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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.03.2021

Das Vergangene ist nicht vergessen

Sommernacht
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Es ist der Tag vor der Hochzeit von Jules und Will. Jules, die Herausgeberin eines erfolgreichen Lifestyle Magazins, er der smarte Star einer Reality TV Serie. Es soll ein Jahrhundert-Ereignis werden, ...

Es ist der Tag vor der Hochzeit von Jules und Will. Jules, die Herausgeberin eines erfolgreichen Lifestyle Magazins, er der smarte Star einer Reality TV Serie. Es soll ein Jahrhundert-Ereignis werden, Freunde und Familie sind zu den Feierlichkeiten auf eine kleine Insel vor der irischen Küste geladen. Alles exklusiv, alles teuer, alles bis ins Detail getaktet. Aber manchmal schreibt das Leben seinen eigenen Plan. Alte Animositäten kommen ans Licht, brechen sich Bahn und enden schließlich mit einem gewaltsamen Todesfall.

So weit, so konventionell, und die Geschichte braucht einige Zeit, bis sie in Fahrt kommt, bis alle Backstories erzählt und aufgedröselt sind. Die vier Schulfreunde aus dem Eliteinternat, das Paar, dessen Ehe auf der Kippe steht, die Trauzeugen, die mit ihren Dämonen kämpfen, die beiden Besitzer der Insel, die als Hochzeitsplanerin und Koch fungieren. Und nicht zuletzt die abgelegene und in sich geschlossene Insel mit ihrer mysteriösen und dunklen Atmosphäre.

Der Aufbau ist fast schon schematisch für eine „closed room“ Story, wie wir sie beispielsweise von Agatha Christie kennen, aber dennoch gekonnt getaktet. Das erste Drittel stellt die Personen vor, liefert eher oberflächliche Informationen zu deren Lebensumständen. Teil zwei steigt tiefer in deren persönliche Geschichten ein, schildert traumatische Ereignisse, bis schließlich im letzten Drittel das Tempo spürbar anzieht, die Abschnitte kürzer werden und auf die unausweichliche Katastrophe zusteuern.

Foley lässt alle Beteiligten nach und nach zu Wort kommen, entwickelt deren persönliche Tragödien behutsam, fast schon bedächtig, legt den Schwerpunkt auf die Charakterisierung der Personen und lässt uns so an deren innersten Empfindungen teilhaben, eher eine Ansammlung psychologischer Profile als ein tempogetriebener Thriller. Geheimnisse, Ängste, Lügen, alles unter dem Deckel gehalten und schließlich in einem Akt brutaler Gewalt endend. Alles in allem ein Tick zu viel Tragödie, aber dennoch eine spannende Lektüre.

Veröffentlicht am 08.03.2021

Spannender und gut ausbalancierter Polit-Thriller

Die Stunde der Wut
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Melia Adan, die wir bereits aus „Im Namen der Lüge“ kennen, hat den Verfassungsschutz verlassen und ist nun unter anderem für die Leitung des KK 11 verantwortlich und damit Vincent Veihs Vorgesetzte. Im ...

Melia Adan, die wir bereits aus „Im Namen der Lüge“ kennen, hat den Verfassungsschutz verlassen und ist nun unter anderem für die Leitung des KK 11 verantwortlich und damit Vincent Veihs Vorgesetzte. Im Großen und Ganzen ziehen beide an einem Strang, die Zusammenarbeit klappt, auch wenn die Kriminalrätin bisweilen Entscheidungen trifft, mit denen der KHK nicht einverstanden ist.

Das spurlose Verschwinden ihrer Ex-Kollegin Solveig Fischer treibt Melia noch immer um. Zwar glaubt sie zu wissen, was mit ihr geschehen ist, aber es fehlen nicht nur die Beweise sondern auch die Leiche. Bei ihren Nachforschungen begibt sie sich auf gefährliches Terrain, und es zeigt sich, dass „Big Money“ gefährliche Helfershelfer hat, mit denen nicht zu spaßen ist.

Vincent hingegen hat es mit einem Mordfall zu tun, der auf den ersten Blick eine Beziehungstat vermuten lässt. Im Laufe der Befragungen innerhalb der Opferfamilie ergeben sich jedoch neue Spuren, die nicht nur diese in den Fokus rücken sondern weitaus größere Dimensionen vermuten lassen.

Horst Eckerts Thriller zeichnen sich dadurch aus, dass neben der Frage nach dem Täter auch Themen aufgegriffen werden, die von politischer Relevanz sind. Wie so oft ist es auch in diesem Fall zum einen die Kluft zwischen Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, verkörpert durch einen Ex-Soldaten mit PTBS, der nach der Entlassung aus dem Dienst voller Hass ist und Rückhalt in dubiosen sozialen Netzwerken findet. Zum anderen sind es auch die skrupellosen Geschäfte einer Immobiliengesellschaft (Gentrifizierung, Zwangsräumung etc.), ihren Einfluss auf die Politik und die Frage danach, inwieweit die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen toleriert werden sollte. Und natürlich sind auch korrupte Polizisten, die in die eigene Tasche wirtschaften und der Verfassungsschutz mit seinen schmutzigen Tricks wieder mit von der Partie.

112 Einzelkapitel, verteilt auf 443 Seiten, generieren von Beginn an hohes Tempo, und die unterschiedlichen Handlungsstränge, in denen jeweils die Perspektiven der verschiedenen Personen ausgeleuchtet werden, sorgen dafür, dass das Interesse des Lesers gefesselt wird. Dazu noch, wohldosiert und ohne die eigentliche Handlung zu überlagern, Altbekanntes und Neues aus dem Privatleben der Protagonisten. Alles in allem eine sehr gute Mischung, die mich mit Spannung auf die Fortsetzung der Reihe warten lässt.

Veröffentlicht am 04.03.2021

Ein rasanter Thriller, der Wissen mehrt und klüger macht

Montecrypto
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Ein Finanzthriller über Währungen, die die meisten von uns höchstens aus den Meldungen der Nachrichtensender kennen? Langweilig und uninteressant, oder? Könnte man annehmen, aber definitiv nicht zutreffend, ...

Ein Finanzthriller über Währungen, die die meisten von uns höchstens aus den Meldungen der Nachrichtensender kennen? Langweilig und uninteressant, oder? Könnte man annehmen, aber definitiv nicht zutreffend, wenn sich ein Autor wie Tom Hillenbrand der Thematik annimmt.

Der schillernden Start-up-Unternehmer Greg Hollister kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Seine Halbschwester Jackie, die einzige lebende Verwandte, ist seine Erbin. Aber es gibt ein Problem, denn Hollister hat sein Vermögen weder in Gold noch Beton, sondern in Kryptowährungen angelegt. Und da sie weder Ort noch Zugangsdaten kennt, engagiert sie Ed Dante, seines Zeichens Ex-Banker und mittlerweile Privatdetektiv, der ihr durch seine Erfahrung im Finanzwesen Zugang zu dem Erbe verschaffen soll. Womit aber beide nicht gerechnet haben, sind kryptische Videos, die nach Hollisters Tod in Umlauf gebracht werden und die Bitcoin-Schürfer in helle Aufregung versetzen. Lassen sie doch die Vermutung zu, dass es sich bei dem Vermögen um eine riesige Summe handelt, die derjenige erhalten soll, der die Rätsel knackt. Und plötzlich sind nicht nur sie und der Privatdetektiv, sondern auch das FBI und ausländische Geheimdienste dem Schatz auf der Spur.

Blockchains, Fiatgeld, Bitcoins, Shitcoins und wie sie alle heißen, die Bezeichnungen sind anfangs etwas verwirrend. Vor allem dann, wenn man sich mit der Thematik Kryptowährung noch nicht auseinandergesetzt hat. Aber keine Angst, der Autor verpackt all diese Informationen in eine rasante und raffinierte Story, gewürzt mit der ihm eigenen Ironie. Auf der Jagd nach dem Schatz nimmt uns Hillenbrand auf einer Schnitzeljagd zu den wichtigen Finanzplätzen der Welt mit. USA, Deutschland und Schweiz, überall gibt es Verwicklungen, die die Story durch neue Aspekte vorantreiben und uns so häppchenweise mit höchst interessanten Informationen versorgen und in diese Welt der digitalen Zahlungsmittel einführen. Ein sowohl spannender als auch unterhaltsamer Thriller, der Wissen mehrt und klüger macht.

Veröffentlicht am 03.03.2021

Ein Thriller mit gesellschaftlich relevanter Thematik

Rattenkönig
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Ein „Rattenkönig“ ist ein Knäuel Ratten, miteinander an ihren Schwänzen verbunden, der das einzelne Tier daran hindert, sich individuell zu bewegen. Der Ausdruck steht hier für die Incels, unfreiwillig ...

Ein „Rattenkönig“ ist ein Knäuel Ratten, miteinander an ihren Schwänzen verbunden, der das einzelne Tier daran hindert, sich individuell zu bewegen. Der Ausdruck steht hier für die Incels, unfreiwillig zolibatär lebende Männer, die aber von ihrer dominanten sozialen Position überzeugt sind und ihren Frauenhass samt Gewaltfantasien überwiegend in Internetforen ausleben. Ursprünglich eine aus den Vereinigten Staaten kommende Bewegung, deren Anhänger aber mittlerweile weltweit vernetzt sind. So auch in Schweden, und deshalb eines der Themen in Pascal Engmans Fortsetzung der Vanessa Frank-Reihe.

Eine junge Frau plant ihren momentan im Gefängnis einsitzenden Partner zu verlassen. Nachdem dieser Freigang hatte, wird sie erstochen aufgefunden. Vanessa Frank wird misstrauisch, denn sämtliche Spuren am Tatort deuten auf den Ex-Freund hin. Und offenbar hat sie den richtigen Riecher, denn es werden weitere Frauen nach dem gleichen Modus operandi getötet, die nicht mit dem Häftling in Verbindung gebracht werden können. Unterstützt wird sie bei ihren Ermittlungen, wie bereits in dem Vorgänger „Feuerland“, von dem ehemaligen Elite-Soldaten Nicolas Paredes.

Engman hat ein Gespür für gesellschaftlich relevante Themen. Was auf den ersten Blick wie der übliche Frauen-werden-von-gestörten-Tätern-ermordet Thriller aussieht, ist wesentlich mehr, denn hier geht es auch um die strukturelle Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen. Dies wird insbesondere am Beispiel der jungen Nachwuchsjournalistin Jasmina Kovac deutlich, die sowohl physisch als auch psychisch nicht nur im Job missbraucht wird. Aber auch die zwölfjährige Celine aus Paredes‘ Nachbarwohnung, ein vernachlässigtes Mädchen, das sich mit Nicolas angefreundet hat, und deren Vater ein höchst verantwortungsloser Zeitgenosse ist, passt in dieses Schema.

Die Handlung wechselt kapitelweise zwischen den Perspektiven der verschiedenen Personen, wobei die Handlungsstränge zu Beginn parallel laufen, sich aber im Verlauf des Thrillers immer mehr annähern und schließlich kreuzen, bis sie in einem Showdown enden, der so nicht vorauszusehen ist.

Engman zeigt einmal mehr, dass sich ein schwedischer Thriller nicht in der bei vielen Autoren des Landes so beliebten Melancholie suhlen muss, sondern auch mit Tempo und einer vielschichtigen Story punkten kann.

Veröffentlicht am 02.03.2021

Unter falscher Flagge

Das Verschwinden der Erde
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Kamtschatka, die Halbinsel im hintersten Südosten Russlands, war für mich bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Diese Leerstelle füllt Julia Phillips mit „Das Verschwinden der Erde“, nominiert für ...

Kamtschatka, die Halbinsel im hintersten Südosten Russlands, war für mich bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Diese Leerstelle füllt Julia Phillips mit „Das Verschwinden der Erde“, nominiert für den National Book Award und auf der Bestenliste 2019 der New York Times. Der Roman wird als literarischer Thriller beworben, aber das ist Segeln unter falscher Flagge und erfüllt die Erwartungen des Lesers/der Leserin nicht. Literarisch möchte ich ihm nicht absprechen, aber für einen Thriller braucht es definitiv mehr als das Verschwinden zweier Mädchen, zumal dieses Thema im Handlungsverlauf eher an den Rand rückt.

Seine Stärken hat der Roman in den atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen: Petropawlowsk, die farblose Metropole. Die Tundra, menschenleer und von unglaublicher Weite. Die Wälder, dunkel und dicht. Die schneebedeckten Vulkane, die in die Landschaft ragen.

Der Roman ist in 13 Kapitel gegliedert, mit dem jeweiligen Monat von August bis Juli plus der Silvesternacht des folgenden Jahres bezeichnet, startend mit dem Tag der Entführung. In jedem dieser Abschnitte steht eine andere Frau im Mittelpunkt, deren Leben äußerst locker, direkt oder indirekt, mit diesem tragischen Ereignis verknüpft ist. Die Autorin betrachtet deren Leben in einer männlich dominierten Welt, jedes davon durch ein mehr oder minder tragisches Ereignis beschädigt, und entwickelt so aus den Einzelschicksalen das Panorama einer uns fremden Gesellschaft.

Wenn wir über männliche Dominanz sprechen, ist natürlich das Thema Gewalt und wie diese das Zusammenleben der Menschen beeinflusst und prägt ein weiterer Faktor. Hier hat Phillips nicht nur das Verhältnis Mann/Frau im Blick, sondern schaut auch auf den Umgang der Russen mit der indigenen Bevölkerung in der Region. Bei all dem geht sie nicht in die Tiefe, kratzt nur an der Oberfläche, was unter dem Strich den Roman für mich zu einem unbefriedigenden Leseerlebnis macht.