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Veröffentlicht am 07.03.2026

„Denn jetzt sind sie alle wieder menschlich.“

Nelka
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Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter ...

Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern hätte Deutschland den Krieg niemals so lange und hartnäckig führen können.
Bei „Nelka“ geht es in der Hauptsache um junge Frauen, die von der Straße weg nach Deutschland verfrachtet wurden wie Vieh und die in Deutschland oftmals noch schlechter als Vieh behandelt wurden. Und trotzdem haben viele durchgehalten, sich mit dem Wenigen am Leben gehalten, was die Herrenmenschen ihnen überließen. Manchmal war es Essen, manchmal ein Lächeln oder ein heimliches Bad im Teich. Nelka, die Hauptperson in diesem Roman, hatte es von Lemberg/Lwiw/Lwow nach Norddeutschland verschlagen, ihre Kenntnisse vom Apfelanbau, die sie vom Vater erfuhr, sind ihr Überlebensmittel, ebenso wie ihre deutschen Sprachkenntnisse. Marten, der Verwalter des Gutes, auf dem sie schuften muss, erkennt ihre Gabe und nutzt sie aus.
Zwischen beiden entwickelt sich eine sanfte Bindung, aber als der Krieg zu Ende ist, kennen beide nur eins: weg vom Gut. Marten aus Angst vor Vergeltung durch die Zwangsarbeiter, Nelka mit dem Ziel, wieder nach Hause zu kommen.
50 Jahre später wird Nelka nach Deutschland reisen, um Marten, den Hof und Gonda, die Tochter ihre Freundin, zu besuchen. Welchen Grund aber diese Reise hat, das erfährt der Leser erst zum Schluss. Da werde ich auch nicht vorgreifen.
Svenja Leiber hat trotz des unmenschlichen Themas eine sehr poetische Sprache für alle Geschehnisse gefunden. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, auch wenn es mich mitunter hat traurig werden lassen. Einiges hat mich sehr an die Erzählungen meiner Mutter erinnert, die mit 14 Jahren auf einem Bauernhof Arbeitsdienst leisten musste, als Deutsche sicher noch privilegiert, als Halbjüdin aber missachtet. Ihre heimliche Freundschaft zu französischen Zwangsarbeitern durfte niemals ans Licht kommen.
Hier ein Zitat, das mir sehr gefallen hat: »Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur«, sagt Nelka, »spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutet, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.«
Mich hat der Roman an „Irina“ von Sasha Colby erinnert, die darin die Geschichte ihrer Großmutter erzählt, und an Natasha Wodins „Sie kam aus Mariupol“ erinnert. Svenja Leibers Buch passt gut dazu, auch wenn es fiktional ist, wirkt es sehr wirklichkeitsnah. Das trifft auch auf die nach dem Krieg weitererzählten Leben von Nelka und Marten zu. Die Herrenmenschen schütteln sich wie Hunde nach dem Bad, darauf bezieht sich auch die Überschrift meiner Rezension, die gleichfalls ein Zitat ist. Die Zwangsarbeiter aber leiden ihr Leben lang.
Am Ende des Buches gibt es ein Nachwort, dass die Entstehung dieses Romans erläutert, das Interesse der Autorin erklärt. Schade, dass dieser in so wohlklingenden Sätzen verfasste Roman im Nachwort Gendersternchen und betont geschlechtergerechte Sprache verwendet. Das hat mich sehr verwundert. Da mir aber der Roman gut gefallen hat, lasse ich dies nicht in meine Bewertung einfließen.
Fazit: Ich gebe eine Leseempfehlung. Für alle, die sich häufig mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, ist die Lektüre eigentlich ein Muss. Die Welt der Zwangsarbeiter wird nicht sehr oft so anschaulich und emotional beschrieben.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Ein familiärer Kreis, Kosmos, Universum, und ein Labyrinth

Mischka
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Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten ...

Mein Interesse an „Mischka“ wurde schon mit dem Namen der Autorin geweckt. Ihre Bücher sind in meiner Erinnerung, ganz besonders „Georg“ hatte es mir angetan. Dass sie wie ich auch, der sogenannten zweiten Generation angehört, wie ich in Ostberlin aufwuchs, das verbindet mich auch gedanklich mit ihr. Nun wieder etwas Neues von Barbara Honigmannzu lesen, darauf freute ich mich. Drei Porträts sind angekündigt im Untertitel und auf dem Umschlag gibt es schon Vorschusslorbeeren von der FAZ. Jetzt ist es Anfang März 2026, es wurden seit Erscheinen im Januar bereits unzählige Rezensionen veröffentlicht. Ich habe sie nicht gelesen, werde das erst tun, wenn meine eigene Rezension beendet ist.
Die Genrebezeichnung Porträt hat bei mir jedenfalls andere Erwartungen aufkommen lassen. Auch das noch ein zweites Mal gelesene Porträt der „Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja [so] hieß sie [Mischka] nämlich in aller Länge, geborene Magidson“ hat meine Erwartungen nur teilweise erfüllt. Die Autorin erinnert sich an Mischka, verwebt eigene Eindrücke, Erinnerungen und Erlebnisse mit den Kenntnissen von Mischka und verliert sich im Labyrinth der sowjetischen Dissidenten und der Intelligenzia. Man braucht eine gehörige Portion Geschichtswissen und Geduld, um das Porträt der Mischka daraus hervortreten zu lassen. Personen, Namen, Gedanken und Ereignisse umgeben die Porträtierte wie ein flirrendes Licht. Ich habe mich selbst jahrelang bei Recherchen zur Biografie meines Vaters mit den 1950er bis 1970er Jahren beschäftigt; DDR, Staatssicherheit, KGB, Gulag, Tauwetter, Westemigranten, DPs, Abschottung, Kalter Krieg, Noel Field, Achmatowa usw. tauchen auch in Mischkas Porträt auf, hinzu kommen unzählige Namen wie Sacharow, Solschenizyn, Kopelew, Meyerhold, andere aus der Theater-, viele auch aus der Kunst- und Kulturszene der damaligen Sowjetunion.
Es gibt Insiderwitze und Insiderwissen, hier habe ich es mit einem Insiderbuch zu tun. „Drei Porträts“. Ein Roman ist es leider nicht geworden, ein Essay würde ich es auch nicht nennen. Was dann? Für wen? Wen interessieren all die Namen und Gegebenheiten, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen, ihren Ursprung vor weit über 100 Jahren haben. Mich lässt das beinahe ratlos zurück, all die Namen verhallen noch beim Lesen. Bis ich auf einen Bekannten treffe, Richard Pietraß, mit dem ich Mitte der 1970er Jahre im Verlag Neues Leben zusammenarbeitete. Er wurde gegangen, ich ging freiwillig.
Erst beim zweiten Lesen über Mischka, ich habe dabei bewusst nur noch das sie Betreffende für mein Gehirn herausgefiltert, finde ich die Frau, die über hundert Jahre alt wurde und ein wahnsinnig interessantes, aber auch entbehrungsreiches Leben lebte. Sie wurde in Riga geboren, war in großbürgerlichen Verhältnissen zu Hause und wendete sich in sehr jungen Jahren dem Kommunismus zu. „Mischka war aus Moskau von der Partei nach Berlin delegiert worden.“ Dort wurde Inprekorr, die Zeitschrift der Komintern, herausgegeben, und das ganz im Sinne der sowjetischen Ideologie und Führung aus Moskau. Mischka wird später wieder nach Moskau zurückbeordert und gerät in das Getriebe aus Verrat und Denunziation, wird noch vor der „Großen Säuberung“ verhaftet und nach dem Schreckensparagraphen 58, in dem alles steckt, was ein Richter benötigt, zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Aber sie wird nicht entlassen im Jahr 1944, als feindliche Ausländerin bleibt sie bis 1946 in Gefangenschaft, es folgen unmenschliche zehn Jahre Verbannung. Ihren ersten Mann, den deutschen Kommunisten Kutschi (Kurt Müller) wähnt sie schon lange tot, sie heiratet Naum, einen Mithäftling, und beide überstehen die eisigen Jahre der Verbannung. Ich kann es mir auch bei wiederholtem Lesen einfach nicht vorstellen, was diese tapfere Frau, was Millionen anderer Menschen im Namen des Kommunismus und Stalinismus geschah. Es ist die Hölle auf Erden. Honigmann, die all das in der kleinen Küche von Mischka in Moskau erfährt, schreibt „All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?“ Es steht mir so wenig wie anderen zu, diese Grauen miteinander zu vergleichen, mein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, mein Vater war jahrelang im Zuchthaus Brandenburg, dass es Orte von menschengemachtem Unrecht, von Mord und Knechtschaft waren, ist aber Tatsache. Wichtig ist, dass es nie vergessen wird, dazu trägt auch dieses Buch bei.
Mischka wird die Moskauer Mama für Barbara Honigmann und diese herzliche, zutiefst menschliche und intellektuelle Verbindung gibt beiden einen großen Halt. Bis zu Mischkas Tod werden sie eng befreundet und verbunden bleiben. Das Ziehkind setzt der Mama ein ehrwürdiges Denkmal.
Das zweite Porträt widmen sich dem Ehepaar Max und Yvette, die die Autorin erst in Straßburg, ihrer Wahlheimat, kennenlernt. Hier wird vor allem vom Überlebenskampf während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg berichtet, von all denen, die lang erwartet nie mehr aus dem Osten zurückkamen und von denen, die nach dem Krieg in Straßburg ein neues jüdisches Leben aufbauten, das bis heute fortbesteht. Auch hier sind es die Erfahrungen und Erinnerungen der Autorin, die den Text zusammenhalten, das jüdische Leben beschreiben, Gemeinsamkeiten und Trennendes in der zusammengewürfelten Gemeinde kurz und klar benennen. Außenstehende befassen sich eher selten mit den Unterschieden zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, so ist das auch ein sehr lehrreiches Porträt geworden.
Dann folgt das Kapitel „Peter Thomas Klaus Wolfgang“, kein Porträt einer einzelnen Person, sondern einer Gruppe, der Gruppe der zweiten Generation, ihrer Schicksalsgemeinschaft, die bis heute nicht aufgelöst ist und sich teilweise in der dritten Generation (Enkelgeneration) wiederfindet. „…das Gemeinsame ist nur unser Herkommen, aber zumeist ohne eine Tradition, ohne Überlieferung, ohne Religion sowieso…“ Die Elterngeneration bemüht sich um Assimilation, die Namen der Kinder sind nicht auffällig, wie man in der Kapitelüberschrift sieht. Ich war wohl mit dem Vornamen Judith eher eine Ausnahme von dieser Regel. Th. hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen, sah im Suizid den Ausweg. Barbara Honigmann schreibt über ihn und die anderen mit Wehmut, keines der Nachkommen kann die Zeit zurückdrehen, die Eltern bleiben schicksalbeladen, manche haben sich vom Stalinismus verabschiedet, manche haben ihn fürs Leben verinnerlicht. In diesem Konglomerat aus Erfahrung und Bürde seinen Weg zu finden, ist zumindest Barbara Honigmann mit ihren Büchern gelungen.
Kritisch anmerken will ich, dass ich ein Personenverzeichnis – insbesondere für Mischkas Porträt – als hilfreich angesehen hätte. Einen Anhang über diese Personen, der einige biografische Details aus dem Inhalt wiederholt und Zusätzliches genannt hätte, würde aus dem kleinen Buch der drei Porträts ein zeit- und kulturhistorisches Nachschlagewerk machen. Vielleicht war das nicht der Ansatz, den die Autorin verfolgt hat, aber mir hätte es gut gefallen.
Wenn man, wie ich, etwas mehr wissen will über einzelne Personen, ist das Internet dann die erste Wahl, interessant die Seite www.gulag.memorial.de, auf der man Kurzbiografien z. B. von Mischka und ihrem ersten Ehemann Kurt Müller findet, aber auch von Naum Slavutzki, Jewgenija Ginsburg oder Alexander Solschenizyn.

Fazit: Interessante Menschen hat Barbara Honigmann für ihr Buch ausgewählt, die Fülle an Namen und Informationen im Porträt „Mischka“ hat mir die Annäherung an die Porträtierte etwas erschwert. Das Porträt „Max und Yvette“ hat mir einen neuen Blick auf die jüdische Gemeinschaft nicht nur in Straßburg gewährt, das Porträt der sog. „Zweiten Generation“ wäre aber intensiver ausgefallen, wenn der Fokus nur auf eine Person aus diesem Kreis gerichtet worden wäre. So verschwindet am Ende diese Gruppe aus meinem Gedächtnis wieder, ohne einen tiefen Eindruck zu hinterlassen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Liebe widersetzt sich der Ordnung

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem ...

Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen, das auch in der Erinnerung einem kritischen Blick besteht. Aber Liebe ist nicht Lego und so baut sie an einer Stelle auf und woanders entgleiten ihr die Gefühle. Nicht einmal das Umräumen ihrer Wohnung lässt sich ohne Widerstände von außen und innen bewerkstelligen, Brinkgreve war immerhin 40 Jahre mit A verheiratet und hat mit ihm zwei nun erwachsene Söhne sowie Töchter aus seiner ersten Ehe. Allen soll alles recht gemacht werden, war nicht geht. Setzt sie ihren Kopf durch, erfährt sie Kritik und Ablehnung. Erst allmählich, das Trauerjahr neigt sich schon dem Ende zu, wird sie selbstbewusster und ruhiger.
Als Brinkgreve und A heiraten, ist sie eine angehende promovierte Wissenschaftlerin, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Feminismus und andere Themen, über die beide diskutieren können, an denen beide interessiert sind, scheinen der Kitt der frühen Beziehung. Noch schmückt sich der etwas ältere Mann, der seine erste Ehe gerade beendet, mit der klugen neuen Frau. Sie sieht diese Zeit so: „Ich verliebte mich nicht nur in den Mann, sondern auch in seine Entourage.“ Ich setze hinzu, auch in seinen Geist. Und sie gibt ihm von Anbeginn an nach, sogar den Verlust ihres eigenen Hauses nimmt sie in Kauf.
Aber als die Kinder kommen, erwartet er auch von einer Professorin gewisse zur Familie passende Eigenschaften. Dass Brinkgreve sich mit Hilfe von Haushaltshilfen Freiräume für ihre Arbeit erschafft, stößt auf wenig Gegenliebe. Im Rückblick lässt sie die Entwicklung an sich vorbeiziehen, erinnert sich an ihre Rückzüge, zuerst nur ins Arbeitszimmer unterm Dach, später auch nach Egmond in das Wochenendhaus. Etwas, das sich nicht jede Frau leisten kann, die Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen will oder muss. Brinkgreve will. Und A nimmt übel, später werden ihr die Söhne verraten, dass auch sie die sich zurückziehende Mutter in gewisser Weise vermissten. Kolleginnen sehen die Rolle der Mutter nicht ausgefüllt und in Gefahr. Dabei versucht Brinkgreve, gerade die sogenannte Sorgearbeit zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Vorwürfe allenthalben.
In ihrem Versuch, die Liebe zu ordnen, schwankt die Autorin zwischen Selbstmitleid und Selbstliebe, zwischen Selbstverleugnung und Selbstbestimmung, dieses „Selbst“ hat ihr im Rückblick das Leben zur eigenen Hölle gemacht. Auch wenn sie irgendwann schreibt „Das Erschaffen einer eigenen Welt bot mir Schutz…“, frage ich „Schutz vor dem Ehemann?“ oder „Schutz vor dem Gedanken, sich von ihm zu trennen?“ Brinkgreve ist klug, sehr klug, sie weiß genau, was eine Trennung bedeutet. Verlust der Gemeinsamkeit, Verlust von Freundschaften, Verlust des Vertrauens der Kinder oder Schlimmeres. All das wollte sie nie, macht sich die Unfähigkeit, diese Entscheidung zu treffen, jedoch auch zum Vorwurf.
Brinkgreve ist sich ihrer selbst nicht sicher, der Ehemann war von Depressionen, oder wie er es nannte, von „Schwermut“ betroffen, Therapien lehnte er ab, die gemeinsame Paartherapie war aus meiner Sicht mit ihm der falsche Weg. Er kapselte sich immer mehr ab, wurde unleidlich, böse und grob in den Umgangsformen. Nur wenn sein Helfersyndrom beansprucht wurde, lebte er freundlich auf. Nicht unbedingt eine Ehe wie aus dem Bilderbuch. Freunde, Bekannte und Kollegen bemerkten diese Stimmungswechsel, konnten ihre Haltung, unbedingt bei ihrem Mann bleiben zu wollen, bald nicht mehr verstehen. „Womöglich konnte ich auch nicht ohne ihn?“. Diese Frage stellt sie sich nun selbst.
Als der Ehemann krank wird, erübrigt sich jeder Gedanke an Flucht, da heißt es „in guten, wie in schlechten Tagen“, dass sie in den schlechten Tagen eine Menge aushalten muss, lässt sich nachvollziehen anhand ihrer Selbsterkenntnisse. Sie war 40 Jahre lang zu nachgiebig, zu anpassungswillig, zu lieb. „Ich kam nicht gegen ihn an.“ Mit dem Aufräumen und Entrümpeln des Hauses kommt sie dann endlich doch gegen ihn an, aber es fällt ihr schwer. Jeder Gegenstand ist eine Geschichte, mit Bedeutung, auch mit schlechter, aufgeladen.
Wenn Eheleute sich plötzlich Mails schreiben, anstatt miteinander zu reden, fühlt sich das fremd an. Erstaunlich, dass Brinkgreve auch hier noch das Schöne und Freundliche sucht und findet, von einem Menschen, der sie offen ablehnt, sie nicht im Fokus haben will, sie lieber nicht ansieht. Wer so sehr sich selbst aufgibt, hat am Ende Schwierigkeiten, sich selbst noch zu sehen und zu erkennen.
Brinkgreve schreibt das alles in einem gut lesbaren Stil, sie ist versiert im Schreiben und Formulieren, aber es gelingt ihr nicht, eine Ordnung in ihre Liebe zu bringen. Ihre Liebe, die so sehr auch Selbstaufgabe war, widersetzt sich. Im Epilog schreibt sie „Das Schreiben war eine Art Studie, … Es legt offen. … Es kleidet Erfahrungen in Worte, die bisher wortlos gespeichert waren. …“
Mich hat dieses Buch trotz der Offenheit nicht sehr berührt, vielleicht ist es so, dass ich das, was ich hier erfahren habe mit einem Seufzer der Erleichterung gelesen habe. Mein Leben war nicht so, ist nicht so. Da möchte ich nicht gern allzu negative Erfahrungen von anderen Frauen haben, die mir die Seele beschweren.
Es ist für Brinkgreve am Ende eine Neuordnung der Gedanken und Erinnerungen, der Gefühle und Schmerzen und auch des Hauses. Sie wird damit weiterleben. Vielleicht ist es das, was Brinkgreve gebraucht hat, einmal alles durchdenken und dann dieses Buch beenden. Der Ehemann A wird dadurch nicht besser und auch nicht schlechter, jedoch kann sie sich der angenehmen, bereichernden Zeit mit ihm wieder ohne Scheu erinnern. Schlechtes wird verblassen, ich wünsche ihr genügend Zeit, das auch zu genießen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Es hört nie auf

Giftiger Grund
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Thomas Knüwer hat sich mir ins Gedächtnis geschrieben mit „Das Haus in dem Gudelia stirbt“, das ist zwei Jahre und einen Deutschen Krimipreis 2024 her, nur erscheint sein neuester Roman, giftgrün-schwarzes ...

Thomas Knüwer hat sich mir ins Gedächtnis geschrieben mit „Das Haus in dem Gudelia stirbt“, das ist zwei Jahre und einen Deutschen Krimipreis 2024 her, nur erscheint sein neuester Roman, giftgrün-schwarzes Cover und 330 Seiten stark. Stark auch der Inhalt, der auf dem giftigen Grund einer verlassenen Tankstelle seinen anziehend abstoßenden Platz hat.
Drei Hauptpersonen bevölkern den neuen Krimi, die Randfiguren sind fast durch die Bank negativ besetzt und fordern keine Sympathiebekundungen heraus. Wer sind die drei? Zuerst ist da Joran, der sieben Jahre zuvor an einem Tankstellenraub beteiligt war und beinahe versehentlich einen Mann mit seinem Messer verletzte. Ergebnis waren sieben Jahre Haft. Als Joran sich zu ebendieser Tankstelle begibt, um die magere Beute von siebenhundert Euro zu suchen, findet er einerseits die Leiche seines ehemaligen Freundes, andererseits aber kein Geld. Aber er lernt auf unsanfte Art Protagonistin Nummer zwei kennen, Charu. Sie ist eine Urbexerin, die sich die Tankstelle als Lost-Place-Location für ihre nächsten Instagram-Videos auserkoren hat. Sie filmt heimlich und filmte dabei unbemerkt das Mädchen Edda, das ihr Videoaccessoire, eine „Glitzerkatze“, geklaut hat. Aus den drei Protagonisten erwächst eine Schicksalsgemeinschaft, die es in sich hat.
Joran hat Geldsorgen, sein Kumpan Marvin versucht ihn erneut auf die schiefe Bahn zu ziehen, Charu lebt bei ihrer Schwester und muss sich mit deren unerquicklichem Freund Mike auseinandersetzen, Edda lebt unter äußerst prekären Umständen, die erst im weiteren Verlauf der Geschichte Konturen annehmen. Alle drei werden immer wieder auf harte Proben gestellt und müssen um Leib und Leben fürchten. Ob es jedem von ihnen gelingt, ein neues Leben zu beginnen, das lasse ich hier offen.
Der Krimi kommt erst langsam in Fahrt, man sollte Geduld haben, beim Lesen wie beim Hören.
Das Buch hat eine klare und angenehm zurückhaltende Typografie. Das Cover wird inklusiver der Innenklappen gut genutzt, leider ist die weiße kleine Schrift auf dem giftgrünen Grund (Inhalt und Autorenvorstellung) auf den Klappen schlecht lesbar, da wäre schwarz die bessere Wahl.
Das Hörbuch wird von verschiedenen Sprechern gelesen, bekommt beinahe einen Hörspielcharakter. Die Stimmen passen gut, es wird sehr lebendig und authentisch gelesen!

Fazit: Ein guter Krimi, ungewöhnliches Ambiente, spannend bis zum Ende.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

„Die stillen Tage sind in der Überzahl“

Das gute Leben
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Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ...

Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ist, wird man selbst urteilen. Über Nadine Schneider wusste ich vor der Lektüre von „Ein gutes Leben“ nur das, was ich als Werbetext und kurze Biografie gelesen hatte. Wochenlang lag das Buch in meinem Reader, zweimal begonnen, und war ich nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Als wäre ich in einem fremden Land, aber kurz hinter der Grenze gestrandet. Der dritte Anlauf ist mir dann gelungen und plötzlich war ich mittendrin, konnte nicht mehr zurück und nicht mehr aufhören zu lesen.
Es gibt bereits zwei Romane von Nadine Schneider, 2021 erschien „Wohin ich immer gehe“ und erst 2025 „Drei Kilometer“. Beide habe ich noch nicht gelesen, aus den Klappentexten weiß ich aber, auch diese spielen wie der neueste Roman in Rumänien, handeln von Rumäniendeutschen, von Flucht, Auswanderung nach Deutschland, Überlebenskämpfen. Ich erinnerte mich z. B. an die Romane „ë“ von Jehona Kicaj oder an „Onigiri“ von Yuko Kuhn, oft geht es in heutigen Romanen um die Probleme von nach Deutschland eingewanderter Frauen, die mit unterschiedlichsten Schwierigkeiten konfrontiert und auch in unterschiedlichsten Milieus zu Hause sind. Das lässt mich auch zurückdenken an meine Mutter und Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland einen Neuanfang nach der Flucht wagen mussten.
Dieser Roman bildet ein ganzes Familienleben ab, beginnend mit Christinas Urgroßmutter, dann mit Anni, die Großmutter, die beinahe eine Mutter für Christina war, und mit Helene, Christinas Mutter, die nach Florida auswanderte, ja, eher flüchtete vor der Enge eines geregelten Mutter-Kind-Daseins. Obwohl es Christina ist, die diese Familiengeschichte erzählt, sie zusammensetzt aus Rückblicken, aus selbst Erlebtem, aus Erdachtem und Erträumten, ist Anni der Mittelpunkt dieses Romans.
Anni stirbt nach einer Herz-OP viel zu früh, jedenfalls für Christina ist es zu früh, denn sie erbt das Häuschen von Anni, in dem sie aufgewachsen ist. Das folgende Zitat steht für mich für den ganzen Roman, es zeugt von Liebe und Herzensbildung: „Wir hatten noch Zeit, da war ich mir sicher, wir hatten Zeit, und ich würde sie fragen können, ich würde einmal an irgendeinem guten Tag meinen Mut zusammennehmen und sie alles fragen, und ich würde mich diesmal nicht abwimmeln, mich nicht mit Floskeln abspeisen lassen und mit der wegwerfenden Handbewegung, dem Ausstoßen der Luft, ich würde diesmal nicht zulassen, dass Anni ihre Vergangenheit mit nur einer Geste aus unserem Sprechen verbannte, dass sie mich mit nur einer Geste um etwas betrog, um das Wissen, wer sie war und wer sie ist.“ Christina setzt ihr mit dem im Roman Erzählten einen Gedenkstein, der nicht schöner und größer sein könnt.
Die Kontaktaufnahme zu Helene, ihrer nicht nur räumlich sehr fernen Mutter, gestaltet sich schwierig. So geht man mit Christina zurück in der Zeit, zu ersten kindlichen Erinnerungen an die rumänische Urgroßmutter, das alte Haus, die sengend heißen Sommertage. Dann wieder erlebt man Anni, die Rumänien verlassen will für ein freies selbstbestimmtes Leben in Deutschland, die ihre Heimat noch heimlich verlassen muss und schwanger ist, die bei ihrem Bruder Unterschlupf und später bei „der Quelle“ eine Arbeit findet. „Die Quelle“ und Frau Schickedanz, das sind Annis lebhafteste Erinnerungen, die sie der Enkelin und wie auch der Tochter immer wieder ins Gedächtnis bringt. Man könnte darüber lachen, aber Anni war das sehr ernst, eigentlich zu Hause fühlte sie sich bei der Arbeit, erst in ihrem eigenen Häuschen, das sie erbte, wird sie doch etwas heimisch.
Das gute Leben, danach hat sich Anni immer gesehnt, nach ihrem Tod bleibt bei Christina und Helene die Erkenntnis „Sie war mit dem Erreichen so beschäftigt, dass sie von dem, was sie erreicht hat, schon gar nichts mehr mitgekriegt hat.“
Jede Generation in diesem Roman hat eigene Erfahrungen, zieht eigene Schlussfolgerungen, so wie das im Leben normal ist. Nachträglich ändert man ein Leben nicht mehr. Aber man kann, wie Christina, an jedem beliebigen Ort der Erde Neues beginnen, das Alte muss man deshalb nicht vergessen.
Fazit: Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, geschrieben mit leichter Feder, die so viel Schweres bewältigen kann. Das Zitat „Die stillen Tage sind in der Überzahl.“ drückt für mich Annis Lebensgeschichte und Christinas Nacherleben aus. Das wunderschöne Cover wird dieses Buch zusätzlich auf dem Ladentisch glänzen lassen.

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