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Veröffentlicht am 09.05.2026

Netter Versuch, aber...

Der Geschmack der Gewalt
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Der amerikanische „Country Noir“ hat einen neuen Vertreter, den Autor Frank Bill, dessen Veröffentlichungen sich bisher auf Erzählungen in verschiedenen amerikanischen Magazinen beschränkt haben. In der ...

Der amerikanische „Country Noir“ hat einen neuen Vertreter, den Autor Frank Bill, dessen Veröffentlichungen sich bisher auf Erzählungen in verschiedenen amerikanischen Magazinen beschränkt haben. In der Übersetzung ist 2012 „Cold Hard Love“ erschienen, im Original mit dem Titel „Crimes in Southern Indiana: Stories“, 2011 publiziert.

Das aktuelle Buch von Frank Bill mit dem Titel „Der Geschmack von Gewalt“ ist kürzlich erschienen, und Schützenhilfe hat der Autor von keinem Geringeren als Donald Ray Pollock erhalten, dessen Zitat „Wo zur Hölle kommt dieser Kerl her? Geht ab wie ein verdammtes Raumschiff und erwischt einen hart wie der Stiel einer Axt am Hinterkopf.“ die Rückseite der deutschen Ausgabe ziert. Diese Aussage legt natürlich der Vergleich mit Pollock sowie Daniel Woodrell, den beiden herausragenden Vertretern dieses Genres nahe, deren Romane mich in den letzten Jahren nachhaltig beeindruckt haben.

Der Originaltitel von Frank Bills Buch lautet „Donnybrook“, und das ist nicht, wie uns der Klappentext suggerieren möchte ein Ort, sondern der Name eines Bare Knuckle Wettkampfs d.h. eines verschärften Boxkampfs mit bloßen Händen ohne Schutz der Kämpfer, der irgendwo im Nirgendwo des südlichen Indiana stattfinden soll. Das Donnybrook bildet auch die Rahmenhandlung des Romans, denn das hohe Preisgeld für den Sieger ist für manch einen, der auf dem Weg dorthin ist, die letzte Rettung.

Da ist Jarhead, der für seine tablettenabhängige Frau und seine beiden Kinder in den Käfig steigen möchte, damit er die hungrigen Mäuler stopfen kann und wieder eine Perspektive für sich und seine Familie hat. Chainsaw Angus und seine Schwester Liz, die ihren Lebensunterhalt mit der Fabrikation und dem Verkauf von Meth finanzieren, wobei die Familienbande Liz nicht daran hindern, ihren Bruder so richtig abzuzocken. Gravel, der Zeuge einer schrecklichen Bluttat wird und einsam und im Verborgenen auf einer verlassenen Farm haust. Und Ross Whalen, ein Sheriff, der es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt.

Der Autor erzählt viele Geschichten mit den unterschiedlichsten Protagonisten in diesem Buch, drückt ständig auf das Tempo und reiht eine Aktion an die nächste. Das ist zwar anfänglich unterhaltsam und bindet das Interesse des Lesers, wirkt aber auf Dauer etwas ermüdend. Vor allem auch deshalb, weil die Charaktere sehr oberflächlich angelegt sind, was bei deren Vielzahl und den verschiedenen Handlungssträngen auch nicht verwundert.

„Der Geschmack der Gewalt“ hat durchaus gute Ansätze, aber unter dem Strich fehlt diesem Roman die Tiefe. Man bleibt außen vor und entwickelt keine Sympathien für die Figuren, sondern registriert lediglich sehr emotionslos deren Verhalten. Sehr schade, denn mit ähnlichen Ausgangssituationen treffen Pollock und Woodrell den Leser mitten ins Herz.

Veröffentlicht am 09.05.2026

Spannender Countdown

61 Stunden
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„61 Stunden“ ist der mittlerweile der 14. Band der Jack Reacher-Reihe des Wahlamerikaners Lee Child . Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor seinen Protagonisten nach und nach durch ...

„61 Stunden“ ist der mittlerweile der 14. Band der Jack Reacher-Reihe des Wahlamerikaners Lee Child . Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor seinen Protagonisten nach und nach durch sämtliche Staaten Nordamerikas schickt. Reacher hat keine feste Adresse und reist mit kleinem Gepäck, wenn man eine Zahnbürste und eine Kreditkarte als solches bezeichnen will, ohne festes Ziel kreuz und quer durch alle Bundesstaaten und gerät immer wieder eher zufällig in Situationen, in denen er das, was er während seiner Jahre beim Militär gelernt hat, im Dienste der Gerechtigkeit einsetzen kann.

An einem Rastplatz spricht er in Ermangelung anderer Transportalternativen den Fahrer eines Reisebusses, der eine Seniorengruppe befördert, wegen einer Mitfahrgelegenheit an. Dieser willigt ein, aber natürlich erreicht die Reisegruppe ihr Ziel nicht ohne Zwischenfall, denn es ist Winter und der Bus gerät in der Nähe der Kleinstadt Bolton, South Dakota von der Straße ab. Hilfe wird avisiert, aber es wird einen Tag dauern, bis der Ersatzbus ankommt. Und so suchen nicht nur die Senioren sondern auch Jack Reacher in Bolton Quartier für die Nacht. Das gestaltet sich allerdings schwierig, da alle Hotels ausgebucht sind, aber freundlicherweise bieten Privatleute den Unfallopfern ein Bett für die Nacht an. Jack Reachers Gastgeber ist Polizist, und was er im Laufe des Abends von diesem erfährt, gefällt ihm ganz und gar nicht. 61 Stunden – und der Countdown läuft!

Reacher ist tough, ein „Lonesome rider“, der nicht viele Worte macht sondern immer dann da ist, wenn seine Hilfe gebraucht wird. Und selbst extrem brenzlige Situationen können ihn nicht daran hindern sich einzumischen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie es der Autor schafft, eine Grundidee zu variieren, ohne dass es für den Leser langweilig wird. Natürlich ist es von Anfang an klar, dass die Geschichte für den Protagonisten gut ausgehen wird, aber es ist immer wieder kurzweilig und spannend zu lesen.

Hochspannung vom Anfang bis zum Ende, atmosphärisch dicht und temporeich erzählt – so muss ein unterhaltsamer Thriller sein.

Veröffentlicht am 09.05.2026

Garantierte Spannung!

Koma
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Bisher habe ich alle neun Kriminalromane der Harry Hole-Reihe des norwegischen Autors Jo Nesbø ausnahmslos verschlungen und mich immer spannend und bestens unterhalten gefühlt.

Nachdem das letzte Buch ...

Bisher habe ich alle neun Kriminalromane der Harry Hole-Reihe des norwegischen Autors Jo Nesbø ausnahmslos verschlungen und mich immer spannend und bestens unterhalten gefühlt.

Nachdem das letzte Buch der Reihe „Die Larve“ mit einem bitterbösen Cliffhanger endete, war ich schon sehr gespannt, was der Norweger in „Koma“ für seine Hauptfigur vorgesehen hat. Und ich wurde nicht enttäuscht - im Gegenteil.

Wie immer wird mit unterschiedlichen Handlungssträngen gearbeitet: Auf der Intensivstation liegt ein gut bewachter Komapatient, dessen Identität allerdings geheim gehalten wird. Fast gleichzeitig erleidet ein Polizist im Ruhestand an der gleichen Stelle, an der das Mordopfer aus einem seiner früheren Fälle aufgefunden wurde, einen gewaltsamen Tod. Aber das soll nicht der einzige Polizistenmord bleiben. Eine Sonderkommission wird eingesetzt, zu der Harry Hole früher gehörte. Finden sie das Motiv des Mörders? Ist Rache sein Antrieb? Können sie die Morde aufklären und den Täter dingfest machen?

Jo Nesbø setzt Maßstäbe, spielt er doch dermaßen virtuos auf der Klaviatur der Spannung, dass es selbst für einen Thrillerfuchs eine wahre Pracht ist. Der Norweger weiß, wie seine Leser ticken und welche Erwartungen sie an den Plot haben. Und es sieht immer so aus, als würde er diese bedienen. Aber weit gefehlt - gerade, wenn man meint, dass man die Geschichte bzw. den Handlungsfaden entsprechend entwirrt hat, macht Nesbø eine Biege und plötzlich ist alles wieder ganz anders.

Geschickt wie immer baut er die Spannung auf, legt verschiedene Spuren, arbeitet mit Hinweisen, die das Interesse sofort wecken, will man doch wissen, welche Zusammenhänge sich ergeben. Gefällig schreibt der Autor nicht – er fordert doch ein gehöriges Maß an Konzentration von seinem Leser. Aber dafür wird man mit einem außergewöhnlich gut geplotteten und hochspannenden Kriminalroman belohnt.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings, denn für Einsteiger kann ich den Thriller leider nicht empfehlen, dazu werden zu viele Bezüge zu den Vorgängerbänden hergestellt. Aber für alle Harry Hole-Fans, die die Reihe seit Beginn verfolgen, ist "Koma" wieder ein herausragendes Leseerlebnis, gerade weil die ganzen alten Bekannten wiederauftauchen, mit denen Harry schon so manche Schlacht erfolgreich geschlagen hat.

Veröffentlicht am 09.05.2026

Ladythriller, what else?

Todeskind
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Den beiden Protagonisten in „Todeskind“, dem neuen Thriller von Karen Rose, sind wir bereits in „Todeskleid“ begegnet, wo sie allerdings nur am Rande in die Ermittlungen involviert waren.

Nun rücken ...

Den beiden Protagonisten in „Todeskind“, dem neuen Thriller von Karen Rose, sind wir bereits in „Todeskleid“ begegnet, wo sie allerdings nur am Rande in die Ermittlungen involviert waren.

Nun rücken die beiden ins Zentrum des Geschehens: Daphne Montgomerys Sohn Ford würde entführt, konnte aber seinen Peinigern entkommen. Nun liegt er schwer traumatisiert im Krankenhaus und wiederholt immer wieder die gleichen Worte „Habe ich dir gefehlt?“. Dieser Satz weckt bei Daphne Erinnerungen an ein schlimmes Ereignis in ihrer persönlichen Vergangenheit, von dem sie glaubte, es längst überwunden zu haben. Da sie im Zuge ihres aktuellen Falles mit FBI Special Agent Joseph Carter zusammenarbeitet und dieser seine Hilfe anbietet, vertraut sie sich ihm an, woraufhin Carter den Fall in die Hand nimmt.

„Todeskind“ ist, wie bei Karen Rose üblich, eine Mischung aus Psycho – und Ladythriller, d.h. die Autorin kombiniert eine Liebesgeschichte, in diesem Fall zwischen Daphne und Joseph, mit einem Kriminalfall. Dazu taucht sie tief in die Vergangenheit der beiden Hauptfiguren ein, die ihre persönlichen Traumata noch längst nicht verarbeitet haben und diese auch in den aktuellen Fall einbringen. Aber auch die Täterperspektive kommt bei Karen Rose nicht zu kurz, den die Autorin in ausführlichen Passagen zu Wort kommen lässt.

Die Geschichte startet ohne Verzögerung und der Leser ist gleich mitten in dem Geschehen. Keine Frage, Hochspannung ist von Anfang an vorhanden und Frau Rose versteht es auch, diese Spannung während des gesamten Buches zu halten. Aber wenn man die Autorin und ihre Werke kennt, merkt man ziemlich schnell, wohin der Hase läuft.

Dazu kommt, dass leider bereits sehr viele Informationen durch den Klappentext preisgegeben werden, so dass der Leser die Ereignisse frühzeitig einordnen kann. Hier geht leider das eine oder andere Überraschungsmoment verloren.

Natürlich ist „Todeskind“ dennoch spannend, aber ich würde mich trotzdem freuen, wenn Karen Rose in einem ihrer nächsten Romane vielleicht doch einmal die liebgewonnenen Pfade verlassen und ihre Leser mit einen ungewöhnlicheren Plot überraschen würde.

Veröffentlicht am 09.05.2026

Literarischer Blues

In den Straßen von Los Angeles
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Ry Cooder kennt man bisher in erster Linie als hochklassigen Slide-Gitarristen, sei es nun im Studio zusammen mit Berühmtheiten wie den Rolling Stones, Eric Clapton und Van Morrison. Ein weiteres Betätigungsfeld ...

Ry Cooder kennt man bisher in erster Linie als hochklassigen Slide-Gitarristen, sei es nun im Studio zusammen mit Berühmtheiten wie den Rolling Stones, Eric Clapton und Van Morrison. Ein weiteres Betätigungsfeld ist das Komponieren von Filmmusiken wie zum Beispiel zu Paris, Texas von Wim Wenders. Und dann gibt es noch seine Weltmusik-Projekte, bei denen er mit Künstlern anderer Kulturkreise höchst erfolgreich längst vergessene Rhythmen wieder in den Fokus der Zuhörer rückt, man denke nur an den erfolgreichen Buena Vista Social Club. Ein Hansdampf in allen Gassen sozusagen.

Und nun betätigt er sich mit seiner Geschichtensammlung „In den Straßen von Los Angeles“ auch noch als Schriftsteller. Bei dem Titel dachte ich sofort an „Strahlend schöner Morgen“ von James Frey, einen Episodenroman, in dem die Stadt der Engel die Hauptfigur ist, und der mich sehr beeindruckt hat.

„In den Straßen von Los Angeles“ könnte man auch fast als Episodenroman bezeichnen, denn es gibt auch bei Cooder Personen, die immer wieder auftauchen. Der zeitliche Rahmen der acht Erzählungen erstreckt sich von 1940 bis 1950, und nicht nur die südkalifornische Stadt sondern auch die Musik ist immer ein elementarer Bestandteil seiner Geschichten.

Er erzählt aber nicht von dem glitzernden Moloch, sondern von dem Leben in den einfachen „Neighborhoods“, ob das nun die Flats oder Chinatown ist, von kleinen Leuten, ihrem Schicksal und den diversen Verstrickungen, in die sie geraten – das eine oder andere Mal bewusst, aber viel öfter einfach nur durch Zufall.

Manchmal geraten sie auch mit dem Gesetz in Konflikt, und nicht immer geht die Sache gut aus. Aber sehr oft beschreibt Ry Cooder einfach nur lakonisch und in leisen Tönen den Alltag und die verlorenen Illusionen auf den Boulevards und Seitenstraßen der Metropole.

Müsste ich diesen Erzählungen eine musikalische Stilrichtung zuordnen, dann wären sie ein Blues: melancholisch, schwermütig, hochemotional und aus tiefstem Herzen – und zwischendurch das „Wah Wah“ der Slide-Guitar von Ry Cooder!