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Veröffentlicht am 16.11.2021

Roman mit Poesie, aber auch Realitätsgewalt

Grace
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Irland steckt im Jahre 1845 und die Folgejahre in einer großen Krise von Hunger und Not. Keine Ernten, keine Arbeit und keine Lebensmittel bringen die Menschen an ihre Existenzgrenzen. In dieser Zeit lebt ...

Irland steckt im Jahre 1845 und die Folgejahre in einer großen Krise von Hunger und Not. Keine Ernten, keine Arbeit und keine Lebensmittel bringen die Menschen an ihre Existenzgrenzen. In dieser Zeit lebt das junge Mädchen Grace mit ihren Eltern und Geschwistern. Aufgrund der großen Familie, die ernährt werden will, fasst die gerade einmal 14jährige Grace den Entschluss, sich auf eine Reise zu begeben, um Lebensmittel und Geld zu verdienen. Ihre Reise wird zu einer Odyssee. Sie begegnet Menschen, die ihr helfen, einmal mehr, auch mal weniger. Aber sie muss auch Gewalt und Tod auf ihrer Reise erleben. Ob sie es am Ende schafft, mit Geld und Gütern nach Hause zu kommen, wird zu einer großen Kraftanstrengung und Herausforderung für Grace, die mitten aus ihrer Kindheit gerissen wird.
Paul Lynch erzählt eine Geschichte über eine Zeit, die einen an Krieg oder Dürre in einem warmen Land auf der Südhalbkugel erinnern. Wenn Menschen nicht mehr weiter wissen, um zu überleben. Welche Last diese Menschen auf sich zu nehmen, um zumindest eine Kante Brot am Tag essen zu können. Lynch setzt diese Zeit um 1845 in eine Szene, die grau, bitterlich und traurig ist. Menschen sterben und üben Gewalt aus. Die Protagonistin Grace begibt sich auf diese Odyssee, um ihrer Familie zu helfen. Sie findet halt, indem sie in Zwiesprache mit ihrem Bruder Colly ist. Colly ist in ihrem Kopf, um diese Reise zu ertragen. Eigentlich ist Grace zu jung, um sich zwischen Männern zu behaupten. Lynch stellt Grace einerseits als starkes Mädchen mit ihrer Willenskraft und Mut dar, aber andererseits ist sie naiv dar, was der Zeit geschuldet ist, wenn man in kinderreichen und ärmlichen Familienverhältnissen aufwächst. Aufklärung über Geschlecht und das Leben finden nicht statt. Mit einer poesiehaften Sprache erzählt der Autor teilweise in bildgewaltigen Szenen eine Zeit aus Hunger, Tod und Gewalt, die man selbst nie erleben möchte. Er spart nicht mit Beschreibungen, die diese Zeit so real darstellt, als wenn man selbst mitten drin stehen würde.
In die Sprache des Autors musste ich anfangs erst einmal hinein kommen. Sie war nicht in meiner sonstigen Sprache, die ich sonst im Sprachton und Rhythmus lese. Dieser Roman nimmt einen mit, und lässt nicht los, obwohl er manchmal in die Länge gezogen ist meiner Meinung nach. Manch ein Moment ist nüchterner und starker Tobak, weil sie so bildgewaltig sind. Nach so einem Roman braucht man erst einmal eine Lesepause, um diesen zu verdauen.

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Veröffentlicht am 22.08.2021

Wenn abgeschaltetes Internet die (fast) ganze Welt lahmlegt

Systemfehler
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Flirrende Atmosphäre eines Sommers in Deutschland. Eine kleine Anzahl von Personen findet sich im Untergrund zusammen. Ihr Ziel: das Internet. Claudia, eine Ärztin in Hamburg, operiert gerade einen Patienten, ...

Flirrende Atmosphäre eines Sommers in Deutschland. Eine kleine Anzahl von Personen findet sich im Untergrund zusammen. Ihr Ziel: das Internet. Claudia, eine Ärztin in Hamburg, operiert gerade einen Patienten, als Monitore schwarz werden, und die übrige Technik im ganzen Krankenhaus versagt. Ihr Patient stirbt. Ampeln in den Städten im ganzen Bundesgebiet fallen aus, weil sie zentral gesteuert werden. Die Folgen sind Verkehrschaos und Opfer im Straßenverkehr. Aber nicht nur Deutschland ist betroffen, sondern auch die Länder um Deutschland herum. Der Bundesnachrichtendienst (BND), die Polizeibehörden, der CIA und andere Organisationen werden in die Angelegenheit involviert, um Das Chaos zu beenden, und die Personen zu finden, die diese Katastrophe zu beenden. Diana und Nelson – zwei Mitarbeiterinnen beim BND – versuchen mit Hilfe ihrer europäischen Kolleginnen die Personen ausfindig zu machen.
Wolf Harlander inszeniert mit dieser Geschichte eine Welt, die gar nicht so weit von der Realität entfernt ist. Denn Tatsachen wie die Corona Pandemie oder die Hochwasserflut in NRW und RLP rücken beim Lesen in den Fokus. Und zwar in dem Moment, wenn man feststellt, dass ein Bruchteil – hier das Internet – der Gesamtinfrastruktur ausreicht, um die Gesamtinfrastruktur lahm zu legen. Das Internet ist hier die Macht, sobald diese Macht ausgeschaltet ist, wird die Bevölkerung ohnmächtig. Wie das Wasser der Ahr und anderer Flüsse bei der Hochwasserflut die Macht übernommen hat, und die Menschen vor Ort vor dem Nichts gestellt hat. Wie die Figuren Diana und Nelson gut darstellen, ist der Mensch ratlos, wenn eine Katastrophe auftaucht, und zeigt damit, dass es nicht die hundertprozentige Sicherheit gibt. Dem Autor ist anhand der einzelnen Szenarien und Figuren gut gelungen, eine Welt aufzuzeigen, in der die Menschen von Technik abhängig werden. Durch den Spannungsaufbau und Wendungen führt der Autor die Leserschaft zunächst in eine Richtung, aber am Ende kommt es ganz anders. Gut und Böse sowie Grauschattierungen werden ebenso gut in Szene gesetzt. Die jeweiligen Kapitel tragen den Namen einer Stadt, wo gerade eine Szene handelt mit ihren Figuren vor Ort. Die Bevölkerung bleiben Randfiguren. Familienangehörige und Kolleginnen wurden authentisch konstruiert und miteinander verknüpft.
Mit diesem Thriller genoss ich die Spannung bis zum Schluss, und konnte es kaum abwarten, wer nun der oder die Täter
innen sind, und w a r u m sie so handeln. Hier zeigt die Geschichte eine Welt, die man sich nicht wünscht.

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Veröffentlicht am 12.06.2021

Unterdrückung im 21. Jahrhundert

Im Reich der Schuhe
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Eine jüdische Familie – Vater und Sohn – zogen von Boston in den USA nach China, um dort ihre familiäre Tradition Schuhmacher fortzusetzen. Vater Fedor baute in den letzten Jahren in der chinesischen Stadt ...

Eine jüdische Familie – Vater und Sohn – zogen von Boston in den USA nach China, um dort ihre familiäre Tradition Schuhmacher fortzusetzen. Vater Fedor baute in den letzten Jahren in der chinesischen Stadt Foshan eine Schuhfabrik auf, die die Produktion durch Wander- und Arbeitsmigranten bewerkstelligen. Alex soll in die Fußstapfen des Vaters treten, und die Schuhmarken weiterhin ins Ausland verkaufen. Als Alex die Arbeiterin Ivy kennen- und lieben lernt, lernt er auch deren politische Ambitionen kennen. Die chinesischen Arbeiter und Arbeiterinnen möchten nicht weiterhin am Rande der Gesellschaft stehen. Auf der anderen Seite steht die chinesische Regierung, die mit den Schuhfabrikbesitzern die Arbeiterschaft gängeln wollen, und somit gegen jeden Protest untermauern wollen. Alex versteht die Perspektive der Arbeiter und Arbeiterinnen, und möchte selbst unter eigener Führung der Fabrik Änderungen vornehmen. Wird es Alex gelingen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen unter den strengen Augen der chinesischen Regierung?
Spencer Wise – selbst Sohn einer Auswandererfamilie und Sohn eines Schuhmachers - erzählt die Geschichte über Moderne, Tradition, Luxus und Armut. Auf der einen Seite stehen Vater Fedor und sein Sohn Alex als Arbeitgeber mit der Partei und Regierung Chinas, und auf der anderen Seite die Arbeiter und Arbeiterinnen sowie eine kleine politische Gruppe, die eine arbeitsrechtliche und menschenwürdige Revolution anstreben. Gleichzeitig entwickelt sich ein Generationenkonflikt zwischen Fedor und Alex. Fedor möchte bei seinen traditionellen Schuhmarken – hauptsächlich für das Ausland produziert – bleiben. Und Alex möchte eine neue modernere Produktionslinie fahren. Ivy - eine Arbeiterin – in die Alex sich verliebt, nutzt diese Liaison, um eine politische und nachhaltige Veränderung in den chinesischen Fabriken voran zu bringen. Man könnte denken, ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man an die chinesische Parteiführung und deren macht denkt. Der Autor erzeugte eine authentische Atmosphäre und Figuren, mit denen man mitleidet und mit Spannung wartet, ob die Geschichte gut oder schlecht ausgeht. Die Sprache ist modern, traditionell und mit jüdischen Akzenten erzählt. Man lernt somit verschiedene Kulturgüter in einer Geschichte kennen. Rundum kann man erwähnen, dass der Roman sprachgewaltig und emotional geschrieben wurde, selbst der Humor in den Dialogen geht nicht verloren.
Dieser Roman überzeugte mich aufgrund der Einblicke hinter die Fassaden der chinesischen Wander- und Arbeitsmigranten, und der starken Charaktere von Alex und Ivy. Ein Roman, der lange nachhallt, und zum Nachdenken anregt. Ein Lesehighlight im Frühjahr 2021.
Da ich ein Leseexemplar gelesen habe, hoffe ich, dass die Endfassung nochmal Korrektur gelesen wurde. Denn an mehreren Stellen habe ich grammatikalische Schreib- bzw. Tippfehler gefunden, die ich hier aber nicht im Einzelnen aufzählen möchte.

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Veröffentlicht am 04.05.2021

Warmherzige Schicksalsgeschichte

Das Leben ist zu kurz für irgendwann
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Terry und Iris sind seit Jahren Freundinnen in den besten Jahren, kennen sich durch die Alzheimer Gesellschaft und leben in Irland. Eines Tages kommt der verflixte Tag. Iris hat Geburtstag und Terrys Vater ...

Terry und Iris sind seit Jahren Freundinnen in den besten Jahren, kennen sich durch die Alzheimer Gesellschaft und leben in Irland. Eines Tages kommt der verflixte Tag. Iris hat Geburtstag und Terrys Vater muss für eine Woche in eine andere Pflegeeinrichtung oder zu ihr nach Hause aufgrund von Ungeziefer im Pflegeheim, in dem der Vater lebt. Terry möchte Iris an ihrem Geburtstag überraschen, trifft sie aber in ihrem Zuhause nicht an. Terry begibt sich auf die Suche bis sie herausfindet, dass Iris auf dem Weg in die Schweiz ist. Viele Jahre lebt Iris mit der Krankheit Multiple Sklerose (MS). In Begleitung ihres demenzkranken Vaters begeben sich die drei auf eine Reise ins Ungewisse. Iris schmiedete einen Plan, von dem Terry sie abhalten will.

Ciara Geraghty erzählt eine Geschichte zweier Frauen, die sich auf eine Reise begeben, die einerseits traurig untermalt ist, andererseits Mut macht. Iris erkrankte vor einigen Jahren an MS, die sich zu einer schleichenden Krankheit entwickelte, und das Leben nach und nach einschränkt mit sämtlichen Nebenwirkungen. Terry lebt von ihrem Mann Brendan getrennt mit ihren beiden Kindern in einem Haushalt. Ihrer Mutter verstarb vor einiger Zeit, ihr Vater erkrankte dagegen an Alzheimer, was der Grund dafür ist, dass Terry sich in der Alzheimer Gesellschaft engagiert. Iris möchte ihr Leben nach ihren Vorstellungen beenden, und reist dafür in die Schweiz. Im letzten Moment erreicht Terry ihre Freundin, und versucht auf der kommenden Reise ihre Freundin umzustimmen bei diesem Schritt. Ernsthafte und humorvolle Dialoge und Erlebnisse auf einer ungewissen Reise erzählen eine warmherzige Geschichte, die einem Mut macht, aber auch zum Nachdenken über Tod, Leben und Krankheiten anregt. Terry ist häufig verzweifelt wegen der Demenz ihres Vaters auf der einen Seite, aber auch über den mutigen Schritt ihrer Freundin, dem Leben mit unsagbaren Schmerzen ein Ende zu setzen. Beide Freundinnen überzeugen mit ihren Charakteren und nachvollziehbaren Handlungen, und auch der Frank-Sinatra-Fan Eugene – Terrys Vater – zeigen deutlich, wie sich ein Mensch mit Demenz verändert.

Mit Neugier, Humor und Spannung habe ich diesen Roman gelesen. Wenn gerade Corona uns weltweit beschäftigt, zeigt dieser Roman, dass es andere Erkrankungen genauso gibt, die das Leben verändern, aber auch die Einstellungen zu Krankheiten Mut machen, wenn sie auch eher ein trauriger Anlass sind. Das Buchcover gefällt mir besonders, denn es macht Lust auf das Buch und das Leben.

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Veröffentlicht am 23.02.2021

Mensch-Tier-Verhältnis

Sprich mit mir
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Diese Geschichte in den 1980er Jahren in Amerika erzählt von einer jungen Studentin und einem Wissenschaftlerteam, die sich damit auseinandersetzen, inwieweit Schimpansen fühlen und handeln. Haben Schimpansen ...

Diese Geschichte in den 1980er Jahren in Amerika erzählt von einer jungen Studentin und einem Wissenschaftlerteam, die sich damit auseinandersetzen, inwieweit Schimpansen fühlen und handeln. Haben Schimpansen einen Geist, wenn ja, wie weit ist er ausgeprägt? Diese Fragen stellen sich Dr. Guy Schermerhorn und sein Vorgesetzter Prof. Moncrief. Aimee studiert Psychologie an einer amerikanischen Universität, als sie eines Tages eine TV-Show sieht, in der ein Schimpanse mit Dr. Guy Schermerhorn gebärdet. Guy hat seinem zweijährigen Schimpansen Sam Gebärdensprache beigebracht. So können beide miteinander kommunizieren. Als Dr. Schermerhorn studentische Hilfskräfte für sein Projekt sucht, bewirbt sich Aimee und wird kurz darauf eingestellt. Guy, Aimee und die anderen wissenschaftlichen Mitarbeiter ziehen in eine Ranch außerhalb der Stadt, und begleiten Sam in seiner Entwicklung. Bis eines Tages ein Vorfall eintritt, der das Leben von Sam verändert.

T.C. Boyle erzählt eine Geschichte über einen Schimpansen, der als Symbolfigur für anderen berühmte Affen, die in der Vergangenheit – vor allem in Amerika – in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten sind. Diese Affen dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Wissenschaft, um festzustellen, inwieweit zum Beispiel Schimpansen dem Menschen ähneln. Was verstehen sie anhand von Sprache, Akustik und Gestik? Mit diesen Fragen als Hintergrund erzählt T.C. Boyle eine emotionale, teilweise aufwühlende Geschichte von einem Affen – Schimpanse Sam – der für seine Würde kämpft. Aber er kämpft nicht alleine. Denn Aimee kämpft ebenfalls, dass Sam nicht zu einem Laboraffen wird. Dem Autor gelingt es, Mensch und Tier einfühlsam zu beschreiben und entwickeln zu lassen. Nebenfiguren weisen starke Charaktere auf, die als Freund und Feind gegenüber von Sam stehen. Meiner Meinung nach gelingt es T.C. Boyle die Maske von Affen – vor allem für Schimpansen –fallen zu lassen, um zu zeigen, wie diese Tiere denken (wenn sie denken, und wie) und vor allem fühlen. Man darf auch nicht vergessen, wie Menschen Affen missbrauchen für die Wissenschaft. T.C. Boyle zeigt zwei Seiten der Medaille des Schimpansen: Sam als Objekt, Sam als Freund/ Familienmitglied. Natürlich darf man nicht vergessen, dass Affen wilde Tiere sind.

Dieser Roman über einen besonderen Schimpansen war beim Lesen eine Achterbahnfahrt von Freude, Traurigkeit, Wut und Schmerzlichkeit. Daran sieht man, dass T.C. Boyle die Beschreibung der Gefühlswelt beherrscht.

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