Ein düsterer Forschungsbericht
Smeralda Bohms BestiariumSmeralda Bohm ist anders als andere Kinder mit 12 Jahren: Sie interessiert sich für Kryptozoologie. Was das ist? Nun, ihr Werkaninchen Kralle zum Beispiel ist ein Kryptid, ein verborgenes Wesen, die Smeralda ...
Smeralda Bohm ist anders als andere Kinder mit 12 Jahren: Sie interessiert sich für Kryptozoologie. Was das ist? Nun, ihr Werkaninchen Kralle zum Beispiel ist ein Kryptid, ein verborgenes Wesen, die Smeralda in ihrem Labor (ihr Kinderzimmer) als Kryptozoologin untersucht. Ihr Ziel ist es, ein Bestiarium mit diesen Wesen zu verfassen und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Dabei hilft ihr ihr bester Freund Kenji, der ein unglaublich guter Krypto-Ingenieur ist, leider aber in der Feldforschung nicht mithelfen kann, da er schwer krank und die meiste Zeit an den Rollstuhl gefesselt ist. Alles läuft gut, bis eines Tages ein junger Kommissaranwärter bei Smeralda zuhause auftaucht und ihre Hilfe bei einem unerklärlichen Verbrechen sucht. Als am nächsten Tag dann auch noch ein Elfenjunge in Smeraldas Klasse erscheint und sie umbringen will, weiß sie: In der Welt der Kryptozoologie passiert gerade etwas. Und wer ist eigentlich diese Edith, die Smeralda vor dem Elfenjungen beschützt hat? Weiß sie mehr, als sie zugibt? Smeralda Bohms Forschungen erreichen ein Level, mit dem sie selbst nie gerechnet hätte…
Wer die Polidori-Reihe von Anja Fislage kennt, der weiß: Es wird düster und gruselig! So auch hier, in der Pontifarstraße der 1988er. Smeralda ist eine Eigenbrötlerin, die - so stellt sich im Verlauf heraus - ein großes Trauma mit sich herumträgt. Und ja, möglicherweise auch autistische Züge. Das macht sie aber in ihrer Art umso charmanter. Kommunikation zwischen Menschen ist nicht ihre Spezialität – wie sie gern und oft betont. Man könnte sie schon fast „schrullig“ nennen: Sie fühlt sich nur in ihrem Kryptozoologinnenkittel wohl, duldet keine Störungen und benötigt strikte Ablaufmuster – ob im Alltag oder bei ihrer Forschung. Für junge Leser*innen, die noch keine Berührungspunkte mit Neurodivergenz haben, könnte Smeralda sicherlich etwas befremdlich erscheinen, denn die Thematik wird auch nirgendwo in der Geschichte angesprochen. Diesen Umstand finde ich ein bisschen schade, denn man könnte hier doch zumindest im Ansatz darauf eingehen. Auch das Thema Trauma, welches Smeralda definitiv durch den Angriff auf ihre Mutter davongetragen hat, wird nicht weiter thematisiert. Dafür muss ich leider einen Stern abziehen, da ich es als vertane Chancen ansehe.
Die Aufmachung des Bestiariums ist wieder einmal grandios. Im Stil eines Notizbuches mit Tinten- und Kakaoflecken, mit Blaupausen von Gerätschaften, mit beigefügten handschriftlichen Seiten und Polaroidfotos hält der Leser/die Leserin einen Bericht der Geschehnisse vom November 1988 in Händen. Helge Vogt hat die beschriebenen Kryptiden großartig als Illustration umgesetzt, danke dafür! Das ganze Bestiarium lebt davon. Wer sich nicht von speziellen Figuren abschrecken lässt und nicht extrem schreckhaft ist, wird mit Smeralda ein spannendes Abenteuer erleben!