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Veröffentlicht am 18.02.2025

Sehr gute Erklärung zu Autismus

Autismus, Trauma und Bewältigung
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Ich finde es schwer, dieses Buch insgesamt zu bewerten. Der erste Teil, in dem es nur um Autismus ging, war sehr gut, die kleine Einführung in Trauma ebenfalls gut. Dann kam das Zusammendenken von Autismus ...

Ich finde es schwer, dieses Buch insgesamt zu bewerten. Der erste Teil, in dem es nur um Autismus ging, war sehr gut, die kleine Einführung in Trauma ebenfalls gut. Dann kam das Zusammendenken von Autismus und Trauma und hier war das Buch meiner Meinung nach am Schwächsten.

Brit Wilczek schreibt grundsätzlich wohlwollend über autistische Menschen, etwas, was wir von Fachbüchern nicht gewohnt sind. Auch beziehen Ihre Beschreibungen und Erklärungen neuere wissenschaftliche Überlegungen zum Thema ein und berücksichtigen Schwierigkeiten die aufgrund der Unterschiedlichkeit zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen zustande kommen. Immer wieder ergänzen graphische Veranschaulichungen den Text. Insgesamt liest sich dieser Teil gut und leicht.
Wilczek hat sehr viele Aspekte des autistischen Seins berücksichtigt, die mir wichtig sind, die ich aber normalerweise nicht in Fachbüchern finde. Ich hatte an der ein oder anderen Stelle das Bedürfnis sie zu ergänzen, wenn sie nämlich doch in einem wohlwollenden pathology paradigm stehen bleibt, statt qualitativ eigenes autistisches in Betracht zu ziehen. Auf einer ganz subtilen Ebene steht hinter dem Wohlwollen keine Gleichberechtigung.
Nicht-autistische Menschen werden gefordert, aber in ihrer grundsätzlichen Haltung von Autismus als dem Anderen und ja, auch dem Abweichenden und Pathologischen bestätigt. Es gibt viele Nebensätze, die die Schuld von Angehörigen zu lindern wissen, die die Komponente des autistischen Sein betonen. Für Angehörige scheint das einen fruchtsamen Boden für eigene wohlwollende Beschäftigung mit ihren autistischen Angehörigen zu bieten, sie scheinen so tatsächlich gut verstehen zu können, was Wilczek ihnen über Autismus erklärt.

Der Teil zu Trauma allgemein war gut, aber da gibt es eine Vielzahl weiterer, tieferer Bücher.
Enttäuscht war ich vom letzten Teil, der Autismus und Trauma in Verbindung bringen will. Es geht sehr viel um die Differenzialdiagnostische Abgrenzung von Autismus und früher Traumatisierung. Es geht dann viel um die Begleitung der Diagnostik- und Nach-Diagnose-Phase. Das ist wichtig, keine Frage. Und die lebensgeschichtliche Verarbeitung die in diese Phase fällt als Traumaarbeit zu verstehen und zu framen ist durchaus sinnvoll.
Unter den sprichwörtlichen Tisch fallen leider die Autistinnen die zusätzlich mit Trauma klarkommen müssen, bei denen diese beiden Aspekte komplizierter verwoben sind. Wirklich konkretes, spezifisch auf Autismus durchdachtes, findet sich, leider, nicht. Keiner der Aspekte der mir aus meiner lived experience wichtig wäre wurde thematisiert, keine meiner Fragen beantwortet.
Dazu beschreibt Wilczek Autist
innen als geradezu übermenschlich resilient, ihre Beschreibung klingt schon etwas nach Inspiration-Porn. Zudem positioniert sie den neurodivergenz Begriff als Diagnose und auf Autismus bezogen bzw in Abgrenzung zu insb. Traumafolgestörungen. Das hat mich schlicht sehr geärgert.

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Nachdenklicher thriller

Sing mir vom Tod
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Dieses Buch fühlt sich ein wenig an wie ein nicht zu fest gewebtes Tuch. Thematisch ist es eine Exploration von Gewalt und Weiblichkeit, von gewalttätigen Frauen. (wobei es sehr cis und zweigeschlechtlich ...

Dieses Buch fühlt sich ein wenig an wie ein nicht zu fest gewebtes Tuch. Thematisch ist es eine Exploration von Gewalt und Weiblichkeit, von gewalttätigen Frauen. (wobei es sehr cis und zweigeschlechtlich geschrieben ist).
Wir erfahren die Geschichte von Dios und Florida, die sich im Gefängnis kennen lernen und sich am Ende in Los Angeles gegenüber stehen. Es erzählen aber auch eine Zellengenossin die mit den Toten redet und eine Polizistin Aspekte dieser Geschichte, nicht nur Florida. Die verschiedenen Erzählperspektiven ergänzen sich gut, werden zu einem Chor.

Das Ganze spielt zur Zeit der offiziellen Pandemie, der Zeit von Abstandsregeln und shelter-in-place orders. Es ist mein erster Roman der in dieser jüngeren Vergangenheit spielt und ich war erst etwas skeptisch. Die Stimmung dieser Zeit fand ich aber sehr gut eingefangen und für den Roman sehr passend. Es herrscht eine Entfremdung, eine angespannte Ungewissheit vor, ein ZwischenRaum entsteht der die Thematik der Erzählung schärft.

Auch, oder gerade, weil das Ende von Anfang an in groben Zügen klar ist, ist dieser Thriller spannend. Es geht um das Nachvollziehen des Weges. Das Wie und Warum. Die Erzählweise überträgt das Gefühl von Dios getrieben zu werden auf mich als Leser.

Sprachlich pflegt Ivy Pochoda einen umgangssprachlichen Stil in den sie geschickt die größeren klassischen stilistischen Mittel eingewoben hat.
In der Handlung schwingt auch immer wieder die grundsätzliche Ebene mit, ohne, dass ich diese als zu dominant erlebt habe. Das philosophische fügt sich nahtlos in die Erzählung; Handlung und Reflexion gehen in einander über. Die sprachlichen Verflechtungen tragen dazu bei.

Meine Erwartungen hat "Sing mir vom Tod" übertroffen, die Mischung für mich sehr gut gepasst.

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Veröffentlicht am 25.01.2025

In Ägypten auf Spurensuche

Geheimnisse des Nil, Band 1 - What the River Knows
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Dieses Buch ist unglaublich! Zunächst einmal sieht es so edel und schön aus, mit den Goldelementen im Cover und dem Farbschnitt. Und dann der Inhalt, die Geschichte! Ich wollte immer weiter lesen, nicht ...

Dieses Buch ist unglaublich! Zunächst einmal sieht es so edel und schön aus, mit den Goldelementen im Cover und dem Farbschnitt. Und dann der Inhalt, die Geschichte! Ich wollte immer weiter lesen, nicht einmal habe ich das Buch zugeklappt und diese Geschichte einfach vergessen. In einem durchlesen würde ich trotzdem nicht empfehlen, es gibt im Verlauf immer wieder Stellen, an denen eine Pause gut passt und die vielen Aspekte der Geschichte brauchen auch ein wenig Zeit. Zumal es über fünfhundert Seiten sind.

Unsere Hauptprotagonistin ist Inez, eine neugierige, tatkräftige, entschlossene junge Frau aus Argentinien. Nach der Nachricht vom Tod ihrer Eltern reist sie ihnen nach Ägypten hinterher. Dort ist sie zunächst alles andere als willkommen, will sie doch der Bedienstete ihres Onkel, ein Mr. Witt, sofort wieder zurück schicken...

Das Buch hat eine witzige, kurzweilige Seite, insbesondere in der Beziehung zwischen Inez und Whit. Gleichzeitig ist der Tonfall der Beschreibungen im Buch warm und aufrichtig und, ja, fast schon weise. Die Charaktere haben alle eine Tiefe, die mitschwingt, auch, wenn sie nicht immer ausgeführt oder erst langsam erkundet wird. Aus der Erzählperspektive von Inez spricht eine aufmerksame Beobachtung. Mir gefällt es, wie ihre Art sich einzubringen facettenreich dargestellt wird. Natürlich beeindruckt mich Inez Stärke, Neugier, Waghalsigkeit. Genauso beeindruckend lerne ich aber zb Isadora kennen. Die beiden sind eben kein Widerspruch, sondern zwei Frauen auf ähnlichen Wegen in unterschiedlicher Gestalt.

Die kurzen Einschübe aus Whits Perspektive finde ich gut gewählt, ohne sie wäre die Dynamik zwischen ihm und Inez doch etwas undurchsichtig und einseitig. So sorgen sie dafür, dass ich in der Beziehung der beiden mitfiebere.

Die Spinnenwebenartige Entfaltung der Geheimnisse der Erzählung ist zu Beginn nicht so direkt spannend, wie es andere Geschichten sind, nimmt mich aber schnell sehr für sich ein und dann doch ordentlich Fahrt auf. Der Fantasy-Aspekt ist dabei unaufdringlich in den historischen Kontext eingewoben und insgesamt nicht dominant.
Lange bleibt das Rätsel, was Inez zu lösen versucht, eher bruchstückhaft und unkonkret. Sie lässt sich von ihren Gefühlen leiten ohne dabei ihren Verstand auszuschalten und die Fragen tauchen dadurch fast von selbst auf. Insgesamt fühlt sich die Geschichte beim Lesen für mich eher Charakter- und Setting-geleitet an, als das der Plot im Vordergrund stünde. Denn da sind die Beschreibungen Ägyptens die das Land aus den Buchseiten heraus entstehen lassen. Und da sind die Charaktere mit ihren verworrenen Gefühlen, Erfahrungen, Wünschen. Ich kann mich einfach in die Geschichte fallen lassen, mit Inez miterleben.

Die Geschichte stellt immer wieder mein Vertrauen in die Charaktere in Frage und je weiter es voran geht, umso spannender wird es alles. Das Ende passt sehr gut und zeigt deutlich wie und wohin sich die Geschichte entwickelt. Der Aufbau als Dilogie passt für mich, ich freue mich schon auf Band 2.


Hinweis zur Sensorik: soft-touch Cover
Hinweis zur Gestaltung: Grafiken und Schriftartenwechsel ("Handschrift"-Arten)

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Veröffentlicht am 18.01.2025

Schöner Auftakt der Fantasy Reihe

Heart & Shadow
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Am Ende des Buches fühle ich mich ganz gut angekommen in dieser Welt. Neben den offenen Fragen und Geheimnissen, die die nächsten Bände sicherlich interessant machen werden, sind mir die Grundzüge dessen, ...

Am Ende des Buches fühle ich mich ganz gut angekommen in dieser Welt. Neben den offenen Fragen und Geheimnissen, die die nächsten Bände sicherlich interessant machen werden, sind mir die Grundzüge dessen, in was für einer Welt die Geschichte spielt und mit wem ich es da zu tun habe, klar.

Zu Beginn des Buches ist es hauptsächlich Rah, die mich in die Geschichte mitgenommen hat. Sie ist stark, selbstbewusst, neugierig und aufmerksam. Von ihr erfahren wir erstmal am Meisten und ihre Art hat mir gut gefallen.
Die zweite Erzählperspektive ist die von Shina. Bei ihr habe ich länger gebraucht um mit ihr warm zu werden und leider fand ich den Erzählstrang aus ihrer Perspektive auch nicht so spannend und interessant, wie den aus Rahs. Mir war oft über lange Strecken unklar, warum ich bestimmte Informationen erzählt bekomme, weil die beiden Perspektiven eher nebeneinander her laufen und die jeweiligen Handlungen bald an unterschiedlichen Orten spielen. Die Kapitel sind recht kurz und wechseln sich in der Perspektive ab, wodurch der sich aufbauende Spannungsbogen immer wieder unterbrochen wird, was mich etwas genervt hat.

Trotzdem habe ich immer weiter gelesen und auch mit den Protagonistinnen-Teams mitgefühlt. Wir kommen recht weit herum in der Welt des Buches und die Beschreibungen der unterschiedlichen Landschaften und Städte sind kreativ und plastisch. Das worldbuilding wirkt opulent, das macht Spaß zu lesen. Zumal die Geschichte dieser Welt etwas zu sein scheint, was wir zusammen mit den Protagonistinnen erforschen dürfen.

Sprachlich fand ich es leicht und flüssig zu lesen, das foreshadowing ist gut und je weiter ich gelesen habe, umso besser wurde die Geschichte für mich. Als Einzelband würde ich es nicht empfehlen, aber als Auftakt einer Reihe ist "Heart & shadow" eine solide Grundlage, nach der ich unbedingt weiterlesen möchte.

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Veröffentlicht am 06.01.2025

Ein Buch, das im Grunde ein Podcast ist

Dialog. Gespräche über Autismus.
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Im Grunde beinhaltet das Buch ein langes Gespräch zwischen den nicht-autistischen Claus Dick und dem autistischen Andreas Croonenbroeck, der als Gründer des "Autismus verstehen" Magazin eine gewisse Bekanntheit ...

Im Grunde beinhaltet das Buch ein langes Gespräch zwischen den nicht-autistischen Claus Dick und dem autistischen Andreas Croonenbroeck, der als Gründer des "Autismus verstehen" Magazin eine gewisse Bekanntheit hat. Sie gehen mit dem Autismus-Fokus lebensgeschichtlich chronologisch durch die Erfahrungen in Kindergarten, Schule, Berufsleben und sprechen am Ende über die späte Diagnose. Das ganze las sich für mich leicht, auch die graphische Gestaltung, mit den seitlich gegliederten und durch kursive Schrift differenzierten Redebeiträgen sowie den kleinen Definitions- oder Hintergrundseinschüben am Rand, war klar und aufgeräumt. Ich würde das Buch als niedrigschwellig beschreiben, Vorwissen wird nicht vorausgesetzt. Es eignet sich meiner Meinung nach auch gut bei Interesse am Thema ohne tief einsteigen zu wollen. Dabei geht es eben viel um die Erfahrungen von Andreas, andere autistische Perspektiven, wie zb nicht-sprechender oder früh diagnostizierter Autistinnen bekommen keine differenzierte Aufmerksamkeit. Schön ist, dass durch das Gesprächsformat mögliche Reaktionen nicht-autistischer Lesenden gezielt aufgegriffen werden, da Claus diese aus seiner Perspektive formuliert. Ich denke, das kann maßgeblich dazu beitragen ansonsten häufige Abwehrreflexe zu umgehen. Auch, wenn das Buch mMn keine große Tiefe aufweist oder sehr persönlich wird, sind die Schilderungen dazu, was Autismus heißen kann nicht unbedingt oberflächlich. Sie fokussieren die Innenperspektive und bringen komplexe Sachverhalte auf dieser Erfahrungsebene recht klar zum Ausdruck. Ich fand durchaus das relevante Punkte abgedeckt wurden und zt auch mit einer hilfreichen Deutlichkeit, die bei komplex-umfassender Darstellung gern mal verloren geht.
Ein übergeordneter Blick auf Inklusion und Behinderung oder auch psy
system Kritik findet sich nicht, lediglich vor ABA und Co wird am Ende gewarnt. Das Buch hat wirklich keinen anklagenden, wütenden Ton.

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