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Veröffentlicht am 01.07.2019

Jenseits aller Realität

Das Licht der Toskana
3

Die amerikanische Autorin Frances Mayes, die nächstes Jahr ihren achtzigsten Geburtstag feiert, erzählt in „Das Licht der Toskana“ von den Erlebnissen dreier Frauen zwischen Ende 50 und Anfang 60 (Camille, ...

Die amerikanische Autorin Frances Mayes, die nächstes Jahr ihren achtzigsten Geburtstag feiert, erzählt in „Das Licht der Toskana“ von den Erlebnissen dreier Frauen zwischen Ende 50 und Anfang 60 (Camille, Susan, Julia), die sich entschieden haben, einen Neuanfang zu wagen. Sie lernen sich bei der Besichtigung einer Senioren-Wohnanlage kennen, zwei sind Witwen, die Dritte ist auf dem Sprung aus einer unglücklichen Ehe. Und alle kommen aus finanziell gesicherten Verhältnissen. Sie kommen ins Gespräch, entwickeln Sympathien füreinander, treffen sich mehrmals und beschließen, gemeinsam für unbestimmte Zeit eine toskanische Villa zu mieten. Vor Ort lernen sie Kit kennen, ebenfalls Amerikanerin, Schriftstellerin, die seit über zehn Jahren in Italien lebt und ihnen in ihrer Eingewöhnungszeit hilfreich zur Seite steht. Camille, Susan und Julia gewöhnen sich schnell ein, finden neue Freunde, genießen ihr neues Leben in der Fremde, die schnell zur neuen Heimat wird. Aber sie finden auch zurück zu jenen Talenten, die sie in den vergangenen Jahrzehnten zugunsten des Alltags zurückgestellt haben. Camille betätigt sich künstlerisch, Susan widmet sich stilsicher den verschiedensten Dekorationen, und Julia versinkt im Zubereiten kulinarischer Köstlichkeiten. Also kein Grund, in das alte Leben zurückzukehren. Und so beschließen sie, die Villa zu kaufen und in der Toskana zu bleiben. So, das war jetzt die Inhaltangabe im Schnelldurchlauf. Alles eitel Freude und Sonnenschein. Und sie leben glücklich bis an ihr seliges Ende.

Mayes schöpft in ihrem Roman aus eigenen Erfahrungen, hat sie doch in den neunziger Jahren genau das gleiche erlebt. Während eines Urlaubs hat sie sich in eine toskanische Villa verliebt, diese restaurieren lassen und ihren Lebensmittelpunkt dorthin verlegt. Beschrieben hat sie dies in zahlreichen Veröffentlichungen.

Es geht sehr behäbig zu in diesem Roman (ist vielleicht dem Alter der Autorin geschuldet), langatmig, was aber wesentlich auffälliger ist, die drei Expats haben mit absolut keinen Schwierigkeiten in ihrem neuen Leben zu kämpfen. Keine Sprachprobleme, keine Orientierungsschwierigkeiten, alle bei bester Gesundheit. Und sie verfügen scheinbar über unerschöpfliche Geldreserven. Da werden Möbel angeschafft, neue Wäsche, antiquarische Dekorationen für den Garten, Bildbände (bei einem Einkauf für 1000 Euro !), hochpreisige Kochzutaten. Und was sie anpacken gelingt. Immer.

Und die Italiener. Überfreundlich, zugänglich, nehmen sie mit offenen Armen auf. Unterstützen sie in allem. Die Landschaft nur wunderbar. Von Zypressen gesäumte Straßen, pittoreske Straßencafés, üppige Märkte. Keine entvölkerten Dörfer mit verfallenen Häusern. Alles groß, schön, komfortabel und mit jeder Menge Flair – was ich leider nach mehrfachen Aufenthalten in der Toskana so nicht bestätigen kann.

„Das Licht der Toskana“ erzählt ein nettes Märchen, ausschweifend und realitätsfern aus der Sicht verwöhnter „Südstaaten-Magnolien“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als unterhaltsame, problemfreie Urlaubslektüre für Leserinnen, die toskanisches Flair jenseits der Realität genießen wollen, geeignet.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Zwei Außenseiter auf der Suche nach einem Platz in der Welt

Alte Sorten
2

Eine berührende Geschichte zweier Außenseiter, beide tief verletzt, die sich allmählich näher kommen und sich gegenseitig heilen.

Keine tiefsinnigen Gespräche, die diesen Prozess in Gang setzen, es ist ...

Eine berührende Geschichte zweier Außenseiter, beide tief verletzt, die sich allmählich näher kommen und sich gegenseitig heilen.

Keine tiefsinnigen Gespräche, die diesen Prozess in Gang setzen, es ist vielmehr das tägliche Miteinander, die gemeinsame Arbeit, das wortlose Verstehen, das sie nicht nur zueinander sondern auch zu sich selbst führt.

Leise und behutsam erzählt, sehr anrührend die Passagen, in denen Sallys Verzweiflung offenbar wird, die nach ihrem Platz in der Welt sucht. Auf der anderen Seite Liss, die sich im Lauf der Jahre einen Panzer zugelegt hat, der sie davor bewahren soll, wieder verletzt zu werden.

Sally, siebzehn Jahre alt, gefangen in den Erwartungen von Eltern und Gesellschaft. Sie fühlt sich fehl am Platz in diesem Leben, das andere für sie ausgesucht haben, reagiert mit Wut und Selbstverletzung, verweigert die Nahrungsaufnahme. Der Hilflosigkeit der Eltern geschuldet folgt die Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Wieder eine Korsett aus „Du musst“ und „Du sollst“ ohne Verständnis und Interesse für die Gründe ihres Verhaltens. Auch wenn sie kein Ziel hat, weiß sie dass sie weg muss, weg aus diesem Leben der Vorschriften und falschen Anteilnahme.

Liss, Ende vierzig, hat das alles schon hinter sich, hat das Leben in den von ihrem Vater arrangierten Vierecken verlassen, hat es eingetauscht gegen die harte Arbeit auf dem heruntergekommenen Bauernhof ihrer Familie, den sie allein bewirtschaftet.

Die Begegnung der beiden ist zufällig. Keine Frage nach dem Woher oder Wohin, es zählt nur der Augenblick. Aus dem Unterschlupf für eine Nacht werden Tage, Wochen. Beide wortkarg und verschlossen, und doch brechen die Verkrustungen sowohl bei Liss als auch bei Sally allmählich auf. Die Arbeit mit und in der Natur, auf dem Hof, dem Feld, dem Wald, den Wiesen, dem Weinberg, hingeworfene Bemerkungen, all das bringt die beiden zusammen, aber auch wieder auseinander. Doch jeder Schritt zurück birgt in sich auch wieder zwei Schritte nach vorn.

Es ist dieses wortlose Verstehen, diese gegenseitige Erkennen, das die Verkrustungen um die Seelen aufweichen und sowohl bei Sally als auch bei Liss den Heilungsprozess einleitet. Das mit den Verletzungen der Vergangenheit abschließen und für die Zukunft hoffen lässt.

Veröffentlicht am 09.06.2019

Alex Beer setzt Maßstäbe

Der dunkle Bote
1

Wien, wir schreiben das Jahr 1920, Oktober/November. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, der Versailler Vertrag kennt kein Pardon mit den Verlierern. Chaos und Elend wo man hinschaut. Kriegsheimkehrer bevölkern ...

Wien, wir schreiben das Jahr 1920, Oktober/November. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, der Versailler Vertrag kennt kein Pardon mit den Verlierern. Chaos und Elend wo man hinschaut. Kriegsheimkehrer bevölkern die Straßen, alles ist knapp. Keine Arbeit, kein Geld. Der Schleichhandel blüht, und wer noch Reserven hat, versorgt sich auf dem Schwarzmarkt. Alle anderen frieren und hungern, leben von der Hand in den Mund. Die Rattenfänger aus dem rechten, linken und antisemitischen Lager haben Hochkonjunktur. Die Jugendlichen organisieren sich in Banden, genannt „Platten“, und ringen um die Vorherrschaft. Das Verbrechen blüht. Waffenhandel, Valutenschmugel, Mord, alles da.

Kriminalinspektor August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter von der Abteilung „Leib und Leben“ geht die Beschäftigung nicht aus, denn ein Serienmörder treibt in den Gassen der Metropole sein Unwesen, von der Presse als der „dunkle Bote“ bezeichnet. Immer wieder tauchen Leichen auf, die zwei Gemeinsamkeiten haben. Zum einen fehlt ihnen die Zunge, zum anderen taucht zum jeweiligen Mordfall ein mysteriöses Bekennerschreiben mit römischer Zahl auf, das die beiden ratlos zurück lässt. Die Zeit drängt, ist doch der Ermittlungserfolg an den Umzug in ein größeres Büro gekoppelt. Nur gut, dass sie von der „Hühnerarmee“, den Frauen aus dem Schreibbüro, unterstützt werden.

Aber es sind nicht nur die Morde, die Emmerich umtreiben. Noch immer sucht er nach seiner entführten Luise und den Kindern, aber seine verzweifelten Bemühungen bleiben ohne Ergebnis, laufen ins Leere.

Auch der dritte Kriminalroman mit August Emmerich zeichnet sich durch die gelungene Verbindung zwischen spannendem Kriminalfall und einer sehr gut recherchierten, atmosphärisch starken Schilderung der Lebensbedingungen in der österreichischen Metropole nach dem Krieg aus. Die historischen Details sind korrekt wiedergegeben und fügen sich nahtlos und unterstützend in die Geschichte ein.

Für mich ist „Der dunkle Bote“ definitiv der beste Band der Reihe, und man darf sich schon auf die am Ende des Buches angedeutete Fortsetzung freuen. Alex Beer setzt im Genre des historischen Kriminalromans mit dieser Reihe Maßstäbe, und ich bin fest davon überzeugt davon, dass sie dieses Niveau auch in den Nachfolgern nicht nur halten kann sondern auch halten wird.

Veröffentlicht am 08.06.2019

Rassismus in Amerika

Die Nickel Boys
1

Wie bereits in „Underground Railroad“ widmet sich Colson Whitehead in seiner neuesten Veröffentlichung „Die Nickel Boys“ einem weiteren Kapitel des amerikanischen Rassismus und hält sich dabei eng an verbriefte ...

Wie bereits in „Underground Railroad“ widmet sich Colson Whitehead in seiner neuesten Veröffentlichung „Die Nickel Boys“ einem weiteren Kapitel des amerikanischen Rassismus und hält sich dabei eng an verbriefte Tatsachen. Ich scheue mich, dieses Buch einen Roman zu nennen, fusst die Geschichte doch auf realen Ereignissen: Die Florida School for Boys (später bekannt geworden als die Dozier School), zwischen 1900 und 2011 (Schließung), eine Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche, bildet den Hintergrund für die menschenunwürdige Behandlung und die abscheulichen Verbrechen, die den in deren Obhut gegebenen Kindern und Jugendlichen durch das „pädagogische Personal“ angetan wurden.

Stellvertretend schildert Whitehead das Schicksal von Elwood, einem intelligenten Jungen, aufgewachsen bei seiner Großmutter, der sich früh für die Ideen von Dr. Martin Luther King begeistert und dem Irrglauben anhängt, das eines Tages auch Afroamerikaner die gleichen Rechte wie Weißen haben könnten. Weit gefehlt, denn er ist zur falschen Zeit am falschen Ort und gerät so in die Mühlen eines Systems, das geprägt ist von Diskriminierung, Verachtung und Brutalität gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Er muss unglaubliche Grausamkeiten erdulden, mitansehen, wie Freunde zu Tode geprügelt und verscharrt werden. Erkennen, dass er sich in einem rechtsfreien Raum befindet, in dem ein schwarzes Leben nichts gilt.

„Die Nickel Boys“ ist ein wichtiges Buch, ein dokumentarischer Roman, der das Leben in der Dozier-Anstalt unaufgeregt und deshalb umso eindrücklicher und zu Herzen gehend schildert. Der den Blick auf ein Amerika richtet, in dem bis heute trotz „Black lives matter“ ein schwarzes Leben nichts gilt. In dem das Rechts-, Ordnungs- und Strafvollzugswesen noch immer von einem tief sitzenden Rassismus dominiert wird. In dem jeder Dritte Häftling Afroamerikaner in Haft ist, obwohl deren Anteil an der Bevölkerung nur 13 % beträgt (Zahlen von 2013). In dem die Alt Right Bewegung auf dem Vormarsch ist. In dem der amtierende Präsident aktiv die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt und Rassismus wieder gesellschaftsfähig gemacht hat.

Veröffentlicht am 27.02.2019

Zwischen einst und jetzt oder Was würde Sherlock tun?

Der Mann, der Sherlock Holmes tötete
1

Graham Moore, der mit einem Oscar ausgezeichnete Autor (für das Drehbuch zu The Imitation Game, 2015) findet die Inspiration für seine Werke in den Biografien interessanter Persönlichkeiten. Alan Turing, ...

Graham Moore, der mit einem Oscar ausgezeichnete Autor (für das Drehbuch zu The Imitation Game, 2015) findet die Inspiration für seine Werke in den Biografien interessanter Persönlichkeiten. Alan Turing, Nikola Tesla, Thomas Alva Edison und nun also Arthur Conan Doyle.

Die Handlung seines Romans „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ (The Sherlockian, 2010) springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Zum einen begleiten wir Arthur Conan Doyle in dem Zeitraum zwischen 1893 und 1900. Seines Protagonisten Sherlock Holmes überdrüssig, hat er diesen kurzerhand ins Jenseits befördert, nicht ahnend, welch schwerwiegende Konsequenzen dies auch für sein tägliches Leben haben würde – wobei Anfeindungen auf offener Straße noch die harmlosesten Reaktionen sind. Als eine Briefbombe in seinem Haus detoniert, weckt der Begleitbrief Doyles Neugier: ein Zeitungsausschnitt über einen Mord im East End, das Opfer offenbar nicht von Interesse für Scotland Yard. Gemeinsam mit seinem Freund Bram Stoker, Autor des „Dracula“, macht sich Doyle im viktorianischen London auf die Suche nach dem Mörder, nicht ahnend, dass die Tote im East End nur die Spitze des Eisbergs ist.

Im zweiten Handlungsstrang befinden wir uns im Jahr 2010, eine Zusammenkunft der Baker Street Irregulars, eine Vereinigung von Sherlock-Fans. Ein außergewöhnliches Ereignis steht bevor, hat doch Alex Cale, Mitglied und Experte des Zirkels, das lange verschollene Tagebuch Doyles gefunden, in dem die Zeitspanne zwischen Holmes Tod und dessen „Wiederauferstehung“ behandelt wird. Doch noch vor seinem Vortrag wird er ermordet. Und zum Leidwesen aller ist von dem Tagebuch keine Spur zu finden. Harold White, Die-Hard-Sherlockianer, ist überzeugt davon, den Mordfall mit Holmes‘scher Deduktion aufklären zu können und das Tagebuch zu finden. Unerwartete Unterstützung erhält er dabei von der Journalistin Sarah Lindsay, die notwendigen finanziellen Mittel für die Suche in Übersee stellt Doyles Urenkel Sebastian bereit.

Die beiden Handlungsstränge sind sauber getrennt und haben (mehr oder weniger) ihren eigenen Reiz, vor allem, was die Atmosphäre im „ Conan Doyle-Strang“ angeht. Einerseits London zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinen dunklen Gassen und den zwielichtigen Gestalten, sicherlich von besonderem Reiz für all diejenigen, die die heutige Metropole jenseits der Touristenpfade kennen. Andererseits die Schnitzeljagd von Harold und Sarah nach dem verschwundenen Tagebuch im Stile eines Dan Brown. Allerdings konnte mich diese Erzählebene nicht wirklich packen, das war mir zu konventionell heruntergeschrieben, sehr beliebig und ohne größere Überraschungsmomente.

Begeistert hat mich hingegen die Handlung rund um Conan Doyle, die mit zahlreichen Querverweisen zu bekannten Persönlichkeiten wie Bram Stoker, Oscar Wilde und Agatha Christie, einer detaillierten Schilderung der Lebensbedingungen im viktorianischen London sowie den sich anbahnenden politischen Veränderungen in Form der Suffragetten-Bewegung (hier vertreten durch die reale Emily Davison und Millicent Fawcett) punktet.

Als historischer Roman funktioniert das Buch, was mit Sicherheit daran liegt, dass sich Moore an historisch Verbrieftem orientiert und dies mit fiktionalen Elementen aufpeppt. Hier überzeugt der Roman mit wundervoll atmosphärischen Schilderungen und höchst interessantem Personal. Daran werden nicht nur die Fans des Meisterdetektivs Freude haben. Wobei es jenen mit Sicherheit großes Vergnügen bereiten wird, die diversen Anspielungen im Text zu entschlüsseln und in das Werk Arthur Conan Doyles einzuordnen.