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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.03.2022

Britischer Film Noir

Den Wölfen zum Fraß
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Patrick McGuinness verbindet in "Den Wölfen zum Fraß" alles was Großbritannien ausmacht, mit allem was wir aus hard bioled crimis kennen. Das bedeutet es fließt viel Tee und wir haben düstere, melancholische ...

Patrick McGuinness verbindet in "Den Wölfen zum Fraß" alles was Großbritannien ausmacht, mit allem was wir aus hard bioled crimis kennen. Das bedeutet es fließt viel Tee und wir haben düstere, melancholische und sehr lange Monologe, die teilweise sehr weit vom eigentlichen Geschehen abschweifen. Doch dem Autor gelingt es, dass dies nicht stört. Überhaupt nicht, als Leser:in verfolgt man gerne die Gedankengänge Anders, tauscht mit ihm in seine Vergangenheit und die gesellschaftlichen Probleme Englands nach und vor dem Brexit ein. Dabei schafft McGuinness es auch sehr viele Themen anzusprechen: die Macht der Medien, die Gefahren eine Frau zu sein und wieso Männer es in der Datingwelt "einfacher" haben, englische Privatschulen, und, und, und... Trotzdem bildet der Roman ein abgeschlossenes Ganzes, ohne lose Enden, ohne unnötigen Ballast. Manchmal werden Absätze vielleicht etwas zu lang und die Gedanken drohen beim Lesen abzuschweifen, aber der Autor schafft es einen immer wieder zurückzuholen und ans Buch zu fesseln.
Ander ist ein sympathischer Hauptcharakter, der sich selbst nicht immer sicher ist. Ein Protagonist, der eine gemeinsame Vergangenheit mit dem vermeindlichen Mörder hat. Ein Protagonist, dem vielleicht nicht ganz zu trauen ist.
"Den Wölfen zum Fraß" ist kein actionreicher Thriller mit viel Blut und ekelerregenden Leichenbeschreibungen. Es ist eher ein sanft beginnender Wind, der unbemerkt zu einem Sturm anwächst und bei dem die Leser:innen nicht mehr wissen, was sie glauben sollen, wem sie Mitleid schenken sollen und auf welches Ende sie hoffen sollen... Alles in allem also ein gelungener Roman, den es so nicht mehr oft gibt und der auch Nicht-Krimifans zu empfehlen ist, denn die Leiche ist hier nur Mittel zum Zweck um viel wichtigere Themen anzusprechen.

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Veröffentlicht am 16.02.2022

Die Handlung gehört den Gezeiten

Die Gezeiten gehören uns
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Die dreizehnjährige Eulabee und ihre Freundin Maria Fabiola beherrschen die Gezeiten in Sea Cliff. Sie wissen genau, wann sie die Bucht überqueren können und wann nicht, bis ein schreckliches Ereignis ...

Die dreizehnjährige Eulabee und ihre Freundin Maria Fabiola beherrschen die Gezeiten in Sea Cliff. Sie wissen genau, wann sie die Bucht überqueren können und wann nicht, bis ein schreckliches Ereignis ihre Freundschaft erschüttert, und dann noch eins, und noch eins,...
Die Handlung des Romans ist selbst wie die Gezeiten des Meeres. Sie beginnt sanft, fast verträumt und ganz schnell und unerwartet nimmt sie plötzlich Fahrt auf und es wird gefährlich, nur um wieder abzuebben, schöne Momente möglich zu machen, die wieder aufschäumen und an den Klippen von den hohen Wellen der Flut zerschlagen werden.
Der Schreibstil ist passend gewählt, ein nostalgisches Zurückerinnern an eine Zeit, die Gott sei Dank überstanden ist und jetzt ohne größeren Schaden zu nehmen betrachtet werden kann... wenn man sie, wie die Protagonistin schon einmal erlebt hat und nicht wie die Leser:innen von den Ereignissen immer wieder von neuem überrascht wird und die Gefahr droht in der Flut unterzugehen.
Die Gezeiten gehören uns ist ein meisterhaft komponierter Roman, dem am Ende nichts fehlt und der einem selbst das Gefühl gibt ein junger Teenager in den 80er Jahren in San Francisco zu sein. Die selben Probleme wie Eulabee möchte man zwar nicht haben, aber deshalb ist es ja gut, dass es nur ein Roman ist.

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Veröffentlicht am 25.01.2022

Ohne Emotion keine Tiefe

Erschütterung
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In Erschütterung lernen die Leser:innen Zach Wells kennen, Paläontologe, kennen und irgendwie kommt er vielen vermutlich bekannt vor. Zach erinnert nämlich an Max Frischs Homo Faber, auch wenn der Autor ...

In Erschütterung lernen die Leser:innen Zach Wells kennen, Paläontologe, kennen und irgendwie kommt er vielen vermutlich bekannt vor. Zach erinnert nämlich an Max Frischs Homo Faber, auch wenn der Autor Percival Everett wohl kaum den schweizer Autoren gelesen haben wird. Das Problem jedoch: Homo Faber ist höchst unsympathisch und nicht in der Lage Gefühle zu vermitteln - so war es zumindst für mich. Zach Wells ist zwar nicht so schlimm, aber ähnlich. Vor seinen Gefühlen flüchtet er in die Wissenschaft oder lebensmüde Nebenmissionen, die das Leben für ihn bereit hält. Zwischen Seite 200 und 210 kommen vielleicht kurz starke Gefühle auf, aber die kommen leider zu spät und flachen auch schnell wieder ab.
Der Gesamtaufbau des Buches im Sinne einer Collage - indem die kurzen inhaltlichen Passagen unterbrochen werden von diversen Textschnipsel - ist einen Versuch wert, mehr aber auch nicht. Wirklich verstanden habe ich es am Ende nicht, was der Autor damit bewirken möchte, ich habe es aber, ehrlich gesagt, nicht wirklich versucht. Bestimmt versteckt sich hinter diesen Textausschnitten ein größer Sinn und das ganze Buch eröffnet sich mir erst, wenn ich das doch verstehen würde... Aber ich wollte nicht wirklich noch mehr Zeit mit Zach Wells verbringen!
Es braucht schon viel, dass die Leser:innen von einem so ernsten und traurigen Thema nicht berührt werden. aber bei mir hat der Autor das geschafft.

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Veröffentlicht am 01.10.2021

Leider eine Entäuschung

Stadt des Zorns
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Mit Band 2 "Stadt des Zorns" wollte Marc Meller noch mal eins drauf setzen und seinen erfolgreichen Erstling "Raum der Angst" fortsetzen, dabei ist aber leider einiges schiefgegangen.
Das Buch startet ...

Mit Band 2 "Stadt des Zorns" wollte Marc Meller noch mal eins drauf setzen und seinen erfolgreichen Erstling "Raum der Angst" fortsetzen, dabei ist aber leider einiges schiefgegangen.
Das Buch startet zwar schnell in die Handlung, die Action beginnt sofort und man ist sofort wieder in der vertrauten Atmosphäre des ersten Bandes. In den ersten Kapiteln wird auch genug wiederholt, um sich wieder daran zu erinnern, bzw. um interessiert genug zu sein, um den ersten Band danach als Prequel zu lesen. Gleichzeitig wird aber vage genug über die Ereignisse von Band 1 gesprochen, dass es nicht zu sehr nervt, wenn man schon alles kennt.
Dann fällt die Spannung aber schnell wieder ab, der "Escape Room", wie er vom Genre her angekündigt wird, kommt nicht richtig in die Gänge, als Leser*in fragt man sich immer wieder, ob das denn nun schon der Escape Room ist oder ob sie dort noch hinkommen. Wirkliche Rätsel, wie im ersten Band, gibt es kaum.
Die Charaktere, die im Escape Room mit Hannah gefangen sind, wirken einseitig und überzeichnet. Am Ende bekommen sie noch etwas Hintergrund dazu, damit ein letztes Rätsel aufgeht und wir vielleicht im letzten Moment noch Gefühle für sie entwickeln können und auch da müssen wir natürlich möglichst dramatisch sein.
Dazu kommt ein leicht zu lesender, aber eben auch flacher Schreibstil, bei dem der Autor sich teilweise bis zu fünf mal wiederholt - und zwar Dinge, die schon im ersten Band zum Erbrechen erwähnt wurden - und der mit kleinen fehlerhaften Details gespickt ist.
Ich hatte große Hoffnungen in dieses Buch, aber anscheinend wollte man nur den Erfolg des ersten Bandes wiederholen, ohne ausreichend Arbeit und Hingebung in dieses Projekt zu stecken.

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Veröffentlicht am 23.09.2021

Porträt Harlems

Harlem Shuffle
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Colson Whitehead zeichnet ein Porträt Harlems, wie es kaum ein anderer kann. Er nimmt die Leser:innen mit auf eine Reise in eine den meisten wohl fremde Welt, die zwar schon oft dargestellt wurde, aber ...

Colson Whitehead zeichnet ein Porträt Harlems, wie es kaum ein anderer kann. Er nimmt die Leser:innen mit auf eine Reise in eine den meisten wohl fremde Welt, die zwar schon oft dargestellt wurde, aber noch nie so realistisch und lebensnahe wirkte. Er schafft es zu zeigen, wie hart der Alltag in den Straßen dieses Stadtteils ist, in dem Gangs über das Leben aller herrschen und ihre Finger sogar in der Wirtschaft mit drin haben. Dabei schafft er es, dass es nicht, wie so viele andere Werke, nur schockierend und "mitleidssuchend" wirkt, sondern gleichzeitig auch positive Aspekte dieses Lebens zeigt - den Zusammenhalt unter der schwarzen Bevölkerung und vieles mehr.
Whitehead weckt mit diesem Buch gemischte Gefühle in den Leser:innen, am Ende möchte man dieses Harlem selbst erleben, gleichzeitig ist man froh, dass man all das nicht erleben muss. Eine Stimmung, die schwierig zu erreichen ist, aber umso schöner und magischer auf die Leser:innen ist. Eine Stimme, die scheint, als würde sie genau aus diesem Harlem kommen.
Harlem Shuffle schlägt vielleicht nicht so ein wie "Die Nickel Boys" und lässt die Leser:innen nicht so geschockt zurück, ist aber auf jeden Fall auch wichtig und lesenswert.

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