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Veröffentlicht am 17.02.2026

Ad infinitum oder eine Liste von Verlusten

Im ersten Licht
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Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches ...

Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches Lesegehirn, zog mich das Buch mit jeder Seite mehr in seinen Bann. Und es war tatsächlich das erste, das ich von diesem Autor überhaupt las. Dabei wohnt er gar nicht weit entfernt von mir (es heißt, an der dänischen Grenze), das hätte ich doch merken müssen!
Zu Beginn ein kleines Zitat: „Adrian Reiter, Sohn eines Postbeamten und seines Zeichens Student mit den Fächern Englisch und Geschichte, und das war die große Wiener Gesellschaft, in der er endlich angekommen war, nur um ihr gleich wieder entfliehen zu wollen.“ Der Roman beginnt um 1914 in Österreich, Kriegsbeginn, später der Große Krieg genannt, noch später Erster Weltkrieg, die Perspektiven änderten sich mit den Jahren, die Größe des Landes auch, der Kaiser perdu, das Meer auch. Adrian, Hauptfigur par excellence in diesem Roman ist von seinem Vater, dem k.uk.-Postbeamten, kriegsunfähig geschlagen mit einer Axt und wird sein Leben lang hinken, und doch dem Vater dankbar sein, der ihm jegliche Teilnahme auch am nächsten Krieg damit unmöglich machte. Adrian, der nach Ende des Krieges in einem Hotel arbeitet, alles von der Rezeption bis zum Kellner zur Zufriedenheit ausführt, lernte die Familie Eller kennen, als er noch sehr jung war, jetzt, nach dem Krieg, in den die beiden Söhne notgedrungen mussten, fehlt der eine, Ernest, offiziell für tot erklärt, was der Familie ein Verhängnis wird. Für Adrian war Ernest sein Leben lang „der junge Herr“, und die Erinnerung an die Verluste der Familie begleitet ihn ein Leben lang. Die alte Frau Eller aber findet Gefallen an dem schweigsamen Adrian, beginnt ihn zu mögen und auch zu achten, gibt ihm die Chance seines Lebens. Er kann studieren, sie schiebt ihn in Richtung Englisch und Geschichte, sie ist eine Engländerin ohne ihr England, ohne ihre Downs, sie sieht in Adrian die Zukunft – als Lehrer, als Gast Englands, und ein wenig als Ersatz für den toten Sohn.
Der zweite Sohn der Ellers (der geborene Unsympath in diesem Buch) ist mit Ildiko verheiratet, die ursprünglich dem jungen Herrn Ernest versprochen war. Ihre Tochter Ernestine wird in Adrian die Onkel sehen, auch wenn sich ihre Wege erst sehr viel später noch einmal kreuzen. Adrian hat auch eine Freundin, aber es gelingt ihm nicht, sein Studium und seinen Charakter in Einklang mit ihrem Leben und ihrem Wesen zu bringen.
Im Ersten Teil des Romans, der „Ernest Eller“ heißt, wird die Familie Eller nach dem Krieg in einer Villa eine Art von Versehrtenheim betreiben, in dem vom Krieg verstümmelte und entstellte Männer eine Zuflucht finden. Die grausamen Verunstaltungen sind eine harte Probe für mich gewesen, die Vorstellung, wie der zartbesaitete Adrian mit diesen Männern die Zeit verbringt, ihre Sorgen, Nöte, Ängste miterlebt, sind so realistisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dabei. Diese Nähe, die Gstrein vermittelt, zieht sich durch das ganze Buch, ist aber nie wieder so hart, so existentiell wie in der Villa.
Adrian Reiter wird später Lehrer in Salzburg, das Englisch, das er lehrt, stellt sich als etwas antiquiert heraus, aber das wissen die Schüler ja nicht, und er begreift es erst im Alter. Was aber in seinem Geschichtsunterricht passiert, das lässt Schlimmes ahnen. Er wird seinen Schülern den Großen Krieg, das k.u.k-Kriegsheldentum und jegliche Schlacht erklären, genauestens über alle kriegstechnischen Details belesen, macht er den Eindruck eines echten Kriegsteilnehmers, wenn nicht Kriegshelden. Die Zeit geht auf 1938 zu, wie Gstrein so wunderbar schreibt „1938 das Jahr, wie gesagt, er (Adrian) siebenunddreißig, drei Wochen nach dem Einmarsch, und zuerst tat niemand, als hätte sich viel geändert, …“
Aber da ist ein ganz besonderer Schüler, Martin Baumgartner, Zitat: „Ein selbstbewusster junger Mann, sehr aufgeschlossen, sehr wach, vielleicht nicht ganz in der Zeit lebend, …“ und für diesen gibt es ein eigenes Kapitel, das aber bei weitem mehr bietet als nur dieses Baumgartners Geschichte. Adrian wird heiraten, es wird einen neuen Krieg geben, man wird von „Leuten wie ihnen“ sprechen, wenn man Juden meint, später wird man von nichts gewusst haben.
Die Geschichte des Adrian Ritter ist aber noch lange nicht vorbei, ich habe sie sehr gern gelesen, ich konnte mich einfühlen in einen vollkommen fremden Menschen, seine Gedanken und Ängste, die ihn bis zum letzten Atemzug begleiten. Seine Erfahrungen, seine Verluste sind spürbar in jedem Satz, ich war mit ihm in den Downs und habe den kalten Nebel gespürt. Ich habe mit ihm auf das Bild vom Engel geschaut, der er vielleicht gern gewesen wäre, aber niemals zu spät.
Mehr kann man doch von einem Roman nicht verlangen, als dass er einen einspinnt in einen Kokon aus Fantasie, den man nie verlassen möchte.
Fazit: Lesen! Unbedingt, wer anfängt, kann nicht mehr aufhören und wird dieses Buch lieben und auf ein Treppchen ganz oben stellen.
Nachtrag: Ich lese fast ausschließlich E-Books, so auch dieses. Dementsprechend weiß ich leider nicht, wie das gedruckte Buch auf dem Ladentisch oder in meiner Hand wirken würde. Das Cover erinnerte mich sofort an Lázár von Nelio Biedermann, das ich auch zuerst ignorierte, weil Pferde, naja, nicht mein Metier sind. Erst eine Rezension brachte mich auf die Spur und ich hörte das Hörbuch. Beim Anblick vom Cover „Im ersten Licht“ sah ich auch zuerst das Pferd, aber ich war ja vorgewarnt, es könnte mehr dahinterstecken als ein Pferdebuch. Und der Titel las sich schon geheimnisvoll. Dass er eine Metapher ist für Dinge, die im ersten Licht geschehen, das findet man heraus beim Lesen. Die Annotation des Buches machte es für mich dann noch klarer, dass das etwas für mich sein würde. Meine Interessen beim Lesen liegen vorrangig im 20. Jahrhundert, besonders in der ersten Hälfte, Weimarer Republik, Nazideutschland, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Nachkrieg. Bei Gstrein beginnt alles im Ersten Weltkrieg, der ist bisher etwas kurz gekommen bei meiner Buchauswahl. Norbert Gstrein war mir zumindest vom Namen her bekannt, Österreich und k.uk.-Monarchie erinnern mich an Joseph Roth, Lemberg an Philip Sands, Wien an den jüdischen Hitler-Arzt Bloch oder Isidor von Sally Kupferberg. Auch darüber hinaus nicht sehr viel Österreichisches in meinem Bücherschrank. Zum Ersten Weltkrieg fallen mir jetzt Ernst Jünger und Erich Maria Remarque ein, beide Deutsche, nicht Österreicher. Mein Interesse war jedenfalls trotz des wenig aussagenden Covers geweckt und ich wurde nicht enttäuscht.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Diese Biografie ergänzt die Romane von Lotte Paepcke eindrucksvoll

Lotte Paepcke
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Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans „Unter einem fremden Stern“, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen ...

Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans „Unter einem fremden Stern“, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen biografische Skizze sowie des zweiten Romans von Lotte Paepcke „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“, beides auch im 8 grad verlag erschienen. Dem Verleger Matthias Grüb und auch den Nachfahren von Lotte Paepcke sei Dank! Mich packte das Lesefieber wie selten: die berührende Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin, die mit viel Glück den Holocaust überlebte und danach voller innerer Kraft und mit hohem Intellekt das neue Leben im Nachkriegsdeutschland und dann in der noch jungen BRD meisterte, auch wieder ein echtes Familienleben haben konnte, das alles fordert mir höchsten Respekt ab.
Die Autorin Gisela Hack-Molitor, die sich bereits mehrfach mit biografischen Arbeiten verdient machte (z. B. über den Verleger Bruno Hauff oder den Neurologen Kurt Goldstein), hat sich intensiv mit den publizierten und veröffentlichten Arbeiten und Interviews der Lotte Paepcke auseinandergesetzt. Offensichtlich hat das Lesen des ersten Romans bei ihr ähnliche Gefühle verursacht wie bei mir. Ich hatte meiner Rezension den Titel "Der Tod hatte mich nicht genommen." gegeben, sie hat ihrem Buch mit dem Untertitel „Es wurde nicht wieder gut“ emotionalen Nachdruck verliehen. Beides ist die Quintessenz aus Lotte Paepckes Leben. Trotzdem kann sie auf Fotos ein zauberhaftes Lachen zeigen, das mich sehr an meine Mutter erinnert, die als Halbjüdin den Holocaust ebenfalls überlebte.
Das „Lebensthema jüdischer Existenz in Deutschland“ wird Lotte Paepcke bekannt machen, sie vertritt vehement ihre Ansichten, Hack-Molitor scheibt dazu „Die Interviews mit Lotte Paepcke sind von ihrer ausgesprochen zurückgenommenen, rational-nüchternen Art geprägt, auch in Bezug auf emotional aufwühlende Erlebnisse.“
Die Biografie zeichnet mit kurzen, prägnanten Passagen das Leben von Lotte Paepcke nach, ihre Jugendjahre, ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, dass sie trotz dieser nach einem Aufenthalt im Ausland mit ihrem Mann Ernst August wieder zurück nach Deutschland kommt, nicht ahnend, dass sie das beinahe das Leben kosten wird. Der Leser erfährt von ihrer Ehe, vom kleinen Sohn Peter, der mit drei Jahren kurz vor den Novemberpogromen getauft wird, trotzdem als Mischling herabgewürdigt wird, von schwierigen (Über-)Lebensbedingungen, von Flucht und zuletzt vom Verstecken in einem Kloster. Es war harte Kost für mich, auch wenn das Buch nicht dick ist, hat es mich sehr berührt und traurig gemacht. Daran konnte auch der gute Ausgang nichts ändern, das beständige Denken und Erinnern fiel sicher auch Lotte Paepcke nicht leicht.
Lotte Paepcke hat nach dem Krieg eine sehr bestimmte, feministische Haltung eingenommen, ob sie es aber wegen der „Geschlechtergerechtigkeit“ für notwendig erachtet hätte, mit häufigen Doppelnennungen den Lesefluss oder in Interviews den Redefluss zu stören, das wage ich zu bezweifeln. Leider kann man die Interviews nicht nachhören, es sei denn, man begibt sich in die Archive des SWR und SR. Nachbarinnen und Nachbarn, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Jüdinnen und Juden, Mitarbeitende (1938 hat wohl niemand so gesprochen), Leserinnen und Leser etc. Über sich selbst schreibt Lotte Paepcke nämlich „… Ich werde nach Deutschland zurückkehren und dort leben als ein Jude.“ Schade, dieses Buch wäre mit Verwendung des generischen Maskulinums weitaus lesbarer geworden.
Hack-Molitor schreibt ja auch, „Die sprachliche Palette Lotte Paepckes ist breit.“ Ich freue mich, dass so in der Biografie auch von ihren Gedichten zu lesen ist! Diese sind nicht Reime im eigentlichen Sinne, sie sind Ausdruck ihres ganzen Denkens und Fühlens, sie bringt damit alles auf einen „Nenner“. Romane werden zu kleinen Kunstwerken der Lyrik ohne Reim. Ich verweigere mich jeglichem Vergleich zu anderen jüdischen Dichtern, Lotte Paepcke hat ihre eigene Sprache, sie muss nicht zu den anderen passen oder sich abheben.
Lotte Paepcke fühlte sich oftmals im Nachkriegsdeutschland nicht wohl, sprach von Angst, wollte trotzdem in der Heimat bleiben, obwohl es nicht mehr „die“ Heimat ist, die sie in ihrer Jugend als solche empfand. Hochspannend die Ambivalenz, die Möglichkeit, Israel als neue, jüdische Heimat zu wählen, schlägt sie aus.
Am Ende beschäftigt sich Hack-Molitor noch einmal mit dem eingangs genannten Roman über Paepckes Vater. Auch dieses Buch lohnt einen zweiten Blick! Und am Ende kann man den Brief des Großvaters Max Mayer an seinen dreijährigen Enkel Peter lesen, den er 1938 kurz vor dessen Taufe schrieb. Es ist kein Brief an ein Kind, sondern an den erwachsenen Peter, es ist das gesamte Lebensvermächtnis dieses kleinen, hoch intelligenten Mannes. „… Erinnerung gehört zum Wesen des Judentums.“ Dieser Satz umfasst alles, was ich empfinde, die Erinnerung an die eigene Familie und ihre Geschichte, an die Juden und ihre Geschichte, begleiten mich unendlich.
Hack-Molitor geht auch auf die aktuelle Lage der Juden in Deutschland und in der ganzen Welt ein. Dieses Buch erschien rund 14 Tage vor dem 7. Oktober 2023, das Massaker der Hamas hat seitdem die Welt noch einmal mehr verändert, die Lage der Juden im ganz alltäglichen Leben verschlechtert, sie werden wieder öffentlich beschimpft und bespuckt, weitere Attentate sind seitdem gefolgt. Für mich ist das die schrecklichste Entwicklung, die die Welt nehmen kann. Meinetwegen muss niemand „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“, die Erinnerungswellen sind ja gut und schön, aber ich erwarte von der Politik einfach eine klare Haltung für die Juden und pro Israel und hoffe, dass ich nicht wie Lotte Paepcke eines Tages auch Angst haben muss um mein Leben und meine Familie. Gerade das Kapitel „Memento“ ist deshalb besonders wichtig für die heutigen Leser.
Ein letztes Zitat, das sich wie ein Vermächtnis und wie eine Warnung liest, will ich noch anfügen: „Ihre [Paepckes] Bücher machen am individuellen Schicksal begreiflich, wie der nationalsozialistische Staatsterror seine Rassenideologie in kürzester Zeit umzusetzen und ein funktionierendes staatsbürgerliches Miteinander zu zerschlagen imstande war.“
Zur Gestaltung und Typografie: Beides gefällt mir sehr, besonders das Cover ist gut gelungen. Die Wahl der Schriften ist vorzüglich, die unterschiedlichen Überschriften, Unterüberschriften und der Text sind eine gute Symbiose eingegangen, für mich eine Freude beim Lesen der schwierigen Thematik. Da hätten auf den Inhaltsseiten aus ästhetischer Typografensicht die Fußnoten sicher gestört. Trotzdem hat es mich etwas gestört, so oft nach hinten blättern zu müssen, denn die Fußnoten (sie heißenF im Buch ja Anmerkungen) auf der Seite mit dem zugehörigen Text wären hilfreich und würden das Lesen nicht ständig unterbrechen. Am Ende ein Dank für die Literaturangaben, ich suche jetzt vor allem noch nach den Gedichten.
Fazit: Die Veröffentlichung dieser Biografie und der Bücher von Lotte Paepcke macht mich sehr froh, aber auch nachdenklich. Ich empfehle die Lektüren allen Geschichtsinteressierten, egal welchen Alters.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Blutsverwandtschaft ist auch nur ein Zufall der Natur

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Dieses wunderbare Hörbuch kann ich jedem empfehlen, der Familiengeschichten liebt! Alena Schröders Roman, den ich vor ein paar Wochen las, hat mir so gut gefallen, dass ich mit dem Hörbuch noch einmal ...

Dieses wunderbare Hörbuch kann ich jedem empfehlen, der Familiengeschichten liebt! Alena Schröders Roman, den ich vor ein paar Wochen las, hat mir so gut gefallen, dass ich mit dem Hörbuch noch einmal den Roman nacherlebte, zauberhaft und empathisch gelesen von Julia Nachtmann.
Meine Lieblingsprotagonistin in diesem Buch wie auch im Hörbuch ist Marlen, sie ist der Ausgangspunkt dieser Geschichte und ihre Lebenserzählung hält das Ganze zusammen. Marlen, die Kriegswaise, dem Selbstmordchaos in Demmin am Ende des Zweiten Weltkriegs entkommen, wird auf ihrer Flucht von Wilma, einer Malersgattin in Güstrow, vor den anrückenden und Frauen vergewaltigenden Rotarmisten gerettet. Ihr zufälliges Zusammentreffen wird zu einer bleibenden Symbiose, die erst nach Wilmas Tod und dem Mauerfall 1989 endet. Marlen wird erst die linke, dann die rechte Hand von Wilma, die selbst endlich Malerin sein kann, am Ende wird sie auch ihre Augen ersetzen. Dass Marlens Malkunst so auf der Strecke bleibt, ist traurig, aber die Wege des Schicksals sind eben manchmal auch traurig.
Der zweite Erzählstrang widmet sich Hannah und ihrer Familie und ihren Familienproblemen, mit jeder Menge Klischees ist sie konfrontiert, Alena Schröder baut diese augenzwinkernd und gekonnt in die Handlung ein.
Unter dem Titel "Dieser ganze Familienkram" habe ich das Buch rezensiert, hier will ich mich kürzer fassen.
Ich habe auch die zwei anderen Bücher, die zu dieser Trilogie gehören, gelesen und gehört. Alena Schröder schreibt einfach das Herz und die Seele an, "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" und "Bei euch ist es immer so unheimlich still" erzählen quasi die Vorgeschichte zu "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel", aber man kann das dritte Buch auch ohne die anderen beiden hören. Ich jedenfalls werde wohl die ersten beiden nun auch noch einmal hören, einfach, weil es Freude macht. Und weil das Ende so rührend schön ist.
Fazit: 100-prozentige Hör- und Leseempfehlung, genau das richtige für Herz und Seele

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 02.02.2026

„Der Tod hatte mich nicht genommen.“

Unter einem fremden Stern
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Die Autorin dieses autobiografischen Romans wurde 1910 in Freiburg im Breisgau geboren. Nur durch Zufall fand ich dieses Buch, von Lotte Paepcke hatte ich noch nie etwas gehört oder gar gelesen. Umso eindrücklicher ...

Die Autorin dieses autobiografischen Romans wurde 1910 in Freiburg im Breisgau geboren. Nur durch Zufall fand ich dieses Buch, von Lotte Paepcke hatte ich noch nie etwas gehört oder gar gelesen. Umso eindrücklicher war die Lektüre dieses schmalen Büchleins, das jetzt bereits zum dritten Mal neu aufgelegt wurde. Der 8 grad verlag macht sich in meinen Augen sehr verdient um dieses Buch, das 1952, noch unter dem fast unmittelbaren Eindruck des Untergangs des Dritten Reichs, der (noch unvollständigen) Erkenntnisse über den Holocaust und eines Versuchs der „Wiedergutmachung“ stand.
Lotte Paepcke war Jüdin, aus gutem Hause, mit hoher Bildung, nach ihrem Jurastudium 1933 mit einem nicht mehr nutzbaren Staatsexamen in der Tasche. Noch vor 1935, als die Nürnberger Gesetze den Juden eine Ehe mit einem Deutschen verwehren, heiratet sie den Geisteswissenschaftler Ernst Paepcke. Eine sogenannte privilegierte Mischehe entsteht, denn sie bekommen einen Sohn, Peter. Dieser ist nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch ein Mischling ersten Grades. Für mich sind diese Termini nichts Neues, der Vater meiner Mutter war Jude. Auch sie erlebte ihre gesamte Schulzeit, Kindheit und Jugend von der Einschulung 1933 bis zur Befreiung 1945 unter Repressalien, ihre „arische“ Mutter beschützte sie so gut es ging. Am Ende ihres Lebens wird sie ähnliche Worte wie die Autorin finden für das Leben danach: »Es wurde nicht wieder gut« (Zitat, Nachwort, S. 117).
Der Roman schildert auf teilweise sehr poetische Weise das Leben der Lotte Paepcke unter dem Hakenkreuz, als heutiger Leser muss man sich erst an den Schreibstil gewöhnen, der viel Gefühl, viele bildhafte Beschreibungen und philosophische Betrachtungen und Zitate enthält. Aber je länger ich las, umso mehr fühlte ich mich in die Autorin ein, immer wieder dabei an meine Mutter, meinen ermordeten Großvater, die vielen Holocaustopfer unter meinen Verwandten denkend.
Zuerst zieht sie mit ihrem Mann vom Rheinland nach Leipzig, ein Unterschied der Mentalitäten, der nicht größer sein könnte. Dort sind beide bedacht darauf, ihre jüdische Identität zu verschleiern und zu verheimlichen, erst als sie eine Meldeadresse nachweisen können, holen sie auch den kleinen Peter, der da schon in die dritte Klasse geht, zu sich. In der Volksschule ist er nur gelitten, eine höhere Bildung wird ihm während der Nazizeit verwehrt sein, so wie es auch meiner Mutter widerfuhr. Peter wird dann aber doch wieder in die Obhut anderer kommen, weil seine Mutter schwer erkrankt. Ihr Ehemann, der immer zu ihr hält, bringt sie nach Freiburg, wo sie sich halblegal aufhält, aber zumindest der Sohn ist bei ihr. Ein Krankenhausaufenthalt endet nach einem Bombenangriff der Alliierten im Chaos, gerettet wird sie durch die wundersame Aufnahme in ein Kloster, in dem auch Peter im Kinderheim leben kann. Diese Klosterzeit bringt ihr nicht nur Erholung, sie erfährt auch Güte und Herzlichkeit, aber kaum einer weiß, dass sie Jüdin ist.
Dass das Leben einer Jüdin in einer Mischehe auch ganz anders enden kann, das erzählt sie am Beispiel ihrer Cousine und Freundin Lilli. Trotzdem sie mit einem „Arier“ verheiratet war und sie gemeinsam fünf Kinder hatten, ließ ihr Mann sich scheiden. Das bedeutete für Lilli den sicheren Tod. Das gleiche Schicksal wird ihre Großmutter erleiden, die sie vor ihrem Abtransport in die Gaskammern nicht noch einmal sehen kann. Diese irreale Schuld, ihre Vorfahrin im Stich gelassen zu haben in jener Zeit, wird sie nie verlieren.
Unabhängig von den persönlichen Umständen, die die Autorin so einprägsam schildert, beschreibt sie auch die Umgebung, die äußeren Umstände, die sie erlebt. Interessant sind die Schilderungen über den Leipziger Brühl, das Pelzhändler- und Kürschnerviertel, das vor 1933 hauptsächlich jüdischen Kaufleute und Kürschner beherbergte. Auch die Zwangsarbeit, die die Autorin leisten muss, wird durch Bombenangriffe nachhaltig verändert. Zuerst ist es eine abgeschlossene Abteilung für jüdische Frauen aus Mischehen, nach den Bombenangriffen besteht die Arbeit aus sinnlosem Aufhäufen von Schuttbergen. Da wirkt ihre spätere Arbeit in der Klostergärtnerei beinahe erfreulich.
Das Nachwort der Autorin (aus dem Jahr 1979) lässt nur einen Schluss zu, vieles würde sie noch heute genauso schreiben. Und sie würde mit dem Wissen um den heutigen Antisemitismus, der besonders nach dem Hamas-Massaker vom 23. Oktober 2023 wieder sehr deutlich und laut auftritt, wahrscheinlich große Angst bekommen vor der Zukunft. Auch ihre Nachkommen melden sich zu Wort, erinnern mit Stolz an ihre Mutter und Großmutter. Dass sie explizit erwähnen müssen, dass der Text nicht nach heutigen Maßstäben lektoriert oder verändert wurde, sondern im Original erhalten bleibt, das scheint dem Zeitgeist geschuldet. Für mich ist das Buch genau richtig, auch wenn es an manchen Stellen etwas pathetisch und langatmig geschrieben ist, fand ich doch auch Stellen, die fast wie eigenständige Lyrik klingen: „Aber die Schritte zum Berg – waren sie nicht noch immer die meinen? Sie hatten mich nicht verlassen: denn aus ihnen wurde der Weg. Die Gedanken und Träume, die ich getragen hatte durch die Straßen meiner Stadt: Sie waren nicht zurückgeblieben zwischen den engen Mauern. Sie hatten sich erhoben und gewölbt zum Raum, so groß wie die Welt, durch die zu gehen mein Schicksal war.“ (Zitat, S. 82)
Fazit: Dieses Buch reiht sich ein in die großen Werke der Holocaust-Literatur. Ich empfehle es aus ganzem Herzen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Viele, vielleicht zu viele Vorschusslorbeeren (Hörbuch)

Niemands Töchter
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Ich kannte den Namen Judith Hoersch bisher nicht, logisch, denn sie hat mit diesem Roman ihr Debüt als Schriftstellerin. Schon dafür gebührt ihr meine Anerkennung, denn in heutiger Zeit einen Roman so ...

Ich kannte den Namen Judith Hoersch bisher nicht, logisch, denn sie hat mit diesem Roman ihr Debüt als Schriftstellerin. Schon dafür gebührt ihr meine Anerkennung, denn in heutiger Zeit einen Roman so prominent bei einem großen Verlag zu veröffentlichen, dazu gehört schon eine große Portion Selbstbewusstsein und auch ein langer Atem. Ich hatte, bevor ich das Hörbuch begann, einige Rezensionen zu "Niemands Töchter" gelesen, einige auf Instagram, einige bei Amazon oder LovelyBooks. Aus Zeitmangel entschied ich mich dann fürs Hörbuch, das die Autorin selbst liest. Und hier begann mein Problem, ich kannte die Leseprobe (immerhin bis zur Seite 36), die mir gut gefallen hat, aber der gleiche Text – vorgelesen von der Autorin – kam mir sehr langatmig und langgezogen vor, die Stimme so langsam und ruhig, ja fast emotionslos. Das hat mich doch sehr enttäuscht.
Die Geschichte um die vier Frauen Marie, Gabriele, Alma und Isabell hat mich trotzdem sehr bewegt, schließlich bin auch ich eine Tochter und ich habe selbst zwei Töchter plus eine Patchworktochter, weiß um Beziehungstragödien und liebevolles An- und Abstoßen. Judith Hoersch bringt die Konflikte, die nicht nur in den Altersunterschieden lauern, sehr einfühlsam in ihrem Roman unter. Und sie löst die Geheimnisse, die unter der Oberfläche lauern, mit gekonnten Wendungen auf.
Judith Hoersch sagt selbst, dass sie "versucht, die tiefe Prägung zu ergründen, die Mütter an ihre Kinder weitergeben." Ja, das ist ihr gelungen und ich kann es aus vollem Herzen bestätigen, ohne meine Mutter würde ich heute auch keine Rezensionen schreiben. Das hat sie mir bereits als Kind in die Wiege gelegt.
Das Cover ist nicht ganz mein Geschmack, aber das liegt vielleicht daran, dass momentan unendlich viele Frauen- und Familienromane ähnlich gestaltet werden.
Fazit: wer gern Familienromane liest bzw. hört, ist hier genau richtig.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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