Aufbruch ins Leben
Der Weg der FrauenMit “Der Weg der Frauen- Das Pensionat an der Mosel” schließt die bekannte Autorin und Homer Preisträgerin Marie Pierre aka Maria W. Peter ihre Trilogie über das Mädchenpensionat ab. Schon das gelungene ...
Mit “Der Weg der Frauen- Das Pensionat an der Mosel” schließt die bekannte Autorin und Homer Preisträgerin Marie Pierre aka Maria W. Peter ihre Trilogie über das Mädchenpensionat ab. Schon das gelungene Cover zeigt fröhliche Schülerinnen, die dabei sind, ihren Weg ins Leben zu gehen, auch die Skyline des Stadtchens Diedenhofen- Thionville im Jahr 1912 im Reichsland Elsass-Lothringen stimmt auf den Schauplatz des Geschehens ein. Diedenhofen ist damals eine preußisch bayrische Garnisonsstadt, die im Jahr 1871 ebenso wie Elsass- Lothringen an das deutsche Kaiserreich gefallen ist.
Doch Pauline Martin, Leiterin des Pensionats an der Mosel und Lehrerin aus Berufung, bemüht sich, ihren Schülerinnen die französische Sprache und Lebensart zu vermitteln. Ebenso ist es ihr wichtig, die Mädchen zu selbständigem Denken und eigenständigem Handeln zu erziehen. Obwohl sie aus diesem Grund den Lehrplan eher locker auslegt, ist sie doch an die Konventionen der Zeit gebunden. So werden berufstätige Frauen nicht ernst genommen und für unfähig im Wirtschaftsleben gehalten. Gesellschaftlich ist der Mann bzw. Vater das Oberhaupt der Familie, normalerweise trifft er alle Entscheidungen. Aus diesem Grund hat Pauline auch die Leitung des Pensionats dem Eheleben vorgezogen.
Doch selbst Pauline kommen Zweifel an ihrer Kompetenz und ihren Möglichkeiten, als ihre Schülerin Sophie verhaftet wird, weil sie an einer Demonstration für Frauenrechte teilgenommen hat. Sophies Vater, der die Tochter nach Luxemburg nach Hause holt, reagiert entsetzlich, das Mädchen wird geprügelt und erhält ein Medikament gegen ihre Aufsässigkeit. Noch weiß niemand, welchen Schaden diese Medizin bewirken wird. Sophies Mutter wird sich erst nach langer Zeit gegen ihren Mann auflehnen und der Tochter beistehen.
Auch im persönlichen Umgang ist Pauline bedacht, den Ruf ihres Pensionats nicht zu gefährden. Zwar fühlt sie sich zu dem preußischen Offizier Erich von Pliesnitz hingezogen, doch mehr als nur wie zufällig aussehende Treffen erlauben die Konventionen nicht. Neben dieser zarten Liebesgeschichte, die keine Aussicht auf Erfüllung zu haben scheint, macht auch Paulines ehemaliger Verlobter ihr wieder den Hof. Mittlerweile verwitwet und Vater eines kleinen Sohnes, hofft er Pauline zurück zu gewinnen.
Doch gerade jetzt scheint das Pensionat in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu stecken. Verleumdungen machen die Runde, Schülerinnen werden abgemeldet. Doch die meisten Mädchen im Pensionat stehen hinter Pauline. Wird es gelingen, diese Anschuldigungen zu entkräften?
Besonders hervorzuheben sind auch die exzellent gezeichneten Charaktere der Schülerinnen, des Hauspersonals und der Lehrkräfte, wobei Pauline erstmals einen Mann als Lehrer beschäftigt, dessen Überheblichkeit aber sehr schnell von Respekt für Paulines Leistung abgelöst wird. Natürlich wird auf soziale Probleme eingegangen, arm steht neben reich, der preußische Wunsch nach Ordnung schlägt sich manchmal mit dem savoir vivre. Das Schicksal unehelicher Kinder wird ebenso beleuchtet wie die medizinischen Verhältnisse der damaligen Zeit, die oftmals mehr Schaden als Nutzen anrichteten. Besonders ist der Autorin aber daran gelegen, das historische Schulwesen, die gesellschaftlichen Strukturen und die Lebensumstände im Jahr 1912 zu beschreiben.
Mit “Der Weg der Frauen- Das Pensionat an der Mosel” hat Marie Pierre einen angenehm zu lesenden historischen Roman geschrieben, der vor allem durch die eindringliche Schilderung der menschlichen Schicksale berührt. Dadurch wird auch die Spannung gehalten, denn natürlich möchte man wissen, wie die Protagonisten alle Herausforderungen meistern. Das im Anhang befindliche umfangreiche Quellenverzeichnis zeugt von historischer Detailgenauigkeit und profunder Recherche.
Obwohl ich die ersten beiden Bände der Reihe nicht kenne, bin ich ohne Schwierigkeiten in die Geschichte eingetaucht, zur besseren Übersicht gibt es am Anfang des Buches ein Personenverzeichnis. Auf der Innenseite des vorderen Buchumschlages findet man eine Landkarte des Bezirks Lothringen, ebenso aus 1912, und für die Lesenden, die gerne auf historischen Spuren wandeln, gibt es im Anhang Reise- und Stöbertipps. Ich empfehle diesen interessanten und gelungenen Roman gerne weiter und bewerte ihn mit verdienten fünf Sternen.