Wahnsinnsauftakt zu einem Zweiteiler - spannende Geschichte, fundiert recherchierte historische Hintergründe
Little Germany - Der Duft der Neuen WeltZum Inhalt:
Stuttgart / Hannover, 1901: Dienstmädchen Lissi ist schwanger vom Sohn der Herrschaft, in deren Haushalt sie tätig ist, und muss die Hoffnung auf eine Heirat begraben.
Julia von Varrell wurde ...
Zum Inhalt:
Stuttgart / Hannover, 1901: Dienstmädchen Lissi ist schwanger vom Sohn der Herrschaft, in deren Haushalt sie tätig ist, und muss die Hoffnung auf eine Heirat begraben.
Julia von Varrell wurde mit falschen Versprechungen in eine Ehe gelockt, die sich nicht erfüllen.
Beide suchen ihr Glück in einer Flucht und einem Aufbruch in die Neue Welt und begegnen sich auf einem Schnelldampfer, der sie nach New York in ein neues Leben bringen soll. Dort finden sie im sogenannten „Deutschländle“ eine Anstellung in einer Bäckerei, die bald bis in die höchsten Kreise bekannt ist für ihr feines Gebäck und ihre Brezeln.
Doch am Horizont braut sich eine Katastrophe zusammen, die nicht nur ihr Leben erschüttern wird…
Meine Meinung:
Seit der Schokoladenvilla bin ich großer Fan von Maria Nikolai und ihrem unnachahmlich fesselnden Schreibstil.
Dieser Roman als Auftakt eines Zweiteilers hat mich wieder in besonderem Maße mitgerissen und begeistert, da er extrem fundierte Recherche mit einer unglaublich spannenden und emotional berührenden Geschichte verbindet.
Nach einem vielversprechenden Prolog, der viele Fragen offen lässt, gliedert sich der dicke Schmöker in vier große Teile. Wir lernen die Protagonistinnen Lissi und Julia kennen, die mir gleich ans Herz gewachsen sind.
Im Laufe des Romans machen sie eine beachtliche - aber immer glaubwürdige - Entwicklung durch, die auch durch ihre starke Frauenfreundschaft geprägt ist. Sie ergänzen sich, tun sich gut und stehen füreinander ein.
Neben den beiden Hauptcharakteren bereichern weitere handelnde Personen die Geschichte und es kommen je nach Abschnitt noch weitere Figuren hinzu. In New York fand ich es sehr bereichernd, dass zum Beispiel Charaktere aus dem Umfeld der Gangs der Handlung weitere Tiefe und Farbe geben und ein bisschen „cozy crime“ in die Geschichte bringen.
Insgesamt ist die Handlung unglaublich spannend, so dass ich das Buch fast nicht aus der Hand legen konnte. Ich weiß nicht genau, wie die Autorin das macht, aber ihr Schreibstil ist immer ganz besonders packend und gleichzeitig so angenehm zu lesen und eine Wohltat für die Seele.
Lissi und Julia machen wirklich sehr viel durch - ob in Deutschland während ihrer Schwangerschaft (Lissi) bzw. Ehe (Julia), ob beim Einschiffen für die Überfahrt, auf der Fahrt selbst, bei der Ankunft in New York oder eben dort in der Stadt. Ein mitnehmendes Erlebnis reiht sich an das nächste, aus dem sie sich entweder aus eigenen Kräften oder gemeinsam retten. Zum Glück treffen sie auch immer wieder auf andere Menschen, die ihnen wohlbesonnen sind und helfen.
Beeindruckt hat mich aber besonders Lissis und Julias Tatkraft und Umsetzungsstärke, und ich freue mich schon darauf zu lesen, wie es mit ihnen beiden und ihrem Laden weitergeht. Auch Gefühle kommen bei der Geschichte nicht zu kurz.
Neben den warmherzig gezeichneten Figuren und der spannenden Handlung ist besonders die fundierte Recherche der Autorin hervorzuheben. Man kann sich als Leser:in super vorstellen, wie die Menschen in den verschiedenen Vierteln von New York zu der Zeit gelebt haben, und auch die Überfahrt ist wahnsinnig lebendig und intensiv beschrieben. Die Schilderungen sind sogar so bildhaft und lebendig, dass ich mir vorkam wie in einem sehr guten Film.
Ich war schon einige Male in New York und habe dort z.B. den High Line Park besucht - im Roman, der um 1901 spielt, fährt dort noch die Hochbahn, was man sich - inklusive Geräusch und Geruch - dank der lebendigen Beschreibungen sehr gut vorstellen kann. Auch die Internationalität, die besseren Kreise in Amerika, die Kriminalität etc. kommen auf den Seiten gut rüber. Auch Sonderthemen wie Radfahren in New York werden sehr authentisch und detailliert behandelt.
Sehr gelungen finde ich, dass man durch die unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in die Lebenswirklichkeit verschiedener Schichten (Dienstmädchen, höhere Stände) bzw. verschiedener Bevölkerungsgruppen in Amerika bekommt.
Nicht zuletzt der ausführliche Anhang mit weiteren Informationen zur Historie, Rezepten etc. hilft, sich ein noch besseres Bild von der Zeit zu machen. Ein solch ausführlicher Anhang ist nach meiner Erfahrung eher ungewöhnlich und ich habe daraus für die Geschichte einiges mitgenommen. Eine runde Sache!
Fazit:
Von mir eine unbedingte Empfehlung für diesen großartigen ersten Teil! So muss ein historischer Roman sein - umfassend und fundiert recherchiert und spannend erzählt.