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Veröffentlicht am 31.03.2026

Tatort Wald

Tatort Trelleborg - Gunni Hilding ermittelt
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Der schwedische Autor Mattias Edvardsson startet mit diesem Kriminalroman eine neue Reihe, „Gunni Hilding ermittel“. Gunni ist eine junge Polizistin mit einer düsteren Vergangenheit, die kurzfristig vom ...

Der schwedische Autor Mattias Edvardsson startet mit diesem Kriminalroman eine neue Reihe, „Gunni Hilding ermittel“. Gunni ist eine junge Polizistin mit einer düsteren Vergangenheit, die kurzfristig vom Streifendienst an die Kriminalpolizei ausgeliehen wird. Da hat sie es als Neue nicht leicht, aber sie versucht, den aktuellen Fall möglichst faktenbasiert aufzuklären. Das ist der neueste Fall: ein Junge, Robin Falk, fährt mit seinen zwei Nachbarsjungen zum Spielen in den nahen Wald – und verschwindet. Sie wohnen im sehr kleinen, abgeschiedenen Örtchen Gabeljung in der Nähe von Trelleborg. Die Nachbarn werden teilweise als merkwürdige Kauze beschrieben, manche unsympathisch, manche mitfühlend, manche raubeinig. Robin lebt mit seiner Mutter Lola und dem jüngeren Bruder Filip bei Tony Jönsson, seinem ziemlich barschen, rechthaberischen Stiefvater. Nachdem die Nachbarskinder Dennis und Daniel aus dem Wald zurückkommen und niemand weiß, wo Robin ist, macht sich das Dorf auf die Suche. Der kleine Robin wird erschlagen aufgefunden und es beginnt eine verzweifelte Suche nach dem Täter, die Polizei verdächtigt fast jeden, auch im Dorf gibt es Hinweise auf einige Einwohner, zwei junge Burschen werden verdächtigt, der Stiefvater auch, ein Sonderling namens „Ekel-Bengt“ erhält Polizeibesuch und ein Nachbar, Allan, wird auf Grund von Hinweisen in Untersuchungshaft genommen. Aber keiner gesteht, so dass ein Psychologe hinzugezogen wird, der die beiden Freunde von Robin wegen ihrer Erinnerungslücken befragen soll. Dies erschien mir sehr manipulativ, aber die Ermittlungen werden eingestellt, der Verdächtige entlassen und die Kinder werden nach ihrem fragwürdigen Geständnis als die Täter benannt.

Der Autor beschreibt die Szenerie wie auch die Protagonisten sehr lebendig, ich konnte mich recht gut in die Situation hineinversetzen. Aber er beschreibt auch sehr ausführlich und die Vorgeschichte von Gunni, die wird aus meiner Sicht so sehr betont, dass der Kriminalfall in den Hintergrund gerät. Gunni leidet offensichtlich an starken Minderwertigkeitskomplexen, aber trotzdem, oder gerade deshalb will sie als Polizistin den Menschen unbedingt helfen. Außerdem liegt ihr wohl viel daran, mit der Kollegin Inga Sjölin zusammenzuarbeiten. Aber es läuft nicht alles nach Wunsch.

So sehr ich mich schwertat mit dem ersten Teil, so sehr gefiel mir der zweite. Als hätte ein anderer Schriftsteller die Macht ergriffen und bringt jetzt Spannung ins Geschehen. Ja, vielleicht musste erst mal fünf Jahre vergehen, vielleicht ganz gut, dass die übersprungen wurden und die Ereignisse im Rückblick erzählt werden. Es wurde endlich spannend, immer wieder neue Verdachtsmomente, neue Schrecksituationen – besonders für Lola, Robins Mutter –, und Gunni wird wohl doch eine richtige Ermittlerin und bleibt nicht ein Leben lang Streifenpolizistin. Der zweite Mord, der in diesem Krimi geschieht, bringt eine Lawine ins Rollen, bei den Ermittlungen und bei den Menschen. Das ist gut gemacht.

Dieses Buch macht klar, dass Verdachtsmomente, Beschuldigungen und "Gefühle" eine Aufklärung sehr beeinflussen können, eben auch ins Negative. Was Menschen durchmachen, die wegen falscher Beschuldigungen kein normales Leben führen können, das geht schon sehr an die Nieren beim Lesen. Es ist ja „nur“ ein Krimi, aber das Schicksal von Daniel und Dennis, das hat mir tatsächlich viele Gedanken gemacht.

Fazit: Ein solider Krimi, der im zweiten Teil deutlich an Fahrt zulegt und Lust auf eine Fortsetzung macht.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

„Nichts außer Charlotte.“

33 Place Brugmann
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„Nichts außer Charlotte.“ denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ...

„Nichts außer Charlotte.“ denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ist es zumindest für mich nur diese Charlotte Sauvin, die mich fesselte.
Der Roman beginnt mit dem Protokoll der Bewohner von 33 Place Brugmann am 2. April 1939, nur eine Person ist gestrichen, weil verstorben. Am 20. Januar 1942 wird sie aktualisiert, wie sie nach Kriegsende aussehen wird, bleibt der Phantasie der Leser überlassen. Zwischen diesen beiden Daten liegt eine Welt. Alice Austen nimmt die Hausbewohner in die Pflicht, jeder berichtet aus seiner Sicht von Ereignissen, Gerüchten, Liebe, Verrat, einem Hund namens Zipper und der verschwundenen jüdischen Familie Raphaël, von Kleidern, die genäht werden und Köpfen, die für Hüte vermessen werden, und von einem ungeborenen Kind. Anfänglich fiel es mir nicht leicht, den unterschiedlichen Personen und ihren Gedankengängen zu folgen, aber ich gewöhnte mich an den ungewöhnlichen Stil. Und ich gewöhnte mich an Charlotte, die als Halbwaise bei ihrem Vater aufwächst, künstlerisch sehr begabt ist, aber vollkommen farbenblind.
Die Zeit, in der der Roman angesiedelt ist, lässt schon 1939 nichts Gutes ahnen, der Faschismus wirft seine Schatten voraus, als im Mai 1940 das neutrale Belgien von deutschen Truppen überfallen wird und Ende Mai kapituliert, wäre es für die Familie Raphaël wohl sehr viel schwieriger geworden, in Sicherheit zu kommen. Die Rechtzeitigkeit ihres Verschwindens bedeutet aber für Charlotte auch, dass sie den geliebten Jugendfreund Julian verliert. Aber noch bleibt ihr Masha, eine Schneiderin, die als staatenloser Flüchtling mit einem Nansen-Pass Zuflucht gefunden hat in diesem Haus, direkt unter dem Dach, als Ersatzmutter und Freundin. Auch sie wird misstrauisch beäugt, wie fast jeder Bewohner sich vom anderen beobachtet fühlt. Die einen still, die anderen laut, so wie das ganze Haus.
Die surreale Lage, in der sich die Hausbewohner ebenso wie die Deutschen befinden, wird mit Hilfe von Traumsequenzen noch verstärkt. Die ständig wechselnden Perspektiven erleichterten mir die Rezeption des Buches nicht. Das Davor und Danach machen es aber leichter, sich die Brüsseler Welt im Kleinen vorzustellen. Der Roman wurde schon im Vorfeld hochgelobt, auf der Umschlagrückseite ist zu lesen: »Das größte Leseerlebnis seit Jahren.« Oprah Daily. In der Originalfassung gibt es mindestens 20 Auszüge aus lobenden Rezensionen, bevor der Roman überhaupt beginnt. Nun sind Buchempfehlungen in jedem Fall sehr subjektiv, ich würde den Satz von Ophra Daily jedenfalls nach dem Lesen nicht verkünden. Mir hat das Buch nur teilweise gefallen, Euphorie hat es nicht ausgelöst. Und das, obwohl ich mich sehr häufig mit der Thematik Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg beschäftige. Oder gerade deshalb.
Die originale Leseprobe (von amazon.de) habe ich auch noch gelesen, sie hat mir gut gefallen, ersetzt aber natürlich nicht den Eindruck für das gesamte Buch. Frauke Brodd hat den Roman aus meiner Sicht so authentisch und gut lesbar wie möglich ins Deutsche übersetzt.
Fazit: Ich möchte keine ausdrückliche Leseempfehlung geben, aber empfehle das Lesen von anderen Rezensionen. Da wird vielleicht das Interesse dann doch geweckt.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

„Ich konnte keinen Frieden finden.“ (bezieht sich auch auf das Hörbuch)

Zugwind
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Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. ...

Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. Februar 2022 seinen Krieg gegen die Ukraine begann, die Krim aber war bereits bei ihrer Ausreise besetzt und es herrschte Krieg in der Donbasregion. Angekommen in Deutschland beginnt sie ein vollkommen neues Leben, es gelingt ihr, als Ärztin in einer Praxis zu arbeiten, sie und ihr Mann Andrij bekommen eine Tochter Rosa. Für eine junge Frau in Deutschland ist das nicht ungewöhnlich, für eine Ukrainerin ist es ein Weg, der mit zahllosen Hürden garniert ist.
Iryna Fingerova gibt dem Leser bzw. Hörer einen tiefen Einblick in ihr Leben, auch in ihr Seelenleben und besonders auch in das ihrer Landsleute, die seit dem Februar 2022 zu Hunderttausenden nach Deutschland kamen und Zuflucht suchten. Es gelingt ihr, ihre Eltern nach Deutschland zu holen, aber im Hinterkopf bleiben immer Verwandte und Freunde, die in der Heimat in Gefahr sind, die sich in Kellern verstecken müssen oder an der Front kämpfen. Selten habe ich so eindringlich erfahren, welche Seelenpein es für Eltern bedeutet, Söhne zu haben, die sie vor dem Krieg schützen wollen, die aber in der Heimat zur Verteidigung dringend gebraucht würden. Wer schickt seine Kinder freiwillig an diese unmenschliche Front? Wer verlangt von fremden jungen Männern, sich an dieser Front gegen die Russen zu stellen und für die Ukraine zu kämpfen, während man selbst in Sicherheit ist? Es ist ein unauflösbares Dilemma und die Autorin zieht ihre Leser in den Strudel der widersprüchlichen Gedanken. Die Überschrift dieser Rezension ist ein Zitat, das in einem Satz sagt, wie sich das alles anfühlt für die betroffenen ukrainischen Menschen. Mich hat das sehr bewegt.
Dass die junge Ärztin Mira Zehmann, eine nicht religiöse Jüdin, jenseits der geschilderten schmerzlichen Gedanken und Ereignisse über ihre ärztlichen Erfahrungen erzählt, ist verständlich, weniger verständlich ist mir die umfangreiche und oft ironische Art, die Leiden und Charaktere ihrer Patienten zu beschreiben. Vielleicht kann man das als Arzt auch nur so ertragen. Aber es nahm Überhand und war mir ehrlich gesagt teilweise sogar unangenehm. Es steht sehr im Gegensatz zu der feinfühligen Art, mit der sie die „Zugluft“ beschreibt, die sie spürt, selbst wenn alle Fenster und Türen verschlossen sind. Diese Dünnhäutigkeit muss es sein, die die Widersprüche im Roman so hervorstechen lässt. Die Momente mit ihrer Tochter Rosa sind geradezu erbaulich, auch wenn es teilweise erschreckend ist, womit sich ein kleines Kind schon beschäftigt bzw. beschäftigen muss.
Wenn man dem Hörbuch lauscht, dann hat man das Gefühl, die Autorin hätte das Buch der Sprecherin Lisa Hrdina auf den Leib geschrieben. Diese liest es nicht einfach nur vor, sie interpretiert es auf ganz natürliche und authentische Weise, sie wird eine lebendige Mira Zehmann. Obwohl mir der manchmal etwas flapsige Schreibstil nicht immer gefallen hat, muss ich sagen, dass das Zuhören einfach genial war.
Fazit: Ein höchst interessanter Einblick in das Leben ukrainischer Menschen in der deutschen Wahlheimat. Das Zuhören war ein Vergnügen und hat trotzdem sehr nachdenklich gemacht.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Ein spitzes Feuilleton zum Sonntagskaffee

Die Freundin meines Freundes
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Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, ...

Zufälle machen das Leben und auch das Lesen interessanter. Dass ich bei hier bei Instagram auf die Frühjahrsvorschau des Wallstein Verlages blickte und mir das bekannte Gesicht der Polly Tieck entgegenschaute, das gehört in die Sparte der interessanten Zufälle. Bis heute hat kein Feuilleton in FAZ/FAS oder WELT eine Buchbesprechung gebracht, nur den Kulturredakteuren der Berliner Morgenpost war das Buch wohl aufgefallen, ich stieg also ohne Zögern vollkommen unvoreingenommen ein in diese Runde Literaturgeschichte.
Polly Tieck, geboren als Ilse Amalie Ehrenfried hinein ins „Berliner Bildungsbürgertum“, war mir bekannt, weil ich mit ihr aufs Entfernteste verwandt bin und über sie und ihre Familie bereits einiges recherchiert hatte. Die einzige „persönliche Begegnung“ hatte ich mit ihr 2019 in der Lotte-Laserstein-Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie, als ich ihr Porträt im Original bewundern durfte. Der Bildtext, den ich damals fotografierte, wies im Übrigen keinen Fehler im Namen auf, daher konnte der Fehler in der von Heerde erwähnten Ausstellungsrezension also nicht stammen.
Mit diesem Buch nun ging ein Wunsch in Erfüllung, endlich konnte ich mehr über sie in Erfahrung bringen und – noch viel wichtiger – endlich einige ihrer Texte lesen.
Hans-Joachim Heerde hat nicht nur mühevoll nach ihren veröffentlichten Texten gefahndet, er hat auch eine exquisite Beschreibung der Modedesignerin, Schneiderin, Journalistin, Schriftstellerin und nicht zuletzt auch Lyrikerin geliefert. Nicht nur das Vorwort ist lesenswert und aufschlussreich, auch sein „Versuch einer biografischen Rekonstruktion“ ist sehr gelungen. Ihr erster Ehemann Hellmuth Falkenfeld, über den ich mit Polly Tieck „verschwägert“ bin, wird nicht nur in der Biografie ausführlich erwähnt, sie selbst schrieb auch über ihn in eindeutiger und zweideutiger Weise in ihren Feuilletons, wobei mir das Stück „Ende einer kleinen Konditorei“ eines der liebsten im Buch geworden ist.
Polly Tieck, die ab 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft in ihrer Tätigkeit beschnitten und behindert wurde, hat mit ihrem zweiten, auch jüdischen Ehemann Hans-Georg (später Juan) Aufrichtig Deutschland Ende der 1930er Jahre verlassen können und fand Aufnahme in Chile. Dort stand der Erwerb des Lebensunterhalts an erster Stelle, geschrieben hat sie nach der Emigration wenig, überliefert ist wohl kaum etwas.
Polly Tieck hatte aus erster Ehe eine Tochter, geboren 1917. Ob sie Eva Gabriele oder Eva Gabriela hieß, konnte ich bisher noch nicht klären. Hier im Buch wird sie Eva Gabriele genannt, all ihre öffentlich einsehbaren Reisedokumente sind mit dem Passbild versehen, das im Buch verwendet wird, der Vorname dort ist immer Eva Gabriela. Sie starb an einer schweren Krankheit im Hause ihrer Mutter in Chile bereits 1968, ihr Ehemann nahm sich kurz darauf das Leben. Evas Vater, der unter dem Namen Helmuth Falkenfeld in den USA lebte, verstarb 1954 durch einen Autounfall in New York; ihm ist ein liebevoller Nachruf in der Exilzeitschrift „Aufbau“ gewidmet. Polly Tieck verstarb 1975, ihr Ehemann Juan 1986, beide in ihrem Haus in Viña del Mar.
Nun zu den Feuilletons in diesem Buch: Hans-Joachim Heerde hat rund 400 Texte von Polly Tieck gefunden, aus denen er 65 in dieser Sammlung veröffentlich hat. Er hat sie transkribiert (eine echte Geduldsprobe, denn die Qualität der Originalzeitungen bzw. der vorhandenen Scanns ist oft nicht befriedigend) und vorsichtig bearbeitet, so dass der Leser einen guten Überblick über die Themen und über den Schreibstil von Polly Tieck erhält. Viele der Texte erschienen in der Vossischen Zeitung, oftmals an Wochenenden, und auch in Das Tage-Buch (Berlin), einer Wochenzeitschrift, die im Rowohlt-Verlag bis 1933 erschien. Aber auch Die Modewelt oder Das Unterhaltungsblatt u. a. veröffentlichten ihre Texte. Erstaunlicherweise wurden diese sogar im Ausland, z. B. in Prag oder Buenos Aires, nachgedruckt.
Für mich bedeuten diese Feuilletontexte aber noch etwas anderes: Ich kann wie durch ein Fenster ein Jahrhundert zurückblicken, ich sehe eine Epoche, die oft mit „Die goldenen Zwanziger“ beschrieben wird. Polly Tieck lässt mich wie einen Stillen Teilhaber ihre Erlebnisse und Erfahrungen miterleben, ich gehe mit ihr ins Café, ins Theater, lasse mich lachend von den „vier Unvermeidlichen“ beim Konzert ärgern, über Modebewusstsein belehren und kann mit ihr über Krawatten lästern. Aber so golden waren die Zeiten dann doch nicht, mit dem Wissen von heute sieht man die dunklen Wolken, die sich über Polly Tieck und Deutschland schieben. Mitte der 1920er Jahre aber weiß Polly Tieck das Kommende noch nicht, sie lebt und arbeitet, nutzt ihr Wissen und Können und macht sich einen Namen. Zu jener lang vergangenen Zeit zählten Mühe, körperliche wie geistige Anstrengungen, Leistungsbereitschaft und echter Karrierewillen zu den Eigenschaften, die heute leider oft abfällig betrachtet und dem „bürgerlichen“ Milieu vorgehalten werden. Meine Großmutter, 1899 geboren, hat leider wenig über ihre Jugend und die Jahre vor dem Nationalsozialismus erzählt (das macht jetzt Polly Tieck für sie!), aber ich weiß, dass sie aus der Provinz nach Berlin zum Onkel geschickt wurde, damit sie in Neukölln ein Lyzeum besuchen konnte. Sie kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, aber ihr Vater, ein Schneidermeister, wusste um den unschätzbaren Wert guter Bildung. Das kam ihr ein Leben lang zugute.
Da der Autor in seinem Vorwort schon eine exzellente Zusammenfassung und Bewertung von Polly Tiecks journalistischer/feuilletonistischer Arbeit gegeben hat, ist es schwierig, hier noch etwas Besseres zu formulieren. Deshalb will ich nur über meine Leseeindrücke schreiben, die im Gegensatz zur hochgelobten Thematik manchmal nicht ganz so euphorisch sind. Das liegt wohl vor allem an den heutigen Schreib- und Lesegewohnheiten, ich möchte immer schnell und prägnant zur Pointe kommen, allzu lange, „eloquente“ Texte, wie Heerde sie beschreibt, machen mich doch einigermaßen ungeduldig. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, die Schreiberin las selbst gern ihre Texte, fand sich darin wieder und hatte dann schon die nächste Idee. Sie fand die Ideen in ihrem eigenen Milieu, dem Bildungsbürgertum, und sie schrieb auch für dieses Milieu, wie anders könnte man sich Texte wie „Ifrudot“ oder „Der Kampf um die Schönheit“ erklären, denn der „tägliche Kampf… Also Training, Sport, Luft und Sonne…“ war in den 1920ern wohl kaum etwas, mit dem sich die durchschnittliche Berliner Arbeiterfrau beschäftigte. Dass Polly Tieck sich ob ihrer eigenen Klasse noch Asche aufs Haupt schüttete, weil sie meinte, die Besitzenden wären wohl an allem schuld, das hat mich im Text „Meine Erlebnisse als Geschworene“ dann doch etwas irritiert. Ebenso irritierend fand ich die Kindheitserinnerungen an „die neun Zimmer“, die ihr wie kalte Fratzen entgegenstarrten. Wem wollte sie mit solchen Bekenntnissen imponieren?
Dass Polly Tieck eine Frau von Bildung und Geschmack war, das wird ihr niemand absprechen. Ihr Ressort war die sogenannte „Neue Frau“, damit kannte sie sich aus. Und sie parlierte mit französischen Einsprengseln in ihren Artikeln, mein lang verschollenes Schulfranzösisch reicht leider nicht mehr aus, so dass ich von Zeit zu Zeit ein elektronisches Wörterbuch zu Rate ziehen musste. Mit »Pas sur la bouche« ging es im ersten Text los, Latein fand sich später auch noch, »Dulce et decorum est, pro patria mori.«
Polly Tieck legt in ihre Texte sehr viel Unterschwelliges, man bemerkt bei ihr auch eine kleine Überheblichkeit, die sie ab und an aufblitzen lässt. Da kann sie dann schon mal auf gewöhnliche Leute herabschauen von den Höhen ihres Bildungsbürgertums. Sie versucht es mit fast allen Themen, die der (politische) Alltag bietet, ihren Lesern ihre Gedankenwelt nahe zu bringen, ja, sie regelrecht zu belehren und zu überzeugen. Sei es Kindererziehung, Liebesbeziehung, Pazifismus oder Urlaubsstimmung, zu allem kann sie etwas beitragen. Wie dem auch sei, am Ende ihres Lebens wird Polly Tieck verstanden haben: Die Welt ist kein „goldener Garten“, die Menschheit ist nicht göttlich.
Noch einige Worte zur Buchgestaltung: Der Umschlag ist so passend, dass es besser nicht geht, das Foto der jungen Polly Tieck mit Monokel, Telefonhörer und supermodernem Haarschnitt fällt sofort auf. Und trifft auf den Punkt!

Fazit: Die aufwendige Recherchearbeit von Hans-Joachim Heerde hat das feuilletonistische Werk von Polly Tieck aus den Tiefen der Archive hervorgeholt, so dass dieses Buch durch ein exzellentes Vorwort und einen ausführlichen biografischen Teil zu einem literaturgeschichtlichen, wohl einmaligen Gesamtwerk wurde.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Die Rückblicke der Frauen

Wo der Wind die Namen trägt
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Die Hauptpersonen in diesem Buch sind Frauen ganz unterschiedlicher Art, von der Ärztin bis zur einfachen Bauersfrau, von der Journalistin bis zur Sängerin. Teilweise sind sie miteinander verwandt, teilweise ...

Die Hauptpersonen in diesem Buch sind Frauen ganz unterschiedlicher Art, von der Ärztin bis zur einfachen Bauersfrau, von der Journalistin bis zur Sängerin. Teilweise sind sie miteinander verwandt, teilweise hat sie das Leben an einem Ort zusammengeführt. Die häufig wechselnden Stimmen, Zeiten und Orte machen es dem Hörer nicht so leicht, der Grunderzählung zu folgen. Ich glaube, dass ich dieses Hörbuch wohl als Buch noch einmal in Ruhe lesen werde, denn es birgt eine Vielzahl an interessanten Details ans Licht. Alles spielt sich ab in der Heidelandschaft Lüneburger Heide, immer im Hintergrund der Gedanke an Bergen-Belsen und die Außenlager des KZs.
Ausgangspunkt der Erzählungen sind die Erinnerungen von Inge, 1945 ein Kriegskind, das den Bombennächten aus Hamburg mit ihrer Mutter entfliehen konnte. Die Mutter, eine Kinderärztin, wird im und nach dem Krieg versuchen zu helfen, wo sie kann. Die Tochter Inge lernt einen geigenspielenden Eigenbrötler kennen, der ihr später auch Geigenunterricht geben wird. Jene Inge wird mit 85 Jahren mit ihrer Enkeltochter und ihrem Urenkel Paul noch einmal in die ehemalige Heimat reisen, dabei kommen ihr viele Erinnerungen wieder ins Gedächtnis, tragische und schöne und solche, über die sie ihr Leben lang mit niemandem gesprochen hat.
Eine andere Hauptperson ist Helga, eine Journalistin, die schon vor und im Krieg Lokalreporterin war. Nach Kriegsende ist es für sie schwierig, eine neue Stelle zu finden. Aber irgendwann erhält sie den Auftrag, eine Chronik zu erstellen; sie beginnt, die Einwohner zu interviewen und erfährt wohl auch mehr als ihr manchmal lieb ist. Ihr Tagebuch ist es Jahre nach ihrem Tod, das zu vielen Fragen führt, deren Antworten äußerst schmerzhaft sind.
Die Last der Zeit des Nationalsozialismus liegt wie eine schwere Decke über allem, immer sind die Verbrechen, die in der Lüneburger Heide geschehen sind, in den Gedanken und Erinnerungen aller Protagonisten in diesem Hörbuch unmittelbar präsent. Einzige Ausnahme ist wohl der kleine Paul, Urenkel von Hilde.
Gesprochen wird das Hörbuch von Ruth Reinecke, Tessa Mittelstaedt und Monika Oschek, die alle drei sehr einfühlsam und mit Empathie vorlesen.

Fazit: Eine interessante, mit historischen Tatsachen unterlegte Geschichte, die über viele Jahre hinweg ihre Protagonisten begleitet und in der es auch echte Überraschungsmomente gibt.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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