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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.07.2021

Emotional fesselnd

Bonuskind
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Wo fang ich an? Ach egal, falle ich eben wie immer mit der Tür ins Haus. 😅

Besonders überzeugend fand ich bei dem Buch, was ich euch gleich rezensiere werde, weder den Titel „Bonuskind“ noch das nichts ...

Wo fang ich an? Ach egal, falle ich eben wie immer mit der Tür ins Haus. 😅

Besonders überzeugend fand ich bei dem Buch, was ich euch gleich rezensiere werde, weder den Titel „Bonuskind“ noch das nichts sagende Cover. Dafür konnte mich allerdings der Klappentext überzeugen, dass Buch doch zu lesen. Falls es eine zweite Auflage gäbe, würde ich mir vom Europa Verlag jedoch ein eindringlicheres Cover wünschen.

„Bonuskind“ von Saskia Noort wird als Coming of Age-Thriller beschrieben. So ganz glücklich bin ich mit dieser Kategorisierung auch nicht. In Coming of Age-Geschichten begleitet man (meines Erachtens – belehrt mich ruhig eines Besseren) eine Figur dabei ins Erwachsenenleben einzutreten, während die Figur sich selbst reflektiert. Dies ist in diesem Roman (in meinen Augen) nicht passiert. Das Buch ist aber auch wirklich sehr schwer in eine Schublade zu stecken, deswegen sei dem Verlag diese Bezeichnung verziehen. Es gibt Thriller-Elemente, ein Familiendrama und einen großen Anteil an Dark Romance-Szenen, die ich so detailliert nicht erwartet hätte.

Aber kommen wir erstmal zum Inhalt bevor es weiter ans Eingemachte geht: Lies erwacht mit dem Gefühl, dass ihrer Mutter Jet etwas passiert sein könnte und recht schnell stellt sich heraus, dass ihr Gespür sie nicht täuscht. Jet ist über Nacht verschwunden. Niemals würde sie ihre Kinder allein lassen. Lies Vater, der sich von ihrer Mutter getrennt hat und nun mit seiner neuen Partnerin Laura zusammenwohnt, ist das Verschwinden seiner Exfrau ein gefundenes Fressen. Immerhin möchte er das Sorgerecht für die beiden Kinder Lies und ihren Luuk, die momentan jeweils im Wechsel für eine Woche bei Vater und Mutter leben. Nach kurzer Zeit findet Lies ein digitales Tagebuch ihrer Mutter und erfährt, dass diese in einer toxischen Beziehung gefangen war, aus der sie sich scheinbar nicht befreien konnte. Ist der Liebhaber ihrer Mutter auch ihr Mörder? Lies ist davon überzeugt und begibt sich auf Spurensuche.

Das Buch wird aus zwei Perspektiven geschildert. Einmal aus Sicht der verschwundenen Jet. Hier spielen die Szenen in der Vergangenheit und einmal aus der Sicht von Lies in der Gegenwart.

Lies ist für ihr Alter sehr misstrauisch und klug. Gleichzeitig aber auch kindlich naiv. Das war zwar etwas anstrengend, die Mischung gefiel mir aber tatsächlich recht gut, weil ich Jugendliche in diesem Alter genauso empfinde und einschätze. Lies kleinerer Bruder Luuk kam im Buch recht kurz, dafür wurde mehr Erzählzeit auf den Vater und seine neue Freundin Laura verwendet. Ein richtig umfassendes Bild der beiden Figuren hat man jedoch auch nicht erhalten. Da sie nur durch Lies beschrieben wurden, war alles sehr subjektiv.

Ein Problem hatte ich mit dem zweiten Erzählstrang der Geschichte, den Tagebucheinträgen der Mutter. Versteht mich nicht falsch. Die Auszüge waren super spannend und sehr emotional geschrieben. Allerdings war es nicht wirklich ein Tagebuch. Es war eher eine zweite Erzählebene aus Sicht von Jet. Es gab z.B. keine Datumsangaben, wie sie in Tagebuch-Einträgen üblich sind. Außerdem gab es Gespräche in Form von direkter Rede zwischen Jet und ihrem Liebhaber. Wer zur Hölle schreibt denn so in ein Tagebuch?!

Nun wird es aber auch Zeit die guten Seiten zu betonen. Positiv hervorheben möchte ich unbedingt die psychologische Ebene der Geschichte. Die Gedanken der alleinerziehenden Mutter, bzw. der verlassenen, betrogenen Ehefrau waren sehr glaubwürdig beschrieben. Ich war zwar etwas irritiert davon, dass eine Psychologin so tief fallen kann, aber wieso sollte sie davor gefeit sein, nur weil sie anderen Menschen gute Tipps gibt? Der beste Tipp nützt nichts, wenn man sich nicht daran hält und Jet hält sich leider an nichts, was sie ihren Klienten predigt.

Auch die Darstellung von Lies fand ich sehr authentisch und bedrückend. Als Scheidungskind, dessen Eltern sich – nennen wir es mal, „bekämpfen“, ist man immer in einer undankbaren Position. Die Eltern erwarten oft, dass die Kinder Stellung beziehen. Dabei möchten sie – wie auch Lies in diesem Fall – meist nur, dass die Eltern wieder zusammen sind und alles wird wie früher. Saskia Noort ist es sehr gut gelungen, die wahren Opfer einer Scheidung zu zeigen: Die Kinder.

Etwas Kritik haben jedoch beide Erzählstränge der Geschichte meines Erachtens doch noch verdient. Lies z.B. berichtet ständig von ihrer Blasenentzündung, die für die Story eigentlich keine tiefere Bedeutung hat. Oder ich habe die Bedeutung nicht bemerkt. 😅🙈 Außerdem habe ich nicht verstanden, wieso Jet in ihrem „Tagebuch“ die Sexszenen dermaßen ausufernd beschreibt. Auf mich würde es glaubhafter wirken, wenn sie hier nur bei Andeutungen geblieben wäre. Ich kam aber auch noch nie auf die Idee, darüber überhaupt ein Tagebuch zu schreiben. 🤷‍♀️ Vielleicht bin ich also keine gute Referenz dafür. 😅

"Bonuskind" verläuft die meiste Zeit sehr ruhig und besticht durch eine düstere und bedrückende Atmosphäre, die aus der psychischen Verfassung der Figuren resultiert. Erst auf den letzten Seiten zieht das Tempo der Handlung richtig an und überrascht mit einem Ende, dass ich so nicht habe kommen sehen. So gar nicht. Das hat mir wirklich gut gefallen und mich sprachlos zurückgelassen.

Abschließend kann ich euch nur sagen, dass ich zwar einige "formelle" Kritikpunkte gefunden habe, das Buch aber trotzdem sehr, sehr gern gelesen habe.
Wie das zusammen passt? 🤷‍♀️ Es war die Atmosphäre... es war meine Neugier... es waren die Emotionen. Es hat mich auf dieser Ebene gepackt, am Ende kurz geschüttelt und dann ausgespuckt. Und das zählt einfach mehr als Tagebucheinträge, die eigentlich keine sind. 😉

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.07.2021

Die Krux mit dem Klappentext

WATCH – Glaub nicht alles, was du siehst
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„WATCH – Glaub nicht alles, was du siehst“ lässt mich ziemlich zwiegespalten zurück. Zunächst startet das Buch mit einem überraschenden Prolog: Die Villa der Taffas, einer türkischen Clan-Familie, wird ...

„WATCH – Glaub nicht alles, was du siehst“ lässt mich ziemlich zwiegespalten zurück. Zunächst startet das Buch mit einem überraschenden Prolog: Die Villa der Taffas, einer türkischen Clan-Familie, wird von einem Sondereinsatzkommando überrannt. Dabei kommt es zu einem tödlichen Schuss. Danach geht es spannend weiter: Die Blaulichtreporterin Tina wird von einem BMW mit niederländischem Kennzeichen verfolgt. Von der Fahrerin des Wagens erhält sie kurz darauf ein verlockendes Job-Angebot: Sie bekommt 50.000 €, wenn sie ihr komplettes Leben für ein paar Wochen hinter sich lässt und in einer Londoner Luxus-Wohnung verbringt. Sie darf Sightseeing betreiben, shoppen gehen… alles kein Problem. Aber jeglicher Kontakt zu Familie und Freunden darf nicht stattfinden.
Klingt bis hierhin doch super, oder? Fand ich auch! Aber kurze Zeit später war ich kurz davor das Buch abzubrechen. Zu viele Figuren und deren Bedeutung konnte ich einfach nicht einordnen. Ob das Spannung erzeugen sollte? Vielleicht. Bei mir hat es zu Frust geführt. Langatmige Kapitel über den Europol-Ermittler Nael setzten dem Ganzen die Krone auf. Außerdem kam es zu belanglosen, völlig überflüssigen Sexszenen, die ich in Thrillern eh fast immer als störend empfinde. Allerdings war ich doch neugierig, was es mit diesem Jobangebot auf sich hatte und was die Clanfamilie da plant. Denn entgegen meiner Vermutung, dass ich es hier mit einem Hightech-Thriller zu tun bekomme, ist „WATCH“ in meinen Augen doch eher ein actionreicher Gangster-Roman/Politthriller. Das sind übrigens zwei Sachen, um die ich normalerweise in Büchern einen großen Bogen mache: Clans und Politik!
Die Grundidee von „WATCH“ ist trotzdem spannend. Denn „WATCH“ ist eine hoch entwickelte Gesichtserkennungssoftware, die Zugriff auf alle öffentlichen Kameras weltweit hat und somit Menschen in Rekordzeit orten kann. WATCH kann auch Bewegungsprotokolle erstellen und Unregelmäßigkeiten melden. Eine spannende und tolle Sache, wenn die Software nicht von den falschen Leuten und für die falschen Zwecke genutzt wird. Ihr ahnt worauf es hinausläuft? Ja, richtig. Hier im Buch ist beides der Fall. Leider konnte mich die Grundidee des Thrillers lange Zeit nicht überzeugen. Erwartet hatte ich nach dem Klappentext nämlich eine gruselige Story in einem Londoner Luxus-Appartement, in dem allerhand mysteriöse Dinge vorfallen und die Protagonistin in den Wahnsinn treiben. Schlussendlich konnte ich mich dann aber von der Handlung im Buch doch noch packen lassen. Das lag aber auch daran, dass die Story irgendwann wirklich Tempo aufnahm und man von Seite zu Seite gehetzt wurde. Schlag auf Schlag passierten immer wieder unerwartete Dinge und ließen der Protagonistin Tina und den Lesern keinerlei Zeit zum Luft holen und plötzlich fand ich mich inmitten eines Actionfilms… nur dass ich mit meinem Buch auf der Couch saß! Mit der Hauptfigur Tina konnte ich übrigens gut mitfiebern, aber alle anderen Figuren, hatten keine besondere Wirkung auf mich. Sie blieben zu blass und unnahbar.
Was soll ich euch zusammenfassend sagen? „WATCH“ ist kein schlechtes Buch, wenn man sich auf das Thema einlässt und Action mag. Vielleicht konnte ich den einen oder anderen hier neugierig darauf machen. Ich selber hatte nur aufgrund meiner komplett gegensätzlichen Erwartungshaltung Startschwierigkeiten. Natürlich ist das Buch kein literarischer Diamant, aber es ist durchaus ein schmackhafter Lesesnack für zwischendurch. Ich empfehle das Buch weiter, wenn ihr gern Action lest und Politthriller mögt. Alle, die das eher abschreckt, seien hiermit gewarnt, dass das Buch etwas anders ist als der Klappentext vermuten lässt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.07.2021

Toller Roman

Gute Nachbarn
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„Gute Nachbarn“ finden sich in vielen Orten, so auch in Oak Knoll, einem kleinen Städtchen in North Carolina. Leider passen aber nicht immer alle Nachbarschaftskonstellationen zusammen. Valerie Alston-Holt, ...

„Gute Nachbarn“ finden sich in vielen Orten, so auch in Oak Knoll, einem kleinen Städtchen in North Carolina. Leider passen aber nicht immer alle Nachbarschaftskonstellationen zusammen. Valerie Alston-Holt, eine verwitwete afroamerikanische Ökologie-Professorin, und ihr Sohn Xavier, der bald aufs College gehen wird, wohnen schon sehr lang in ihrem schönen Haus mit großem Garten mitten im Ortskern von Oak Knoll. Der Blickfang des Grundstücks ist eine wundervolle alte Eiche, die der ganze Stolz von Valerie ist. Dieser Baum wird jedoch zur Ursache einer Verkettung unglücklicher Ereignisse als die neuen Nachbarn, Familie Whitman, neben Valerie einziehen. Brad Whitman, das Familienoberhaupt, ist ein Unternehmer, der es geschafft hat, nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern auch lokale Berühmtheit zu erlangen. Er und seine Frau sowie die beiden Töchter sind weiß, was in Amerika – wie ihr wisst – oft von Vorteil ist und im Buch auch eine bedeutsame Rolle spielen wird. Im Klappentext heißt es: „Manchmal braucht es nur noch eine sterbende Eiche und eine Teenager-Liebe, um eine hübsche Nachbarschaft von einer Katastrophe erschüttern zu lassen.“ Und genau das passiert hier – in Oak Knoll – in diesem Roman.
„Gute Nachbarn“ ist überwiegend ein sehr ruhiges Buch, das auf mich aber sofort einen unheimlich starken Sog ausgeübt hat. Therese Anne Fowler seziert hier Stück für Stück ihre Charaktere und gleichzeitig auch die amerikanische Gesellschaft. Vorurteile, Rassismus, Sexismus, Nachhaltigkeit… dieser Roman steckt voller großer Themen, die uns immer noch und immer wieder vor Herausforderungen stellen und nachdenklich stimmen. Obwohl sich die Autorin dabei auch an Klischees bedient, empfand ich dies nicht störend und ihr gezeichnetes Szenario auch keinesfalls unrealistisch. Trotz der leisen Töne vermittelt die Autorin viel Spannung und bereitet den Leser langsam auf die sich anbahnende Katastrophe vor.
Besonders gut gefiel mir der Erzählstil. Die Geschichte wird überwiegend von einem neutralen Erzähler wiedergegeben. In manchen Passagen jedoch berichtet die namenlose Nachbarschaft, die man als Leser nicht weiter kennenlernt, in der ersten Person Plural von den Geschehnissen und wendet sich dabei regelmäßig direkt an den Leser. Die Sichtweise von außen und die direkte Ansprache machen es besonders spannend, da hier oft Andeutungen fielen, die die Spannung mächtig anheizten. Hier ein Beispiel:
„Sie hütete seit fünf Monaten ein Geheimnis, ein Geheimnis, von dem nicht mal der Mensch, um den es ging, wusste, dass sie es wusste. Ein beunruhigendes und widerwärtiges Geheimnis, wie Sie sicher ebenfalls finden werden, sobald Sie die Details kennen.“ Seite 158
So unlogisch es auch klingt, trotz der Spannung, die das Buch beinahe zum Bersten bringt, weiß man als Leser worauf es hinausläuft. Es gibt also keine großen Überraschungen, aber doch einige kleine Details, die weiter zu fesseln wissen.
Etwas störend empfand ich tatsächlich die eingefügten Rückblenden im Roman. Man erfährt zu jeder Figur Hintergründe. Diese sind auch absolut essentiell, da man die Handlungen der Figuren sonst sicher nicht so gut nachvollziehen könnte. Leider wirkten diese Hintergründe jedoch immer etwas sperrig und brachen den Lesefluss bei mir.
Das letzte Drittel das Buchs bekam dann richtig Tempo und hat meinen Herzschlag definitiv beschleunigt und einige Tränchen hat es mich auch verdrücken lassen. Der Abschluss des Buchs ist großartig zu Ende erzählt. Richtig gut.
Ein toller gesellschaftskritischer Roman, der mich vor allem durch seine besondere Erzählweise fesseln konnte! Fans von „Desperate Housewives“ würde ich das Buch sofort empfehlen. Ich denke jedoch, es wird polarisieren und nicht jedem so gut gefallen wie mir. Gesellschaftskritik meets „Romeo & Julia“ fasst es in meinen Augen am besten zusammen. Ob das auch euren Geschmack trifft, müsst ihr entscheiden. Mir spukt das Buch auf jeden Fall auch eine Woche später noch im Kopf herum. Well done, Therese Anne Fowler!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.07.2021

Solides Debüt

Kalte Knochen
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Schottland, ein altes Cottage am Rande eines kleinen Dorfs, eine stillgelegte Mühle: Was für ein tolles Setting! Mittendrin zwei Frauen, eine ältere, eine sehr jung, aber beide versuchen erfolglos, vor ...

Schottland, ein altes Cottage am Rande eines kleinen Dorfs, eine stillgelegte Mühle: Was für ein tolles Setting! Mittendrin zwei Frauen, eine ältere, eine sehr jung, aber beide versuchen erfolglos, vor ihrer Vergangenheit davon zu laufen.
Die siebzigjährige Literatur-Wissenschaftlerin Mac schreibt ein Buch über alte schottische Sagen. Da sie selber mit Computern nicht gut umgehen kann, holt sie sich die junge Lucie als Aushilfe ins Haus. Sie soll ihre handschriftlichen Aufzeichnungen abtippen. Doch während Lucie für Mac arbeitet, wird die alte Frau immer seltsamer. Und auch Lucie schafft es nicht, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, wie sie es wollte.

Klingt nach einer tollen Geschichte, oder was meint ihr? 🤩

Ich war beim Lesen sehr schnell gepackt von dieser unheimlich düsteren und angespannten Atmosphäre in dem alten schottischen Cottage, das immer kalt und etwas muffig ist und von dem aus man auf die verlassene Mühle schauen kann.
Das Buch hat zu Beginn einen enormen Sog auf mich ausgeübt. Ich war total gespannt, die Hauptfiguren besser kennen zu lernen und bin
beim Lesen abwechselnd den Gedanken von Mac und Lucie gefolgt. Durch Erinnerungen der beiden Frauen erfährt man auch einiges aus ihrer Vergangenheit - jedoch nur wohldosiert häppchenweise, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Diese vergangenen Ereignisse sind gut in die Story eingewoben worden und machten neugierig. Keine der beiden Hauptfiguren wirkte dabei aber sonderlich sympathisch auf mich und doch konnte ich mich aufgrund der Erzählweise sehr gut in sie hineinversetzen. Interessant dabei war es natürlich, die Meinung der Frauen übereinander zu erfahren. Sehr gesprächig sind beide nämlich eher nicht.

„Sie sieht aus wie ein Mädchen mit der Art Problemen, die ich nicht brauchen kann.“
Seite 12, Mac über Lucie

Obwohl Sandra Ireland nicht wirklich viele Zeilen mit der Beschreibung der Umgebung gefüllt hat, konnte ich mir alles wunderbar bildlich vorstellen. Das hat echt viel Spaß beim Lesen gemacht. Ihr kennt es sicher, wenn ihr beim Lesen einen Film vor Augen habt. Hier war das so. 😊

Natürlich wollte ich aber auch unbedingt die Geheimnisse der beiden Hauptfiguren erfahren und nicht nur die schottische Landschaft genießen.
Nach und nach werden die Gedanken der beiden Figuren immer wirrer, weil ihre Vergangenheit beide einholt - genaueres kann ich nicht verraten. Während Mac versucht die Geister der Vergangenheit zu vertreiben, kämpft Lucie damit ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Aber ihr Gefühlschaos ist bei Weitem nicht so einfach zu entwirren.

Ergänzend zur Erzählung der beiden Hauptfiguren finden sich im Buch immer wieder kleinere Absätze aus der Geschichte, die Lucie für Mac abtippen soll. Dabei geht es um die tragische Geschichte zweier Schwestern, deren Schicksal mit der stillgelegten Mühle in Verbindung steht. Diese Geschichte habe ich dabei lange Zeit nur als lästiges „Extra“ betrachtet. Aber die Absätze ergeben durchaus Sinn und werden immer wichtiger, je weiter das Buch voranschreitet.

Was dem Roman leider fehlt (und ich schreibe hier absichtlich „Roman“, denn für einen Thriller ist das Buch definitiv zu „ruhig“), ist Tempo und im Mittelteil auch etwas mehr Spannung. Das Hauptaugenmerk liegt bei "Kalte Knochen" eher auf psychologischer Ebene und doch war es an der einen oder anderen Stelle einfach etwas wenig, um mich zu überzeugen.

Am Ende des Buchs überrascht der Plot jedoch durch eine Wendung, die ich irgendwann zwar erahnt habe, aber deren Ausmaß ich so nicht habe kommen sehen. Hier konnte mich die Autorin überraschen. Im Vergleich zu dem doch sehr ruhigen Mittelteil wirkte das Ende fast etwas „zu dick aufgetragen“, aber ich will mal ein Auge zudrücken.

Alles in allem fand ich das Buch lesenswert, weil es anders war: Der Plot war nicht alltäglich. Die Figuren waren eigensinnig. Die Landschaft einnehmend. Das Ende überraschend und schockierend gleichermaßen. Allerdings hat der Mittelteil meines Erachtens geschwächelt. Ich könnte verstehen, wenn das einigen das Lesevergnügen nehmen würde. 🤷‍♀️
Ich empfehle das Buch mit den oben aufgeführten Einschränkungen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.06.2021

Spannender vierter Teil der Reihe

Die Karte
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„Die Karte“ ist der vierte Teil der Kerner und Oswald-Reihe von Andreas Winkelmann. Wie man es vom Autor gewohnt ist, hat er sich auch in diesem Buch wieder mit den Gefahren beschäftigt, die von den sozialen ...

„Die Karte“ ist der vierte Teil der Kerner und Oswald-Reihe von Andreas Winkelmann. Wie man es vom Autor gewohnt ist, hat er sich auch in diesem Buch wieder mit den Gefahren beschäftigt, die von den sozialen Medien ausgehen - zumindest, wenn man mit seinen sensiblen Daten nicht gewissenhaft umgeht. Allerdings hat Andreas Winkelmann noch viele weitere wichtige Themen in sein neuestes Werk einfließen lassen, u.a. Drogensucht, Gleichstellung von Mann und Frau, gleichgeschlechtliche Liebe, Gaffer bei Unfällen und die steigende Brutalität, mit der die Polizei mittlerweile tagtäglich konfrontiert wird. Das wirkt auf den ersten Blick sicher erschlagend, aber es ist meines Erachtens sehr gut ins Buch eingearbeitet ohne einen stets erhobenen Zeigefinger beim Lesen zu verspüren.
In „Die Karte“ werden junge Joggerinnen Opfer eines Serienmörders, der sie anhand ihrer online geteilten Laufstrecken ausspioniert, aufspürt und tötet. Er zeichnet die Initialen seiner Opfer in Form von Laufstrecken in digitale Karten und meint damit eine neue Art Kunst zu erschaffen. Die Täterperspektive, die in der beliebten Ich-Form geschrieben ist, fand ich beim Lesen richtig, richtig unheimlich. Die Gedanken des Mörders geben dessen Wahnsinn komplett frei und haben mich nur mit offenem Mund den Kopf schütteln lassen. Das restliche Buch wird in der dritten Person erzählt, beleuchtet aber immer andere Figuren, was mir sehr gut gefallen hat. Mal folgt man dem zukünftigen Opfer, mal den Ermittlern. Es gibt aber auch noch einen Handlungsstrang in der Vergangenheit, der zunächst komplett losgelöst vom restlichen Buch wirkt und die traumatische Kindheit eines kleinen Mädchens erzählt. Ich persönlich fand diese Kapitel am ergreifendsten. Das lag vermutlich daran, dass ich als Scheidungskind mit Alkoholiker-Vater auch meine Erfahrungen gesammelt habe. An sich fand ich aber ALLE Figuren vom Autor sehr authentisch und glaubhaft dargestellt.
Kleines Manko: Nach dem ersten Viertel (oder Drittel – so genau kann ich das nicht mehr sagen) war ein bisschen die Luft heraus, was die Spannung betraf, da die Ermittlungen stagnierten. Trotzdem wurde mir nicht langweilig, da ich weiter rätselte und Winkelmann einfach einen tollen, lockeren Schreibstil hat. Gegen Ende wurde es dann auch richtig nervenaufreibend und die Spannung kam nicht zu kurz. Mir persönlich gefiel das Ende des Buchs richtig gut, da ich den Zusammenhang aller Puzzleteile so nicht habe kommen sehen. Allerdings darf man sich als Leser schon fragen, ob das nun auch alles realistisch ist. (Ich finde nein!) Das Buch ist aber einfach so gut durchgeplottet, dass es Spaß macht, es zu lesen und mit zu fiebern. Aufgrund der Fülle an Themen und der komplexen Handlung mag es für den einen oder anderen Leser ggf. zu überladen und konstruiert wirken, ich persönlich mochte es aber, da die Unterhaltung für mich beim Lesen an oberster Stelle steht.
Übrigens ist „Die Karte“ das erste Buch, das ich gelesen habe, dass die Corona-Pandemie aufgreift. Andreas Winkelmann lässt hier und da Nebensätze einfließen, die auf das Thema verweisen. Allerdings war in seinem Buch die Pandemie vorbei. Ich hoffe im nächsten Buch ist das keine Fiktion mehr. 😉
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich es genossen habe, das Buch zu lesen und damit recht schnell fertig war, um meiner Neugier gerecht zu werden. Das Ausmaß der Digitalisierung und der damit verbundenen möglichen Gefahren wurde wieder sehr gut vom Autor dargestellt und regt zum Nachdenken an. Die Atmosphäre einiger Kapitel fand ich grandios und der Schreibstil war wie immer fantastisch. Für mich ein starker – wenn auch nicht ganz perfekter – vierter Teil der Reihe. Von mir bekommt ihr eine Leseempfehlung.

PS: Das Buch ist auch unabhängig von den anderen Teilen lesbar.

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