ich überhaupt nicht begeistert von diesem Buch. Da es sonst ja fast nur gute Rezensionen gibt, scheine ich wohl nicht die Zielgruppe hierfür zu sein. Schade, mit mehr Menschenkenntnis und Realismus hätte die Handlung durchaus was gekonnt.

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Veröffentlicht am 30.08.2025

Richtiger Mensch zur falschen Zeit

Say You’ll Remember Me
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Als Samantha mit ihrem neuen Kätzchen in die Tierarztpraxis von Xavier kommt, geraten die beiden erst einmal aneinander. Doch schon beim nächsten Termin und einer ordentlichen Entschuldigung werden sie ...

Als Samantha mit ihrem neuen Kätzchen in die Tierarztpraxis von Xavier kommt, geraten die beiden erst einmal aneinander. Doch schon beim nächsten Termin und einer ordentlichen Entschuldigung werden sie sich sympathisch und verbringen kurz danach ein perfektes Date miteinander. Dumm nur, dass das Samanthas allerletzter Abend in LA vor ihrem Umzug war - und Xavier erst am Ende des Dates davon erfährt. Doch kann die wahre Liebe von ein paar tausend Kilometern aufgehalten werden? Die beiden probieren aus, ob ihre immense Anziehung auch einer Fernbeziehung standhalten kann.

So langsam glaube ich, dass Abby Jimenez zu einer meiner Lieblingsautorinnen im Romance-Bereich wird. Ich mag ihre Figuren total, ich habe Spaß an ihrem oft witzigen Schreibstil und mag die interessanten Situationen, in denen sich die Charaktere wiederfinden. Auch vor ernsteren Themen wird nicht zurückgeschreckt, hier geht es zum Beispiel auch um Demenz und wie sich die Pflege entsprechender Patienten auf ihre Angehörigen auswirkt.

Auch die Lovestory konnte mich wieder packen und ich habe echt mit den beiden mitgefiebert. Tatsächlich habe ich in Romance-Büchern oft das Problem, dass mir die Pärchen ziemlich egal sind, daher ist das hier definitiv ein Qualitätsmerkmal. Besonders gut gefällt mir bei Abby Jimenez auch immer, dass man immer wieder kleine Referenzen auf ihre anderen Bücher findet. Der aufmerksame Fan wird sie finden und sich freuen, dass alles in einem Universum spielt, für Neulinge stellen sie jedoch kein Hindernis da, es ist wirklich nur eher eine kleine Spielerei und keine Handlungsfortsetzung.

Das einzige Manko war für mich ein wenig das Ende und die Auflösung des zentralen Konflikts. Dafür, dass das Problem das ganze Buch über schier unlösbar schien, war die Lösung dann für mich etwas zu einfach und kam auch ein bisschen zu schnell. Aber das ist wirklich nur eine Kleinigkeit, über die man in diesem Genre auch mal etwas hinwegsehen kann.

Für Romance-Fans ist "Say You'll Remember Me" also eine absolute Empfehlung!

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Veröffentlicht am 29.07.2025

Neues aus Sally Rooneys Welt

Intermezzo
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Die Brüder Peter und Ivan könnten kaum unterschiedlich sein. Die beiden trennt nicht nur ein ziemlich erheblicher Altersunterschied, sie haben auch sehr verschiedene Philosophien und Erwartungen an die ...

Die Brüder Peter und Ivan könnten kaum unterschiedlich sein. Die beiden trennt nicht nur ein ziemlich erheblicher Altersunterschied, sie haben auch sehr verschiedene Philosophien und Erwartungen an die Welt. Kein Wunder, dass sie sich nie so richtig nah gekommen sind. Doch die Beerdigung ihres Vaters zu Beginn der Geschichte sorgt dafür, dass die Geschwister etwas näher zusammenrücken und sich miteinander auseinandersetzen müssen.

Ich denke, ob man Sally Rooneys Bücher mag, steht und fällt damit, was man von ihrem Schreibstil hält. Ich kann verstehen, wie dieser einigen einfach too much sein kann, aber ich liebe ihn total - und dass obwohl ich sonst kein großer Fan von blumigeren Stilen bin. Auch in "Intermezzo" überzeugt mich Rooneys Stil einfach total, fast noch mehr als in ihren Vorgängerwerken.

Handlungstechnisch passiert in diesem Buch nicht besonders viel, auch das ist Rooney-typisch. Aber ich finde es einfach fantastisch, wie sehr die Autorin in die Gedankenwelten ihrer Figuren eintauchen kann und es wirklich schafft, die banalsten Überlegungen in unheimlich schöne Worte zu fassen. Hier hat man wirklich immer wieder das Bedürfniss, sich Zitate aus dem Text zu notieren.

Wer viel Handlung oder extrem sympatische Figuren sucht, ist hier glaube ich fehl am Platze, aber mich konnte "Intermezzo" komplett überzeugen.

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Veröffentlicht am 20.07.2025

Mutter sein oder nicht sein

Im Leben nebenan
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Zwischen Toni und Jakob läuft es irgendwie nicht mehr so ganz. Irgendwie war die Verbindung zueinander schonmal besser, in der Großstadt fühlen sie sich auch nicht mehr so wohl und dann ist da noch die ...

Zwischen Toni und Jakob läuft es irgendwie nicht mehr so ganz. Irgendwie war die Verbindung zueinander schonmal besser, in der Großstadt fühlen sie sich auch nicht mehr so wohl und dann ist da noch die große Frage des Kinderwunsches. Doch eines Tages wacht Antonia in einem anderen Leben auf. Nun ist ihr Partner ihre Jugendliebe Adam und sie leben das perfekt spießige Leben in ihrer Heimatstadt - inklusive Baby. Vollkommen überfordert versucht Antonia mit ihrem neuen Leben klarzukommen, während wir immer wieder Einblicke darüber bekommen wie ihr "normales" Großstadtleben weiterlaufen würde.

Dieses kleine aber feine Buch hat mich vollkommen unerwartet begeistert. Auf nicht einmal 280 Seiten schafft es Anne Sauer, eine Frage intensiv zu behandeln, die viele junge Frauen beschäftigt und nutzt dabei eine unheimlich geniale Erzählstruktur. Besonders toll fand ich dabei, dass wirklich gut die Vor- und Nachteile beider Lebensentwürfe dargestellt werden, ohne in irgendeiner Form pauschal zu benennen, dass eine von beiden die bessere ist.

Auch der Schreibstil der Autorin war unheimlich gut. Besonders gut konnte ich die Überforderung einer neuen Mutter verstehen, und dass obwohl ich selbst noch keine Kinder habe. Eine gewisse Portion Mut auf bestimmte Arten von Männern kommt dabei auch nicht zu kurz.

Von mir bekommt "Im Leben nebenan" daher wohl verdiente 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 14.07.2025

Kriegsverbrechen und Dolce Vita

Zypressensommer
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Wir schreiben das Jahr 1998. Julia reist nach dem Tod ihres Großvaters in sein Heimatland Italien, um in der Toskana mehr über seine Vergangenheit herauszufinden. Dort trifft sie nicht nur auf vermeintliche ...

Wir schreiben das Jahr 1998. Julia reist nach dem Tod ihres Großvaters in sein Heimatland Italien, um in der Toskana mehr über seine Vergangenheit herauszufinden. Dort trifft sie nicht nur auf vermeintliche Verwandte und interessante italienische Männer, sondern auch dunkle Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Durch Rückblicke in die 40er-Jahre erfahren wir, was sich damals genau um die Familie Conti zugetragen hat.

Eins vorneweg: Ich rechne es Autor*innen immer hoch an, wenn sie sich mit historischen Themen beschäftigen, die bei uns sonst eher weniger Beachtung bekommen und vielleicht auch mal harter Tobak sind. Das ist bei "Zypressensommer" auf jeden Fall gegeben. Ich fand es wirklich toll, etwas mehr über den Widerstand in Italien zu erfahren, auch über die Kriegsverbrechen der Deutschen in dieser Region hatte ich bisher leider auch nur sehr wenig gehört. Man merkt definitiv, dass die Autorin hier gut recherchiert hat und dass es ihr am Herzen liegt, ihren Lesern diese Themen zu vermitteln.

Da hört es aber für mich schon mit den positiven Punkten bei diesem Buch auf. Was mich vor allem hier gestört hat, war der schlechte Schreibstil. Wie bei leider vielen deutschen Historienromanen werden die gut recherchierten Fakten total unnatürlich in Dialoge oder Tagebucheinträge eingebaut. So hat man dann leider immer das Gefühl, dass man einen Wikipedia-Artikel liest und keinen Roman.

Auch die Struktur der Erzählung ließ für mich viel zu Wünschen übrig. Dadurch, dass es mehrere Perspektiven gibt, die aber ungleichmäßig eingesetzt werden, ist es immer recht holprig und ich hatte vor allem gegen Anfang Probleme, der Handlung zu folgen. Das hing auch damit zusammen, dass ich erst sehr spät einen Überblick über die Figuren hatte, hier wäre sicher ein Stammbaum hilfreich gewesen. Ein entscheidendes Ereignis wird drei Mal aus verschiedenen Perspektiven erzählt, ohne dass ich aus irgendwelche neuen Erkenntnisse oder Gefühle aus den neuen Sichtweisen ziehen kann.

Hinzu kommt eine Überdosis Kitsch in den 1998-Kapiteln, die für mich einfach nicht zur ernsten Thematik der Rückblicke gepasst haben.

Zwar fand ich es interessant und wichtig, etwas über den Zweiten Weltkrieg in Italien zu lernen, leider konnte mich "Zypressensommer" ansonsten überhaupt nicht überzeugen.

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