Tief berührend
Mein erstes Buch von Sally Rooney - und ich brauchte etwas, um in das Buch hereinzukommen, es war definitiv kein Match auf den ersten Blick. Besonders irritierte mich - und zwar bis zum Schluss - der Schreibstil, ...
Mein erstes Buch von Sally Rooney - und ich brauchte etwas, um in das Buch hereinzukommen, es war definitiv kein Match auf den ersten Blick. Besonders irritierte mich - und zwar bis zum Schluss - der Schreibstil, wörtliche Rede wird nicht gekennzeichnet, Sätze lesen sich wie wirre Gedanken und enden abrupt ohne Verb oder Satzende (das man allerdings fairerweise oft doch automatisch im Kopf mitliest). Aufgrund der schweren Lesbarkeit habe ich mehrfach überlegt, das Buch abzubrechen, bin jetzt aber sehr froh, dass ich durchgehalten habe - und gebe dennoch die Höchstbewertung.
Zum Inhalt: Es geht vor allem um 2 Brüder, Ivan und Peter, deren Vater nach langer Krebserkrankung gestorben ist. Ivan ist erst 22 Jahre alt, Peter 10 Jahre älter. Wie man es bei Geschwistern (vor allem in der Literatur!) kennt, hat die Nischentheorie voll zugeschlagen: Peter ist erfolgreich, wohlhabend, hat einen großen Freundeskreis und einen angesehenen Beruf (Anwalt) und eine deutlich jüngere Freundin. Ivan ist linkisch und unsicher, ein begabter Schachspieler, mit 22 gerade mit seinem Abschluss fertig, aber noch unsicher, was er im Leben machen will. Er arbeitet als Freelancer, hat wenig Ambitionen, selbst beim Schachspielen, seiner früheren Leidenschaft, hat ihn sein Ehrgeiz verlassen. Er trägt eine feste Spange, die häufig thematisiert wird, hat zwar einen netten Freundeskreis, aber ist noch sehr unerfahren in der Liebe und Single.
Der Tod des Vaters führt bei beiden dazu, dass sie in ihrer Trauer ihr Leben neu bewerten und auch bestehende Beziehungen neu bewerten.
Hier kommt für mich die Stärke des Romans voll durch - wie Sally Rooney ihre Figuren handeln, denken und vor allem miteinander sprechen lässt, das ist wirklich tief berührend. Ich selbst befinde mich gerade in einer sehr ähnlichen Phase meines Lebens wie Ivan und Peter, mein Vater ist ebenfalls erst vor kurzem an einer Krebserkrankung gestorben und wir haben unser erstes Mal Weihnachten ohne ihn feiern müssen (was auch in Intermezzo geschieht). Auch in unserer Familie sind Konflikte ans Tageslicht gekommen, die wir versucht haben, zu ignorieren und die Wunden aufgebrochen oder neu zugefügt haben. Auch deswegen musste ich vor allem am Ende des Buches, das wirklich sehr, sehr schön und tröstlich ist (!), weinen und habe mich mitten ins Herz getroffen gefühlt.
Eine sehr persönliche und von Herzen kommende uneingeschränkte Leseempfehlung für Intermezzo von mir!