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Veröffentlicht am 28.03.2026

„Ich konnte keinen Frieden finden.“ (bezieht sich auch auf das Hörbuch)

Zugwind
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Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. ...

Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. Februar 2022 seinen Krieg gegen die Ukraine begann, die Krim aber war bereits bei ihrer Ausreise besetzt und es herrschte Krieg in der Donbasregion. Angekommen in Deutschland beginnt sie ein vollkommen neues Leben, es gelingt ihr, als Ärztin in einer Praxis zu arbeiten, sie und ihr Mann Andrij bekommen eine Tochter Rosa. Für eine junge Frau in Deutschland ist das nicht ungewöhnlich, für eine Ukrainerin ist es ein Weg, der mit zahllosen Hürden garniert ist.
Iryna Fingerova gibt dem Leser bzw. Hörer einen tiefen Einblick in ihr Leben, auch in ihr Seelenleben und besonders auch in das ihrer Landsleute, die seit dem Februar 2022 zu Hunderttausenden nach Deutschland kamen und Zuflucht suchten. Es gelingt ihr, ihre Eltern nach Deutschland zu holen, aber im Hinterkopf bleiben immer Verwandte und Freunde, die in der Heimat in Gefahr sind, die sich in Kellern verstecken müssen oder an der Front kämpfen. Selten habe ich so eindringlich erfahren, welche Seelenpein es für Eltern bedeutet, Söhne zu haben, die sie vor dem Krieg schützen wollen, die aber in der Heimat zur Verteidigung dringend gebraucht würden. Wer schickt seine Kinder freiwillig an diese unmenschliche Front? Wer verlangt von fremden jungen Männern, sich an dieser Front gegen die Russen zu stellen und für die Ukraine zu kämpfen, während man selbst in Sicherheit ist? Es ist ein unauflösbares Dilemma und die Autorin zieht ihre Leser in den Strudel der widersprüchlichen Gedanken. Die Überschrift dieser Rezension ist ein Zitat, das in einem Satz sagt, wie sich das alles anfühlt für die betroffenen ukrainischen Menschen. Mich hat das sehr bewegt.
Dass die junge Ärztin Mira Zehmann, eine nicht religiöse Jüdin, jenseits der geschilderten schmerzlichen Gedanken und Ereignisse über ihre ärztlichen Erfahrungen erzählt, ist verständlich, weniger verständlich ist mir die umfangreiche und oft ironische Art, die Leiden und Charaktere ihrer Patienten zu beschreiben. Vielleicht kann man das als Arzt auch nur so ertragen. Aber es nahm Überhand und war mir ehrlich gesagt teilweise sogar unangenehm. Es steht sehr im Gegensatz zu der feinfühligen Art, mit der sie die „Zugluft“ beschreibt, die sie spürt, selbst wenn alle Fenster und Türen verschlossen sind. Diese Dünnhäutigkeit muss es sein, die die Widersprüche im Roman so hervorstechen lässt. Die Momente mit ihrer Tochter Rosa sind geradezu erbaulich, auch wenn es teilweise erschreckend ist, womit sich ein kleines Kind schon beschäftigt bzw. beschäftigen muss.
Wenn man dem Hörbuch lauscht, dann hat man das Gefühl, die Autorin hätte das Buch der Sprecherin Lisa Hrdina auf den Leib geschrieben. Diese liest es nicht einfach nur vor, sie interpretiert es auf ganz natürliche und authentische Weise, sie wird eine lebendige Mira Zehmann. Obwohl mir der manchmal etwas flapsige Schreibstil nicht immer gefallen hat, muss ich sagen, dass das Zuhören einfach genial war.
Fazit: Ein höchst interessanter Einblick in das Leben ukrainischer Menschen in der deutschen Wahlheimat. Das Zuhören war ein Vergnügen und hat trotzdem sehr nachdenklich gemacht.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Ein spitzes Feuilleton zum Sonntagskaffee

Die Freundin meines Freundes
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Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, ...

Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, das gehört in die Sparte der interessanten Zufälle. Bis heute hat kein Feuilleton in FAZ/FAS oder WELT eine Buchbesprechung gebracht, nur den Kulturredakteuren der Berliner Morgenpost war das Buch wohl aufgefallen, ich stieg also ohne Zögern vollkommen unvoreingenommen ein in diese Runde Literaturgeschichte.
Polly Tieck, geboren als Ilse Amalie Ehrenfried hinein ins „Berliner Bildungsbürgertum“, war mir bekannt, weil ich mit ihr aufs Entfernteste verwandt bin und über sie und ihre Familie bereits einiges recherchiert hatte. Die einzige „persönliche Begegnung“ hatte ich mit ihr 2019 in der Lotte-Laserstein-Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie, als ich ihr Porträt im Original bewundern durfte. Der Bildtext, den ich damals fotografierte, wies im Übrigen keinen Fehler im Namen auf, daher konnte der Fehler in der von Heerde erwähnten Ausstellungsrezension also nicht stammen.
Mit diesem Buch nun ging ein Wunsch in Erfüllung, endlich konnte ich mehr über sie in Erfahrung bringen und – noch viel wichtiger – endlich einige ihrer Texte lesen.
Hans-Joachim Heerde hat nicht nur mühevoll nach ihren veröffentlichten Texten gefahndet, er hat auch eine exquisite Beschreibung der Modedesignerin, Schneiderin, Journalistin, Schriftstellerin und nicht zuletzt auch Lyrikerin geliefert. Nicht nur das Vorwort ist lesenswert und aufschlussreich, auch sein „Versuch einer biografischen Rekonstruktion“ ist sehr gelungen. Ihr erster Ehemann Hellmuth Falkenfeld, über den ich mit Polly Tieck „verschwägert“ bin, wird nicht nur in der Biografie ausführlich erwähnt, sie selbst schrieb auch über ihn in eindeutiger und zweideutiger Weise in ihren Feuilletons, wobei mir das Stück „Ende einer kleinen Konditorei“ eines der liebsten im Buch geworden ist.
Polly Tieck, die ab 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft in ihrer Tätigkeit beschnitten und behindert wurde, hat mit ihrem zweiten, auch jüdischen Ehemann Hans-Georg (später Juan) Aufrichtig Deutschland Ende der 1930er Jahre verlassen können und fand Aufnahme in Chile. Dort stand der Erwerb des Lebensunterhalts an erster Stelle, geschrieben hat sie nach der Emigration wenig, überliefert ist wohl kaum etwas.
Polly Tieck hatte aus erster Ehe eine Tochter, geboren 1917. Ob sie Eva Gabriele oder Eva Gabriela hieß, konnte ich bisher noch nicht klären. Hier im Buch wird sie Eva Gabriele genannt, all ihre öffentlich einsehbaren Reisedokumente sind mit dem Passbild versehen, das im Buch verwendet wird, der Vorname dort ist immer Eva Gabriela. Sie starb an einer schweren Krankheit im Hause ihrer Mutter in Chile bereits 1968, ihr Ehemann nahm sich kurz darauf das Leben. Evas Vater, der unter dem Namen Helmuth Falkenfeld in den USA lebte, verstarb 1954 durch einen Autounfall in New York; ihm ist ein liebevoller Nachruf in der Exilzeitschrift „Aufbau“ gewidmet. Polly Tieck verstarb 1975, ihr Ehemann Juan 1986, beide in ihrem Haus in Viña del Mar.
Nun zu den Feuilletons in diesem Buch: Hans-Joachim Heerde hat rund 400 Texte von Polly Tieck gefunden, aus denen er 65 in dieser Sammlung veröffentlich hat. Er hat sie transkribiert (eine echte Geduldsprobe, denn die Qualität der Originalzeitungen bzw. der vorhandenen Scanns ist oft nicht befriedigend) und vorsichtig bearbeitet, so dass der Leser einen guten Überblick über die Themen und über den Schreibstil von Polly Tieck erhält. Viele der Texte erschienen in der Vossischen Zeitung, oftmals an Wochenenden, und auch in Das Tage-Buch (Berlin), einer Wochenzeitschrift, die im Rowohlt-Verlag bis 1933 erschien. Aber auch Die Modewelt oder Das Unterhaltungsblatt u. a. veröffentlichten ihre Texte. Erstaunlicherweise wurden diese sogar im Ausland, z. B. in Prag oder Buenos Aires, nachgedruckt.
Für mich bedeuten diese Feuilletontexte aber noch etwas anderes: Ich kann wie durch ein Fenster ein Jahrhundert zurückblicken, ich sehe eine Epoche, die oft mit „Die goldenen Zwanziger“ beschrieben wird. Polly Tieck lässt mich wie einen Stillen Teilhaber ihre Erlebnisse und Erfahrungen miterleben, ich gehe mit ihr ins Café, ins Theater, lasse mich lachend von den „vier Unvermeidlichen“ beim Konzert ärgern, über Modebewusstsein belehren und kann mit ihr über Krawatten lästern. Aber so golden waren die Zeiten dann doch nicht, mit dem Wissen von heute sieht man die dunklen Wolken, die sich über Polly Tieck und Deutschland schieben. Mitte der 1920er Jahre aber weiß Polly Tieck das Kommende noch nicht, sie lebt und arbeitet, nutzt ihr Wissen und Können und macht sich einen Namen. Zu jener lang vergangenen Zeit zählten Mühe, körperliche wie geistige Anstrengungen, Leistungsbereitschaft und echter Karrierewillen zu den Eigenschaften, die heute leider oft abfällig betrachtet und dem „bürgerlichen“ Milieu vorgehalten werden. Meine Großmutter, 1899 geboren, hat leider wenig über ihre Jugend und die Jahre vor dem Nationalsozialismus erzählt (das macht jetzt Polly Tieck für sie!), aber ich weiß, dass sie aus der Provinz nach Berlin zum Onkel geschickt wurde, damit sie in Neukölln ein Lyzeum besuchen konnte. Sie kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, aber ihr Vater, ein Schneidermeister, wusste um den unschätzbaren Wert guter Bildung. Das kam ihr ein Leben lang zugute.
Da der Autor in seinem Vorwort schon eine exzellente Zusammenfassung und Bewertung von Polly Tiecks journalistischer/feuilletonistischer Arbeit gegeben hat, ist es schwierig, hier noch etwas Besseres zu formulieren. Deshalb will ich nur über meine Leseeindrücke schreiben, die im Gegensatz zur hochgelobten Thematik manchmal nicht ganz so euphorisch sind. Das liegt wohl vor allem an den heutigen Schreib- und Lesegewohnheiten, ich möchte immer schnell und prägnant zur Pointe kommen, allzu lange, „eloquente“ Texte, wie Heerde sie beschreibt, machen mich doch einigermaßen ungeduldig. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, die Schreiberin las selbst gern ihre Texte, fand sich darin wieder und hatte dann schon die nächste Idee. Sie fand die Ideen in ihrem eigenen Milieu, dem Bildungsbürgertum, und sie schrieb auch für dieses Milieu, wie anders könnte man sich Texte wie „Ifrudot“ oder „Der Kampf um die Schönheit“ erklären, denn der „tägliche Kampf… Also Training, Sport, Luft und Sonne…“ war in den 1920ern wohl kaum etwas, mit dem sich die durchschnittliche Berliner Arbeiterfrau beschäftigte. Dass Polly Tieck sich ob ihrer eigenen Klasse noch Asche aufs Haupt schüttete, weil sie meinte, die Besitzenden wären wohl an allem schuld, das hat mich im Text „Meine Erlebnisse als Geschworene“ dann doch etwas irritiert. Ebenso irritierend fand ich die Kindheitserinnerungen an „die neun Zimmer“, die ihr wie kalte Fratzen entgegenstarrten. Wem wollte sie mit solchen Bekenntnissen imponieren?
Dass Polly Tieck eine Frau von Bildung und Geschmack war, das wird ihr niemand absprechen. Ihr Ressort war die sogenannte „Neue Frau“, damit kannte sie sich aus. Und sie parlierte mit französischen Einsprengseln in ihren Artikeln, mein lang verschollenes Schulfranzösisch reicht leider nicht mehr aus, so dass ich von Zeit zu Zeit ein elektronisches Wörterbuch zu Rate ziehen musste. Mit »Pas sur la bouche« ging es im ersten Text los, Latein fand sich später auch noch, »Dulce et decorum est, pro patria mori.«
Polly Tieck legt in ihre Texte sehr viel Unterschwelliges, man bemerkt bei ihr auch eine kleine Überheblichkeit, die sie ab und an aufblitzen lässt. Da kann sie dann schon mal auf gewöhnliche Leute herabschauen von den Höhen ihres Bildungsbürgertums. Sie versucht es mit fast allen Themen, die der (politische) Alltag bietet, ihren Lesern ihre Gedankenwelt nahe zu bringen, ja, sie regelrecht zu belehren und zu überzeugen. Sei es Kindererziehung, Liebesbeziehung, Pazifismus oder Urlaubsstimmung, zu allem kann sie etwas beitragen. Wie dem auch sei, am Ende ihres Lebens wird Polly Tieck verstanden haben: Die Welt ist kein „goldener Garten“, die Menschheit ist nicht göttlich.
Noch einige Worte zur Buchgestaltung: Der Umschlag ist so passend, dass es besser nicht geht, das Foto der jungen Polly Tieck mit Monokel, Telefonhörer und supermodernem Haarschnitt fällt sofort auf. Und trifft auf den Punkt!

Fazit: Die aufwendige Recherchearbeit von Hans-Joachim Heerde hat das feuilletonistische Werk von Polly Tieck aus den Tiefen der Archive hervorgeholt, so dass dieses Buch durch ein exzellentes Vorwort und einen ausführlichen biografischen Teil zu einem literaturgeschichtlichen, wohl einmaligen Gesamtwerk wurde.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Die Rückblicke der Frauen

Wo der Wind die Namen trägt
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Die Hauptpersonen in diesem Buch sind Frauen ganz unterschiedlicher Art, von der Ärztin bis zur einfachen Bauersfrau, von der Journalistin bis zur Sängerin. Teilweise sind sie miteinander verwandt, teilweise ...

Die Hauptpersonen in diesem Buch sind Frauen ganz unterschiedlicher Art, von der Ärztin bis zur einfachen Bauersfrau, von der Journalistin bis zur Sängerin. Teilweise sind sie miteinander verwandt, teilweise hat sie das Leben an einem Ort zusammengeführt. Die häufig wechselnden Stimmen, Zeiten und Orte machen es dem Hörer nicht so leicht, der Grunderzählung zu folgen. Ich glaube, dass ich dieses Hörbuch wohl als Buch noch einmal in Ruhe lesen werde, denn es birgt eine Vielzahl an interessanten Details ans Licht. Alles spielt sich ab in der Heidelandschaft Lüneburger Heide, immer im Hintergrund der Gedanke an Bergen-Belsen und die Außenlager des KZs.
Ausgangspunkt der Erzählungen sind die Erinnerungen von Inge, 1945 ein Kriegskind, das den Bombennächten aus Hamburg mit ihrer Mutter entfliehen konnte. Die Mutter, eine Kinderärztin, wird im und nach dem Krieg versuchen zu helfen, wo sie kann. Die Tochter Inge lernt einen geigenspielenden Eigenbrötler kennen, der ihr später auch Geigenunterricht geben wird. Jene Inge wird mit 85 Jahren mit ihrer Enkeltochter und ihrem Urenkel Paul noch einmal in die ehemalige Heimat reisen, dabei kommen ihr viele Erinnerungen wieder ins Gedächtnis, tragische und schöne und solche, über die sie ihr Leben lang mit niemandem gesprochen hat.
Eine andere Hauptperson ist Helga, eine Journalistin, die schon vor und im Krieg Lokalreporterin war. Nach Kriegsende ist es für sie schwierig, eine neue Stelle zu finden. Aber irgendwann erhält sie den Auftrag, eine Chronik zu erstellen; sie beginnt, die Einwohner zu interviewen und erfährt wohl auch mehr als ihr manchmal lieb ist. Ihr Tagebuch ist es Jahre nach ihrem Tod, das zu vielen Fragen führt, deren Antworten äußerst schmerzhaft sind.
Die Last der Zeit des Nationalsozialismus liegt wie eine schwere Decke über allem, immer sind die Verbrechen, die in der Lüneburger Heide geschehen sind, in den Gedanken und Erinnerungen aller Protagonisten in diesem Hörbuch unmittelbar präsent. Einzige Ausnahme ist wohl der kleine Paul, Urenkel von Hilde.
Gesprochen wird das Hörbuch von Ruth Reinecke, Tessa Mittelstaedt und Monika Oschek, die alle drei sehr einfühlsam und mit Empathie vorlesen.

Fazit: Eine interessante, mit historischen Tatsachen unterlegte Geschichte, die über viele Jahre hinweg ihre Protagonisten begleitet und in der es auch echte Überraschungsmomente gibt.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Martha ist bewundernswert oder jeder Mensch ist anders komisch

Stunden wie Tage
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Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans ...

Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans und ich wurde nicht enttäuscht. Shelly Kupferberg schreibt so poetisch, lebendig und mit so viel Empathie für ihre Protagonisten, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Ich las die Lebensgeschichte der Frau Martha immer mit Tränen in den Augen, weil ich mit ihr fühlen konnte, als wäre sie meine Verwandte. Meine Oma war auch eine Schneidertochter, machte den Haushalt und kümmerte sich um die Buchführung. Martha erinnert mich ein wenig an sie, besonders mit ihrem stolzen Spruch, mit dem sie sich bei den Brüdern Berkowitz um eine Stelle als Hausbesorgerin bewirbt »Ich bin das einzige Kind sehr gewissenhafter, frommer Menschen. Bescheidenheit, Verantwortung und Sparsamkeit wurden mir in die Wiege gelegt. Ich habe schon früh gelernt zu haushalten.« Wie schwer es ihr mit den Jahren fallen wird, allen Anforderungen gerecht zu werden, das weiß sie da noch nicht. Auch die persönlichen Verflechtungen mit der Familie Berkowitz stehen noch in den Sternen. Denn zuerst lernt Martha – die tatsächlich die begehrte Stelle erhalten hat, inklusive einer Wohnung in dem Schöneberger Mietshaus – ihren Willy kennen. Der ist Briefträger und wird nach längerem Werben dann auch ihr Ehemann. So ganz einfach hat der Willy es auch nicht mit seiner Martha, denn die pflegt die oben beschriebenen Eigenschaften nicht nur für ihr Dienstverhältnis, sie ist auch im Privatleben sehr, sehr sparsam und gewissenhaft. Aber Willy nimmt das gelassen und so verläuft die Ehe wie viele, nur leider ohne Kinder, denn nach dem ersten, verlorenen darf Martha nie wieder schwanger werden.
Kinder sind es aber, die ihren Blick oft anziehen, als ihr Dienstherr Henry Berkowitz sein Töchterchen Liane bekommt, stellt sich ein ganz besonderes Verhältnis ein. Henrys Ehefrau, russische Emigrantin und Sängerin, ist nicht die ideale Mutter; Martha ersetzt Liane zwar die Mutter nicht, aber sicher eine liebevolle Tante. Diese innige Beziehung besteht von der Geburt der kleinen Liane bis an ihr bitteres Ende.
Shelly Kupferberg beschreibt also nicht nur den Lebensweg der Martha, sondern die tragische Lebens- und Familiengeschichten der Berkowitz‘, auch der mit Berkowitz befreundeten Familie Samulewitsch, aber auch der Mitbewohner, Nachbarn und Bekannten. Mich hat dieses Buch sehr berührt, die schwersten Prüfungen, die alle, auch Martha und Willy bestehen müssen, die überleben wollen und es doch nicht immer können, das las sich trotz des angenehmen, leichten Schreibstils der Autorin überhaupt nicht leicht. Es machte mir das Herz schwer, welchen Qualen die Menschen ausgesetzt waren im Nationalsozialismus. Es sind nicht nur die Folterqualen, es ist der psychische Druck, der die Menschen nachhaltig beschädigt hat. Nicht jeder war und ist in der Lage, diese Traumata zu überstehen.
Ein Schlüsselmoment im Roman war für mich die Beschreibung des Badevergnügens von Liane und Remus im Sommer 1940, er erinnerte mich schlagartig an den Film „Hilde“, der die Geschichte von Hilde Coppi und der „Roten Kapelle“ erzählt. Ich hatte nicht, was ich sonst leider viel zu oft tue, das Nachwort zuerst gelesen. Hier wird Shelly Kupferberg die gut recherchierten Details zu diesem Roman erklären. Für mich wurden die Zusammenhänge noch während des Lesens klar, ich verrate hier keine Geheimnisse, das Schicksal von Liane Berkowitz ist öffentlich nachzulesen u. a. bei Wikipedia. Ich erinnerte mich direkt an ihren Namen beim Lesen, sie ist eine der Frauen aus dem Biografienband „Frauen gegen Hitler - Weiblicher Widerstand im ‚Dritten Reich‘“ von Christiane Kruse, erschienen 2024 beim BeBra Verlag. Und sie war eine von 50 Porträtierten, die mir so stark im Gedächtnis geblieben sind.
Zufällig ist auch in meiner weitverzweigten jüdischen Familienhälfte ein Alex Zadik Berkowitz, er hat sich diesen Namen selbst erwählt, wie einen Künstlernamen, und er starb im KZ Buchenwald. Ich habe mich lange und intensiv mit Recherchen zu Holocaustopfern und überlebenden Familienangehörigen beschäftigt, es ist sehr mühsam und aufwendig, bis so ein Buch entstehen kann. Die Hilfe von dem im „Dank“ erwähnten Johannes Tuchel und seinen Mitarbeitern kam auch meiner Arbeit zugute. Mein Vater wurde im Alter von 24 Jahren 1935 wegen Hochverrats zu zwölf Jahren Zuchthaushaft verurteilt, die nach zehn Jahren endete, weil er von der Roten Armee befreit wurde. Wäre er den Nazihäschern Anfang der 1940er Jahre in die Hände gefallen, hätte auch er ein Todesurteil erhalten. Ich hatte das während des Lesens immer im Hinterkopf, wie unsagbar tapfer Liane Berkowitz und all die anderen Widerstandskämpfer waren. Sie wussten, dass ihnen der Tod drohte. Und haben trotzdem mit ihren Aktionen nicht aufgehört.
Fazit: Shelly Kupferberg gelingt es, Menschen, die schon lange tot sind, in das Gedächtnis zurückzuholen, ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen, der einfachen Frau Martha ebenso, wie der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz, wie den Bewohnern dieses Schöneberger Mietshauses oder den Samulewitschs. Und es spielt keine Rolle, ob die Romanfiguren fiktiv oder real sind, ich sehe sie alle symbolisch für die Opfer des Nationalsozialismus. Der wunderbare Schreibstil lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen, es fesselt bis zum Schluss. Absolute Leseempfehlung!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 20.03.2026

Der zerstörte Glaube an Gerechtigkeit

Entscheidung in Spanien
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Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung ...

Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung in Spanien“ war es nicht, erst beim Untertitel bin ich stehengeblieben. Es kamen mir gleich mehrere Bücher, die ich vor Kurzem über Literatur vor und im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, in den Sinn: Uwe Wittstock mit „Februar 33“ und „Marseille 1940“, Uwe Neumahrs „Die Buchhandlung der Exilanten“, das große Nachschlagewerk von Helmut Kiesel „Schreiben in finsteren Zeiten“ und auch Florian Illies‘ „Wenn die Sonne untergeht“. Immer sind es solche Sachbücher, die die Verknüpfung von Geschichte und Literatur/Literaten bezeugen, die mich besonders interessieren. Nun also der Spanische Bürgerkrieg. „Der große Kampf der Literatur 1936-1939“. Ich war gespannt.
Paul Ingendaay ist ein absoluter Kenner Spaniens, seiner Geschichte und seiner Literatur, das bezeugen auch unzählige Artikel zu Schriftstellern, Büchern oder Ereignissen, die er kommentiert hat. Ein Beitrag brachte mich zum Schmunzeln, er erwähnte im Zusammenhang mit Francos 50. Todestag auch einige wichtige Biografien, insbesondere die „monumentale“ von Paul Preston, der er bescheinigte, dass sie „wohl nur Spezialisten von vorn bis hinten durchlesen.“ (FAZ, 18.11.25) Nach der Lektüre von „Entscheidung in Spanien“ bin ich davon überzeugt, dass Ingendaay wohl einer dieser Spezialisten ist. Sein durch Quellen aus Dokumenten und Büchern belegtes Wissen, an dem er mich als Leser teilhaben ließ, hat mich geradezu überwältigt. Aber nicht erschlagen! Das möchte ich betonen, denn Ingendaay ist es gelungen, eine „Erzählung“ (siehe FAZ.net-Podcast „Jakobsweg und Bürgerkrieg“ vom Dez. 2025) zu gestalten, die trotz der vielen Details gut lesbar und verständlich bleibt. Dass er als berufstätiger Autor dieses Werkes auch wirkliches Durchhaltevermögen bewiesen hat, wird einem als Leser spätestens dann klar, wenn man Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Personenregister studiert hat. Aber wer den Jakobsweg schafft, schafft auch dies. Meine Hochachtung vor beidem!
Zum Inhalt: Der Spanische Bürgerkrieg wurde mir in der Schule als ein Kampf der Kommunisten für ein freies Spanien erklärt, wir lernten das Lied „Spaniens Himmel…“ und wir schauten den Film „Hans Beimler – Kamerad“, da war ich gerade 15 Jahre alt und sehr beeindruckt. Dass dieser Krieg ein guter Übungsschauplatz für Hitlers und Mussolinis Soldaten, besonders die Flieger, und für die Technik war, wird allgemein als Wissen vorausgesetzt. Jetzt, 2026, jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum 90. Mal, ich empfinde es als guten Anlass, dieses Buch sehr gründlich zu lesen. Denn es enthält sehr viel mehr als mein damaliges Schulwissen und die bruchstückweise Beschäftigung mit dem Thema in den letzten Jahren (z. B. der Gerda-Taro-Roman „Der Blick einer Frau“, der Film „Liebe am Werk – Gerda Taro & Robert Capa“ oder die Arte-Doku „Der Spanische Bürgerkrieg - Ein langer Weg zur Versöhnung“). Dass es auf Seiten der Republikaner nicht nur Kommunisten waren, die für die Republik kämpften, das wird in diesem Buch überdeutlich, die Rolle der Anarchisten wird herausgehoben, aber auch der Einfluss Moskaus auf die Kriegführung, die die Strategie und Taktik dieses Krieges massiv beeinflusste. Dass es am Ende auch die Übermacht deutscher und italienischer Kampfverbände, insbesondere der deutschen Luftwaffe, war, die den Ausgang des Krieges herbeiführten, wird überdeutlich. Aber dass dieser Krieg dermaßen brutal und blutig auf beiden Seiten geführt wurde, ohne Pardon, das musste ich erst einmal verarbeiten.
Die in diesem Buch – nachdem die Ausgangslage kurz und anschaulich geschildert wurde – nach und nach auftauchenden Schriftsteller, die teilweise auch auf Seiten der Internationalen Brigaden kämpften, aber teilweise auch „nur schauen“ wollten, was in Spanien passiert, haben große Namen: Ernest Hemingway, Orson Wells, Erika und Klaus Mann, ich will sie hier nicht weiter aufzählen, hinzu kamen Fotografen und andere. Dass diese Intellektuellen schreiben, fotografieren und natürlich auch Geld verdienen wollten, liegt in der Natur der Sache. Interessant fand ich die eingestreuten Gedanken und Gefühle von Thomas Mann, der zwar aus der Ferne, aber mit sehr wachem Geist den Ereignissen, soweit er sie verfolgen konnte, seine Aufmerksamkeit widmete. Dass er nicht immer ein empathischer Zuhörer war, selbst wenn der Gast Artur Koestler hieß, verwundert nicht, wenn man seine „Marotten“ kennt. Koestler jedenfalls hat seine klinische Angstneurose das Leben gerettet. Man sollte also auch den Faktor Angst in einem Krieg nicht unterschätzen. An den „Mann“ konnte er diese Erkenntnis nicht so recht bringen.
Den Internationalen Brigaden widmet Ingendaay breiten Raum, aber er betrachtet sie auch mit kritischem Blick. Zitat: „Aber einen Vorteil hat die Republik von Anfang an: Die Kulturwelt – Literaten, Künstler, Musiker, Intellektuelle – ist mehrheitlich auf ihrer Seite. Die kommunistischen Parteien Europas rufen zur Unterstützung der Republik auf, schreiben flammende Artikel und sammeln Geld.“ Sie war aber nicht in der Lage, diesen Vorteil tatsächlich auszunutzen. Dass es maßgeblich an den Kommunisten lag, dass die Spanische Republik nach drei Jahren verlosch und sich der Hass und die grausame Abrechnung der Francisten Bahn brechen konnten, sollte niemand vergessen. Ich denke an die Leichtigkeit, mit der heute nicht genehme politische Gegner von den Linken zu „Faschisten“ degradiert werden. Und dann denke ich daran, wohin dieser ungezügelte Hass führen kann.
Mit dem Kapitel VIER, 1939, endet ein blutiger Krieg, die Opfer sind bis heute nicht alle gefunden, die Narben bis heute nicht alle verheilt. Nach dem Lesen dieses Buches sehe ich Spanien vor mir als eine zerrissene Landkarte, der nördliche Teil geht in blutroten Flammen auf, der südliche erstickt in Blutlachen, der Riss quer durchs Land ist gefüllt mit Toten, verbrannten Büchern, zerstörten Kirchen, zerbombten Städten, hungernden Kindern und trauernden Hinterbliebenen. Vielleicht hätte mich dieses grausame Bild auf dem Buchumschlag eher angezogen als die heile Stadtlandschaft es getan hat.
Fazit: Dieses Geschichtssachbuch liest sich flüssig wie ein Roman, spannend wie ein Krimi und birgt so viele interessante Details, dass ich es gleich noch einmal lesen möchte. Der Spanische Bürgerkrieg ist mir erstmals wirklich nahe gekommen mit all seiner Tragik und mit der (wiederholten) Erkenntnis, dass Kriege immer nur Verlierer hervorbringen, auch wenn sie meinen gewonnen zu haben. Unbedingte Leseempfehlung. Fünf Sterne sind eigentlich nicht ausreichend für die Bewertung.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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