Ad infinitum oder eine Liste von Verlusten
Im ersten LichtEin Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches ...
Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches Lesegehirn, zog mich das Buch mit jeder Seite mehr in seinen Bann. Und es war tatsächlich das erste, das ich von diesem Autor überhaupt las. Dabei wohnt er gar nicht weit entfernt von mir (es heißt, an der dänischen Grenze), das hätte ich doch merken müssen!
Zu Beginn ein kleines Zitat: „Adrian Reiter, Sohn eines Postbeamten und seines Zeichens Student mit den Fächern Englisch und Geschichte, und das war die große Wiener Gesellschaft, in der er endlich angekommen war, nur um ihr gleich wieder entfliehen zu wollen.“ Der Roman beginnt um 1914 in Österreich, Kriegsbeginn, später der Große Krieg genannt, noch später Erster Weltkrieg, die Perspektiven änderten sich mit den Jahren, die Größe des Landes auch, der Kaiser perdu, das Meer auch. Adrian, Hauptfigur par excellence in diesem Roman ist von seinem Vater, dem k.uk.-Postbeamten, kriegsunfähig geschlagen mit einer Axt und wird sein Leben lang hinken, und doch dem Vater dankbar sein, der ihm jegliche Teilnahme auch am nächsten Krieg damit unmöglich machte. Adrian, der nach Ende des Krieges in einem Hotel arbeitet, alles von der Rezeption bis zum Kellner zur Zufriedenheit ausführt, lernte die Familie Eller kennen, als er noch sehr jung war, jetzt, nach dem Krieg, in den die beiden Söhne notgedrungen mussten, fehlt der eine, Ernest, offiziell für tot erklärt, was der Familie ein Verhängnis wird. Für Adrian war Ernest sein Leben lang „der junge Herr“, und die Erinnerung an die Verluste der Familie begleitet ihn ein Leben lang. Die alte Frau Eller aber findet Gefallen an dem schweigsamen Adrian, beginnt ihn zu mögen und auch zu achten, gibt ihm die Chance seines Lebens. Er kann studieren, sie schiebt ihn in Richtung Englisch und Geschichte, sie ist eine Engländerin ohne ihr England, ohne ihre Downs, sie sieht in Adrian die Zukunft – als Lehrer, als Gast Englands, und ein wenig als Ersatz für den toten Sohn.
Der zweite Sohn der Ellers (der geborene Unsympath in diesem Buch) ist mit Ildiko verheiratet, die ursprünglich dem jungen Herrn Ernest versprochen war. Ihre Tochter Ernestine wird in Adrian die Onkel sehen, auch wenn sich ihre Wege erst sehr viel später noch einmal kreuzen. Adrian hat auch eine Freundin, aber es gelingt ihm nicht, sein Studium und seinen Charakter in Einklang mit ihrem Leben und ihrem Wesen zu bringen.
Im Ersten Teil des Romans, der „Ernest Eller“ heißt, wird die Familie Eller nach dem Krieg in einer Villa eine Art von Versehrtenheim betreiben, in dem vom Krieg verstümmelte und entstellte Männer eine Zuflucht finden. Die grausamen Verunstaltungen sind eine harte Probe für mich gewesen, die Vorstellung, wie der zartbesaitete Adrian mit diesen Männern die Zeit verbringt, ihre Sorgen, Nöte, Ängste miterlebt, sind so realistisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dabei. Diese Nähe, die Gstrein vermittelt, zieht sich durch das ganze Buch, ist aber nie wieder so hart, so existentiell wie in der Villa.
Adrian Reiter wird später Lehrer in Salzburg, das Englisch, das er lehrt, stellt sich als etwas antiquiert heraus, aber das wissen die Schüler ja nicht, und er begreift es erst im Alter. Was aber in seinem Geschichtsunterricht passiert, das lässt Schlimmes ahnen. Er wird seinen Schülern den Großen Krieg, das k.u.k-Kriegsheldentum und jegliche Schlacht erklären, genauestens über alle kriegstechnischen Details belesen, macht er den Eindruck eines echten Kriegsteilnehmers, wenn nicht Kriegshelden. Die Zeit geht auf 1938 zu, wie Gstrein so wunderbar schreibt „1938 das Jahr, wie gesagt, er (Adrian) siebenunddreißig, drei Wochen nach dem Einmarsch, und zuerst tat niemand, als hätte sich viel geändert, …“
Aber da ist ein ganz besonderer Schüler, Martin Baumgartner, Zitat: „Ein selbstbewusster junger Mann, sehr aufgeschlossen, sehr wach, vielleicht nicht ganz in der Zeit lebend, …“ und für diesen gibt es ein eigenes Kapitel, das aber bei weitem mehr bietet als nur dieses Baumgartners Geschichte. Adrian wird heiraten, es wird einen neuen Krieg geben, man wird von „Leuten wie ihnen“ sprechen, wenn man Juden meint, später wird man von nichts gewusst haben.
Die Geschichte des Adrian Ritter ist aber noch lange nicht vorbei, ich habe sie sehr gern gelesen, ich konnte mich einfühlen in einen vollkommen fremden Menschen, seine Gedanken und Ängste, die ihn bis zum letzten Atemzug begleiten. Seine Erfahrungen, seine Verluste sind spürbar in jedem Satz, ich war mit ihm in den Downs und habe den kalten Nebel gespürt. Ich habe mit ihm auf das Bild vom Engel geschaut, der er vielleicht gern gewesen wäre, aber niemals zu spät.
Mehr kann man doch von einem Roman nicht verlangen, als dass er einen einspinnt in einen Kokon aus Fantasie, den man nie verlassen möchte.
Fazit: Lesen! Unbedingt, wer anfängt, kann nicht mehr aufhören und wird dieses Buch lieben und auf ein Treppchen ganz oben stellen.
Nachtrag: Ich lese fast ausschließlich E-Books, so auch dieses. Dementsprechend weiß ich leider nicht, wie das gedruckte Buch auf dem Ladentisch oder in meiner Hand wirken würde. Das Cover erinnerte mich sofort an Lázár von Nelio Biedermann, das ich auch zuerst ignorierte, weil Pferde, naja, nicht mein Metier sind. Erst eine Rezension brachte mich auf die Spur und ich hörte das Hörbuch. Beim Anblick vom Cover „Im ersten Licht“ sah ich auch zuerst das Pferd, aber ich war ja vorgewarnt, es könnte mehr dahinterstecken als ein Pferdebuch. Und der Titel las sich schon geheimnisvoll. Dass er eine Metapher ist für Dinge, die im ersten Licht geschehen, das findet man heraus beim Lesen. Die Annotation des Buches machte es für mich dann noch klarer, dass das etwas für mich sein würde. Meine Interessen beim Lesen liegen vorrangig im 20. Jahrhundert, besonders in der ersten Hälfte, Weimarer Republik, Nazideutschland, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Nachkrieg. Bei Gstrein beginnt alles im Ersten Weltkrieg, der ist bisher etwas kurz gekommen bei meiner Buchauswahl. Norbert Gstrein war mir zumindest vom Namen her bekannt, Österreich und k.uk.-Monarchie erinnern mich an Joseph Roth, Lemberg an Philip Sands, Wien an den jüdischen Hitler-Arzt Bloch oder Isidor von Sally Kupferberg. Auch darüber hinaus nicht sehr viel Österreichisches in meinem Bücherschrank. Zum Ersten Weltkrieg fallen mir jetzt Ernst Jünger und Erich Maria Remarque ein, beide Deutsche, nicht Österreicher. Mein Interesse war jedenfalls trotz des wenig aussagenden Covers geweckt und ich wurde nicht enttäuscht.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.