Profilbild von Havers

Havers

Lesejury Star
offline

Havers ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Havers über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.12.2021

Schwärende Wunden

Mitgift
0

Es ist ein eindringliches Stück Familiengeschichte, das Henning Ahrens in seinem für den Deutschen Buchpreis 2021 nominierten Roman „Mitgift“ beschreibt. Aber im Gegensatz zu den trivialen Werken dieses ...

Es ist ein eindringliches Stück Familiengeschichte, das Henning Ahrens in seinem für den Deutschen Buchpreis 2021 nominierten Roman „Mitgift“ beschreibt. Aber im Gegensatz zu den trivialen Werken dieses Genres hüllt er den Leser/die Leserin nicht in die wohlige Decke von Liebe, Verständnis und Zuckerguss, sondern zeigt das bäuerliche Familienleben, reduziert und konzentriert auf ein problematisches Vater-Sohn-Verhältnis. Das ist aber längst nicht das einzige Thema, er schaut auch mit dem Brennglas in die Seelen der einzelnen Familienmitglieder, zeigt die Auswirkungen, die der Zweite Weltkrieg auf sie hatte. Hoffnungen, Wünsche und Träume, die sich nicht erfüllten. Enttäuschungen, die bis in die Gegenwart hinein wirken und Leben zerstören.

Ahrens verkneift sich jegliche Sentimentalität, beschreibt nüchtern, präzise und mit einer gehörigen Portion Distanz diese toxischen innerfamiliären Verhältnisse. In alternierenden Kapiteln zwischen den Jahren 1944 und 1962 wechselt er die Perspektiven, lässt er aber nicht nur die verschiedenen Familienmitglieder sondern auch die Totenfrau Gerda zu Wort kommen, deren Leben ebenfalls mit der Bauernfamilie verbunden ist. Einst die Jugendliebe des alten Wilhelm, von diesem aber zugunsten der Mitgift der Bauerntochter Käthe verlassen, damit Scholle zu Scholle kommt. Es ist dieser Hunger nach Land, das Versprechen der Nationalsozialisten, den Bauern neue Gebiete im Osten zur Verfügung zu stellen, die ihn in die Wehrmacht treibt und schließlich dazu führt, dass er bis 1949 in Kriegsgefangenschaft gerät. Zuhause muss die Familie, heißt im Klartext der älteste Sohn, dafür sorgen, dass der Betrieb weiterläuft. Doch von dem heimkehrenden Vater bleibt die Anerkennung aus, denn jeder hat seinen Platz in der Familie, das ist schon seit Generationen so geregelt, muss wissen, wohin er gehört, wieder zurück ins Glied rücken. Das konfliktbeladene Verhältnis zwischen dem tyrannischen Vater, der sich noch immer nicht von dem Gedankengut der Nationalsozialisten abgewandt hat, und dem Sohn, der für sich einen Ausweg aus diesem bäuerlichen Leben sucht, schaukelt sich allmählich auf, bis es schließlich zu dem finalen Ereignis kommt, das einen der beiden das Leben kostet. Lesen!

Veröffentlicht am 06.12.2021

So muss es enden

Der Mongole - Tod eines Nomaden
0

Yeruldelgger hat die Nase voll. Ganz gleich, wie sehr er sich abstrampelt, um denen das Handwerk zu legen, die sämtliche Gesetze aushebeln und sein Volk in den Würgegriff nehmen, es ist nie genug. Erschöpft ...

Yeruldelgger hat die Nase voll. Ganz gleich, wie sehr er sich abstrampelt, um denen das Handwerk zu legen, die sämtliche Gesetze aushebeln und sein Volk in den Würgegriff nehmen, es ist nie genug. Erschöpft von den immerwährenden Kämpfen nach Gerechtigkeit, die zu keinen Ergebnissen führen, quittiert er den Polizeidienst, verlässt die Stadt und zieht sich in die Wüste zurück. Mit der Unterstützung seines spirituellen Lehrmeisters besinnt er sich auf die uralten Traditionen, hofft so, zur Ruhe zu kommen, seinen inneren Frieden und wieder zu sich selbst zu finden.

Doch daraus wird nichts, denn sein Ruf eilt ihm voraus und niemand bleibt in der Wüste unbemerkt. Und so sieht er sich mit der Bitte einer unverhofft vor seiner Jurte auftauchenden Reiterin konfrontiert, sie bei der Suche nach ihrer verschwundenen Tochter zu unterstützen. Sie wird nicht die Einzige bleiben, die seine Hilfe benötigt. Verschwundene Frauen, Todesfälle, ausgeführt nach uralten Riten und ein Massengrab, all dies führt dazu, dass der ehemalige Polizist noch einmal in den Sattel steigt, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Ian Manook nimmt uns mit in ein Land, das im Westen kaum einmal in den Nachrichten auftaucht. Ein Land, das für die meisten von uns ein weißer Fleck ist. Ein Land, das schon längst wegen seiner seltenen Bodenschätze zum Spielball der gierigen internationalen Großkonzerne geworden ist. Ein ökologisch ausgebeutetes Land, dessen stolze Bewohner auf der Jagd nach dem schnellen Geld ihre Identität verlieren.

So muss sie also enden, die Trilogie. Mit einem einsamen Tod inmitten der gnadenlosen Wüste, deren Vormarsch nicht zu stoppen ist. Mit dem langsamen, aber unaufhörlichen Verschwinden der nomadischen Kultur. Mit Profitstreben, das kühl kalkulierend die Traditionen eines Volkes auslöscht. Und auch wir tragen Schuld.

Veröffentlicht am 03.12.2021

Ein kulinarischer Ausflug nach Vietnam

Vietnameasy
0

„Vietnameasy“ ist das zweite Kochbuch der Food- Autorin und -Stylistin Uyen Luu, in den achtziger Jahren mit ihrer Familie aus Vietnam nach England gekommen und im Londoner Nordosten aufgewachsen. Bekannt ...

„Vietnameasy“ ist das zweite Kochbuch der Food- Autorin und -Stylistin Uyen Luu, in den achtziger Jahren mit ihrer Familie aus Vietnam nach England gekommen und im Londoner Nordosten aufgewachsen. Bekannt wurde sie durch ihre Supper-Clubs im heimischen Wohnzimmer, bei denen Luu die Teilnehmer mit den Aromen der vietnamesischen Küche vertraut machte. Die von ihr veranstalteten Kochkurse stießen ebenfalls auf großes Interesse, so nahmen unter anderem auch Jamie Oliver und Gennaro Contaldo an ihnen teil.

Unter den Kochtraditionen Asiens nimmt die vietnamesische Küche eine Sonderstellung ein, ist sie doch geprägt von den unterschiedlichsten Einflüssen benachbarter Nationen, aber nicht zuletzt auch von Gebräuchen und Traditionen der französischen Kolonialmacht. So ist das überall erhältliche Banh Mi nichts weiter als ein mit frischen Zutaten belegtes Baguette.

Wie man bereits dem Titel entnehmen kann, ist es Uyen Luus Anliegen aufzuzeigen, wie schnell und einfach man die schmackhaften Gerichte Vietnams zubereiten kann. Und das schafft sie mit 80 Rezepten, in denen sich Tradition und Moderne vereinen. Eine Herangehensweise, die perfekt in unsere globalisierte Welt passt und es uns auch einfacher macht, Zutaten, die eventuell gerade nicht vorhanden sind, durch entsprechende Alternativen, die die Autorin in jeder Rezept-Einleitung nennt, zu ersetzen.

Luu stellt auf den ersten Seiten die vietnamesische Speisekammer mit ihren Grundzutaten vor und gibt hilfreiche Küchentipps. Bei der Einteilung der nachfolgenden Rezepte verabschiedet sie sich von der klassischen Menüfolge, und das ist auch gut so, denn wer stellt sich denn heutzutage noch stundenlang in die Küche, um ein mehrgängiges Menü zuzubereiten. Aber sie denkt auch an diejenigen, die auf diese Vorschläge nicht verzichten möchten, und so gibt es am Ende des Kochbuchs zwei Seiten mit entsprechenden Kombinationsmöglichkeiten.

Köstliches zu Reis, Bunte Gemüsebeilagen, Knackige Salate, Mit Freunden schlemmen, Himmlische Nudelsuppen, Schnelle Gerichte für jeden Tag, Süßes und Desserts und Grundlagen – so die Einteilung, bei der an alles gedacht ist.

Uyen Luu hält ihr Versprechen, die Zubereitung der vorgestellten Speisen ist in der Tat „easy“, weil die jeweilige Beschreibung sehr detailliert beschrieben und anschaulich bebildert ist. Und auch die Zutaten sind mittlerweile in jedem gut sortierten Supermarkt erhältlich, allerdings sollte man darauf achten, gute und frische Ware zu bekommen. Dann steht einem kulinarischen Vergnügen nichts im Wege.

Veröffentlicht am 29.11.2021

Auch Autoren brauchen hin und wieder Abwechslung

Das Talent
0

Wie so viele Amerikaner hat John Grisham eine besondere Beziehung zum Sport. Football, Baseball und Basketball sind die drei Sportarten, denen in den Vereinigten Staaten das Interesse der Öffentlichkeit ...

Wie so viele Amerikaner hat John Grisham eine besondere Beziehung zum Sport. Football, Baseball und Basketball sind die drei Sportarten, denen in den Vereinigten Staaten das Interesse der Öffentlichkeit gilt, und er versucht sich als Heranwachsender in allen dreien, allerdings mit mäßigem Erfolg. Bis zum College spielt er aktiv Baseball, trainiert später seinen Sohn und lässt auf seinem Grundstück sechs Spielfelder errichten, die 26 Teams der Little League als Trainingsgelände dienen.

Für eine Profi-Karriere hat es Grisham glücklicherweise nicht gereicht, denn sonst würde er uns sicher nicht mit seinen regelmäßig erscheinenden Justizthrillern unterhalten. Aber auch ein Autor braucht in der Themenwahl manchmal Abwechslung, und so unternimmt er ab und an einen Ausflug in die Welt des Sports. Bisher gibt es aus seiner Feder den Baseball-Roman „Home Run“ sowie die beiden Football-Romane „Touchdown“ und „Der Coach“, alle drei sehr realitätsnah und empfehlenswert für Leser*innen, die sich für diese Sportarten interessieren.

Nun also „Das Talent“, ein Roman aus dem Basketball-Milieu, der den Werdegang des fiktiven südsudanesischen Basketball-Spielers Samuel „Sooley“ Sooleyman beschreibt, der seinen Traum von der Profi-Laufbahn in die Realität umzusetzen möchte. Und dafür gibt er alles, verlässt seine Familie und seine Heimat. Unterstützt wird er dabei von einem Talentscout, der ihn motiviert, unterstützt, an ihn glaubt, und ihn trotz mäßiger Leistung zu einem Show-Turnier mit in die USA nimmt, bei dem die Talentsucher der Colleges auf der Tribüne sitzen. Während seine Karriere Fahrt aufnimmt, erreichen ihn schlimme Nachrichten aus dem Sudan. Sein Heimatdorf wurde überfallen und niedergebrannt, seine Familie ist auf der Flucht Richtung Uganda. Jetzt kann nur noch ein Wunder helfen, und Sooley hat es in der Hand. Er muss einen ordentlichen Batzen Geld verdienen, damit er sie in die USA holen kann.

Um Freunde an diesem Roman zu haben, sollte man schon ein gewisses Maß an Kenntnis und Interesse für Basketball mitbringen, denn Grisham verwendet zum einen immer wieder Fachbegriffe, zum anderen kommentiert er die Spiele im knappen Stil eines Sportreporters. Ansonsten liefert er genau das, was wir auch von seinen Thrillern gewohnt sind: kurze Kapitel, gute Charakterisierungen, eine ordentliche Portion Drama und ein Ende, das zu Herzen geht. Dazu jede Menge Hintergrundinformationen zur politischen Lage im Sudan.

Ein Roman, der von der Liebe des Autors zu diesem Sport zeugt und das ideale Geschenk für alle ist, die eine Affinität für Basketball haben.

Veröffentlicht am 29.11.2021

Ein weiterer Flop einer gnadenlos überschätzten Autorin

606
0

Ein Hochsicherheitsgefängnis in der Wüste von Nevada, ein gekaperter Besucherbus in Sichtweite, in dem sich die Angehörigen der Wärter befinden, die das alljährliche Softballspiel zwischen Gefangenen und ...

Ein Hochsicherheitsgefängnis in der Wüste von Nevada, ein gekaperter Besucherbus in Sichtweite, in dem sich die Angehörigen der Wärter befinden, die das alljährliche Softballspiel zwischen Gefangenen und Wärtern anschauen wollen. Die Forderung der Geiselnehmer: Freilassung aller Gefangenen. Vier Minuten Zeit für die Entscheidungsträger. Die Zellentüren öffnen sich, und 606 Schwerverbrecher, inklusive der Insassen des Todestrakts, strömen ins Freie…und die Jagd beginnt.

Könnte spannend werden, tut es aber nicht. Bereits nach relativ kurzer Zeit sind mehr als die Hälfte der Flüchtigen bereits wieder festgesetzt, und was dann folgt, ist ein lustlos runtergeschriebenes Zuständigkeitsgeplänkel zwischen Trinity Parker, US-Marshall vor Ort und Celine Osbourne, der Verantwortlichen für die Hinrichtungskandidaten, wobei letztere einen Narren an dem Häftling John Kradle gefressen hat, dessen Unschuldsbeteuerungen sie zu keinem Zeitpunkt geglaubt hat.

606 Flüchtige: Mörder, Serienkiller, Terroristen, Neonazis, alles vorhanden, was man erwartet. Allianzen, die geschlossen werden. 606 Schicksale, die es wert wären, einen Blick darauf zu werfen, aber es sind noch nicht einmal eine Handvoll, auf die sich die Autorin konzentriert, und das dann auch noch höchst oberflächlich. Das ist weder spannend noch interessant und zieht sich bei knapp 470 Seiten wie Kaugummi, zumal alle Beteiligten dermaßen flach charakterisiert sind, dass man als Leser mit niemandem mitfiebert, niemandem wünscht, seine Flucht möge gelingen.

Die Story ist langatmig, plätschert vor sich hin, voller Seitenfüller, die nichts zur Handlung beitragen, die Dialoge auf Kindergarten-Niveau - vielleicht hätte sich die Autorin vor dem Schreiben „Flucht in Ketten“ mit Sidney Poitier und Tony Curtis anschauen sollen, denn hier hätte sie in Sachen Dramaturgie mit Sicherheit etwas lernen können.

Für mich ein weiterer Flop einer gnadenlos überschätzten Autorin.