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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.05.2026

Aktuell, hochinteressant und aufschlussreich!

Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war
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Christian Weißgerber beschäftigt sich in seinem Buch mit nicht nur seinen eigenen Gründen, ein Neonazi geworden zu sein, sondern auch die gesellschaftlichen Gründe für einen zunehmende Ausrichtung nach ...

Christian Weißgerber beschäftigt sich in seinem Buch mit nicht nur seinen eigenen Gründen, ein Neonazi geworden zu sein, sondern auch die gesellschaftlichen Gründe für einen zunehmende Ausrichtung nach Rechts. Dabei beginnt das Buch zunächst zum größeren Teil die biografischen Eckpunkte aus psychologischer Sicht zu einer Herleitung zusammenzuweben, welche den Weg zum Neonazi als Entscheidung und weniger als Opfer äußerer Gegebenheiten darstellt. Dies stellt der Autor auch gleich in der Einleitung klar. Zum Ende hin besteht die Abhandlung zum größeren Teil aus gesellschaftspolitischen, soziologischen und auch mitunter philosophischen Betrachtungen zur Neonaziszene. Das Buch endet in einem Plädoyer für die Möglichkeit zur Veränderung und mit einer Mahnung in Hinblick auf die Neue Rechte.

Weißgerber verstrickt diese beiden Elemente der Mikro- und Makroebene argumentativ nachvollziehbar und erhellend. Selbst für gesellschaftlich Interessierte tun sich im Buch neue Erklärungen für subkulturelle Phänomene auf, die so nur Insidern erkennbar sein können. Das ist meiner Meinung auch eine Große Stärke des Buches. Weißgerber hat kein „Aussteigerbuch“ im bekannten Sinne geschrieben. Er erzählt kaum über den Ausstieg als vielmehr über die rechte Szene als solche, wie sie sich noch vor wenigen Jahren aber auch aktuell darstellt und findet klare Worte zur derzeitigen rechten Strömung unter „besorgten Bürgern“. Er nimmt dafür sowohl argumentativ als auch rhetorisch rechtes Gedankengut auseinander und verdeutlicht starke Parallelen auch zu linksradikalen Ansichten wie bspw. Im Rahmen der Kapitalismuskritik. Dem Leser wird schnell klar: Das alt hergebrachte Rechts-Links-Schema ist längst überholt. In Bereichen wie z.B. ökologischem Handeln unterscheiden sich die Akteure nicht mehr durch ihre Einstellungen, sondern vielmehr nur durch die Gründe, weshalb sie ökologisch protektiv agieren. Dazu werden stets historische Entwicklungen in „der“ Szene (obwohl offensichlich wird, dass es „die eine“ Szene gar nicht gibt) aufgeschlüsselt. Der Leser wird an die Hand genommen, um die Übersicht nicht zu verlieren. Sprachlich merkt man dabei dem Autor sein Studium der Philosophie und Sprechwissenschaften an. Als Leser folgt man gern den argumentativen Linien des Autors.

Als einziges Manko sehe ich manche lapidare Sprachbilder, die der Autor in der Beschreibung der Neonazis verwendet. Es handelt sich durchweg um ein ernstes Buch, welches auch ernst genommen werden sollte, was jedoch bei so manchen Überschriften und Bemerkungen schwerfallen könnte. Als Beispiel die Kapitelüberschrift „50 Shades of Braun“ oder Sätze wie: „Ein Großteil der Konzertbesucher und –besucherinnen war standesgemäß in Bomberjacken und Springerstiefel gekleidet und hatte bis über beide Ohren kreisrunden Haarausfall.“ und „Die Puristen erhoben mahnend den rechten Zeigefinger“. Neben diesen sprachlichen Kalauern fallen vor allem im hinteren Teil zunehmend Tippfehler auf, die man überlesen kann, was jedoch schwer fällt bei „Staufenberg“. Niemand ist perfekt, aber einem sehr guten Lektorat, was ich beim Orell Füssli Verlag eigentlich erwarte, sollten solche Schnitzer, besonders bezogen auf die oben genannten Kalauer, nicht passieren.

Insgesamt bin finde ich das Buch von Weißgerber sehr aufschlussreich, hochinteressant und defintiv weiterzuempfehlen an politisch und soziokulturell Interessierte.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Die Aufmerksamkeit sollte diesbezüglich nie nachlassen

Das geringste Nachlassen der Aufmerksamkeit
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Mir hat die Geschichte von Klaus Ulaszewski um eine Greisin und ihren Ziehenkel, der in rechtes Gedankengut und die Verharmlosung der deutschen Geschichte bezogen auf das Dritte Reich rutscht, sehr gefallen.
Wobei ...

Mir hat die Geschichte von Klaus Ulaszewski um eine Greisin und ihren Ziehenkel, der in rechtes Gedankengut und die Verharmlosung der deutschen Geschichte bezogen auf das Dritte Reich rutscht, sehr gefallen.
Wobei mir ganz zu Beginn im ersten kurzen Abschnitt die sprachliche Umsetzung gar nicht zugesagt hat. Dieser nicht ganz so gut funktionierende Trick, um eine Traumsequenze darzustellen, ist aus meiner Sicht jedoch der einzige Kritikpunkt an der Novelle.
Inhaltlich fand ich die Geschichte sehr gut. Es gibt einige Wendungen, die man beim Lesen so nicht erwartet und das hält wach im Kopf, man muss flexibel bleiben und darf sich keinen eigenen Plotideen zu sehr hingeben. Die eigene Aufmerksamkeit sollte nämlich bei dieser Geschichte auch nicht im geringsten nachlassen. Das mag ich. Pläne ändern sich, funktionieren doch nicht so wie gedacht und haben am Ende doch wieder ein interessantes Resultat zur Folge. Die Doppeldeutigkeit des Titels bezogen sowohl im Makrobereich auf die deutsche Historie, die man mit stets wacher Aufmerksamkeit im Blick haben sollte, als auch im Mikrobereich auf die Protagonistin (wobei hier nichts verraten werden soll) gefällt mir sehr.

Insgesamt eine sehr gute Idee hinter der Geschichte. Auf jeden Fall empfehlenswert zu lesen. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die aktuell grassierende Geschichtsverhamrlosung in rechtspopulistischen Kreisen.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein großartiger, mitreißender Roman über Emanzipation und Integration

Eine eigene Zukunft
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Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Roman, der in der deutschen Ausgabe „Eine eigene Zukunft“, im spanischen Original frei übersetzt „Die Töchter des Kapitän“, heißt, mit der Geschichte von drei Anfang ...

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem Roman, der in der deutschen Ausgabe „Eine eigene Zukunft“, im spanischen Original frei übersetzt „Die Töchter des Kapitän“, heißt, mit der Geschichte von drei Anfang 20jährigen Schwestern, welche aus Spanien mit ihrer Mutter dem Vater ins New York der 30er Jahre folgen. Sie landen widerwillig im spanischen Einwandererviertel und wollen sich gar nicht so recht in dieses Amerika integrieren, träumen stets von der Rückkehr in die Heimat. Nach dem Tod des Vaters müssen die vier Hinterbliebenen einen Weg finden, um in der fremden Welt, deren Sprache sie nicht mächtig sind, zu überleben. Dabei begleiten wir sie bei dem Vorhaben aus dem väterlichen Lokal einen Nachtclub zu machen.

Wer nach dieser Inhaltsangabe ist falsch gewickelt, wer hier eine seichte, historische Frauenliteratur mit Nostalgie-Happy-End-Charakter erwartet. Es handelt sich bei diesem Buch um die knallharte, realistische Erzählung um vier zunächst hilflose, ihren Lebensumständen ausgelieferte Frauen im Einwanderermilieu von New York. Nichts von ausklingenden Roaring Twenties im hippen New York, keine Gatsby-Ästhetik. Diese Frauen kämpfen um das Überleben und Maria Duenas setzt ihre Protagonistinnen harten Schlägen, Umbrüchen und Verlusten aus. Etwas, was das Cover des Buches zunächst nicht vermuten lässt. Dies wurde vom Insel Verlag dem derzeit gängigen Vorbild „historischer Frauengeschichten“ angepasst – eine oder mehrere Frauen im Vordergrund, losgelöst vom Hintergrund schauen sie in die Ferne – und wird meines Erachtens der großen Literatur, die zwischen den Buchdeckeln steckt, nicht ganz gerecht.

Duenas beschreibt mit einer fulminanten Sprache die Emanzipation und Integration dieser zunächst unsympathischen, überheblichen Frauen. Zunächst erscheint dabei manche Ausführung zu ausführlich und langatmig, es wird jedoch schnell deutlich, dass dies ein Stilmittel darstellt, welches es nachvollziehbar macht, warum auftauchende Nebenfiguren bestimmte Entscheidungen im Zusammenhang mit den drei Schwestern treffen. So wird eine Lebensgeschichte auf zwei bis drei Seiten reflektiert, um dann in der Reaktion auf die Schwestern zu münden. Auf fast 600 Seiten begleiten wir nur gerade einmal etwa ein Jahr der Schwestern in New York. Durch diese Ausführlichkeit werden die Figuren jedoch dermaßen nachvollziehbar gemacht, dass sie vollkommen authentisch erscheinen. Ohne irgendein Hintergrundwissen zur hispanischen Enklave, findet sich der Leser mit Haut und Haaren in der Szenerie. Nicht nur die Protagonisten sondern auch deren Umgebung erscheinen bildhaft vor dem Leser, um darin einzutauchen.

Als einziges minimales Manko ist bei mir die wörtliche Rede im ersten Teil des Buches aufgefallen. Diese wechselt unablässig zwischen Sätzen in Anführungszeichen und dann wieder absatzweise ohne diese. So wird das Lesen holprig. Ob dies an der Übersetzung aus dem Spanischen liegt, kann ich nicht einschätzen. Vielleicht gibt es dort grammatikalische Wendungen, die ohne Anführungszeichen auskommen.

Insgesamt finde ich diesen Roman brillant geschrieben und mitreißend in der Erzählung um Emanzipation und Integration.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Frauen als Gattinnen und Gebärmaschinen

Die Geschichte der schweigenden Frauen
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Bina Shah schafft in ihrem Roman eine dystopische Welt im ehemaligen Pakistan, welches durch den atomaren „Ultimativen Krieg“ zerstört und teilweise in der Stadt Green City wieder aufgebaut wurde. Durch ...

Bina Shah schafft in ihrem Roman eine dystopische Welt im ehemaligen Pakistan, welches durch den atomaren „Ultimativen Krieg“ zerstört und teilweise in der Stadt Green City wieder aufgebaut wurde. Durch einen HP-Virus kamen in den Nachkriegsjahren ein Großteil der weiblichen Bevölkerung um, weshalb die Frauen nun als Gattinnen mit mehreren Gatten verheiratet und als Gebärmaschinen genutzt werden. In diesen Plot, welcher ursprünglich aus einer Kurzgeschichte entstand, setzt die Autorin nun Sabine, eine Escortdame für Intimität ohne Sex.

Von dieser Geschichte hatte ich mir sehr viel erhofft, da sie in den Grundzügen sehr kreativ und neu wirkt; besonders bezogen auf die Lokalisierung in Vorderasien. Merkwürdig muten somit beim Lesen die Namen der Protagonisten an: Sabine, Ilona, Joseph, Julien. Bei Recherchen zum Originaltext fand ich heraus, dass es sich auch im englischen Original um diese Namen handelt. Der Übersetzerin kann also kein Vorwurf gemacht werden. Was aber in der Übersetzung meines Erachtens gelitten hat, ist der Titel des Buches, welcher im Englischen „Before She Sleeps“ heißt und inhaltlich besser zum Buch passt, als der deutsche Titel. Die Buchgestaltung ist dem Golkonda Verlag sehr gut gelungen. Das Cover spielt mit einem historischen, morgenländischen Frauenbild (sowohl bildlich als auch im übetragenen Sinne), mögliche bewusstseinverändernde Beeren und einem Schlafzustand. Alles, was auch das Buch zu bieten hat. Aus welchem Kunstwerk der Bildauschnitt für das Cover gentutz wurde, ist leider nicht aus den Verlagsangaben ersichtlich. Schade.
Sprachlich nutzt die Autorin ein mir nicht ganz nachvollziehbares Muster bei der Wahl der Erzählperspektiven in den verschiedenen Kapiteln. Sabine und ein anderes Mädchen sprechen aus der Ich-Perspektive, andere Kapitel sind als personaler Erzähler verfasst und begleiten unterschiedliche Personen. Auch wechselnd Kapitelüberschriften in ihrer Struktur, so heißen einige Kapitel „Tonbandaufzeichnungen von Ilona Serfati“ und ein anderes „Aufzeichnungen aus dem Audio-Diary von ilona Serfati“. Da wir uns im Roman in einer Zukunft mit selbstfahrenden Autos u.ä. befinden, erscheint die zweite Kapitelbezeichnung durchaus nachvollziehbarer.
Inhaltlich erscheint mir der Roman eher eine Novelle zu sein, die an tragische Missverständnisse wie bei Shakespeares „Romeo und Julia“ denken lässt. So wird trotz des feministischen Ansatzes der Autorin sehr viel Romantik eingebaut, die das Grundthema der Ausbeutung der Frau als Gebärmaschine zum Ende hin verwässert. Einige Plotentwicklungen sind dabei schwer nachvollziehbar, obwohl die Charaktere gut beleuchtet werden. Am Ende fühlte ich mich mit dem Stoff alleingelassen und hätte mir einen umfangreicheren Roman, der die sehr guten Ideen weiter ausbaut und näher beleuchtet, gewünscht.

Bei meiner Gesamtbewertung schwanke ich hier stark zwischen 3 und 4 Punkten. Shah entwirft eine interessante Dystopie, deren Potential jedoch nicht ausreichend ausgereizt wird. Da das Buch trotzdem eine gute Idee aufgreift, sehr gut geschrieben und somit schön süffig lesbar ist, sowie die Gestaltung inklusive dem Kapitellayout Golkonda sehr gut gelungen ist, entscheide ich mich für 4 Punkte.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Das Leben eines älteren Witwers ausführlich erzählt

Die Angehörigen
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Katharine Dion zeichnet in ihrem Roman "Die Angehörigen" ein ausführliches Bild des ca. Anfang siebzigjährigen, kürzlich nach 49 Jahren der Ehe verwitweten Gene. Seine Frau Maida ist plötzlich verstorben ...

Katharine Dion zeichnet in ihrem Roman "Die Angehörigen" ein ausführliches Bild des ca. Anfang siebzigjährigen, kürzlich nach 49 Jahren der Ehe verwitweten Gene. Seine Frau Maida ist plötzlich verstorben und aufgrund dessen ist seine Tochter mit der Enkelin angereist. Berichtet wird über die Zeit kurz vor und einige Monate nach der Beerdigung Maidas. Wir erfahren aber durchaus viel mehr aus dem Leben von Gene mit seiner Frau durch Rückblenden zu verschiedenen Szenen ihres gemeinsamen Lebens.

Dion beschäftigt sich in ihrem Roman mit der psychologischen Betrachtung der Beziehungen - sowohl freundschaftlich als auch amourös und auch beides zusammen -, die wir im Laufe unseres Lebens führen, die wir gern geführt hätten und die wir nie geführt haben. Die Autorin lässt sich dafür genügend Zeit und formuliert aus, was häufig andere Bücher nur andeuten. So wird die Gefühls- und Gedankenwelt eines älteren Herren, der sich bisher ausschließlich über seine Rollen als Ehemann und Vater definierte, tiefgründig und vielschichtig. Die Autorin hat einen sehr liebevollen Blick auf ihren Hauptprotagonisten Gene, der sich auf den Leser überträgt.
Sprachlich befindet sich Dion auf einem hohen Niveau. Nicht nur die Beschreibung von Gefühlszuständen sondern auch der neuenglischen Landschaft an der Ostküste der USA überzeugen.

Ich habe das Buch zügig durchgelesen und war interessiert sowohl an den Erinnerungen von Gene an seine Ehe als auch sein weiteres Leben nach dem Tod seiner Frau. Kurz: Es hat definitiv mein Interesse geweckt. ABER: Es ist kein Meisterwerk. Ich befinde mich bei der Bewertung ca. bei 3,5 Punkten. Und ich fragte mich, warum das so ist. Dann kam mir in den Sinn, dass ich das Buch innerlich mit "Unsere Seelen bei Nacht" von Kent Haruf verglich und so bleibt das Fazit, dass es an dessen Klasse einfach nicht rankommt. Ich wurde nicht so emotional mitgerissen wie bei Haruf.

Es handelt sich hier um ein gutes bis sehr gutes Buch, was sich viel Zeit für seinen Hauptfigur nimmt aber emotional eher distanziert bleibt. Insgesamt empfehlenswert, auch wenn es aus meiner Sicht bessere Roman aus diesem Themengebiet gibt.

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