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Veröffentlicht am 03.08.2020

Mutterliebe

Zwei fremde Leben
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Der Dresdner Autor Frank Goldammer widmet sich in seinem neuesten Roman dem Thema Zwangsadoptionen in der DDR der 70er Jahre.

Die Protagonistin Ricarda Raspe ist unerwartet schwanger, freut sich aber ...

Der Dresdner Autor Frank Goldammer widmet sich in seinem neuesten Roman dem Thema Zwangsadoptionen in der DDR der 70er Jahre.

Die Protagonistin Ricarda Raspe ist unerwartet schwanger, freut sich aber dennoch zusammen mit ihrem Verlobten auf ihr erstes Kind, das in einer Dresdner Klinik zur Welt kommen soll, in der auch ihr Vater als Arzt arbeitet. Doch bei der Geburt kam es angeblich zu Komplikationen, die zum Tod des Säuglings geführt haben sollen. Das tote Baby bekommt Ricarda aber nie zu Gesicht und so zweifelt sie daran, ob ihr Kind wirklich tot ist. Auch ihrem Vater traut sie zu, die Finger im Spielt gehabt zu haben, sie vermutet, er könnte das Baby ohne ihr Wissen zur Adoption freigegeben haben. Bei ihren Nachforschungen hilft ihr der Polizist Thomas Rust, dessen Frau zeitgleich in der Klinik war und der sich durchaus vorstellen kann, dass Ricarda Recht hat. Es ist aber schwer, in der DDR an verlässliche Informationen zu kommen und zudem ist das Ganze natürlich alles andere als ungefährlich. Von ihren Eltern und dem Kindsvater erhält Ricarda dagegen wenig Verständnis und Unterstützung, stattdessen redet man ihr ein, dass sie sich in etwas hineinsteigert, weil sie den Tod des Kindes nicht verkraftet. Doch 17 Jahre später beginnt eine junge Frau ihre echte Mutter zu suchen, ist sie vielleicht wirklich Ricardas Tochter?

Frank Goldammer beschäftigt sich mit einem Verbrechen, das in der DDR wirklich immer wieder stattgefunden und für viel Leid bei Müttern und Kindern gesorgt hat, auch noch Jahrzehnte später. Aber das ist nicht das einzige Thema des Romans, man gewinnt als Leser auch einen Eindruck vom Alltag in der DDR, mit all seinen Einschränkungen, der recht farblosen Tristesse der Großstadt Dresden und dem notwendigen Misstrauen, dass man teilweise selbst nahestehenden Menschen entgegenbringen musste aus Angst vor der Stasi und ihren perfiden Methoden. Die Protagonistin Ricarda ist trotz allem eine starke Kämpferin, die nicht aufgeben möchte, bis sie Klarheit darüber hat, was mit ihrem Kind geschehen ist. Polizist Thomas Rust ist schon allein deshalb sehr liebenswert, weil er trotz seines Berufes Mensch geblieben ist und sich von seinen eigenen Gefühlen und Instinkten leiten lässt, anstatt sich komplett vom Staat vereinnahmen zu lassen. Die verschiedenen Zeitebenen tragen zusätzlich zum Spannungsaufbau bei. Ich empfehle das Buch gerne allen weiter, die sich für das Leben in der DDR interessieren.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.07.2020

Wie ein Krieg Generationen prägt

Nebelkinder
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Der Begriff „Nebelkinder“ wird in der Wissenschaft für die Generation der Kriegsenkel verwendet, die den Krieg und die Hunger- und Aufbaujahre danach nicht selbst miterlebt haben, deren Verhältnis zu ihren ...

Der Begriff „Nebelkinder“ wird in der Wissenschaft für die Generation der Kriegsenkel verwendet, die den Krieg und die Hunger- und Aufbaujahre danach nicht selbst miterlebt haben, deren Verhältnis zu ihren Eltern und Großeltern aber dennoch nicht ganz unbelastet ist, durch die Kriegserlebnisse, die diese stark geprägt haben, auch wenn viele lieber nicht darüber sprechen, welche Grausamkeiten sie erlebt haben.

Liliths Großmutter Käthe, die eigentlich auch einer wohlhabenden schlesischen Familie stammte, weshalb ihr Wahlspruch in jeder noch so elenden Lebenslage „Rücken gerade, Kinn hoch, Contenance“, war, musste mit ihren Töchtern Ana (knapp im Teenageralter) und Lenchen (im Grundschulalter) vor den herannahenden Russen aus Schlesien fliehen. Unter unmenschlichen und teilweise lebensbedrohlichen Bedingungen gelingt ihnen das, aber wohl auch nur, weil Käthe und ihre Schwester bereit waren, sehr viel auf sich zu nehmen, um ihre Kinder heil nach München zu bringen. Was alles und wie es Käthes bester Freundin ergangen war, die in Breslau geblieben war, erfährt Ana erst aus Briefen im Nachlass ihrer Mutter, dass ihr Mutter schon während der Flucht nicht mehr die Alte war, fiel ihr aber auch schon damals auf, so musste sie auch oft die Mutterrolle für Lenchen einnehmen, obwohl sie selbst quasi noch ein Kind war. Und Lilith erfährt erst mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter und ihrer Großmutter, als sie sich mit ihrer Mutter Ana auf eine Reise nach Schlesien zu den Orten, die mit Käthe in Verbindung standen, begibt. Auf dieser Reise möchte sie sich darüber klar werden, ob sie bereit ist, den Sohn ihrer verstorbenen besten Freundin zu adoptieren, obwohl sie selbst so ein distanziertes Verhältnis zu Ana hatte und daher eigentlich selbst keine Mutter sein wollte.

Die Handlung spielt auf mehreren Zeitebenen, dem Jahr 2017, in dem Lilith sich für oder gegen die Adoption entscheiden muss, der Nachkriegszeit in München, bis kurz nach Liliths Geburt und der Zeit der Endphase des Zweiten Weltkrieges in Breslau und auf der Flucht. Dadurch wird viel Spannung aufgebaut, es sorgt aber nicht für Verwirrung, diese Konstruktion ist der Autorin sehr gut gelungen. Der Roman macht bewusst, welche extrem grausamen Dinge Frauen während des Zweiten Weltkrieges durchmachen mussten und wie sehr dies dann ihr weiteres Leben und auch das ihrer Kinder und Enkel prägte, auch wenn wenig über diese Erfahrungen gesprochen wurde. Manches ist sicher keine leichte Kost, aber ich finde es sehr wichtig, dass Stefanie Gregg sich diesem Thema gewidmet hat und halte das Buch daher für eine sehr wichtige, gut recherchierte und lohnenswerte Lektüre, besonders auch, um sich noch etwas besser in die Nachkriegs- und Kriegsgeneration hineinversetzen zu können.

  • Cover
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 20.07.2020

Madame Nan und ihre Töchter

Wie uns die Liebe fand
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"Wie uns die Liebe fand" von Claire Stihlé spielt in Bois-des-Val im Elsass, einer Gegend, die in der deutsch-französischen Geschichte eine besondere Rolle gespielt hat. Im Mittelpunkt der Handlung ...

"Wie uns die Liebe fand" von Claire Stihlé spielt in Bois-des-Val im Elsass, einer Gegend, die in der deutsch-französischen Geschichte eine besondere Rolle gespielt hat. Im Mittelpunkt der Handlung steht Madame Nanon, genannt Madame Nan, Mutter vierer Töchter. Sie hat ihren ersten Mann und Vater ihrer Kinder früh an den Krebs verloren und lässt im Roman im stolzen Alter von 92 Jahren ihr bewegtes Leben Revue passieren.

Dadurch, dass das Elsass schon immer Spielball der politischen Interessen der Deutschen und der Franzosen war, hatten die Bewohner des kleinen Dorfes vor allem während des Zweiten Weltkrieges viel mitzumachen. Als anschließend wieder Ruhe eingekehrt ist, verliert sie noch recht jung ihren ersten Ehemann und muss sich und ihre Töchter alleine durchbringen. Irgendwann vermacht ihr ihr Nachbar Monsieur Boberschram seinen leicht vernachlässigten Dorfladen, den sie dann zusammen mit ihren Töchtern wieder auf die Erfolgsspur bringt, besonders nachdem ihre älteste Tochter Marie "Liebeskugeln" erfindet und ins Sortiment des Ladens aufnimmt, die dazu führen sollen, dass ihre Besitzer sich ineinander verlieben. Nur mit einer neuen Liebe für Madame Nan wird es irgendwie nichts, obwohl Monsieur Boberschram ihr Interesse geweckt hat. Doch daran ist auch die bewegte Geschichte des Elsass wieder nicht unschuldig, was Madame jedoch noch nicht ahnt.

Ich fand es spannend, mit Hilfe des Romans in eine andere Zeit und eine andere Gegend einzutauchen. Meist werden Geschichten, die (auch) in der Zeit des Nationalsozialismus spielen ja aus der Sicht von Deutschen beschrieben, hier erfährt man hautnah, wie es war, zu dieser Zeit im Elsass zu leben. Die Protagonist*innen sind alle auf ihre Art liebenswert, besonders Madame Nan. Manchmal war mir die Erzählweise aber etwas zu ausufernd, manche Begebenheit hätte man auch kürzen oder ganz weglassen können. Gleiches gilt für die Schilderungen der sexuellen Aktivität der Töchter, das ist aber Geschmackssache.


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Veröffentlicht am 20.07.2020

Vegane Ernährung muss weder einseitig noch langweilig sein

Vegan! Das Goldene von GU
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Bei diesem Buch spricht mich auf den ersten Blick vor allem der Untertitel an: "Tierfreie Rezepte zum Glänzen und Genießen". Dieser lässt vermuten, dass es sich nicht (nur) um eine Rezeptsammlung ...

Bei diesem Buch spricht mich auf den ersten Blick vor allem der Untertitel an: "Tierfreie Rezepte zum Glänzen und Genießen". Dieser lässt vermuten, dass es sich nicht (nur) um eine Rezeptsammlung für Einsteiger, was die vegane Ernährung angeht, handelt, sondern durchaus auch ungewöhnlichere Rezepte vorhanden sind. Was den goldenen Einband angeht, kann man sich streiten, auffällig ist dieser sicher, aber ich bevorzuge eher andere Aufmachungen, edles Leinen oder schöne Illustrationen / Fotos. Zum Motto "Glänzen" passt er aber natürlich gut. Das Kochbuch ist fest gebunden und hat 400 Seiten, dadurch macht es einen sehr robusten Eindruck. Durch seine Dicke, ist es nur etwas schwer, es beim gewünschten Rezept aufgeschlagen liegenzulassen, ohne dass es wieder zuklappt.

Das Buch ist in sieben Bereiche unterteilt. Los geht es mit "Veganen Basics". Hier wird zunächst kurz beschrieben, wie man sich auch vegan ausgewogen ernähren kann und wie man Basisprodukte, wie Nussmuß oder Hafersahne selbst herstellen kann. Anschließend folgen unter dem Motto "Frühstücksideen" Müslis, Smoothies und Brotaufstriche. Der Teil "To Go und zwischendurch" enthält Salate Snacks und Fingerfood, "One-Pot-Seelenfutter" stellt Suppen, Eintöpfe und Currys vor, "Hauptgerichte für jeden Tag" sind Gemüse, Pasta und Hülsenfrüchte, "Vegane Klassiker" zum Beispiel vegane Schnitzelvarianten. Zum Abschluss gibt es "Süßes gerührt und gebacken", also Desserts, Cookies und Kuchen. Diese Einteilung finde ich auf jeden Fall sinnvoll und ansprechend.

Nun aber noch zu den einzelnen Rezepten. Neben einige Basics sind auch recht viele kreativere Rezepte vorhanden, die Zutaten auch einmal anders als gewohnt kombinieren oder aus den Küchen aller möglicher Länder stammen. Dennoch sind die einzelnen Komponenten normalerweise unkompliziert in jedem größeren Supermarkt zu bekommen, was mir auch immer sehr wichtig ist. Produkte wie Tofu oder Seitan kommen zum Einsatz, aber das hält sich im Rahmen, vor allem finden sich diese bei den veganen Küchenklassikern, die geschmacklich an Fleischgerichte erinnern sollen. Viele Rezepte sind auch einfach "zufällig vegan". Auf jeden Fall liefert mir das Buch einige neue Inspiration und ich freue mich darauf, diese Rezepte auszuprobieren.


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Veröffentlicht am 06.07.2020

Thea und ihre Nachbarn

Man wird ja wohl noch träumen dürfen
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Physiotherapeutin Thea betreibt ihre kleine Praxis in einer tollen und zugleich etwas skurrilen Hausgemeinschaft. Außerdem kümmert sie sich gerne um ihre recht aufgeweckte Oma, in Liebesdingen tut sich ...

Physiotherapeutin Thea betreibt ihre kleine Praxis in einer tollen und zugleich etwas skurrilen Hausgemeinschaft. Außerdem kümmert sie sich gerne um ihre recht aufgeweckte Oma, in Liebesdingen tut sich bei ihr aber gerade nicht allzu viel und dann wird ihr und ihren Nachbarn auch noch wegen Eigenbedarf gekündigt, was sie vor die nahezu unlösbare Aufgabe stellt, wieder etwas zu finden, wo sie alle gemeinsam unterkommen. Zudem möchte Thea, auch auf das Drängen ihrer Oma hin, nun auch wieder die Augen nach einem potentiellen Partner offen halten.

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. In Thea, die etwa Mitte bis Ende 20 ist, kann ich mich sehr gut hineinversetzen und sie ist mir total sympathisch, wie sie an Probleme herangeht, mit schwierigen Patienten umgeht und ihren Alltag so meistert. Auch die anderen Mitglieder der Hausgemeinschaft sind sympathisch, wenn auch teilweise etwas skurril, aber das trägt zum Unterhaltungswert des Hörbuches bei. Es kommt immer wieder zu amüsanten Vorfällen, der Humor ist dabei aber nie zu plump ausgefallen. Man wünscht sich für diese bunte Truppe auf jeden Fall, dass es am Ende einen Weg gibt, wie sie im Haus bleiben können. Im Verlauf der Handlung ist manches natürlich schon recht leicht vorhersehbar, es kommt aber durchaus auch zu überraschenden Wendungen.

Sowohl der Erzählstil von Kristina Günak als auch die Sprechstimme von Vanida Karun haben mir gut gefallen. Beide waren mir schon von anderen Büchern / Hörbüchern bekannt. Ich mag die Art der Romane von Kristina Günak sehr gerne, sie schreibt sehr lebendig, anschaulich und mit einem angenehmen Humor. Vanida Karun gelingt es sehr gut, das auch beim Hörbuch umzusetzen. Man hört ihr wirklich gerne zu und ich fand es dann sehr schade, dass der Roman so schnell zuende war.

  • Sprecherin
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Gefühl
  • Cover