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Veröffentlicht am 12.06.2021

Unterdrückung im 21. Jahrhundert

Im Reich der Schuhe
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Eine jüdische Familie – Vater und Sohn – zogen von Boston in den USA nach China, um dort ihre familiäre Tradition Schuhmacher fortzusetzen. Vater Fedor baute in den letzten Jahren in der chinesischen Stadt ...

Eine jüdische Familie – Vater und Sohn – zogen von Boston in den USA nach China, um dort ihre familiäre Tradition Schuhmacher fortzusetzen. Vater Fedor baute in den letzten Jahren in der chinesischen Stadt Foshan eine Schuhfabrik auf, die die Produktion durch Wander- und Arbeitsmigranten bewerkstelligen. Alex soll in die Fußstapfen des Vaters treten, und die Schuhmarken weiterhin ins Ausland verkaufen. Als Alex die Arbeiterin Ivy kennen- und lieben lernt, lernt er auch deren politische Ambitionen kennen. Die chinesischen Arbeiter und Arbeiterinnen möchten nicht weiterhin am Rande der Gesellschaft stehen. Auf der anderen Seite steht die chinesische Regierung, die mit den Schuhfabrikbesitzern die Arbeiterschaft gängeln wollen, und somit gegen jeden Protest untermauern wollen. Alex versteht die Perspektive der Arbeiter und Arbeiterinnen, und möchte selbst unter eigener Führung der Fabrik Änderungen vornehmen. Wird es Alex gelingen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen unter den strengen Augen der chinesischen Regierung?
Spencer Wise – selbst Sohn einer Auswandererfamilie und Sohn eines Schuhmachers - erzählt die Geschichte über Moderne, Tradition, Luxus und Armut. Auf der einen Seite stehen Vater Fedor und sein Sohn Alex als Arbeitgeber mit der Partei und Regierung Chinas, und auf der anderen Seite die Arbeiter und Arbeiterinnen sowie eine kleine politische Gruppe, die eine arbeitsrechtliche und menschenwürdige Revolution anstreben. Gleichzeitig entwickelt sich ein Generationenkonflikt zwischen Fedor und Alex. Fedor möchte bei seinen traditionellen Schuhmarken – hauptsächlich für das Ausland produziert – bleiben. Und Alex möchte eine neue modernere Produktionslinie fahren. Ivy - eine Arbeiterin – in die Alex sich verliebt, nutzt diese Liaison, um eine politische und nachhaltige Veränderung in den chinesischen Fabriken voran zu bringen. Man könnte denken, ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man an die chinesische Parteiführung und deren macht denkt. Der Autor erzeugte eine authentische Atmosphäre und Figuren, mit denen man mitleidet und mit Spannung wartet, ob die Geschichte gut oder schlecht ausgeht. Die Sprache ist modern, traditionell und mit jüdischen Akzenten erzählt. Man lernt somit verschiedene Kulturgüter in einer Geschichte kennen. Rundum kann man erwähnen, dass der Roman sprachgewaltig und emotional geschrieben wurde, selbst der Humor in den Dialogen geht nicht verloren.
Dieser Roman überzeugte mich aufgrund der Einblicke hinter die Fassaden der chinesischen Wander- und Arbeitsmigranten, und der starken Charaktere von Alex und Ivy. Ein Roman, der lange nachhallt, und zum Nachdenken anregt. Ein Lesehighlight im Frühjahr 2021.
Da ich ein Leseexemplar gelesen habe, hoffe ich, dass die Endfassung nochmal Korrektur gelesen wurde. Denn an mehreren Stellen habe ich grammatikalische Schreib- bzw. Tippfehler gefunden, die ich hier aber nicht im Einzelnen aufzählen möchte.

  • Cover
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Veröffentlicht am 04.05.2021

Warmherzige Schicksalsgeschichte

Das Leben ist zu kurz für irgendwann
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Terry und Iris sind seit Jahren Freundinnen in den besten Jahren, kennen sich durch die Alzheimer Gesellschaft und leben in Irland. Eines Tages kommt der verflixte Tag. Iris hat Geburtstag und Terrys Vater ...

Terry und Iris sind seit Jahren Freundinnen in den besten Jahren, kennen sich durch die Alzheimer Gesellschaft und leben in Irland. Eines Tages kommt der verflixte Tag. Iris hat Geburtstag und Terrys Vater muss für eine Woche in eine andere Pflegeeinrichtung oder zu ihr nach Hause aufgrund von Ungeziefer im Pflegeheim, in dem der Vater lebt. Terry möchte Iris an ihrem Geburtstag überraschen, trifft sie aber in ihrem Zuhause nicht an. Terry begibt sich auf die Suche bis sie herausfindet, dass Iris auf dem Weg in die Schweiz ist. Viele Jahre lebt Iris mit der Krankheit Multiple Sklerose (MS). In Begleitung ihres demenzkranken Vaters begeben sich die drei auf eine Reise ins Ungewisse. Iris schmiedete einen Plan, von dem Terry sie abhalten will.

Ciara Geraghty erzählt eine Geschichte zweier Frauen, die sich auf eine Reise begeben, die einerseits traurig untermalt ist, andererseits Mut macht. Iris erkrankte vor einigen Jahren an MS, die sich zu einer schleichenden Krankheit entwickelte, und das Leben nach und nach einschränkt mit sämtlichen Nebenwirkungen. Terry lebt von ihrem Mann Brendan getrennt mit ihren beiden Kindern in einem Haushalt. Ihrer Mutter verstarb vor einiger Zeit, ihr Vater erkrankte dagegen an Alzheimer, was der Grund dafür ist, dass Terry sich in der Alzheimer Gesellschaft engagiert. Iris möchte ihr Leben nach ihren Vorstellungen beenden, und reist dafür in die Schweiz. Im letzten Moment erreicht Terry ihre Freundin, und versucht auf der kommenden Reise ihre Freundin umzustimmen bei diesem Schritt. Ernsthafte und humorvolle Dialoge und Erlebnisse auf einer ungewissen Reise erzählen eine warmherzige Geschichte, die einem Mut macht, aber auch zum Nachdenken über Tod, Leben und Krankheiten anregt. Terry ist häufig verzweifelt wegen der Demenz ihres Vaters auf der einen Seite, aber auch über den mutigen Schritt ihrer Freundin, dem Leben mit unsagbaren Schmerzen ein Ende zu setzen. Beide Freundinnen überzeugen mit ihren Charakteren und nachvollziehbaren Handlungen, und auch der Frank-Sinatra-Fan Eugene – Terrys Vater – zeigen deutlich, wie sich ein Mensch mit Demenz verändert.

Mit Neugier, Humor und Spannung habe ich diesen Roman gelesen. Wenn gerade Corona uns weltweit beschäftigt, zeigt dieser Roman, dass es andere Erkrankungen genauso gibt, die das Leben verändern, aber auch die Einstellungen zu Krankheiten Mut machen, wenn sie auch eher ein trauriger Anlass sind. Das Buchcover gefällt mir besonders, denn es macht Lust auf das Buch und das Leben.

  • Cover
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Veröffentlicht am 23.02.2021

Mensch-Tier-Verhältnis

Sprich mit mir
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Diese Geschichte in den 1980er Jahren in Amerika erzählt von einer jungen Studentin und einem Wissenschaftlerteam, die sich damit auseinandersetzen, inwieweit Schimpansen fühlen und handeln. Haben Schimpansen ...

Diese Geschichte in den 1980er Jahren in Amerika erzählt von einer jungen Studentin und einem Wissenschaftlerteam, die sich damit auseinandersetzen, inwieweit Schimpansen fühlen und handeln. Haben Schimpansen einen Geist, wenn ja, wie weit ist er ausgeprägt? Diese Fragen stellen sich Dr. Guy Schermerhorn und sein Vorgesetzter Prof. Moncrief. Aimee studiert Psychologie an einer amerikanischen Universität, als sie eines Tages eine TV-Show sieht, in der ein Schimpanse mit Dr. Guy Schermerhorn gebärdet. Guy hat seinem zweijährigen Schimpansen Sam Gebärdensprache beigebracht. So können beide miteinander kommunizieren. Als Dr. Schermerhorn studentische Hilfskräfte für sein Projekt sucht, bewirbt sich Aimee und wird kurz darauf eingestellt. Guy, Aimee und die anderen wissenschaftlichen Mitarbeiter ziehen in eine Ranch außerhalb der Stadt, und begleiten Sam in seiner Entwicklung. Bis eines Tages ein Vorfall eintritt, der das Leben von Sam verändert.

T.C. Boyle erzählt eine Geschichte über einen Schimpansen, der als Symbolfigur für anderen berühmte Affen, die in der Vergangenheit – vor allem in Amerika – in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten sind. Diese Affen dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Wissenschaft, um festzustellen, inwieweit zum Beispiel Schimpansen dem Menschen ähneln. Was verstehen sie anhand von Sprache, Akustik und Gestik? Mit diesen Fragen als Hintergrund erzählt T.C. Boyle eine emotionale, teilweise aufwühlende Geschichte von einem Affen – Schimpanse Sam – der für seine Würde kämpft. Aber er kämpft nicht alleine. Denn Aimee kämpft ebenfalls, dass Sam nicht zu einem Laboraffen wird. Dem Autor gelingt es, Mensch und Tier einfühlsam zu beschreiben und entwickeln zu lassen. Nebenfiguren weisen starke Charaktere auf, die als Freund und Feind gegenüber von Sam stehen. Meiner Meinung nach gelingt es T.C. Boyle die Maske von Affen – vor allem für Schimpansen –fallen zu lassen, um zu zeigen, wie diese Tiere denken (wenn sie denken, und wie) und vor allem fühlen. Man darf auch nicht vergessen, wie Menschen Affen missbrauchen für die Wissenschaft. T.C. Boyle zeigt zwei Seiten der Medaille des Schimpansen: Sam als Objekt, Sam als Freund/ Familienmitglied. Natürlich darf man nicht vergessen, dass Affen wilde Tiere sind.

Dieser Roman über einen besonderen Schimpansen war beim Lesen eine Achterbahnfahrt von Freude, Traurigkeit, Wut und Schmerzlichkeit. Daran sieht man, dass T.C. Boyle die Beschreibung der Gefühlswelt beherrscht.

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Veröffentlicht am 23.02.2021

Sieben Menschenleben sterben aufgrund eines Thrillers

Hexenjäger
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Eine Frau sitzt am Esszimmertisch, als ob sie gerade zu Abend essen würde. Sie schaut glücklich zufrieden. Das Zimmer ist hell erleuchtet. Aber es ist eine Inszenierung, eine Inszenierung einer toten Frau. ...

Eine Frau sitzt am Esszimmertisch, als ob sie gerade zu Abend essen würde. Sie schaut glücklich zufrieden. Das Zimmer ist hell erleuchtet. Aber es ist eine Inszenierung, eine Inszenierung einer toten Frau. Kurz darauf findet das Ermittlerteam der finnischen Polizei eine tote Frau an einem Ufer eines vereisten Flusses. Hauptermittlerin Jessica Niemi und ihr Team finden heraus, dass noch fünf weitere Personen im Umfeld der ersten toten Frau auf bestialische Weise umgebracht werden. Das Besondere an den Mordmethoden ist, dass diese sieben Personen nach den gleichen Methoden umgebracht werden wie in einer Thriller Trilogie des finnischen Autors Roger, dessen Ehefrau die erste Tote war, die man in dem besagten Esszimmer am Esstisch gefunden hat. Der Ehemann gerät unter anderem in Verdacht, aber so schnell wird diese Verdächtigung keine schnelle Aufklärung.

Max Seeck startet mit „Hexenjäger“ eine Thriller Trilogie, die es in sich hat. Sieben Menschenleben werden wie im Mittelalter umgebracht – Frauen wie Männer. Eine Thriller Trilogie dient dem Mörder als Vorbild. Eine weibliche Ermittlerin, die einer schwierigen Vergangenheit, so dass sie für die Leserschaft geheimnisvoll wirkt. Ebenso trägt ihr Chef Geheimnisse mit sich herum, denn tritt unnahbar seinem Team gegenüber auf. Jessica Niemi zeigt sich als kämpferische Ermittlerin unter den Augen ihres väterlichen Chefs. Dieser Thriller lässt einen beim Lesen nicht kalt, denn der Autor trägt Spannung durch bildhafte Landschaftsbeschreibungen und Mordmethoden bei. Die kalte Jahreszeit mitten im Winter trägt ihr Übriges bei. Perspektivwechsel aus der Sicht von Jessica, Erne, und den Nebenfiguren bringen ebenso abwechslungsreiche Unterhaltung. Als Leserin tappt man lange im Dunkeln, welche Motive hinter den Morden stecken könnten, und wer überhaupt der oder die Täter sind.
Dieser Auftakt einer finnischen Thriller Trilogie sorgt gerade an winterlichen Lesestunden zu einer Atmosphäre bei, die nicht passender sein könnte. Mir gefiel der Mix aus winterlicher Landschaft mit Eis, Schnee und Kälte und den Mordmethoden, die einem ein Gänsehautgefühl beim Lesen verursacht. Deshalb bin ich schon sehr gespannt, wie die Trilogie weitergeht.

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Veröffentlicht am 13.09.2020

Debütroman erzählt eine Drei-Generationen-Geschichte

Jahresringe
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Leonore flüchtete von Ostpreußen in den Westen der BRD – in das Ruhrgebiet – in ein Dorf zwischen Köln und Aachen. Ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder verlor sie während der Kriegsjahre. So kommt sie ...

Leonore flüchtete von Ostpreußen in den Westen der BRD – in das Ruhrgebiet – in ein Dorf zwischen Köln und Aachen. Ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder verlor sie während der Kriegsjahre. So kommt sie als junge Frau in das kleine Dorf. Um überleben zu können, sucht sie eine Unterkunft und Arbeit. Der Bäcker Hannes Immerath und seine Mutter Änne führen eine Bäckerei im Dorf. Leonore bekommt die Chance, dort das Bäckerhandwerk zu erlernen. Männerbekanntschaften gehören nicht zu ihrem Lebensalltag, deshalb bleibt sie alleine. Dennoch hegt sie den Wunsch nach einem Kind. Eines Tages wird sie schwanger. Dorfbewohner sowie Hannes und Änne Immerath erfahren nicht, wer der Kindsvater ist. Selbst ihr Sohn Paul erfährt es nicht bis zu ihrem Tod. Sie nimmt es in den 2010er mit ins Grab. Leonore muss zeitlebens noch einmal ihre Heimat – die Bäckerei und das Haus – verlassen, weil ein Großkonzern Kohle als Energiequelle in ihrem Dorf abbauen möchte. Somit baut sie mit ihrem Sohn Paul ein neues Zuhause auf. Paul selbst gründet eine Familie, die allerdings irgendwann scheitert. Seine Kinder Jan und Sarah wachsen bei ihm und der Oma auf.
Andreas Wagner erzählt in seinem Debütroman eine Drei-Generationen-Geschichte über Verluste, Heimat und Tradition. Leonore als Hauptprotagonistin begleitet alle Figuren in der Geschichte. Ihre Flucht als solche wird nicht erzählt, sondern das Ankommen im Dorf zwischen Köln und Aachen. Ihr Chef Hannes, seine Mutter und die Dorfbewohner werden zu ihrer Familie bis sie selbst eine kleine Familie gründet. Ihr Sohn Paul bleibt ihr einziges Kind, der in den 1960er Jahren geboren wird. Paul wiederum gründet ebenfalls eine Familie, aus der seine Kinder Jan und Sarah hervorgehen. Ebenso erzählen die Kinder ihr Leben in diesem Buch, allerdings aus der Perspektive der Gegenwart. Dorfleben, alte Backrezepte sowie der Klimaschutz und die Aktivisten der Klimaschutzkampagnen bilden den Rahmen des Romans. Leonore ist eine starke Frauenfigur, die trotz Flucht und Verluste ihren Weg alleine bis zu ihrem Tod gegangen ist. Andreas Wagner umschreibt die Aktivitäten von Sarah als Klimaaktivistin in einer Art, als ob er selbst bei den Aktionen rund um die Aktivitäten am Hambacher Forst beteiligt gewesen wäre. Dem Autor gelingt der Bogen zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart, in den Zeiten, in denen die jeweiligen Figuren ihre Ziele und Kämpfe des Alltags im Auge behalten und ausfechten.
Der Buchtitel und das Buchcover sprechen einem zunächst nicht an, weil man auf dem ersten Blick davon ausgeht, es handelt sich um ein naturwissenschaftliches Buch. Aber welche Bedeutung die abgebildeten Maiglöckchen auf dem Cover haben, wird in der Geschichte erläutert.
Als ich die ersten Seiten gelesen habe, wurde ich in einem Sog mitgerissen, umso tiefer ich in die Geschichte vordrang. Mein Debüthighlight im Herbst 2020.

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