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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.09.2020

Ein feiner Country Noir

Hope Hill Drive
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Südaustralien. Heiß, trocken, staubig und dünn bevölkert. Tiverton, die öde Kleinstadt, das Revier von Paul „Hirsch“ Hirschhausen, strafversetzter, weil zu ehrlicher Constable und Leiter der dortigen Polizeistation. ...

Südaustralien. Heiß, trocken, staubig und dünn bevölkert. Tiverton, die öde Kleinstadt, das Revier von Paul „Hirsch“ Hirschhausen, strafversetzter, weil zu ehrlicher Constable und Leiter der dortigen Polizeistation. Bagatelldiebstähle, Drogenkonsum, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Kupferklau, entlaufene Haustiere, viel zu tun gibt es dort nicht, lauter Kleinkram. Ach ja, fast vergessen, Weihnachten steht vor der Tür und Hirsch muss nicht nur die Weihnachtsbeleuchtung prämieren sondern auch noch den Santa spielen. Aber mit dem besinnlichen Warten aufs Christkind wird es diesmal nichts werden, denn zwei ungewöhnliche Vorfälle reißen ihn aus der Routine und fordern seinen ganzen Einsatz. Wer massakriert Ponys und was hat es mit der toten Frau auf der abseits gelegenen Farm auf sich? Hirschs Einsatz ist gefordert, und schnell muss er feststellen, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist.

„Hope Hill Drive“ ist ein gelungenes Beispiel für einen feinen Country Noir. Disher schreibt lebendig, liefert ein anschauliches, ein lebendiges Bild vom Kleinstadtleben im öden Outback, was sowohl die Landschaftsbeschreibungen als auch dessen Bewohner angeht. Er moralisiert und wertet nicht, verzichtet auf Effekthascherei, was aber nicht meint, dass es sich der Leser allzu gemütlich machen sollte, denn im Verlauf der Handlung offenbaren sich einige tragische Einzelschicksale. Anfangs eher gemächlich im Tempo, mit Handlungssträngen, die auf den ersten Blick keine Zusammenhänge erkennen lassen, zum Ende hin mit überraschenden Wendungen, die alle losen Fäden verknüpfen und keinerlei Fragen unbeantwortet lassen. Meisterhaft!

Veröffentlicht am 24.09.2020

Nichts Neues aus Altena

Winter der Hoffnung
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Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und das Jahr neigt sich dem Ende zu. Diese Zeit wird als der „Hungerwinter“ in Erinnerung bleiben. Es ist eine Zeit der Unsicherheit, des Mangels. Den Menschen fehlt es ...

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und das Jahr neigt sich dem Ende zu. Diese Zeit wird als der „Hungerwinter“ in Erinnerung bleiben. Es ist eine Zeit der Unsicherheit, des Mangels. Den Menschen fehlt es an allem. Brennstoff ist knapp, die Grundnahrungsmittel gibt es, wenn überhaupt, auf Lebensmittelkarten. Das Geld ist nichts mehr wert, aber der Schwarzmarkt floriert. Und wer Schmuck, Pelze, teures Porzellan oder ähnliches über die Zeit retten konnte, findet noch immer Möglichkeiten, dort zumindest ab und zu die kargen Rationen zu ergänzen. Vordergründig sind die Nationalsozialisten entmachtet, aber bei genauem Hinschauen sieht man, dass die „alten Kameraden“ noch immer an den Schaltstellen sitzen und dort ihre Macht gnadenlos ausspielen.

Auch die im Mittelpunkt stehende Fabrikantenfamilie Wolf wurde von Schicksalsschlägen nicht verschont und kämpft ums Überleben. Ihre Maschinen sollen im Zuge der Reparationsforderungen der britischen Besatzer demontiert und als Wiedergutmachung für die Bombardierung Coventrys nach England verschickt werden. Ein Vorhaben, das es zu verhindern gilt, denn letztlich wären es nicht nur die Wolfs, sondern vor allem die einfachen Arbeiter, denen man damit ihre Lebensgrundlagen entziehen würde. Soweit die Ausgangssituation dieses Romans, der die Handlungsträger für den nachfolgenden Roman einführt: Das Ehepaar Wolf, die Töchter Ulla, Gundel und Ruth, deren Mann Fritz, traumatisierter Kriegsheimkehrer und Alt-Nazi, Tommy, Benno und Bernd, die Freunde der jungen Frauen.

Mit Prequels ist es so eine Sache. Hat man „Unsere wunderbaren Jahre“ gelesen, weiß man, wie sich die verschiedenen Beziehungen entwickeln werden, welchen Fortgang die Handlung nimmt, was natürlich das Interesse auf Sparflamme hält, da ja bereits alles gesagt wurde. Neue Aspekte fehlen, die Charakterisierung der Personen ist im Nachfolger, schon allein wegen der fast 1000 Seiten, wesentlich ausgereifter. Die Story rund um die zu erwartende Demontage und die Weihnachtsfeier ist dünn, die Liebeleien sind über Gebühr aufgebläht. Dieser schmale Roman ist über weite Strecken trivial, es mangelt an dem Niveau, das man aus den anderen Romanen des Autors kennt. Gelungen sind einzig die authentischen Beschreibungen der Nachkriegsatmosphäre, der Überlebenskampf, was ich so auch aus den Erzählungen meiner Großmutter kenne. Schade.

Veröffentlicht am 23.09.2020

Zwei Leben im Kalten Krieg

Kinder ihrer Zeit
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Ostpreußen im Januar 1945, das Ende des Krieges ist absehbar. Die Menschen haben Angst, sind verunsichert, denn die russischen Truppen sind auf dem Vormarsch. Viele entscheiden sich dazu, ihre Heimat zu ...

Ostpreußen im Januar 1945, das Ende des Krieges ist absehbar. Die Menschen haben Angst, sind verunsichert, denn die russischen Truppen sind auf dem Vormarsch. Viele entscheiden sich dazu, ihre Heimat zu verlassen, die Flucht ins Ungewisse anzutreten. So auch Rosa, die sich mit ihren beiden Kindern Alice und Emma auf den Weg gen Westen macht, nicht ahnend, dass die Mädchen unterwegs durch ein tragisches Ereignis auseinandergerissen werden…

Anhand zweier Einzelschicksale richtet Claire Winter unseren Blick einmal mehr auf das Leben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Thema, das momentan in der Belletristik über die Maßen präsent ist. Auf der einen Seite Emma, die es mit ihrer Mutter nach Westberlin schafft und dort aufwächst, auf der anderen Seite Alice, deren Sozialisation von den „typisch sozialistischen Erziehungszielen“ geprägt ist und die sich zu einer strammen Kommunistin entwickelt. Als die beiden sich nach einigen Jahren wiederfinden, treten diese Unterschiede deutlich zutage.

Natürlich bietet das Nachkriegs-Berlin in der Zeit bis zum Mauerbau die ideale Kulisse für diese Vorlage. Hier West, da Ost, die Mauer zwar noch nicht errichtet, aber durch die Aufteilung in Zonen durchaus im Alltag für die Bewohner bereits spürbar. Die entsprechende Propaganda der verschiedenen Seiten zeigt ihre Auswirkungen, es ist die Hoch-Zeit des Kalten Krieges, in der alle Geheimdienste ihre Agenten im Sinne der Informationsbeschaffung möglichst wirkungsvoll platzieren. Und so bleibt es nicht aus, dass Bespitzelungen „im Dienst der guten Sache“ auch innerhalb von Familien gang und gäbe sind.

Okay, Claire Winter ist kein John le Careé, aber das diese Erwartungshaltung hat ihre Klientel auch nicht. Ihr Schwerpunkt ist die emotionale Sichtweise, sie fragt hier danach, was diese äußeren Bedingungen mit Menschen machen, die durch Blutsbande miteinander verbunden sind. Klar, daraus resultiert jede Menge persönliches Drama, Politik kommt nur am Rande vor und ist dann doch eher von den gängigen Klischees geprägt. Das ist in Ordnung, denn dieser Roman ist ein Schmöker und will in erster Linie unterhalten. Aber vielleicht weckt die Geschichte der beiden Schwestern das Interesse für diese spannende Zeit. Ich würde es mir wünschen.

Veröffentlicht am 22.09.2020

Red Hook, Brooklyn

Visitation Street
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Eine Sommernacht in Red Hook, dem heruntergekommenen Hafenviertel an der Südspitze Brooklyns. Es ist schwül, die Hitze drückt. Außer Langeweile nichts geboten für June und Val. Zwei Teenager, ein rosa ...

Eine Sommernacht in Red Hook, dem heruntergekommenen Hafenviertel an der Südspitze Brooklyns. Es ist schwül, die Hitze drückt. Außer Langeweile nichts geboten für June und Val. Zwei Teenager, ein rosa Schlauchboot, gegenüber die glitzernden Lichter der Metropole. Hier der Alltag, dort die Verheißung. Das tragische Ende dieses Ausflugs offenbart sich im Licht des Tages, denn es ist nur Val, die zurückkehrt. Angespült und halbtot. June bleibt verschwunden. Das Viertel in Aufruhr, Unfall oder Verbrechen?

Eine Ausgangssituation, die Spannung verspricht, oder? Aber wenn man Ivy Pochodas „Visitation Street“ auf die Thriller-Elemente reduzieren wollte, würde man diesem großartigen Roman Unrecht tun, denn die eigentliche Hauptfigur ist Red Hook, dessen Brüchigkeit in den Tagen nach Junes Verschwinden deutlich zutage tritt. Die Gegend ist schäbig, die Häuser abgewohnt, ein glanzloses Viertel, und dennoch Heimat. Aber die Veränderung klopft schon an, machen doch Gerüchte über ein Kreuzfahrtterminal die Runde. Und dass nach dessen Bau sich die gesamte Struktur Red Hooks verändern wird, steht außer Frage. Die einen versprechen sich Wohlstand davon, wie beispielsweise Fadi, Betreiber eines Minimarkts, Knotenpunkt und Nachrichtenumschlagplatz des Viertels. Andere wiederum haben gemischte Gefühle, befürchten sie doch, dass dessen Seele durch die Gentrifizierung unwiderruflich verschwinden wird.

Wir begegnen den verschiedensten Menschen, jeder für sich besonders und mit Val verbunden. Am eindrücklichsten bleibt ihr Freund Cree im Gedächtnis, der schwarze Junge, dessen Vater erschossen wurde und dessen Mutter mit den Toten spricht. In besagter Nacht wurde er auf dem Pier gesehen, und in Verbindung mit seiner Hautfarbe reicht das schon aus, dass er für die Polizei zum Verdächtigen Nr. 1 im Fall der vermissten June wird. Jonathan, der verkrachte Musikerlehrer, der Val aus dem Wasser gezogen hat und sich seither für sie verantwortlich fühlt. Nicht zu vergessen Ren, der Sprayer, der durch die Straßen huschende Schatten, der an den unterschiedlichsten Stellen auftaucht und tiefer als vermutet mit dem Hook verwurzelt ist. Allesamt in beeindruckender Weise angelegt und charakterisiert.

Pochodas Beschreibungen sowohl der Umgebung als auch der Personen sind subtil, tauchen in das Innerste ein und schaffen so eine Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Sie lenkt den Blick auf Tragödien, auf das Geheime, das verbindet und trennt und die Wahrnehmung des Selbst und der Umgebung verändert. Großartig, und eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 17.09.2020

Vier Leben - gescheitert

Leben ist ein unregelmäßiges Verb
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1980. Leander, Frida, Ringo und Linus, vier Zwölfjährige, aufgewachsen in einer niedersächsischen Land-WG, in der die Erwachsenen sich von den Reglementierungen der Gesellschaft befreien wollen und abgeschottet ...

1980. Leander, Frida, Ringo und Linus, vier Zwölfjährige, aufgewachsen in einer niedersächsischen Land-WG, in der die Erwachsenen sich von den Reglementierungen der Gesellschaft befreien wollen und abgeschottet als Selbstversorger leben. Aber sie ignorieren auch geltende Gesetze wie die Schulpflicht, was letzten Endes dazu führt, dass die Kommune von den Behörden zerschlagen wird und man die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung reißt.

Sie werden getrennt, bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht, die sich mal mehr, mal weniger gut um sie kümmern und ihnen helfen sollen, sich in einer Welt zurechtzufinden, die ihnen komplett fremd ist. Zwar haben sie eine Ahnung von dem Leben dort draußen, aber diese speist sich im Wesentlichen aus dem, was die Erwachsenen ihnen eingetrichtert haben. Aber glücklicherweise gibt es da auch noch die Erinnerungen an die Klassiker der Weltliteratur, aus denen ihnen Konrad abends vorgelesen hat und die ihnen helfen, ihre neue Lebenssituation einzuordnen.

Alternierend verfolgen wir in den nachfolgenden vierzig Jahren ihre Wege, ihre Versuche der Anpassung und der Rebellion und schlussendlich des Scheiterns.

Der Roman lässt mich zwiespältig zurück. Auf der einen Seite ist da diese unglaublich beeindruckende Sprache, einfallsreich und fantasievoll, die jedem der vier Leben einen eigenen Klang verleiht. Auf der anderen Seite die Komplexität der Lebensgeschichten, und damit sind wir auch schon bei dem Punkt, an dem meine Kritik ansetzt. Ab knapp der Hälfte des Romans gehen die Pferde mit dem Autor durch, er kommt vom Hölzchen auf‘s Stöckchen. Eine dramatische Situation jagt die nächste, Klischeefallen nicht vermieden, eine Unmenge von Figuren ohne besondere Funktion für den Fortgang der jeweiligen Geschichte eingeführt. Komplexität schön und gut, aber man muss es ja nicht gleich übertreiben. So bleiben am Ende fast 1000 Seiten, prall gefüllt mit allerlei Überflüssigem, die man meiner Meinung nach durchaus ohne Qualitätsverlust hätte einkürzen können.