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Veröffentlicht am 06.11.2019

Für alle Frauen, über deren Ermordung erst auf Seite 6 berichtet wird

Die schöne Tote
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Rezension „Die schöne Tote“ von Christi Daugherty
Im ersten Teil um Harper McClain „Echo Killer“ ermittelte sie an einem Fall, der dem Tod ihrer Mutter fast aufs Haar glich. „Die schöne Tote“ beinhaltet ...

Rezension „Die schöne Tote“ von Christi Daugherty
Im ersten Teil um Harper McClain „Echo Killer“ ermittelte sie an einem Fall, der dem Tod ihrer Mutter fast aufs Haar glich. „Die schöne Tote“ beinhaltet den Mord an der jungen, bildhübschen Jurastudentin Naomi Scott. Hauptverdächtiger, wie sollte es anders sein, ist zunächst der Freund des Opfers. Nur Naomis Vater glaubt nicht daran und bringt einen anderen Verdächtigen ins Spiel. Peyton Anderson – Sohn des ehemaligen Bezirksstaatsanwalts. In diesem Buch bringt Christi Daugherty ihre Protagonistin damit erneut an ihre Grenzen. Nicht nur, dass Harper gegen Peyton Anderson ermittelt, nein – ein Fremder, der bereits im ersten Teil eine Rolle spielte, verschafft sich aus unklaren Gründen Zutritt zu ihrer Wohnung und ihrem Auto. Und als ob dies nicht schon genug wäre, meiden die Polizisten Savannahs Harper nach ihrem letzten großen Fall immer noch. Es gäbe also durchaus bessere Bedingungen um eine Titelstory zu schreiben.

„Die schöne Tote“ beinhaltet einen durchaus clever gestrickten Kriminalfall und obwohl die Autorin Hinweise auf einen dritten Fall streut, nimmt die Spannung dadurch keinen Abbruch. Durch einen leichten und lebendigen Schreibstil fliegt man nur so durch die Seiten. Obwohl ich den ersten Teil bereits vor einem Jahr gelesen habe, waren mir die Figuren und das Setting sofort wieder vertraut. Man merkt beim Lesen durchaus, dass Christi Daugherty selbst als Gerichtsreporterin gearbeitet hat und Savannah wie ihre Westentasche kennt. All ihr Wissen fließt wunderbar in die Geschichte ein. Es haucht den Figuren sowie der Umgebung Leben ein und lässt alle Figuren und Beschreibungen sehr authentisch wirken. Auch die Angst, die Naomi verspürt hat, bevor sie ermordet wurde, kann man aufgrund der Zeugenaussagen nachempfinden. Der Mordfall könnte genauso überall auf der Welt passiert sein und rief dadurch jede Menge Emotionen bei mir hervor. Viel zu oft kommen die Täter leider ungestraft davon. Christi Daugherty sieht dies wohl ähnlich und beginnt ihr Buch mit einer Widmung: „Für alle Frauen, über deren Ermordung erst auf Seite 6 berichtet wird.“
Das Finale des Buchs war an Spannung kaum zu überbieten, ereignis- und actionreich. Eine Wendung kurz vor Schluss überraschte und erschrak mich mindestens genauso wie Harper. Man kam – wie im Finale des ersten Teils – kaum zum Durchatmen. Und das alles, obwohl die Autorin einen neutralen Erzähler ohne Zeit- und Perspektivwechsel oder anderen stilistischen Schnickschnack für ihr Buch gewählt hat.
Mit der Auflösung des Mordfalls an Naomi und auch mit der Aussicht auf den dritten Teil bin ich mehr als zufrieden, aber (ich muss es zugeben) auch zum Sterben neugierig! Im Ernst, ich habe so viele Fragezeichen im Kopf, das glaubt ihr gar nicht! Das Buch sollte doch nicht einfach schon aufhören. Ich versinke jetzt also weiter in Lesekummer und fiebere auf den nächsten Teil hin.

„Die schöne Tote“ ist wie ihr Vorgänger äußerst spannend geschrieben und rasant erzählt, ohne dabei den Figuren die nötige Tiefe und Authenzität zu nehmen. Ein sehr gelungene Fortsetzung, die mich erneut gespannt auf den nächsten Teil zurücklässt! Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung – auch wenn ihr den ersten Teil nicht lesen wollt, könnt ihr perfekt hier einsteigen. Volle Punktzahl für diesen großartigen Südstaaten-Thriller!

Veröffentlicht am 24.10.2019

Mein Jahreshighlight

Der Fund
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Rezension zu „Der Fund“ von Bernhard Aichner
Bernhard Aichner ist vielen deutschen Lesern leider noch gar nicht bekannt. Eine absolute Tragödie in meinen Augen. Ein absoluter begnadeter Schriftsteller ...

Rezension zu „Der Fund“ von Bernhard Aichner
Bernhard Aichner ist vielen deutschen Lesern leider noch gar nicht bekannt. Eine absolute Tragödie in meinen Augen. Ein absoluter begnadeter Schriftsteller mit unverwechselbarem Stil. „Der Fund“ ist sein neuestes – und in meinen Augen – auch sein bestes Werk! Zeigt mir jemanden, der seine Hauptfigur schon auf der ersten Seite sterben lässt und trotzdem eine dermaßen fesselnde Story liefern kann. Ganz großes Kino!
Warum musste Rita sterben? Wer hat die Supermarktverkäuferin, die doch nie jemand etwas zuleide getan hat, auf dem Gewissen? Hat die 53-jährige wirklich ihr Todesurteil unterschrieben, als sie eines Tages etwas mit nach Hause genommen hat, was sie besser im Laden gelassen hätte? Offiziell ist der Fall abgeschlossen – aber da ist einer, der nicht aufgibt. Ein Polizist, der scheinbar wie besessen Fragen stellt – und Ritas Tod bis zum Ende nicht akzeptieren will…
Die Geschichte um Rita Dalek wird vom Autor von vorn erzählt, aber gleichzeitig auch von hinten aufgerollt. Der Polizist, der in Ritas Fall ermittelt, befragt etliche Zeugen. Diese Befragungen sind im schlichten Frage-Antwort-Stil gehalten. Ohne schriftstellerische Ausschmückungen – das ist eh nicht Aichners Art. Trotz dieser knappen Erzählform kam unheimlich viel Emotion bei mir an. Die Kapitel, die Ritas Fund und ihre Handlung von vorn erzählen, sind jedoch genauso besonders. Das liegt an Aichners unglaublich einzigartigem Schreibstil, den ich bereits erwähnt habe. Er schreibt kurz und knapp, einfach und redundant in der Wortwahl aber keinesfalls niveaulos, nüchtern aber nicht ohne Emotionen. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich liebe es! Die Wechsel zwischen Befragungen und Erzählungen machten das Buch unheimlich spannend. Zum einen besaß man bereits Informationen, die man ohne die Befragungen nicht gehabt hätte, zum anderen war man aber trotzdem noch total ahnungslos. Dieses Spiel mit den Informationen machte das Buch zu einem richtigen Pageturner. Es wirkte alles einfach perfekt zusammen.
Der Autor hat es außerdem auf wenigen Seiten geschafft, eine dermaßen große Sympathie für Rita bei mir zu erzeugen, dass ich alles guthieß, was sie getan hat – auch, wenn es eigentlich falscher nicht hätte sein können. Sie ist eine sehr tragische, aber auch starke, Figur:
„Sie hat es hingenommen, dass das Glück in ihrem Leben immer ein Ablaufdatum hatte.“
Ich verstand Rita, ich mochte Rita, ich hatte Mitleid mir Rita. Kurz: Ich gönnte ihr diesen Fund und die damit verbundene Chance.
„Wie eine Blume fühlt sie sich, die plötzlich aufblüht. Etwas Verwelktes, das wieder zu leben beginnt. Es fühlt sich wunderbar an. Jede Minute, jede Sekunde.“
Die heimliche Heldin des Buchs war für mich jedoch ganz klar Ritas Nachbarin Gerda. Ich möchte nicht zu viel über Gerda und ihre Ideen verraten, aber Aichner hat nicht ohne Grund entschieden, dass David Bowies Song „Heroes“ in einem ganz bestimmten Moment im Buch im Radio läuft.
Ich tappte im Dunkeln. Wusste nicht, was Rita zugestoßen sein könnte. Erst nach ungefähr 300 Seiten hatte ich eine Idee, die sich sogar bewahrheitete. Aber trotzdem habe ich damit nicht ins Schwarze getroffen, denn der Autor hat sich ein grandioses Finale und Ende überlegt.
Bernhard Aichner hat sich mit diesem Buch in meinen Augen ganz klar in die Riege der ganz Großen geschrieben. Spannung, Emotion, Wendungen, toll gezeichnete Charaktere. Ich habe alles gefunden, was sich mein Leserherz erhofft. Ich kann ganz klar sagen: Ich habe einen neuen Lieblingsschriftsteller und kann das nächste Buch kaum erwarten. Seitdem ich weiß, dass Bernhard Aichner seine Erstfassungen sogar handschriftlich schreibt, habe ich noch größeren Respekt.
Von mir gibt es einen Lesebefehl für dieses Thriller-Meisterwerk!

Veröffentlicht am 17.10.2019

Subtile Spannung bis in die Haarspitzen!

Worüber wir schweigen
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Das Debüt von Michaela Kastel „So dunkel der Wald“ habe ich leider noch nicht gelesen. „Worüber wir schweigen“ konnte ich mir aber nicht entgehen lassen.
Nina kehrt in ihren Heimatort zurück, den sie ...

Das Debüt von Michaela Kastel „So dunkel der Wald“ habe ich leider noch nicht gelesen. „Worüber wir schweigen“ konnte ich mir aber nicht entgehen lassen.
Nina kehrt in ihren Heimatort zurück, den sie zwölf Jahre lang gemieden hat. Ihre damaligen Freunde Tobi und Mel wissen nicht, was ihre Rückkehr zu bedeuten hat. Man merkt ihnen die Anspannung direkt an, die Ninas plötzliche Anwesenheit erzeugt. Finstere Erinnerungen und Geheimnisse stehen zwischen der Clique von damals. Nina selbst scheint jedoch auch in dunkle Gedanken gehüllt. Was hat sie vor?
Die Handlung wird durch drei verschiedene Erzähler wiedergegeben: Nina, Tobi und Gregor (Ninas Vater). Dabei erstreckt sich die Handlung auf die Jahre 1997 bis 2019. Durch Zeitsprünge und verschiedene Perspektiven deckt man beim Lesen nach und nach einzelne Puzzleteile auf und offenbart das tragische Gesamtbild der damaligen Ereignisse. Jede Figur verbirgt dabei etwas vor den Anderen. Jede Kleinigkeit in diesem Roman war bedeutsam und hatte die Macht das Gesamtbild in ein anderes Licht zu rücken. Großartig. Die Zeit- und Perspektivenwechsel wirkten einfach stimmig und gaben dem Buch das gewisse Etwas. Ich persönlich mochte den Stil sehr und hatte keinerlei Probleme mich in der Handlung zurechtzufinden.
Ich mochte auch die einzelnen Erzähler alle – egal wie kaputt sie waren. Jeder wirkte auf eine eigene Art und Weise faszinierend auf mich.
Nina, die schon immer bekam, was sie vorgab zu wollen. Die krankhaft abhängige Freundschaft zwischen Mel und ihr: Trotz der negativen Energie wirkte ihr Band unheimlich stark. „Wie soll ich denn gut ankommen, wenn du mir die Show stiehlst? Noch deutlicher wäre es höchstens, wenn du gleich mit einem Free-Fucks-Schild durch die Gegend läufst!“ S. 117 (Mel zu Nina)
Tobi: nie richtig wahrgenommen und von allen oft unterschätzt, seit Kindheitstagen emotional zwischen diese beiden Frauen. „Ständig bin ich irgendwo dazwischen – dümple mit Halbmast wehender Loser-Flagge zwischen den Gezeiten umher und finde kein Ufer, das mich anlegen lässt“. S. 95 (Tobis Gedanken)
Gregor, der in einer kaputten Ehe lebt, unfähig ist, sich aus ihr zu befreien, unfähig seiner Tochter zu helfen, die wenigstens ein Elternteil als Anker gebraucht hätte. Das Buch ist einfach voll von schicksalhaften Begegnungen und falschen Entscheidungen.
Michaela Kastel hat in „Worüber wir schweigen“ ein unglaubliches Talent dafür bewiesen, durch die Gefühlswelten ihrer Protagonisten eine subtile Spannung zu erzeugen. Allein in ihrer Schreibweise schwingt immer etwas Düsteres und Bedrückendes zwischen den Zeilen, das jedoch kaum zu greifen ist. Es sind die vielen kleinen Puzzleteile, die Andeutungen, die die Autorin gut zu platzieren weiß, die dieses Buch spannend machen. Ein Thriller, frei von Blut vergießen oder jeglichen Gewaltdarstellungen. Allein durch das Aufzeigen von menschlichen Abgründen schafft sie es eine Gänsehaut zu erzeugen.
Ich war also – wie man sieht – vollends begeistert von diesem Buch und habe es in zwei Tagen durchgelesen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es Leser/innen gibt, die das Buch nicht als Thriller einstufen würden. „Worüber wir schweigen“ enthält viel Dramatik, viel Tragik, aber wenig Action und (wie bereits erwähnt) keine Gewalt. Von mir gibt es aber eine klare Leseempfehlung für diesen Roman über Eifersucht, Hass, mentale und körperliche Abhängigkeiten, kaputte Beziehungen, Liebe und Rache. Wer in menschliche Abgründe abtauchen möchte, wird hier bestens unterhalten.

Veröffentlicht am 16.10.2019

Unterhaltsam

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«
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»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«

Zwei Theaterstücke

Dieses kleine Büchlein fällt in die Kategorie „total anders“ und wie einige wissen, mag ich das ...

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«

Zwei Theaterstücke

Dieses kleine Büchlein fällt in die Kategorie „total anders“ und wie einige wissen, mag ich das mittlerweile ziemlich gern. Das Cover der beiden Theaterstücke ist eher unscheinbar und hätte mich nicht unbedingt zum Kauf animiert. Man sollte sich aber vom Äußeren nicht täuschen lassen. Diese beide Theaterstücke haben ziemlich viel zu erzählen – ganz besonders natürlich die Hauptfigur des ersten Stücks Hans Fredenbeck.

In diesem melodramatischen Monolog begegnet man der Frage nach dem Sinn des Lebens. Man wird jedoch außerdem in ein großes Wirrwarr aus Aktenzeichnen und Dienstvorschriften verstrickt. Ich selber arbeite im öffentlichen Dienst und kann den Wahnsinn, den Martin Schörle beschreibt, nur allzu gut nachempfinden. Ungelogen – die Beschreibung von Fredenbek passt zu 90 Prozent mindestens auf einen meiner Kollegen. Während sich Fredenbek über Sinnhaftigkeit diverser Büromaterialien und seines Büroalltags im Allgemeinen ergießt, streut Martin Schörle lauter witzige Formulierungen ein, die mir beim Lesen großen Spaß bereitet haben. Zum Beispiel „entziehen sich Radiergummi einfach ihrer zweckentsprechenden Verwendung. Fehlte ja nur noch, dass sie sich gewerkschaftlich organisieren“. Spontanität will bei dem Beamten außerdem gut überlegt sein. Mein absoluter Favorit jedoch war eine Bezeichnung für Kollegen oder auch Vorgesetzte, die über ein Studium verfügen und sich nie auf etwas festlegen wollen, wenn sie um einen Einschätzug gebeten werden. Diese Personen nennt Fredenbek (bzw. Martin Schörle) „Jenachdemiker“. Da habe ich echt herzlich gelacht.

Das zweite Stück würde ich als Kammerspiel werten. Hier ruft der ehemalige Klassenkamerad Carsten bei Marina an, um diese zum Klassentreffen einzuladen. Nach und nach erfährt man zu beiden etwas mehr, u.a. waren sie wohl zu Schulzeiten ein Liebespaar. Marina ist eine sehr traurige Figur und denkt ihre „Liebe sei zerstörerisch“. Nach und nach schüttet sie Carsten jedoch ihr Herz aus, obwohl sie sich gerade im Zug befindet. Trotzdem kann man eine gewisse Verbitterung in ihren Worten spüren. Das Stück regt aus meiner Sicht noch mehr zum Nachdenken an, als Fredenbek es tut. Thematisiert werden hier in kürzester Zeit sehr ernste Themen: gescheiterte Beziehungen, ein versagter Kinderwunsch, ein Todesfall in der Familie. Trotz allem gibt es auch hier witzige Momente. Mein Lieblingsausdruck war „menstruell überreizte Krawallnudel“.

*

Der Autor spielt mit der Sprache und zeigt sich äußerst wortgewandt. Trotz der Verschiedenartigkeit überzeugten mich beide Stücke. Ein kurzweiliger Lesespaß für Theater-Begeisterte mit einer Prise Humor. Man muss jedoch beachten, dass es sich trotz allem nicht um leichte Kost handelt. Fredenbeks verschachtelte Sätze liest man nicht „mal“ nebenbei. Mich hat es nicht gestört, da es sich „nur“ um Theaterstücke handelte und die Handlung nicht mehrere hundert Seiten umfasste. Im Gegenteil – in meinen Augen hat der Autor damit bewiesen was er kann. Einen kleinen Abzug gebe ich, da die Emotionen nicht immer bei mir ankamen. Ich empfehle das Buch trotzdem sehr gern weiter.

Veröffentlicht am 14.10.2019

Die sieben Tode der Spannung

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
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Ich habe mich auf diesen Titel wirklich unheimlich gefreut. Das hatte mehrere Gründe:

1. Das Cover. Ja, ich gehöre zu den "Cover-Opfern" und stehe dazu. Dieses hier ist wahrlich ein Träumchen. Die freistehende ...

Ich habe mich auf diesen Titel wirklich unheimlich gefreut. Das hatte mehrere Gründe:

1. Das Cover. Ja, ich gehöre zu den "Cover-Opfern" und stehe dazu. Dieses hier ist wahrlich ein Träumchen. Die freistehende Treppe eines Herrenhauses, das Schachmuster des Bodens, die Schachfigur. (Endlich hat ein Cover mal wieder einen tollen Bezug zur Geschichte!)

2. Die Thematik. "Und täglich grüßt das Murmeltier" im Krimi-Gewand. Das ist ein Fest für Liebhaber beider Genre wie mich. Ich war ganz aus dem Häuschen über den Klappentext.

3. Stuart Turton - ein britischer Autor. Ich mag einfach wie die Briten schreiben!

Ich habe mir also ein tolles Leseerlebnis ausgemalt. Es begann auch wirklich gut: Das Buch ist so schön gestaltet! Im Umschlag findet man eine Karte vom Anwesen der Hardcastles. Hier findet man eine Übersicht des Grundstücks inklusive der Stallungen, des Waldes, des Pförtnerhauses sowie eines Lageplans der Gästezimmer und weiterer Räumlichkeiten von Blackheath. Ich muss zugeben (auch wenn der Plan nicht zu 100 Prozent stimmte), dass ich solche Extras sehr schätze.

Zu Beginn des Buchs findet sich dann eine Einladung zum Maskenball. In dieser Einladung sind die wichtigsten Personen inklusive ihrer Funktionen aufgelistet. Diese Seite war eine enorme Hilfestellung für das überaus komplexe Geschehen, das sich auf Blackheath ereignete. Und da kommen wir schon zum ersten großen Problem. Der Einstieg ins Buch fiel mir unheimlich schwer. Nicht, dass ich selbst noch damit beschäftigt war mit all den Namen und Beziehungen der Figuren untereinander zurecht zu kommen, nein - der Ich-Erzähler litt selbst unter Gedächtnisverlust und hatte keine Ahnung, wer all die Personen sind. Dieser Umstand erschwerte es mir sehr im Buch "anzukommen".

Eines der nächsten Probleme lag darin, dass der im Klappentext und Titel angekündigte "erste" Tod der Evelyn Hardcastle weit über 100 Seiten lang auf sich warten ließ. Ich weiß nicht, wie andere Leser das sehen, aber mich stört sowas einfach! Auch bei einem Schmöker mit mehr als 600 Seiten möchte ich nicht, dass ich so lang auf die angekündigte Handlung warten muss. Das war leider frustrierend. Erst ab Tag 4 fand ich es richtig spannend, wurde aber aufgrund von Logikproblemen (die keine Logikfehler, sondern eher Verständnisprobleme meinerseits waren) in meiner Neugier wieder ausgebremst.

Was mich trotz dieser Anfangsprobleme bei der Stange hielt, war die tolle Sprache, die sich der Autor bediente. Teils altertümlich anmutend, mal ein wenig holprig, dann vornehm britisch, manchmal sogar poetisch... das gefiel mir richtig gut! Der Mann kann mit Wörtern spielen - alle Achtung!

Leider kann mich auch ein toller Schreibstil nicht 600 Seiten lang fesseln. Da braucht es schon etwas Spannung und hier liegt das Hauptproblem. Stuart Turton ist detailverliebt. Das ist auch gar nicht so tragisch. Er ergießt sich nicht stundenlang in Landschaftsbeschreibungen oder wiederholt ununterbrochen die Fakten (obwohl es aufgrund des Plots natürlich zu Doppelungen kommt). Turton schafft durch seine Sprache und die gewählte Detailtiefe eine ganz besondere Atmosphäre auf dem Anwesen Blackheath. Diese bedrückende, dunkle, teils unheimliche Stimmung wusste ich auch durchaus zu schätzen, leider hat sie aber das Tempo gedrosselt. Je weiter das Buch voranschritt, umso mehr Tempo hätte ich mir gewünscht. Der Autor blieb aber seiner Detailtiefe treu. In meinen Augen hat dadurch die Spannung des Buchs leider verloren.

Ein weiteres Problem des Buchs ist dieser tolle Plot. Ihr denkt sicher, nun ist sie vollkommen durchgeknallt. Wie kann denn ein gelungener Plot ein Problem sein? Tja, ich finde, das Buch ist leider bis in die Haarspitzen konstruiert und bremst sich damit selber aus. Ich schreibe mir sehr gern während des Lesens kleine Spickzettel für die Rezension, damit ich mich auch später an die Handlung und mein Gefühlsleben beim Lesen erinnere. Der Spickzettel hier war dermaßen vollgekritzelt, durchgestrichen, mit Querverweisen und Pfeilen versehen, dass ich schon bei der Hälfte des Buchs nicht mehr durchblickte und ihn weggeschmissen habe. "Die sieben Tode der Evely Hardcastle" ist einfach ein sehr, sehr komplizierter Roman. In 100 Jahren wäre ich niemals auf die Auflösung gekommen. Was natürlich auch nichts Schlechtes ist, aber ich fühlte mich vom Autor um die Möglichkeit betrogen das Rätsel selber lösen zu können.

Neben der Sprache hielten mich außerdem die Figuren bei der Stange. Durch die detailierten Darstellungen erfuhren auch die Figuren eine unheimliche Tiefe. Es war sehr interessant zu beobachten, wie Aiden Bishop jeden seiner "Wirte" beeinflusste und wie sie gleichermaßen ihn beeinflussten und veränderten. Hier hat der Autor echt ganze Arbeit geleistet. Das wirkte alles sehr authentisch und auf gar keinen Fall nur schwarz und weiß.

Der Roman trieft nur so vor Rätseln und Geheimnissen, Schuld und Trauer, Rache und Vergebung, falschen Erinnerungen und der Frage, was Freundschaft und Liebe alles bedeuten kann. Für mich jedoch war (fast) alles zu lang, zu kompliziert, zu konstruiert. Der unglaublich tolle Schreibstil des Autors verbunden mit den interessanten und authentisch gezeichneten Figuren hat mir leider nicht gereicht. Wäre ich nicht so neugierig, hätte ich das Buch vermutlich abgebrochen. Aber ich wollte dann doch wissen, was es mit den Geschehnissen auf sich hat. Vielleicht war es also doch nicht so schlecht. Hier muss man sich vermutlich am besten selber eine Meinung machen.