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Julia_Matos

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.06.2020

Detailreiche Mordermittlungen in düsterem Setting

Mädchentaufe
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Ich habe kurzentschlossen zugegriffen, weil ich die drei bisher ins Deutsche übersetzten Romane der Autorin mochte. Ich habe dann gemerkt, dass dieser hier anders ist. Es ist ein klassischer Krimi, in ...

Ich habe kurzentschlossen zugegriffen, weil ich die drei bisher ins Deutsche übersetzten Romane der Autorin mochte. Ich habe dann gemerkt, dass dieser hier anders ist. Es ist ein klassischer Krimi, in dem - kapitelweise wechselnd - ein Ermittlergespann wider Willen, Vergewaltigungsopfer, Angehörige und der Täter mit ihrer jeweiligen Gedanken- und Gefühlswelt zu Wort kommen. Man liest stundenlang von kaputten Familien mit fatalen Geheimnissen. Auch die Polizisten stellen ihr Privatleben zurück, ohne dass es ihnen gedankt wird. Die anderen Werke von Loreth Anne White stellten keine Polizisten in den Vordergrund und schafften zwischendrin einen angenehmen Kontrast mit Hoffnung und Liebe. Noch intensiver als sonst ist alles detailliert und realitätsnah beschrieben, bis hin zur Schilderung und Erklärung von Fachbegriffen bei der pathologischen Untersuchung. Das ist einerseits langatmig, andererseits realistisch und mit Lerneffekt.
Ich empfand es als spannend, Rätsel zu sammeln und dann mitzuergründen, wo sich Verknüpfungen und Entdeckungen bei den Ermittlungen ergeben und wie die Figuren interagieren. Ich konnte mir die Charaktere lebhaft vorstellen, sie haben Wiedererkennungswert. Auch das atmosphärische Umfeld im tiefen nordamerikanischen Winter in einer Kleinstadt wird erlebbar gemacht.
Nichtsdestotrotz habe ich in der Mitte erstmal abgebrochen, weil mich die Gewalt, Perversion und Hoffnungslosigkeit aktuell emotional zu sehr belasten. Sollte ich in ein paar Monaten fortsetzen wollen, komme ich bestimmt schnell wieder in die Geschichte hinein.
Es sind mit "Mädchenfang" und "Mädchengrab" bereits zwei weitere Thriller mit Ermittlerin Angie Pallorino im Deutschen für 2020 angekündigt. Wer diesen Auftakt mag, kann sich also auf Nachschub freuen.

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Veröffentlicht am 14.05.2020

Oberflächlich, sachlich, wenig emotional

Grace und die Anmut der Liebe
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Dieses Werk bietet 7 bis 8 Stunden kurzweilige, einfach lesbare Unterhaltung über das Leben der Grace Kelly ab ihrem 17. Lebensjahr, von 1947 bis 1956.
In Teilbereichen habe ich es genossen, Grace Kelly ...

Dieses Werk bietet 7 bis 8 Stunden kurzweilige, einfach lesbare Unterhaltung über das Leben der Grace Kelly ab ihrem 17. Lebensjahr, von 1947 bis 1956.
In Teilbereichen habe ich es genossen, Grace Kelly zu begleiten auf ihrem Weg vom schwarzen Schaf einer reichen Familie bis an die Spitze der US-Filmindustrie. Missfallen hat mir, dass sich dieser Belletristik-Roman streckenweise wie eine nüchterne Biografie liest. Ungewöhnlicherweise wählt die Autorin zwar den allwissenden Erzähler, nutzt dies aber nicht, um verschiedene Perspektiven erlebbar zu machen. In der Gedankenwelt der Hauptfigur geht es brav zu. Es wirkt, als wolle die Autorin Sophie Benedict mit ihrem Debütroman Werbung für diese Schauspielerin betreiben, denn ständig wird hervorgehoben, dass sie fleißig, ambitioniert, freundlich und ohne Allüren auftrat. Um einen echten Menschen abzubilden, bedarf es meines Erachtens mehr Ecken und Kanten. Wenn es zu Konflikten kommt, wäre ich gern tief eingetaucht, um mich hineinfühlen, identifizieren, sympathisieren zu können. Doch häufig (so zum Beispiel bei den Kapiteln 26, 29, 35 und 42) werden elementare Umwälzungen im Schnelldurchlauf abgehandelt, es erfolgen ein abruptes Ende und ein Zeitsprung, anstatt die Leserschaft an inneren Kämpfen, z. B. am Zwiespalt zwischen Liebe, Karriere, Eltern, teilhaben zu lassen. Wonach wählt sie ihre Liebschaften/Beziehungen aus, fragte ich mich des Öfteren. Begehren usw. werden nur angerissen. Die Wortwahl ist oft distanziert und erweckt den Anschein, nirgendwo anecken zu wollen. Der Aufbau-Verlag hätte die unerfahrene Autorin ermutigen sollen, fiktive, direkte Gedanken und Gefühle hinzuzufügen und diese gegebenenfalls in einem Nachwort kenntlich zu machen. Dass es gar kein Nachwort gibt, etwa zur Motivation über diese Künstlerin zu schreiben, oder in komprimierter Form was aus den Persönlichkeiten wurde, ist schade.
Zeit und Orte (hauptsächlich New York) werden beschrieben und der Kontrast zu Hollywood erwähnt. Ich könnte anhand dessen trotzdem nicht festmachen, was an der Künstlerwelt besonders war oder woran sich das New York der späten 1940er und 1950er von anderen Städten in den 1950ern oder 1960ern unterscheidet. Bei „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ von Michelle Marly, Band 9 der Reihe, gelang mir dies besser und auch der Mitfühlfaktor war dort höher.
Ein Lerneffekt zu dieser Persönlichkeit nebst prominenter Wegbegleiter ist eingetreten. Jedoch hätte man diesen mit dem Wikipedia-Artikel in wenigen Minuten erzielt. Das Wiederholen positiver Attribute geht gefühlt nach hinten los, weil sie zu glatt wirkt. Ich bleibe ratlos, was sie außer Talent, Höflichkeit und Fleiß ausmachte. Grace Kelly lässt sich von ihren Eltern emotional erpressen, was die These von der starken, emanzipierten Frau wackeln lässt. Auch die Entscheidung am Ende überzeugt nicht. Ich hätte sie gern näher kennengelernt und verstanden, aber durch die unnahbare, wenig anspruchsvolle Sprache und Erzählart hat es nicht geklappt. Weil mir einige der längeren Sinnabschnitte gefielen und das Hineinschnuppern in die Welt der Schauspielerei interessant ist, war es aber doch Unterhaltung, die ich nicht bereut habe.

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Veröffentlicht am 02.05.2020

Aktueller Hype um dieses Buch übertrieben …

Die Augen der Finsternis
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Zunächst eine Klarstellung: Die Übereinstimmung mit der Realität beschränkt sich auf wenige Worte, nämlich auf den Ort des ersten Auftretens des neuen Virus: Wuhan. Erstveröffentlicht wurde das Buch 1981 ...

Zunächst eine Klarstellung: Die Übereinstimmung mit der Realität beschränkt sich auf wenige Worte, nämlich auf den Ort des ersten Auftretens des neuen Virus: Wuhan. Erstveröffentlicht wurde das Buch 1981 unter dem Pseudonym Leigh Nichols. 1989 wurde es stilistisch und in kulturellen und politischen Aspekten aktualisiert. Der Ursprung des Virus war fortan nicht mehr das russische Gorki, sondern ein Labor in Wuhan. Im Buch wird der Gehirnstamm befallen mit stets tödlichem Ausgang. Auch wenn einem bei so mancher Menschenansammlung oder bei Aussagen gewisser Politiker der Gedanke kommen könnte, dass dies gerade passiert, gibt es bis dato keine Beweise dafür.
Der Satz “Um das Jahr 2020 wird sich eine schwere, lungenentzündungsähnliche Erkrankung über den ganzen Globus ausbreiten, die die Lunge und die Bronchien angreift und sich allen bekannten Behandlungen widersetzt.” stammt nicht aus "Die Augen der Dunkelheit”, sondern aus „Das Ende der Tage: Vorhersagen und Prophezeiungen über das Ende der Welt“, welches im Jahr 2008 erstmals erschien, also wenige Jahre nach dem Ausbruch des SARS-Virus.

Nun meine Meinung zum Buch: Es ist ein kurzer und leicht lesbarer Thriller mit etwas Action, einer unspektakulären Romanze, Schockmoment, Mysterien, Gruselfaktor und paranormalen Aktivitäten, ohne besondere Tiefe oder wissenschaftlichem Anspruch. Ich finde es gut, dass viel auf Psychologie, Beziehungen und Kombinationsgabe abgestellt wird, während Ekel, Blut, Gewalt, Flucht nur in geringer Dosis vorkommen. Die Szene mit dem Boot finde ich witzig-charmant. Es gibt kleine Längen. Die Handlung entwickelt dennoch einen kontinuierlichen Sog. Ich habe mitgegrübelt und wollte immer wissen, wie alles zusammenhängt. Mir gefällt, dass Hauptfigur Tina authentisch als familienbewusste und gleichzeitig starke, emanzipierte Frau auf der Suche nach der Wahrheit skizziert wird. Schön auch die Einblicke durch sie und ihre Putzfrau ins Las Vegas der 1980er. Elliot ist mir zu perfekt, andere Nebenfiguren bleiben blass. Das Ende kommt für meinen Geschmack zu abrupt und wäre noch besser gewesen mit einer zusätzlichen Wendung.
Knappe 4 Sterne. Nichts Besonderes, kein Must-Read, zumal Wuhan / Virus nicht vertiefend betrachtet werden, aber solide Unterhaltung.

Super, dass die Ullstein-Buchverlage sich um diese Neuauflage gekümmert haben, sodass sich jede(r) Neugierige in seiner Muttersprache einen eigenen Eindruck verschaffen kann, ohne Wucherpreise zahlen zu müssen.
Bleibt gesund und munter, beste Grüße.

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Veröffentlicht am 31.03.2020

Langweilig, vorhersehbar, Schwarz-Weiß auf die Spitze getrieben

Der mutige Weg
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Band 5 bildet den Zeitraum Ende März bis Mitte Mai 1895 ab. Band 1 gefiel mir super, mit exotischem Flair, Lerneffekt, elementarer und mehrere Jahre umspannender Handlung mit tiefen Gefühlen. Danach wurde ...

Band 5 bildet den Zeitraum Ende März bis Mitte Mai 1895 ab. Band 1 gefiel mir super, mit exotischem Flair, Lerneffekt, elementarer und mehrere Jahre umspannender Handlung mit tiefen Gefühlen. Danach wurde die Handlung für mich vor allem durch Karl und Hamza getragen. Dieser Band 5 ist sprachlich und inhaltlich unsagbar seicht, mit ausschweifenden und nichtssagenden Details. Beispiel: Kind quengelt zum fünften Mal über die selbe Sache, wird charmant ermahnt, liebevoll angesehen, abgesetzt, hochgehoben, auf den anderen Arm genommen. Die Handlung verläuft vollkommen vorhersehbar. Es passiert exakt das, was ich erwartete. Einige Figuren oder ganze Gruppen sind total fleißig, fortschrittlich, liebevoll, gönnerhaft, mit Kindern, die allesamt Goldschätze sind. Dem stehen Figuren gegenüber, die offensichtlich faul, egoistisch, intrigant, gefühlskalt sind. Das erkennt auch das Personal, bloß die naiven Protagonisten brauchen ewig dafür. Der Kenntniszuwachs ist auf wenige Worte beschränkt. Die Autorin hat keinen roten Faden mehr. Die Reihe verkauft sich gut, also wird immer noch ein neuer Band mit typischem Rezept erdacht, der ein paar Wochen abdeckt. Schade. Ich höre hiermit mit dieser Telenovela-Reihe auf.

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Veröffentlicht am 13.03.2020

Berührend und mit Lerneffekt

Libellenjahre
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Dieser Auftakt zu einer historischen Familiensaga umspannt die Jahre 1930 bis 1949, überwiegend chronologisch wiedergegeben, wobei 1934 bis 1938 nur im Zeitraffer abgebildet werden.
Der Fokus der Geschichte ...

Dieser Auftakt zu einer historischen Familiensaga umspannt die Jahre 1930 bis 1949, überwiegend chronologisch wiedergegeben, wobei 1934 bis 1938 nur im Zeitraffer abgebildet werden.
Der Fokus der Geschichte liegt auf Hauptfigur Constanze von Warthenberg. Aus reichem und angesehenem Hause stammend, jung, hübsch, klug, ohne Standesdünkel, emanzipiert, weltoffen, stark. Autorin Izabelle Jardin gelingt es, sie als liebenswert, verletzlich, unvollkommen darzustellen. War mein Herz erstmal erwärmt, konnte ich mich fantastisch mitfreuen, mitbangen, mitleiden.
Liebe ist reichlich enthalten, vielleicht manchmal ein bisschen romantisch verklärt, aber doch auch mit Reibungspunkten und Dramen, sodass es bodenständig und realistisch wirkt und ich die Daumen für diese Beziehung ganz fest gedrückt habe.
Meine Lieblingsnebenfigur ist die empathische und beratungsstarke Oma Charlotte.

Sehr spannend gerät die Verortung in den “Schlüsselstädten” Danzig, Königsberg und Berlin. Die Weltwirtschaftskrise spielt keine wichtige Rolle in diesem Werk. An vielen anderen Stellen gibt sich das Werk durchaus politisch. Gelungen finde ich die Konversation mit Vater Karl zu Beginn der 1930er. Sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf Gesprächskultur. Da lassen sich Kenntniszuwachs und Denkanstöße mitnehmen. Das Erstarken der Nationalsozialisten inklusive immer schlimmerer Repressalien an Juden und Polen wird erlebbar gemacht. Besondere historische Vorfälle wie z. B. die Bücherverbrennung sind einprägsam eingebettet. Sehr gut gefällt mir, dass die Autorin auf Rollenkonflikte von Staatsdienern und Polnischstämmigen eingeht. Vom Zweiten Weltkrieg bleibt dann niemand verschont. Man erlebt das Geschehen an der Front nicht live. Nichtsdestotrotz geraten die Schilderungen - live, über Briefe oder berichtend im Nachgang - sehr packend.

Stilistisch war es nicht rundum meins. Der allwissende Erzähler lässt in diverse Gedanken und Gefühlswelten eintauchen, gibt dabei viel preis, nimmt auch manchmal vorweg. Ich favorisiere es, zu rätseln und mir eigene Eindrücke zu verschaffen. Fährten sind für meinen Geschmack manchmal zu plakativ gelegt. Das hat Überraschungen/Wendungen verhindert, Entwicklungen vorhersehbar gemacht. Grandios sind die kurzen aussdrucksstarken Sätze, die es nicht nur in Kapitel 1 gibt und die den Mitfühlfaktor bei mir enorm steigerten. Ich vermisse ein erklärendes Nachwort zum Anteil von Fiktion und Wahrheit hinter dieser Handlung, idealerweise noch zur Motivation der Autorin und auf wie viele Bände die Reihe angelegt ist.

Hin- und hergerissen zwischen vier und fünf Sternen vergebe ich vier, weil mich Werke wie “Unter blutrotem Himmel” und “Tage des Sturms” stilistisch noch mehr angesprochen, noch mehr angerührt, überrascht und gebildet haben.

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