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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.02.2024

Toller Mix aus Krimi und französischen Savoir-vivre

Der tote Bäcker vom Montmartre
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Der Bäcker des besten Baguettes Paris wird in seiner Backstube tot aufgefunden. Geneviève Morel, die leitende Polizistin beim zuständigen Kommissariat, nimmt die Ermittlungen auf ohne zu ahnen, dass sie ...

Der Bäcker des besten Baguettes Paris wird in seiner Backstube tot aufgefunden. Geneviève Morel, die leitende Polizistin beim zuständigen Kommissariat, nimmt die Ermittlungen auf ohne zu ahnen, dass sie in diesem Fall bald auf die Hilfe ihrer eigenen Familie angewiesen ist. Nur ist das nicht so einfach, schließlich ist Genevièves Familie nicht nur unfassbar reich, sondern trägt vor allem ein großes Familiengeheimnis mit sich herum: sie sind allesamt Kunstdiebe. Alle bis auf Geneviève. Sie steht auf der anderen Seite des Gesetzes.

Die Idee finde ich wirklich toll und die Umsetzung super gelungen. Geneviève ist so herrlich normal, während die Großmutter und sogar Genevièves Kater Merlot ein wenig drüber aber dennoch unfassbar liebenswert sind. Mein absoluter Liebling war Letitia, Genevièves Schwägerin, die als Kunsthistorikerin in die Kunstdieb-Familie Morel eingeheiratet hat. Das Buch lebt von dem französischen Flair und Savoir-vivre. Sowohl Paris als auch die Côte d’Azur sind die perfekten Sehnsuchtsorte und ich hab mich ein wenig gefühlt wie Geneviève; ich wusste gar nicht wo ich jetzt lieber wäre, in der Stadt oder am Meer. Ob des tollen Settings ist fast der Krimiplot ein wenig in den Hintergrund gerückt (aber auch nur fast). Erst passiert gar nicht viel und dann irgendwie alles auf einmal. Wie es meiner Meinung nach bei einem guten und soliden Krimi sein sollte.
Dass Geneviève bei ihren Ermittlungen dann doch ihre Prinzipien über Bord wirft und, entgegen ihrer zu Beginn korrekten Polizeiarbeit, sich im Alleingang in große Gefahr begibt, lässt mich als Leser zwar erstmal aufstöhnen, macht sie aber im Nachhinein betrachtet noch authentischer und nahbarer.

Dieses Buch ist absolut empfehlenswert, sowohl für Krimifans, als auch für nicht so Krimi-affine, dafür aber sehr frankophile Leser. Ich für meinen Teil freue mich auf jeden Fall sehr auf ein Wiedersehen mit Commissaire Morel!

Veröffentlicht am 22.02.2024

Toller Wohlfühlkrimi mit viel britischem Flair

Mrs Potts' Mordclub und der tote Bräutigam
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Sir Peter, Marlows reichster Einwohner wird auf der Party am Tag vor seiner Hochzeit von einem Schrank erschlagen. Seltsam nur, dass Sir Peter selbst Judith auf höchst merkwürdige Weise zu seiner Party ...

Sir Peter, Marlows reichster Einwohner wird auf der Party am Tag vor seiner Hochzeit von einem Schrank erschlagen. Seltsam nur, dass Sir Peter selbst Judith auf höchst merkwürdige Weise zu seiner Party eingeladen hat und dabei so klang, als wüsste er, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Während die Polizei von einem Unfall ausgeht, glauben Judith, Becks und Suzie nicht daran und beginnen zu ermitteln.

Die drei Frauen sind immer noch genauso liebenswert wie im ersten Teil. Jede von ihnen hat auch weiterhin ihre kleinen Problemchen und eigenen Marotten, die sie einfach sehr authentisch wirken lassen, auch wenn die Geschichte und der Krimiplot selbst nicht das sind, was ich als realitätsnah beschreiben würde. Macht aber nichts, weil genau das macht es so besonders. Der Fokus liegt hier nicht unbedingt auf dem klassischen Whodunnit (es gibt nicht so wahnsinnig viele Protagonisten, da hat man doch sehr schnell einen Verdacht) sondern vor allem geht es um das Wie. Die Umstände sind überaus mysteriös. Auf die Auflösung wäre ich niemals gekommen, da hätte ich noch sehr sehr lange grübeln können. Hier gibt es auch für mich den einzigen Kritikpunkt: es gibt seeehr viele Repetitionen. Gefühlte 1000 mal werden die Todesumstände wiederholt und warum die Situation so vertrackt ist. Das war dann doch etwas anstrengend.

Das hier ist der zweite Teil von Mrs Potts Mordclub und entsprechend gibt es im Buch Spoiler zum ersten Teil. Die Kriminalgeschichten an sich sind abgeschlossen, aber da der Mordclub selbst nicht noch einmal ausführlich vorgestellt wird, würde ich empfehlen mit dem ersten Teil zu beginnen, wenn man Judith Potts noch nicht kennt.

Alles in allem ein schöner Wohlfühlkrimi, der zum Miträtseln einlädt und mit einer überraschenden Aufklärung zum Schluss aufwartet. Mir hat dieser Teil fast noch besser gefallen als der erste. Empfehlenswert für alle Cosy Crime Liebhaber!

Veröffentlicht am 20.02.2024

Interessante Reise nach Russland, die sehr nachdenklich macht

Das Philosophenschiff
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Eine 100-jährige Architektin, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihren Eltern auf einem Schiff, einem sog. „Philosophenschiff“, aus Russland ins Exil gebracht wird, erzählt einem Schriftsteller ...

Eine 100-jährige Architektin, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihren Eltern auf einem Schiff, einem sog. „Philosophenschiff“, aus Russland ins Exil gebracht wird, erzählt einem Schriftsteller ihre Lebensgeschichte.

Die Erzählweise von Anouk Perleman Jacob ist Gold. Witzig, intelligent und charismatisch. Man sieht diese 100-jährige eine Zigarette nach der anderen rauchen (irgendwann ist’s auch egal, da tut man alles, dass das Ende schneller kommt), wie sie in ihrem Sessel sitzt und redet und redet und redet.

Ich hatte manchmal Angst, den roten Faden zu verlieren und auch die Erzählerin muss sich hin und wieder bremsen um nicht weiter abzuschweifen. Worauf die Geschichte hinaus will, erfahren wir tatsächlich erst ganz zum Schluss und auch wenn es im Nachhinein betrachtet ein sehr cleveres Ende ist, so habe ich einfach nicht damit gerechnet, dass die Geschichte diese Wendung einschlägt.
Manche Ideen und Personen, wie die der Alice und auch, dass der Schriftsteller (der sich als Köhlmeier selbst outet) neben der Erzählung von Frau Perleman Jacob auch noch weitere Recherchen anstellt, hätte ich mir weiter ausgearbeitet gewünscht. Für mich zunächst vergebenes Potential, da sich hier zwei gute Spannungsfelder hätte entwickeln können. Aber nun ist man am Ende, wie so häufig im Leben, schlauer, was mich dazu verleitet zu denken, dass es gar nicht um das ging, was ich bis zuletzt erwartet habe, sondern es hier keine umfassende Auflösung gibt.

Ob Köhlmeier uns mit der Geschichte noch mehr erzählen wollte? Kann oder muss sogar die Erzählung auf die gegenwärtige Situation in Russland übertragen werden? Das muss wohl jeder nach der Lektüre für selbst sich beantworten. Ich fand die Reise auf dem Philosophenschiff sehr spannend und möchte sie allen empfehlen, die gerne undurchsichtige Geschichten lesen, die einen rätselnd und nachdenklich zurück lassen.

Veröffentlicht am 11.02.2024

Wunderschöne Reise durch die Zeit

Zauber der Stille
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Anlässlich des 250. Geburtstages von Caspar David Friedrich nimmt Illies uns mit auf eine Reise. Dabei wird nicht nur das Leben Friedrichs beleuchtet, sondern vor allem seine Bilder im Laufe der Zeit.

Welche ...

Anlässlich des 250. Geburtstages von Caspar David Friedrich nimmt Illies uns mit auf eine Reise. Dabei wird nicht nur das Leben Friedrichs beleuchtet, sondern vor allem seine Bilder im Laufe der Zeit.

Welche Wege die Bilder teilweise gegangen sind und wieviele tatsächlich auch zerstört wurden, ist wirklich unglaublich spannend. Die Natur und die Sichtweise auf diese ist dabei der rote Faden. Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, die mit den Elementen überschrieben sind und die vorgestellten Bilder, ihre Motive und verschiedenen Stationen über Jahrhunderte, spiegeln jeweils Feuer, Wasser, Erde und Luft wieder.
Es werden dabei historische Ereignisse und Persönlichkeiten beleuchtet, die man nicht unbedingt in einem Buch erwartet hätte: vom Kunstraub aus der Schirn 1994 bis zum Ausbruch des Tambora Vulkans 1815, von Goethe bis Walt Disney.

Fairerweise könnte man hier anmerken, dass die Zeitsprünge etwas verwirrend sein können. Aber da das Buch thematisch und nicht zeitlich geordnet ist und das Leitmotiv der Elemente strikt durchgezogen wird, hatte ich keine Probleme (bzw. war es für mich teilweise einfach nicht relevant in welchem Jahr genau wir uns jetzt befinden) dem Erzählgedanken zu folgen.

Das Buch war nach Liebe in Zeiten des Hasses mein zweites Buch von Illies. Er hat es geschafft mich mit seiner Erzählart und fantastischen Sprache vollends zu überzeugen, sodass ich mich hiermit offiziell und ab sofort wirksam als absoluter Florian Illies Fan oute!

Veröffentlicht am 08.02.2024

Intensiv und grandios

Das Damengambit
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Beth stellt innerhalb weniger Jahre die Männer-dominierte Welt des Schachs auf den Kopf. Nicht nur, dass sie eine junge Frau ist, sie wächst auch noch in einem Waisenhaus auf und wird heimlich vom Hausmeister ...

Beth stellt innerhalb weniger Jahre die Männer-dominierte Welt des Schachs auf den Kopf. Nicht nur, dass sie eine junge Frau ist, sie wächst auch noch in einem Waisenhaus auf und wird heimlich vom Hausmeister des Heimes in Schach unterrichtet. Mit 14 Jahren nimmt sie an ihrem ersten Schachturnier teil und als sie erstmals dem russischen Großmeister Borgov gegenüber sitzt, ist sie noch nicht einmal volljährig.

Hier habe ich tatsächlich erst die Serie gesehen und danach erst das Buch gelesen, weil ich die Geschichte einfach großartig fand. Jetzt kann ich sagen, dass die Serienadaption wirklich toll gelungen ist. Das Buch zeichnet sich allerdings vor allem durch sehr viel inneres Geschehen aus, was eine Fernsehserie nur teilweise vermitteln kann. So ist das Buch viel detaillierter, was die Schachpartien anbelangt. Ehrlich gesagt: ich habe null Ahnung vom Schach und musste sogar googeln was eine Rochade ist, Tevis könnte mir also sonst was erzählen, was Beth da aufs Brett bringt und trotzdem ist es so spannend und hinreißend! Auch der innere Struggle mit sich selbst, wie viel Arbeit Schach tatsächlich ist, der Medikamentenmissbrauch und die Alkoholsucht, all das kommt im Buch besser rüber. In der Serie hatte ich immer das Gefühl Beth fällt das Spiel als Wunderkind im Prinzip in den Schoß und sie muss kaum etwas dafür tun. Das ist im Buch ganz anders, weshalb mir unter dem Strich das Buch auch besser gefallen hat als die Serie (Überraschung!) Was beiden gemein ist: es ist kaum vorstellbar, dass Beth zu Ende noch keine 20 Jahre alt ist!

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die eine spannende und intensive Lektüre mögen und gleichzeitig voll und ganz in die Welt des Schach eintauchen möchten.