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Veröffentlicht am 13.09.2020

Debütroman erzählt eine Drei-Generationen-Geschichte

Jahresringe
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Leonore flüchtete von Ostpreußen in den Westen der BRD – in das Ruhrgebiet – in ein Dorf zwischen Köln und Aachen. Ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder verlor sie während der Kriegsjahre. So kommt sie ...

Leonore flüchtete von Ostpreußen in den Westen der BRD – in das Ruhrgebiet – in ein Dorf zwischen Köln und Aachen. Ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder verlor sie während der Kriegsjahre. So kommt sie als junge Frau in das kleine Dorf. Um überleben zu können, sucht sie eine Unterkunft und Arbeit. Der Bäcker Hannes Immerath und seine Mutter Änne führen eine Bäckerei im Dorf. Leonore bekommt die Chance, dort das Bäckerhandwerk zu erlernen. Männerbekanntschaften gehören nicht zu ihrem Lebensalltag, deshalb bleibt sie alleine. Dennoch hegt sie den Wunsch nach einem Kind. Eines Tages wird sie schwanger. Dorfbewohner sowie Hannes und Änne Immerath erfahren nicht, wer der Kindsvater ist. Selbst ihr Sohn Paul erfährt es nicht bis zu ihrem Tod. Sie nimmt es in den 2010er mit ins Grab. Leonore muss zeitlebens noch einmal ihre Heimat – die Bäckerei und das Haus – verlassen, weil ein Großkonzern Kohle als Energiequelle in ihrem Dorf abbauen möchte. Somit baut sie mit ihrem Sohn Paul ein neues Zuhause auf. Paul selbst gründet eine Familie, die allerdings irgendwann scheitert. Seine Kinder Jan und Sarah wachsen bei ihm und der Oma auf.
Andreas Wagner erzählt in seinem Debütroman eine Drei-Generationen-Geschichte über Verluste, Heimat und Tradition. Leonore als Hauptprotagonistin begleitet alle Figuren in der Geschichte. Ihre Flucht als solche wird nicht erzählt, sondern das Ankommen im Dorf zwischen Köln und Aachen. Ihr Chef Hannes, seine Mutter und die Dorfbewohner werden zu ihrer Familie bis sie selbst eine kleine Familie gründet. Ihr Sohn Paul bleibt ihr einziges Kind, der in den 1960er Jahren geboren wird. Paul wiederum gründet ebenfalls eine Familie, aus der seine Kinder Jan und Sarah hervorgehen. Ebenso erzählen die Kinder ihr Leben in diesem Buch, allerdings aus der Perspektive der Gegenwart. Dorfleben, alte Backrezepte sowie der Klimaschutz und die Aktivisten der Klimaschutzkampagnen bilden den Rahmen des Romans. Leonore ist eine starke Frauenfigur, die trotz Flucht und Verluste ihren Weg alleine bis zu ihrem Tod gegangen ist. Andreas Wagner umschreibt die Aktivitäten von Sarah als Klimaaktivistin in einer Art, als ob er selbst bei den Aktionen rund um die Aktivitäten am Hambacher Forst beteiligt gewesen wäre. Dem Autor gelingt der Bogen zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart, in den Zeiten, in denen die jeweiligen Figuren ihre Ziele und Kämpfe des Alltags im Auge behalten und ausfechten.
Der Buchtitel und das Buchcover sprechen einem zunächst nicht an, weil man auf dem ersten Blick davon ausgeht, es handelt sich um ein naturwissenschaftliches Buch. Aber welche Bedeutung die abgebildeten Maiglöckchen auf dem Cover haben, wird in der Geschichte erläutert.
Als ich die ersten Seiten gelesen habe, wurde ich in einem Sog mitgerissen, umso tiefer ich in die Geschichte vordrang. Mein Debüthighlight im Herbst 2020.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.06.2020

Letzter Mordfall vor dem Ruhestand

DUNKEL
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Hulda Hermannsdottir steht kurz vor ihrem wohlverdienten Ruhestand. Ihr Chef Magnus möchte sie lieber heute als morgen vorzeitig nach Hause schicken. Aber Hulda will sich nicht einfach so abspeisen lassen. ...

Hulda Hermannsdottir steht kurz vor ihrem wohlverdienten Ruhestand. Ihr Chef Magnus möchte sie lieber heute als morgen vorzeitig nach Hause schicken. Aber Hulda will sich nicht einfach so abspeisen lassen. Hulda und Magnus gehen einen Kompromiss ein, indem Hulda sich einen Fall sozusagen aussuchen darf. Vor gut einem Jahr verschwand eine junge russische Frau, die in Island Asyl beantragt hatte. Viele Tage später wurde sie am Meer gefunden. Huldas Kollege Alexander ermittelte diesen Mordfall, aber nach Huldas Meinung eher schlecht als recht. Deshalb will Hulda diesen Fall nochmal neu aufrollen. Während der Ermittlungen stellt Hulda fest, dass noch eine junge Frau verschwunden ist, die mit der Russin befreundet war und ebenfalls Asyl beantragt hatte, aber schlechtere Aussichten auf Asyl hatte. Hulda gerät unter Zeitdruck und Erklärungsnöte bei ihrem Vorgesetzten und Kollegen. Wird es Hulda gelingen, den Mörder oder die Mörderin zu finden?
Der isländische Autor Ragnar Jónasson schrieb eine Trilogie – die gerade ins Deutsche übersetzt wurde – die er chronologisch rückwärts erzählt. Das heißt, dass der erste Teil aus der nahen Gegenwart über eine isländische Polizeikommissarin erzählt. Hulda Hermannsdottir steht im Mittelpunkt im ersten Teil der Thriller-Trilogie, in dem Hulda ihren letzten Fall vor ihrem Ruhestand ermitteln darf. Hulda eine Frau mit polizeilichen Ermittlungserfahrungen stellt eine Frau dar, die hartnäckig, erfahren und sensibel ist. Auch ihr Privatleben schillert auf ihr Berufsleben, über das man nach und nach erfährt. Denn eine traurige Vergangenheit hat die Figur Hulda geformt so wie sie heute ist. Eine Einzelkämpferin lässt sich nicht unterkriegen, zumindest nicht nach außen. Ihr Vorgesetzter sowie ihre Teamkollegen scheinen eher den Eindruck zu machen, sie endlich im Ruhestand zu sehen. Man lernt Hulda nach und nach kennen, vor allem ihre Familienverhältnisse, die für Überraschungen sorgen. So spannend wie der Thriller erzählt wird, genauso geschehen überraschende Wendungen im Laufe der Geschichte, mit denen man nicht rechnet. Deshalb darf man einerseits auf den nächsten Fall von Hulda gespannt sein, aber andererseits auch mehr über ihr Privatleben in den nächsten beiden Bänden hoffentlich erfahren. Mystische Elemente sind in diesem Thriller nicht zu erwarten, was man vielleicht von anderen isländischen Autoren oder Autorinnen kennt.
Mir hat der Auftakt der Trilogie gut gefallen. Da das Privatleben von Hulda Hermannsdottir eine düstere Vergangenheit hat, bin ich gespannt, ob man in den nächsten Bänden mehr darüber erfährt, und wie sie als jüngere Kommissarin an die Kriminalfälle heran gegangen ist. Ein interessanter Erzählstil des Autors, die man nicht häufig liest.

  • Cover
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 21.05.2020

Das Leben einer Philosophin

Die drei Leben der Hannah Arendt
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Bei diesem Buch handelt es sich um eine Graphic Novel, ein moderner Comic, die über das Leben der deutschen Philosophin Hannah Arendt erzählt. Der Autor Ken Krimstein beginnt die Erzählung in der Kindheit ...

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Graphic Novel, ein moderner Comic, die über das Leben der deutschen Philosophin Hannah Arendt erzählt. Der Autor Ken Krimstein beginnt die Erzählung in der Kindheit von Hannah Arendt in Hannover, wo sie 1906 geboren wurde. Ihren Vater verlor sie früh aufgrund einer Krankheit. Ihre Mutter erzog sie alleine weiter auf. Im Kindesalter wurde Hannah bereits beschimpft, weil sie Jüdin gewesen ist. Im Jahr 1933 spitze sich die Lage zu für jüdische Familien. Deshalb floh Hannah mit ihrem zweiten Mann Georg Blücher und mit ihrer Mutter über Karlsbad, Genf, Paris und zum Schluss nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. 1975 verstarb sie. In dieser Graphic Novel werden drei Lebensabschnitte, die jeweils für eine Flucht vor der Nazi Diktatur stehen, erzählt. Ken Krimstein gibt Auszüge aus dem privaten und wissenschaftlichen Leben der Philosophin wider. Es werden nicht alle Aspekte tiefgründig erläutert, aber man bekommt einen Einblick, welche starke Frau Hannah Arendt ihrer Generation gewesen ist. Ihre politischen Ansichten sowie das ambivalente Verhältnis zu dem Philosophen Martin Heidegger, mit dem sie eine Affäre hatte, stehen im Mittelpunkt dieser Graphic Novel.
Da ich selbst vorher schon vor einiger Zeit die Biografie von Hannah Arendt gelesen hatte, konnte ich diese Novel gut nachvollziehen. Meiner Meinung nach hat der Autor die Zeichnungen des Lebens und der Umstände zwischen der Studienzeit und dem Tod von Hannah Arendt gut wiedergegeben. Für LeserInnen, die bisher wenig über sie wissen, werden sicherlich die eine oder andere Information anhand von Personen oder Ereignissen nachlesen. Sich tiefer mit der Biografie der Philosophin zu beschäftigen ist lohnenswert. Ihre politischen Ansichten sind heute genauso aktuell wie damals.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 15.05.2020

Frauen und einbetonierte Männer als Opfer

Der gute Cop
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In der kanadischen Stadt Dundurn wir das Ermittlerteam um den Detective Superintendent MacNeice mit zwei verschiedenen Fällen beauftragt. Junge Frauen mit Migrationshintergrund, die gut ausgebildet sind ...

In der kanadischen Stadt Dundurn wir das Ermittlerteam um den Detective Superintendent MacNeice mit zwei verschiedenen Fällen beauftragt. Junge Frauen mit Migrationshintergrund, die gut ausgebildet sind und in angesehenen berufen arbeiten, werden auf der Straße ermordet. Parallel findet man im örtlichen Hafen tote Männer – insgesamt fünf Männer – die alle in Beton gegossen wurden. Allerdings drei Männer schon seit Jahrzehnten im Beton gegossen. Die beiden anderen Männer erst seit wenigen Jahren. MacNeice und sein Team finden heraus, dass es Rivalitäten zwischen drei Unternehmen in der Betonbranche gibt. Der Bürgermeister will ein neues Gebäude errichten lassen, aber dabei sollen die Rivalitäten und die Morde nicht zu viel an die Öffentlichkeit kommen. MacNeice und seine hinzugezogene Kollegin Fiza Aziz haben einige Wochen gegen böse Jungs, die in der Biker Szene agieren, anzukämpfen – nicht nur gegen einen Einzeltäter, der Frauen aufschlitzt.
Dieser Krimi von dem kanadischen Autor Scott Thornley ist der erste, der im deutschen Büchermarkt veröffentlicht wurde. Am Anfang der Geschichte merkt man schon, dass es kein einfacher Krimi ist. Denn ein Geflecht aus Frauenmorden, Biker Gangs, in Beton gegossene Männer und Konkurrenz zwischen Beton-/Kiesgruben-Unternehmen bilden eine komplexe Geschichte, inmitten das Ermittlerteam von Detective Superintendent MacNeice. MacNeice führt das Team an, beauftragt vom örtlichen Bürgermeister von Dundurn, um die Morde der Männer im Hafengelände aufzuklären. Gerade beginnt der erste Fall, werden aufgeschlitzte Frauen mitten auf der Straße entdeckt. Ein unauffälliger Mörder treibt sein Unwesen. Der Autor lässt zwei Kriminalfälle parallel erzählen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren, was ihm gut gelungen ist. Mitten in der Geschichte tauchen kleine zu ausführliche Szenen auf, die man kürzer geschrieben haben könnte. Aber der Krimi wird dadurch wieder wettgemacht, dass der Hauptprotagonist MacNeice – zwar seine privaten Probleme hat – aber ein sehr sympathischer Ermittler in seinen Handlungen und Gedanken darstellt. Er vereint sein Team, so dass es solidarisch und konstruktiv arbeitet. MacNeice ist seit wenigen Jahren Witwer und wird von Albträumen nachts geplagt. Dieser private Aspekt ist nicht übermäßig dominant, sondern eher menschlich dargestellt. Es ist ebenso kein auffälliger Trinker, eher im Gegenteil hat er gerne einen passenden Spruch auf den Lippen, genauso auch seine Kollegen im Team. Demnach erzählt Scott Thornley einen komplexen, nachvollziehbaren und spannenden Krimi mit kleinem Actionanteil. Geografisch und aufgrund der Polizeititel fühlte ich mich beim Lesen eher in Großbritannien als in Kanada. Mehr Flair der kanadischen Kultur hätte ich mir gewünscht.
Mir hat dieser Krimi als Neuling auf dem deutschen Büchermarkt gut gefallen, besonders das Ende im Gegensatz zu manche anderen Krimis oder Thriller, die kurze Endphasen haben. Hier schleicht sich die Geschichte aus. Man könnte diesen Krimi auch gut verfilmen meiner Meinung nach. Ich bin schon gespannt auf die nächsten Kriminalfälle aus der Feder von Scott Thornley.

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Veröffentlicht am 05.05.2020

Starke Figuren in einem explosiven Debütroman

Das wirkliche Leben
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Eine vierköpfige Familie lebt irgendwo in Europa in einer gut bürgerlichen tristen Siedlung mit Haus, Garten und ein paar Haustieren. Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin, die Tochter der Familie, ...

Eine vierköpfige Familie lebt irgendwo in Europa in einer gut bürgerlichen tristen Siedlung mit Haus, Garten und ein paar Haustieren. Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin, die Tochter der Familie, die allerdings namenlos bleibt, erlebt eine Kindheit und Jugend, die mehr mit Brutalität konfrontiert wird als mit Liebe. Der Vater, ein Jäger und Sammler von ausgestopfte Tieren tyrannisiert die Familie auf physische und psychische Art und Weise. Seine Ehefrau schüchtert er jahrelang ein, so dass sie den Kampf, sich zu wehren, aufgibt. Gilles, der Sohn und der einzige in der Familie, der einen Namen von der Autorin bekommt, hält in den ersten Lebensjahren ein inniges Verhältnis zu seiner Schwester bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater den Sohn mit Waffen begeistert. Letztendlich schreckt der Vater vor nicht zurück, ob Mensch oder Tier, die er demütigt und verletzt.
Adeline Dieudonné beeindruckt mit ihrem Debütroman, indem sie mit Wucht, Explosivität und Nüchternheit starke Figuren sprachgewaltig und lebendig entwickelt hat. Starke Figuren deshalb, weil sie brutal und intensiv handeln, vor allem die Hauptprotagonistin, die hier als Ich-Erzählerin in der Rolle der Tochter dargestellt wird, und deren Vater, der eine einseitige Vaterrolle wiederspiegelt. Weit weg von Liebe und Emotionen wird dieser Roman erzählt. Dieser Roman ist zeit- und raumlos, denn er könnte in Belgien, aber auch in Deutschland, Schweden oder in England erzählt worden sein. Diese Familienkonstellation Vater, Mutter, Tochter und Sohn assoziieren ein Familienbild, dass in den deutschen bürgerlichen Stadtsiedlungen der 1960er oder 1970er Jahre handeln könnte, oder in den 1980er Jahren in England oder jedem anderen europäischen Land. Familien, wie sie hier dargestellt wird, gab und gibt es sicherlich noch, und man wünscht sich dabei, in solchen Verhältnissen nicht aufwachsen zu wollen. In Nebenschauplätzen spielen eine Nachbarsfamilie und ein Professor eine Rolle, die die Ich-Erzählerin bestärken und positive Momente aufflackern lassen. Ein Stück Hoffnungsschimmer.
Anhand der Szenen in der Geschichte sieht man, wie Machtverhältnisse in Familien und zwischen Geschlechtern entstehen, und was diese Verhältnisse aus Menschen macht. Man hofft während des Lesens immer wieder auf Vernunft und eine Umkehrung der negativen Verhältnisse zwischen den Figuren.
Ein gut erzählter und nachhaltiger Coming-of-Age Roman in der Hülle eines Debütromans. Mein bisheriges Lesehighlight im Frühjahr 2020.

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