Sehr gute Erklärung zu Autismus
Autismus, Trauma und BewältigungIch finde es schwer, dieses Buch insgesamt zu bewerten. Der erste Teil, in dem es nur um Autismus ging, war sehr gut, die kleine Einführung in Trauma ebenfalls gut. Dann kam das Zusammendenken von Autismus ...
Ich finde es schwer, dieses Buch insgesamt zu bewerten. Der erste Teil, in dem es nur um Autismus ging, war sehr gut, die kleine Einführung in Trauma ebenfalls gut. Dann kam das Zusammendenken von Autismus und Trauma und hier war das Buch meiner Meinung nach am Schwächsten.
Brit Wilczek schreibt grundsätzlich wohlwollend über autistische Menschen, etwas, was wir von Fachbüchern nicht gewohnt sind. Auch beziehen Ihre Beschreibungen und Erklärungen neuere wissenschaftliche Überlegungen zum Thema ein und berücksichtigen Schwierigkeiten die aufgrund der Unterschiedlichkeit zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen zustande kommen. Immer wieder ergänzen graphische Veranschaulichungen den Text. Insgesamt liest sich dieser Teil gut und leicht.
Wilczek hat sehr viele Aspekte des autistischen Seins berücksichtigt, die mir wichtig sind, die ich aber normalerweise nicht in Fachbüchern finde. Ich hatte an der ein oder anderen Stelle das Bedürfnis sie zu ergänzen, wenn sie nämlich doch in einem wohlwollenden pathology paradigm stehen bleibt, statt qualitativ eigenes autistisches in Betracht zu ziehen. Auf einer ganz subtilen Ebene steht hinter dem Wohlwollen keine Gleichberechtigung.
Nicht-autistische Menschen werden gefordert, aber in ihrer grundsätzlichen Haltung von Autismus als dem Anderen und ja, auch dem Abweichenden und Pathologischen bestätigt. Es gibt viele Nebensätze, die die Schuld von Angehörigen zu lindern wissen, die die Komponente des autistischen Sein betonen. Für Angehörige scheint das einen fruchtsamen Boden für eigene wohlwollende Beschäftigung mit ihren autistischen Angehörigen zu bieten, sie scheinen so tatsächlich gut verstehen zu können, was Wilczek ihnen über Autismus erklärt.
Der Teil zu Trauma allgemein war gut, aber da gibt es eine Vielzahl weiterer, tieferer Bücher.
Enttäuscht war ich vom letzten Teil, der Autismus und Trauma in Verbindung bringen will. Es geht sehr viel um die Differenzialdiagnostische Abgrenzung von Autismus und früher Traumatisierung. Es geht dann viel um die Begleitung der Diagnostik- und Nach-Diagnose-Phase. Das ist wichtig, keine Frage. Und die lebensgeschichtliche Verarbeitung die in diese Phase fällt als Traumaarbeit zu verstehen und zu framen ist durchaus sinnvoll.
Unter den sprichwörtlichen Tisch fallen leider die Autistinnen die zusätzlich mit Trauma klarkommen müssen, bei denen diese beiden Aspekte komplizierter verwoben sind. Wirklich konkretes, spezifisch auf Autismus durchdachtes, findet sich, leider, nicht. Keiner der Aspekte der mir aus meiner lived experience wichtig wäre wurde thematisiert, keine meiner Fragen beantwortet.
Dazu beschreibt Wilczek Autistinnen als geradezu übermenschlich resilient, ihre Beschreibung klingt schon etwas nach Inspiration-Porn. Zudem positioniert sie den neurodivergenz Begriff als Diagnose und auf Autismus bezogen bzw in Abgrenzung zu insb. Traumafolgestörungen. Das hat mich schlicht sehr geärgert.