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Veröffentlicht am 02.02.2021

Für Anfänger und erfahrene Hobbybäcker gleichermaßen geeignet

Dein bestes Brot
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Brötchen aus Teiglingen und Brot mit einer Unzahl von dubiosen Zusatzstoffen sind mittlerweile in vielen Bäckereien gang und gäbe. Da die Anzahl der Bäcker, die noch mit Herz und Hand backen ständig abnimmt ...

Brötchen aus Teiglingen und Brot mit einer Unzahl von dubiosen Zusatzstoffen sind mittlerweile in vielen Bäckereien gang und gäbe. Da die Anzahl der Bäcker, die noch mit Herz und Hand backen ständig abnimmt und Biobäcker eher in Großstädten und weniger in ländlichen Gegenden zu finden sind, gibt es für all diejenigen, die den Geschmack von gutem Brot und Brötchen schätzen, dennoch eine praktikable Alternative: Selber backen. Aber bitte nicht mit den Backmischungen aus dem Supermarktregal.

Für Anfänger (aber auch für erfahrene Hobbybäcker) bietet „Dein bestes Brot“ von Judith Erdin hier nicht nur den idealen Einstieg, sondern enthält auch wertvolle Tipps, die das Brotbacken zu einem Kinderspiel machen. Die Autorin ist ausgebildete Bäckerin-Konditorin und weiß, dass zum einen zuhause üblicherweise nicht das Profi-Equipment der professionellen Bäckereien, wie beispielsweise Hochleistungsöfen, zur Verfügung steht, zum anderen es üblicherweise gerade anfangs an dem entsprechenden Know how fehlt. Deshalb widmet sie letzterem Punkt in einem ausführlichen Theorieteil besondere Aufmerksamkeit. Sie beschreibt das benötige Backwerkzeug, die Zutaten sowie die Zubereitung samt der unterschiedlichen Prozesse wie Kneten, Teiggare, Formen, Backen und Aufbewahrung.

Der Rezeptteil lässt keine Wünsche offen. Vom klassischen Misch-, Weiß-, Dinkel- und Vollkornbrot bis hin zu Foccacia, Wurzelbrot, Hefezopf und dem diversen Kleingebäck wie verschiedene Brötchensorten oder Laugenbrezeln ist für jeden etwas dabei.

Dabei gibt es aber eine Besonderheit, die dieses Backbuch von anderen Publikationen unterscheidet. Erdin stellt 14 Grundrezepte vor, die sie variiert und so aus jedem Ausgangsteig mit einem besonderen Kniff 3 komplett unterschiedliche Ergebnisse erzielt. Die Zubereitung ist im Detail mit jedem Schritt beschrieben, ruft nochmals ins Gedächtnis, was es zu beachten gilt und sorgt so im Endergebnis für Resultate, die Profiqualität haben.

Zu Beginn des Buches gibt es eine bebilderte, zweiseitige Rezeptübersicht, die die Grundteige samt Variationen auflistet. Ich hätte mir zusätzlich ein alphabetisches Gesamtverzeichnis am Ende des Buches gewünscht, damit man nicht erst die Bilder durchgehen muss um auf die Schnelle ein Rezept wiederzufinden.

Veröffentlicht am 30.01.2021

Temporeicher Auftakt einer neuen Reihe

Der Solist
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„Der Solist“ ist der Auftakt einer neuen Reihe des Autors Jan Seghers, dessen Kriminalromane mit Kommissar Marthaler und Team nicht nur in gedruckter Form vorliegen, sondern auch verfilmt wurden.

Nun ...

„Der Solist“ ist der Auftakt einer neuen Reihe des Autors Jan Seghers, dessen Kriminalromane mit Kommissar Marthaler und Team nicht nur in gedruckter Form vorliegen, sondern auch verfilmt wurden.

Nun schickt er mit Neuhaus - ohne Vornamen - einen neuen Protagonisten ins Rennen. Der neue Einsatzort des Top-Ermittlers vom BKA Wiesbaden ist Berlin. Der Stadt steckt noch immer der islamistische Anschlag von Anis Amri auf den Weihnachtsmarkt in den Knochen, und es wäre fatal, wenn sich so etwas zum jetzigen Zeitpunkt wiederholen würde, stehen doch die Bundestagswahlen unmittelbar bevor. Deshalb soll Neuhaus der Sondereinheit zur Terrorabwehr SETA unter die Arme greifen. Aber das ist nicht seine einzige Aufgabe, wie sich im Verlauf der Story herausstellen wird.

Und es geht gleich richtig los, denn unmittelbar nach seiner Ankunft wird er zu einem Tatort gerufen. Nahe einer Synagoge wurde der jüdische Aktivist David Schuster erschossen aufgefunden, bei der Leiche liegt ein Bekennerschreiben. Ein „Kommando Ansi Amri“ übernimmt die Verantwortung für diese Hinrichtung. Die Ermordung Schusters kommt zu einem Zeitpunkt, der nicht ungünstiger sein könnte, zumal das nächste Mordopfer, eine muslimische Anwältin, nicht lange auf sich warten lässt. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der „Aufrechten“, einer Partei, die am äußersten rechten Rand angesiedelt ist. Und obwohl der Verantwortliche für die beiden Mordfälle schnell identifiziert ist, stellt sich die Frage nach dessen Auftraggeber.

Neuhaus ist kein Teamplayer, er ist ein Einzelgänger, der nach seinen eigenen Regeln spielt, seine Entscheidungen selbst trifft und außer dem BKA-Präsidenten niemandem Rechenschaft schuldet. Aber selbst der beste Ermittler benötigt dann und wann Unterstützung, und so wird ihm die junge türkischstämmige Suna-Marie, genannt „Grabowski“, zur Seite gestellt. Die Dynamik, die sich aus der Zusammenarbeit dieser beiden doch sehr verschiedenen Typen entwickelt, verleiht diesem Roman eine besondere Note, zumal die junge Kollegin, ein typisches Kreuz-Kölln Gewächs, den Solisten auf ihre unnachahmliche sarkastische Art nicht nur mit den Besonderheiten seines neuen Einsatzortes vertraut macht, sondern auch seiner harten Schale den einen oder anderen Riss zufügt.

Ein sympathisches Team, eine spannende Story mit Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen, eine versierte Sprache, die ohne Umwege auf den Punkt kommt, von Beginn an durchgängig hohes Erzähltempo mit gut platzierten Cliffhangern…was will man mehr?

Dennoch gibt es zwei Punkte, die den guten Eindruck trüben. Zum einen hört Neuhaus im Auto das Lied von Tom Waits‘ "In a cold cold ground". Das ist der Originaltitel des ersten Buchs aus Adrian McKintys Sean-Duffy-Reihe "Der katholische Bulle". Hmm.

Und dann ist da noch der Hintergrund von Neuhaus' Mutter, die eh nur am Rande vorkommt. Ehemalige RAF-Sympathisantin? Das haben wir doch schon einmal gelesen. Richtig, bei Horst Eckert. Die Mutter seines Protagonisten Vincent Veih kommt auch aus dieser Ecke. Wenn das Verneigungen vor diesen Autoren sind, ist es für mich ok, aber hätte man kenntlich machen sollen.

Veröffentlicht am 27.01.2021

Divorced, Beheaded, Died...

Anne Boleyn
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“Divorced, Beheaded, Died: Divorced, Beheaded, Survived”. Ob die englischen Schüler im Geschichtsunterricht noch immer diesen Reim lernen, um sich an das Schicksal der sechs Ehefrauen des Tudorkönigs Heinrich ...

“Divorced, Beheaded, Died: Divorced, Beheaded, Survived”. Ob die englischen Schüler im Geschichtsunterricht noch immer diesen Reim lernen, um sich an das Schicksal der sechs Ehefrauen des Tudorkönigs Heinrich VIII. zu erinnern, ist mir nicht bekannt, aber zumindest kann man an sich dieser Reihenfolge das Schicksal von Heinrichs Gemahlinnen merken. Mein Interesse gilt besonders Anne Boleyn, derjenigen mit der interessantesten Geschichte.

Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit. Wenn man sie im Kontext der damaligen Zeit sieht, ist sie eine Ausnahmeerscheinung, was bestimmt auch ihrem Aufenthalt als Hofdame im Ausland geschuldet ist, der die Heranwachsende geprägt hat. Das Leben in Flandern am Hof von Margarete, der habsburgischen Statthalterin der Niederlande, hinterlässt einen bleibenden Eindruck bei ihr, die starke Monarchin ist ihr ein Vorbild, hält sie dazu an, ihre Rolle als Schachfigur im adligen Heiratskarussell zu hinterfragen, kümmert sich um ihre Ausbildung. Der Wechsel an den französischen Königshof hingegen verpasst ihr nur noch den letzten Schliff bezüglich des Verhaltens in den Kreisen des Hochadels. Sie ist gebildet, mutig und willensstark, aber auch überambitioniert. Hat klare Vorstellungen davon, was sie will und wie sie ihr Ziel erreichen kann. Dass ihr das später um die Ohren fliegen und mit ihrer Hinrichtung enden wird, hat sie allerdings nicht einkalkuliert.

In dem vorliegenden Roman nutzt die Historikerin Alison Weir die verbrieften Fakten, die sie bereits in ihrem vor fünfundzwanzig Jahren erschienenen Sachbuch „The Six Wives of Henry VIII:“ zu Anne Boleyn zusammengetragen hat, fügt eine ordentliche Menge Tudor-Glamour sowie eine große Portion Drama hinzu und verknüpft so auf gekonnte Weise Fakten und Fiktion. Das Ergebnis ist ein farbenprächtiger historischer Roman, in dem uns die Autorin an Anne Boleyns kurzem Leben teilhaben lässt. An den Jahren als Hofdame, an ihrem Aufstieg am englischen Hofe bis hin zu ihrer Krönung, aber auch an ihrer zunehmenden Verzweiflung, als der geforderte männliche Erbe ausbleibt und Heinrich VIII. ihrer überdrüssig wird (damals weiß er allerdings noch nicht, dass die gemeinsame Tochter Elizabeth als die spätere Königin 45 Jahre lang höchst erfolgreich die Geschäfte führen wird). Heinrich VIII. bezichtigt Anne des Ehebruchs sowie des Hochverrats, lässt ihr den Prozess machen und schickt sie schlussendlich auf das Schafott.

Mit Hilary Mantels Cromwell-Trilogie, die im gleichen Zeitraum angesiedelt ist, kann und sollte man diesen Roman nicht vergleichen, denn die Booker Prize Gewinnerin spielt in einer anderen Liga. Aber dennoch ist „Anne Boleyn: Die Mutter der Königin“ sehr empfehlenswert, weil er sowohl historisch korrekt als auch unterhaltsam und gut lesbar geschrieben ist, und so vielleicht den/die eine/n oder andere/n dazu motiviert, sich etwas näher mit dieser spannenden Periode der englischen Geschichte zu beschäftigen.

Veröffentlicht am 25.01.2021

Ein Kochbuch, das mehr bietet als Rezepte

Asma's Indische Küche
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Ich mag Kochbücher, die Geschichten erzählen, die mehr sind als bloße Rezeptsammlungen sondern uns etwas über die Köche/Köchinnen verraten. Die so sind wie Asma Khans „Indische Küche“.

Zum ersten Mal ...

Ich mag Kochbücher, die Geschichten erzählen, die mehr sind als bloße Rezeptsammlungen sondern uns etwas über die Köche/Köchinnen verraten. Die so sind wie Asma Khans „Indische Küche“.

Zum ersten Mal ist mir Asma Khan in einer Doku-Reihe aufgefallen, die den Werdegang außergewöhnlicher Küchenchefs/-chefinnen beschreibt. Was treibt eine junge Frau dazu, das Leben am heißen Herd der Karriere als Juristin vorzuziehen? In ihrem Fall war es das unbestimmte Gefühl des Fremdseins, der Einsamkeit im Land der ehemaligen Kolonialherren. Sie hat keine Freunde, ist unglücklich, sehnt sich nach ihrer indischen Heimat, nach deren Aromen, den gemeinsamen Festessen.

So beginnt sie zu kochen, obwohl sie es nie gelernt hat, und lädt Menschen ins heimische Wohnzimmer ein, bekocht sie und genießt die große Tafel. Es folgt ein Supper Club in einem Pub und schließlich die Eröffnung ihres Restaurants „Darjeeling Express“, das sie ausschließlich mit indischen Frauen betreibt, deren Erfahrungen in diesem Metier sich auf die häusliche Küche beschränken. Und dennoch, oder gerade deshalb, wird es ein unglaublicher Erfolg.

Dabei verliert sie jedoch nie ein Ziel aus den Augen, das sie antreibt und aus ihrer persönlichen Geschichte resultiert. Sie möchte Frauen, speziell den zweitgeborenen Töchtern, die in der indischen Gesellschaft als Belastung ohne Wert angesehen werden, eine Perspektive bieten, ihre Entwicklung fördern, weshalb sie zu diesem Zweck eine Stiftung gründet hat. Sie unterstützt Projekte, die diese Frauen ermutigen aus dem Schatten zu treten und ihren eigenen Weg zu gehen.

Asma Khan kommt aus einer adligen Familie und ihre Rezepte orientiert sich im Wesentlichen an der bengalischen Mogul-Küche sowie den typischen Gerichten aus Hyderabad, ergänzt durch indisches Streetfood. Viele davon sind Familienrezepte, die sich sehr gut für eine große Gästeschar eignen, was man bereits an der Gliederung sehen kann: Für Zwei, Für die Familie, Mit Freunden, Festliche Mahlzeiten. Aber natürlich kann man die Zutatenlisten problemlos auch auf den kleinen Haushalt herunterbrechen.

Die Auswahl ist gelungen, Gerichte mit Fleisch und Vegetarisches hält sich die Waage. Vieles wirkt auf den ersten Blick eher reduziert, wird aber durch den gezielten Einsatz der unterschiedlichen Gewürze zu einer wahren Geschmacksexplosion, die nicht durch extreme Schärfe (was für viele indische Gerichte leider zutrifft) überlagert wird. Die Zutaten sind in der Regel leicht zu beschaffen und nicht besonders kostenintensiv. Manches kann man ersetzen (Ghee durch Butterschmalz) oder selbst herstellen (Paneer). Problematischer wird es bei den Gewürzen, nach Cassia-Zimt und indischem Lorbeer habe ich vergeblich Ausschau gehalten, dafür musste ich auf meine „normalen“ Vorräte zurückgreifen.

Ein empfehlenswertes Kochbuch, das nicht nur mit indischen Kochtraditionen vertraut macht, sondern auch dem kulturellen Erbe der Autorin huldigt und uns die Vielfalt dieses Landes näherbringt.

Veröffentlicht am 23.01.2021

Ebenso spannend wie bewegend

Der Bruch
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Der Polar Verlag eröffnet sein Programm 2021 gleich mit einem Knaller, Doug Johnstones „Der Bruch“ (in gewohnter Qualität übersetzt von Jürgen Bürger), einem Autor, der regelmäßig auf der Shortlist für ...

Der Polar Verlag eröffnet sein Programm 2021 gleich mit einem Knaller, Doug Johnstones „Der Bruch“ (in gewohnter Qualität übersetzt von Jürgen Bürger), einem Autor, der regelmäßig auf der Shortlist für den McIlvanney Prize for Scottish Crime Book of the Year vertreten ist, mit diesem Titel 2019. Zurecht, wie man nach dem Lesen dieses Kriminalromans feststellen wird, der gleichzeitig eine beeindruckende und sehr bedrückende Milieustudie ist. Aber vor allem ist es eine Geschichte von Familienbeziehungen und dem Überleben unter schwierigen Verhältnissen.

Tyler lebt mit seiner Familie in Greendyke, sozialer Brennpunkt vor den Toren Edinburghs. Zwei Hochhäuser, umgeben von Brachland voller Schutt und Gerümpel. Ein Drecksloch. Das Neubaugebiet Greenacres in Sichtweite, Wohnprojekt für die Mittelklasse. Nichts für Tylers Familie. Tyler wirkt eigentümlich fehl am Platz, er ist derjenige, dem die Sympathien des Lesers/der Leserin gelten. Die Mutter ständig zugedröhnt von Drogen und Alkohol, unfähig, den Alltag zu bewältigen. Das erledigt Tyler, der sich außerdem voller Hingabe um seine kleine Schwester Bean kümmert. Für sie hat er eine Vision, möchte, dass sie einmal ein besseres Leben hat.

Seine beiden Halbgeschwister, Barry und Kelly, sind Kleinkriminelle, immer auf der Suche nach der guten Gelegenheit für einen Bruch. Tyler muss sie bei ihren Aktivitäten unterstützen, das stellt er nicht infrage. Er ist klein und schmal für sein Alter, hat die perfekte Größe, um sich durch schmale Öffnungen hindurch zu schlängeln. Üblicherweise klappt das, doch dann wählen sie das falsche Objekt aus. Das Haus gehört einem mächtigen Boss von Edinburghs Unterwelt, dessen Frau ihnen in die Quere kommt. Barry geht mit dem Messer auf sie los, verletzt sie schwer und setzt damit eine Kette von Ereignissen in Gang, aus der es kein Entkommen gibt.

Tyler ist einer dieser Jugendlichen, die durchs Raster fallen, in schwierige Verhältnisse hineingeboren werden, denen sie nicht entkommen können. Die zwar eine Ahnung davon haben, was sein könnte, denen aber letztendlich nicht nur die Kraft sondern auch die Unterstützung dafür fehlt, einen Neuanfang zu wagen.

Johnstone zeigt uns das Leben jenseits der Royal Mile und Edinburgh Castle. Zwingt uns dazu hinzuschauen. Stellenweise fast unerträglich beschönigt er nichts, sondern konfrontiert uns mit dessen knallharter Realität.

Bemerkenswert ist aber vor allem dieses Maß an Empathie, mit der er Tyler und dessen Lebensumstände, dessen Schicksal beschreibt. Sein Dilemma, nach dem missglückten Raubüberfall zu entscheiden, was richtig oder falsch ist. Ob die Loyalität gegenüber der Familie wichtiger ist als das Benennen des Schuldigen, um so größeres Unheil von seiner Familie abzuwenden.

Eine Story, die ebenso spannend wie bewegend ist, eindringlich und voller Emotionen geschrieben. Unbedingt lesen!