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Veröffentlicht am 21.01.2026

Geheime Sehnsüchte oder der Alltag nach der Orionzeit

Die Liebe, später
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Gisa Klönne hat einen neuen Roman geschrieben, den ich sehr empfehlen kann, ob er ein Frauen-, ein Liebes- oder ein Alltagsroman ist, das müsste jeder Leser für sich entscheiden. Ein bisschen Krimi steckt ...

Gisa Klönne hat einen neuen Roman geschrieben, den ich sehr empfehlen kann, ob er ein Frauen-, ein Liebes- oder ein Alltagsroman ist, das müsste jeder Leser für sich entscheiden. Ein bisschen Krimi steckt auch noch drin, ein Metier, das die Autorin ja bekanntlich gut beherrscht, wenn man an ihre Kommissarin Judith Krieger denkt. Für mich ist die Autorin aber vollkommenes Neuland, nun hat mich dieser Roman neugierig gemacht auf frühere Werke.
Worum geht es im Buch? Kora, um die 60, Journalistin, verheiratet mit Anselm seit etwa 20 Jahren, an Wochenendehe gewöhnt, selbständig und frei, hatte ein Herz-OP. Das hat sie aus der bewährten Bahn geworfen wie ein Tsunami, sie sucht, nachdem sie sich recht gut erholt hat, ihre neue Mitte, eine neue Art zu leben. Dass ihr Ehemann, wohl aus reiner Solidarität, sich in Frührente begeben und nun zu Hause sein neues Betätigungsfeld gefunden hat, ist Koras Seelenzustand nicht gerade zuträglich. Denn Anselm ist schon recht speziell und nun hat er sich einen großen Teich für ihren kleinen Garten in den Kopf gesetzt, um seine geliebten Libellen zu beobachten und ihnen eine Heimstatt zu bieten. Schon etwas schräg, seine Marotten.
Kora versucht auf Zeit dem zu entkommen, beginnt mit einer Reise zu ihrer ehemaligen Dozentin Gabriella, die 85. Geburtstag feiert, und steigt vorher bei ihrem jungen Freund und Bekannten Felix ab. Dass ihr die erste Autofahrt allein etwas aufs Gemüt schlägt, das kann ich gut verstehen. Bei Felix jedenfalls hängt der Haussegen nicht nur schief, er ist in Panik, seine Frau Leonie ist weg. Einfach so, von einem Moment auf den anderen. Die Bayrischen Berge im Winter können da schon Angst machen, ist ihr etwas passiert? Die Frage zieht sich durch das ganze Buch.
Kora aber will nicht so recht ran an eine Sendung zur vermissten Leonie, sie will nicht wieder neu anfangen mit der Journalistentätigkeit, den Talkshows, will frei und unabhängig entscheiden können, was sie macht und wie. Etwas hinderlich ist ihre ununterbrochene Grübelei, sie lässt in langen Sequenzen die „Orionzeit“, ihre Operation, ihren Krankenhausaufenthalt, die Reha immer wieder wie einen Film im Kopf laufen. Erinnert sich sehr an Anselm, der so besorgt und liebevoll war in dieser Zeit. Und trotzdem nervt er sie jetzt, da alles überstanden scheint.
Kora, die von ihrem Vater eine Wohnung in Berlin geerbt hat, nutzt diese als Rückzugsort, beginnt alte Freundschaften wiederzubeleben, aber auch die traurigen Gedanken an die vergangene Zeit, an verlorene Liebe, verlorenes Kind, verlorene Freunde. Bei all dem bleibt sie aber trotzdem die klar und strukturiert denkende Journalistin, macht sich immer wieder neue Aufzeichnungen über genau fünf Dinge, die ihr zu einer Problematik einfallen. Man lernt Kora und Anselm auf diese Weise sehr genau kennen, ihre Gemeinsamkeiten und das, was sie nicht gemeinsam haben. Für Anselm ist das alles zu viel, schon mitten im Teichbau wirft er alles hin und verschwindet ins „Grüne“. Wo er charaktermäßig wunderbar hinpasst.
Mehr will ich über die Handlung nicht preisgeben, das Buch liest sich trotz der Brüche, der wechselnden Orte und Zeiten sehr angenehm flüssig, die Autorin hat eine sehr pointierte und prägnante Sprache, es liest sich einfach „echt“. Das ist es sicher auch, der Roman ist in Teilen autofiktional, was das Ganze umso berührender macht. Die Autorin weiß also genau, worüber sie schreibt, wie einen die eigenen Gedanken ebenso nerven können wie die eigenen Schwächen. Ganz abgesehen von denen der anderen.
Obwohl mir das Cover beim ersten Hinschauen gut gefallen hat, passt es nicht zur Hauptfigur Kora, eher könnte ich es mit der verschwundenen Leonie in Verbindung bringen. Das verwendete Bild heißt Im Gartenatelier, das Grün des Umschlags passt insgesamt gut zu Koras engem Verhältnis zum Garten. Das Orange des Umschlagtitels spiegelt sich im Vorsatzpapier, das Grün im Hardcover. Gut gelungen. Die Textgestaltung gefällt mir auch gut - die fetten Initialen (erste zwei, drei Worte) zu Beginn eines neuen Textabschnitts, die mit dieser Auszeichnungsschrift korrespondierenden Seitenzahlen lockern den Satz angenehm auf, nur für Brillenträger könnte der Text einen Punkt größer gesetzt sein.
Fazit: ein empfehlenswerter Roman, für mich mit 71 war er sicher leichter zu verstehen und berührte mich sehr, als das bei Lesern mit 30, 40 oder 50 der Fall wäre. Aber für alle ist etwas dabei, das zum Nachdenken anregt. Die Frage, was kommt später, was kommt noch alles auf mich oder uns zu, die bewegt Kora und Anselm im Buch, in der Wirklichkeit bewegt sie wahrscheinlich jeden.
5 Sterne
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Neuer Krimi, neuer Ermittler (Rezi fürs Hörbuch)

Minnesota
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Jo Nesbø, der Krimischriftsteller aus Norwegen, siedelt seinen neuen Kriminalroman in Minnesota an, offenbar eine Region, in der Schusswaffen zum täglichen Geschäft gehören und leider auch zu den Todesursachen, ...

Jo Nesbø, der Krimischriftsteller aus Norwegen, siedelt seinen neuen Kriminalroman in Minnesota an, offenbar eine Region, in der Schusswaffen zum täglichen Geschäft gehören und leider auch zu den Todesursachen, die immer wieder zu Diskussionen führen. Ermittler Bob Oz ist die neue Hauptfigur – Harry Hole muss ich nun vergessen –der nun bei Jo Nesbø die Verkaufszahlen ankurbeln wird. Denn auch dieser neue Krimi und seine Protagonisten sind dem Autor gut gelungen. Oz ist natürlich nicht der Liebling der Kollegen, der Vorgesetzten erst recht nicht. Immer wieder gerät er mit den Befehlen in Konflikt. Konflikte hat er aber auch privat, er trägt die Schuld am Tod seiner dreijährigen Tochter Frankie, dieses Motiv wird den ganzen Verlauf des Kriminalfalles begleiten, den Oz nun, ein paar Jahre nach Frankies Tod im Fokus hat.
Die Kriminalstory wechselt ständig von 2016 zur aktuellen Zeit, Oz verfolgt eine Spur, die sich als vollkommen irrsinnig und ekelerregend herausstellt. Um nicht die Spannung zu nehmen, werde ich zusätzlich zu den Infos des Verlages auf dem Cover nichts erzählen. Für mich hat es sehr lange gedauert, bis sich echte Spannung einstellte, das Finale ist wieder ein echtes Nesbø-Finale.
Ich habe das Hörbuch gern gehört, David Nathan ist ein prädestinierter Nesbø-Interpret, er gibt dem Hörer das Gefühl, mittendrin im Geschehen zu sein, was wirklich sensationell ist. Über die Längen kann auch Nathan nicht hinweghelfen, aber sie vergehen dann von selbst. Mir fehlt der alte Harry Hole doch ein wenig, aber zumindest gefällt mir Oz besser als die Figuren aus Der König.

Fazit: eine zurückhaltende Hörempfehlung, 4 Sterne

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Es gibt auch liebenswerte Adrenalinmenschen

Am Hang des Todes
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Beinahe wäre ich verzweifelt, dass mich kein Grauner-Krimi mehr erfreuen würde, da kam wie ein Geschenk vom Himmel Lenz Koppelstätters neues Buch auf mein iPad. Und ausgeruht und zufrieden in ihm nach ...

Beinahe wäre ich verzweifelt, dass mich kein Grauner-Krimi mehr erfreuen würde, da kam wie ein Geschenk vom Himmel Lenz Koppelstätters neues Buch auf mein iPad. Und ausgeruht und zufrieden in ihm nach langer Weltreise der Kommissar der Polizia di Stato Johann Grauner. Der Ispettore Saltapepe und seine Assistentin Tappeiner, unterdessen ein echtes Ehepaar und doch immer noch Partner bei kriminalistischen Ermittlungen, wollen die Gunst der Stunde nutzen und eine Auszeit auf einer Berghütte nehmen. Was auch für den Neapolitaner Saltapepe unterdessen nicht mehr ungewöhnlich ist, der hat sich nämlich an die Bergwelt gewöhnt und fährt auch ganz passabel Ski. Aber wie das so ist mit der Planung in Polizeikreisen, es kommt etwas dazwischen, kaum sind die beiden oben angelangt an ihrer Hütte.
Einer Toter auf der Piste jagt alle von ihren Plätzen, es ist der talentierte Skirennfahrer Philipp Ungerer, den es mitten im Weltcup-Rennen umgehauen hat. Und das kurz vor Weihnachten, mitten im schönsten Südtirol, auf den schönsten Abfahrthängen der Saslong. Wer Südtirol kennt, verspürt wahrscheinlich wie ich die ganze Zeit ein Fernweh sondergleichen, Koppelstätter lässt den Leser mitfühlen, mitrutschen, hinfallen und wieder aufstehen. Aber der Tote steht leider nicht wieder auf, er ist nicht nur gestürzt, er wurde erschossen, so präzise, dass es schon (oder schön?) unheimlich wird. Die Polizisten begeben sich auf die Spuren aller, die mit dem jungen Ungerer zu tun hatten, zuerst seine Eltern, dann der ehemalige, nun verschwundene Skikamerad Armin Waldsteiner, und dessen Eltern, dann noch andere, immer mehr Verdachtsmomente kommen auf. Einzig über jeden Verdacht erhaben ist die alte Frau Mulser, die so fantastische Preiselbeermarmelade fabriziert und verschenkt.
Koppelstätter schreibt sich richtig in Fahrt, es wird spannend und das Ermitteln ist mit einigen Tücken verbunden, mir hat das Lesen solchen Spaß gebracht, es hätte sich noch etwas hinziehen dürfen. Dass Grauner zwischendurch den Staatsanwalt Belli um Frühpensionierung bittet, hat mir die Freude etwas getrübt, ich hoffe bis nächstes Weihnachten überlegt sich der Autor das doch noch einmal anders. Dies war der 11. Fall, da könnte das Dutzend ja noch voll werden. Nur bitte demnächst wieder ohne Spendenaufrufe.
Fazit: Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Dieser ganze Familienkram

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich ...

Mit großer Vorfreude erwartete ich diesen neuen Roman von Alena Schröder. Schon die beiden Romane 2022 „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und 2024 „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ haben mich begeistert. Die Autorin ist unheimlich nah und emotional an ihren Figuren, sie fesselt den Leser, ohne auf verrückte Pointen setzen zu müssen. Es geht eher still zu in ihren Büchern, so auch in diesem mit dem etwas umständlichen Titel „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“, aber es geht unter die Haut, es berührt das Herz, wie sie ihre Geschichte entwickelt. Es scheint fast, als würde sich die Geschichte ohne äußeres Zutun ganz von allein entfalten und von einem kleinen bunten Stück Leinwand zu einem großen Lebensbild werden.
Worum geht es in diesem Buch? Zuerst lernt man das Mädchen Marlen kennen, die dem Todesstrudel von Demmin entkommen ist, nun aber nur noch an eine ertrunkene Mutter und einen mit ihr in die Tiefe gezogenen kleinen Bruder denken kann. Marlen ist Waise und sie ist klein, fast durchsichtig, aber unheimlich stark. Diese innere Stärke wird sie von den ersten Seiten des Buches bis zu seinem Ende tragen. Ich liebe diese Figur, sie hat sich mir tief eingeprägt.
Aber Marlen ist nur eine von vielen Protagonisten, die uns Alena Schröder präsentiert. Marlen lernt 1945 in einem alten Forsthaus bei Güstrow die „Krähenfrau“ Wilma kennen, die sie vor den Russen rettet. Wilma ist die Ehefrau von Jon Engels, DEM Jon Engels, wie es in Güstrow hieß, er war ein bekannter Maler, aber er landete wie viele andere im Krieg und im Kriegsgefangenenlager in der SU. Das stellt sich aber erst später heraus. Wilma ist also allein, hat aber Brurgel, die alte Haushälterin, die schon Jon die Windeln wechselte. Wilma nimmt Marlen mit in ihr Haus, gibt ihr eine Unterkunft und wird sie später adoptieren. Es entwickelt sich eine Zweckgemeinschaft, wie sie so wohl noch nicht in einem Roman beschrieben wurde. Mir ist jedenfalls keiner bekannt.
Die Zeiten wechseln im Buch, einerseits wird die Entwicklung von Marlen über viele Jahre bis 1961 geschildert, andererseits springt die Handlung zwischen 1989 (im Prolog), Marlens Güstrow und 2023 hin und her. 1989 lernt Marlen im Aufnahmelage Marienfelde die Ärztin Dr. Evelyn Borowski kennen, sie hat beschlossen, der DDR den Rücken zu kehren. Zufällig stellen die beiden Frau eine Gemeinsamkeit fest, beide lebten in Güstrow. Das Kennenlernen endet abrupt, aber im Kopf von Evelyn Borowski gehen die Gedanken hin und her. Es ist Weihnachten, ihre Tochter Silvia wird sie mit Enkelin Hannah besuchen. Und damit beginnt Hannahs Part in diesem Roman. Hannahs Familien- und Lebensgeschichte werden aus der Sicht des Jahres 2023 betrachtet und was Hannah erinnert und denkt, setzt ein Wechselspiel der Gefühle in Gang. Hannah ist mit 35 Jahre die Einzige, die übriggeblieben ist in ihrer kleinen Familie, die Großmutter und die Mutter sind beide verstorben, der Vater nicht existent. Bis zu dem Moment, in dem er sich in Erinnerung bringt, mit einem riesigen Blumenstrauß und einem mystischen Gruß von Martin Klammer auf Papa Klammer zu.
Damit ist der Beginn der Familiengeschichte weit genug beschrieben, ich kann jedem, der solche gern liest, dieses Buch wärmstens empfehlen. Sehr oft warte ich sehnsüchtig darauf, dass Romane irgendwann zum Ende und auf den Punkt kommen. Bei Alena Schröder habe ich gänzlich gegensätzliche Empfindungen. Ich bin tatsächlich traurig, dass dieses Buch schon zu Ende ist. Es enthält so viel Lebensweisheit und -freude, so viele Szenen, bei denen man sich direkt zugehörig fühlt, sich hingezogen fühlt zu den Protagonisten, sei es zu Marlen, sei es zu Hannah, ich kann davon gar nicht genug bekommen.
Alena Schröder beschreibt aber nicht nur die Hauptfiguren mir viel Einfühlungsvermögen, es sind auch die Nebenfiguren, die sich zu interessanten Charakteren entwickeln. Um nicht zu viel vom Inhalt zu verraten, bleibe ich hier im Vagen.
Marlen ist es auch, die ich zu meiner Lieblingsfigur in diesem Roman erkoren habe, ihre Liebe und Achtung zu Wilma, auch zu Brurgel, ihr Verantwortungsgefühl für die beiden, die stärker sind als alles andere, ich habe sie tatsächlich dafür bewundert. Sie ist die wahre „Drachenreiterin“ in diesem Buch.
Fazit: Die schöne, schnörkellose Sprache der Autorin ließ mich mit großem Vergnügen diesen Roman erleben. Wenn Lesen zum Erlebnis wird, hat das Buch auf jeden Fall sein Ziel erreicht.

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Veröffentlicht am 13.01.2026

Und Evi war ein Wunschkind

Die glücklichste Familie der Welt
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Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. ...

Ich möchte schreiben, dass das Buch mir gefallen hat, ich möchte schreiben, dass das Buch mir nicht gefallen hat, ich möchte schreiben, dass ich das Buch eigentlich am Anfang von „Freitag“ abbrechen wollte. Und dass ich es vor dem Rezensieren beinahe vollständig noch einmal gelesen habe. Ambivalenter geht es nicht. Und so ist das ganze Buch, anziehend und gleichzeitig abstoßend, liebevoll und voller Wut. Die schwedische Autorin Anna Brynhildsen (Jahrgang 1992) schreibt aus eigener Erfahrung, die Protagonistin Irma ist ihrer Oma nachempfunden, ob sie sich selbst als Sara sieht, das weiß ich nicht, vielleicht, vielleicht ist der Roman autofiktional. Interessant auf jeden Fall.
Wer aber ist Evi? Sie lebt in Schweden, in Malmö, sie hat jüdische Vorfahren. Evis Uroma Irma wurde als Kind nach Schweden mit einem Kindertransport geschickt, ihre Schwester Nina war dabei, ihre Eltern nicht, sie hat sie nie wieder gesehen. Aber sie hat eine Familie gegründet, der jüngere Sohn Mats, der eigentlich Max heißen sollte, ist Evis Vater. Mats Bruder hat auch eine Tochter, Sara, doppelt so alt wie Evi, völlig auf Evi fixiert, mit fundamentalen Ängsten. Da ist Sara nicht allein, auch Evi hatte Ängste, hat versucht Selbstmord zu begehen, hat sich geritzt, und wurde immer mehr zu Außenseiterin. Als jüdisches Mädchen im protestantischen Schweden, in Malmö, von wo oft über Rechtsradikalismus berichtet wird, ist es sicher nicht einfach. Wenn das Mädchen dann noch das Gefühl hat, auch in der eigenen Familie eher die Außenseiterin zu sein, wird es problematisch. Sara versucht, Evi aufzufangen, aber eigentlich braucht sie selbst mehr als ein Netz und doppelten Boden. Denn sie ist schwanger und glaubt, sie wäre als Mutter ungeeignet. Also macht sie einen Termin für eine Abtreibung, aber bitte erst nächste Woche.
Denn für diese Woche ist Berlin geplant. Mats, Evi und Sara wollen im Jüdischen Museum neun Briefe übergeben, die aus dem Nachlass der kürzlich verstorbenen Oma Irma stammen. Letzte Zeugnisse des Holocaust. Initiator der Schenkung ist Mats, Evi und Sara würden die Briefe lieber behalten. Wobei das tatsächliche Interesse am Inhalt eher oberflächlich ist. Mats hat natürlich auch noch ein schwieriges Problem, er will sich von Anna, seiner Frau scheiden lassen, Sara weiß davon, Evi ist ahnungslos.
Mats und Sara treffen sich seit Jahren einmal im Monat in einer Kneipe, besprechen all das Unaussprechliche und sprechen sich immer wieder gegenseitig Mut zu. Und so beginnt nach den ersten umfassenden Familieninformationen, in einem eher holprigen Stil, mit Ortsbeschreibungen, die im „abgespacten“ Wohnviertel gipfeln, und Berichten über Saras Berliner Bekanntschaft Johannes das Kapitel „Freitag“. Ich war von den Tiraden dermaßen genervt, dass ich das Buch abbrechen wollte, aber plötzlich kam im Kapitel „Freitag“ ein Extrakapitel „Wie wir hier gelandet sind“. Ich las von der Familie Wolff aus Pyritz, von den Großeltern und Eltern von Irma und Nina, und es hat mich gepackt. Plötzlich wurde mir das Buch vertraut, plötzlich spürte ich Mitgefühl. Der Stil der Erzählung las sich, als hätte ein neuer Schriftsteller begonnen, das Buch weiterzuschreiben. Irmas Eltern lernten sich in Berlin kennen, das Terrain ist mir vertraut.
Der Leser erfährt die gesamte Familiengeschichte der Wolffs in Häppchen, eingestreut in die Tage von Mats, Sara und Evi in Berlin. Die Berlinbesichtigungen, der „Schoah-Trip“ sind nicht gerade nach Evis Geschmack, der einsame Stolperstein und der mickrige Grabstein von Max Wolff, der Besuch des Jüdischen Museums, nichts reißt sie so richtig mit. Sara gerät auf Abwege, Evi auch, aber keine geht verloren. Entweder hatte ich mich im Laufe der Geschichte an den Schreibstil gewöhnt oder er wurde tatsächlich angenehmer zu lesen. Ich las jedenfalls das Buch bis zum Ende. Und dann gleich noch einmal die wichtigsten Stellen, um die Erinnerung an die Gespräche und Geschehnisse wiederzubeleben, die durch mein frustriertes Lesen gleich wieder in Vergessenheit geraten waren.
Die Holocaust-Thematik mit all ihren tragischen Momenten ist mir sehr vertraut, auch die Problematik der Kindertransporte – die schweren psychischen Belastungen von Kindern wie Eltern inbegriffen. Zur Frage der Traumabewältigung, der Traumavererbung habe ich unzählige Beiträge gelesen. (Ich empfehle hier besonders das Buch „Der blinde Fleck“ von Stephan Lebert und Louis Lewitan.) Und ich kenne das auch aus der eigenen Familie, wer nahe Verwandte durch den Holocaust verloren hat, weiß, wovon ich schreibe. Trotzdem bin ich der Meinung, dass nicht jede psychische Erkrankung von Nachkommen, gleich welcher Generation, aus diesen Traumata entspringt.
Evi ist ein Kind, das in einer Familie großgeworden ist, die mit Irma eine Überlebende in ihrer Mitte hatten, aber jüdisch sein ist nicht nur in Malmö ein Problem, Oma Irma war zum Glück ziemlich pragmatisch. „Sie hatte nie richtig an Gott geglaubt, und jetzt noch weniger. Im Laufe der Jahre hatte man sie so vieles genannt, in Schweden wie in Deutschland: Verräterin, Abtrünnige, unrein.“ Dass auch Juden untereinander ziemlich hässlich zueinander sein können, das hatte Irma noch in Deutschland in der Schule erlebt.
Es ist gleichgültig, wo man lebt, wenn es nicht gerade Israel ist, jüdisch ist immer anders. Als Mats Ehefrau Anne einmal den verbalen Versuch macht, und von der Aliya (Auswanderung nach Israel) als Möglichkeit spricht, stößt sie auf totale Ablehnung. Wir sind Schweden, wir bleiben hier! sagt die Familie. Evi wird sich mit diesem Leben in Schweden, so wie es im Buch durchscheint, auch arrangieren. Bezeichnend dafür sind ihre Wünsche, die sie beim Museumsbesuch auf ein Wünscheblatt schreibt. Ich bin zuversichtlich: Evi wird es schaffen, von jeglichem Trauma Abstand zu finden und zu halten. Sie lebt, hier und jetzt. Aber zu viel Spoilern soll dann doch nicht sein, jeder muss selbst lesen, was Evi gern möchte.
Fazit: Diese Reise nach Berlin ist eine Reise in die Vergangenheit der Zukunft. Keine leichte Lektüre, aber sehr intensiv miterlebbar. Ein eher trauriges Zitat zum Abschluss: „Wenn man geboren wird, ist alles, wie es sein soll, dann wird es langsam immer schlechter.“ Ich würde darauf antworten, dass man es nur selbst besser machen kann. Wenn man Glück hat. Nach reiflicher Überlegung gebe ich dann doch eine Leseempfehlung.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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