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Veröffentlicht am 19.05.2025

Gutes Hilfsmittel für sprachlich schwieriges Terrain

Verbrannte Wörter
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Ich kenne Matthias Heine von der „WELT“, habe dort auch schon von diesem Buch gelesen. Ich interessiere mich sehr für die deutsche Sprache und beobachte die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Immer hatte ...

Ich kenne Matthias Heine von der „WELT“, habe dort auch schon von diesem Buch gelesen. Ich interessiere mich sehr für die deutsche Sprache und beobachte die aktuelle Entwicklung mit Sorge. Immer hatte ich beruflich mit (dem) Texten zu tun, später habe ich auch selbst Sachbücher geschrieben, in denen viele Worte aus Heines Buch Verwendung fanden. Gerade die richtige Wortwahl ist mir wichtig. Ich habe jüdische Vorfahren und wenn ich bestimmte Begriffe im Alltag höre, schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken. Mit diesen Gedanken im Kopf habe ich das Buch von Heine gelesen, ich müsste vielmehr sagen verschlungen.
Auf den Leser warten 103 Worterklärungen, die es in sich haben! Beim Duden Verlag, wo das Buch erschienen ist, finden Interessierte eine Leseprobe, in der auch das Inhaltsverzeichnis enthalten ist. Im Onlinebuchhandel ist diese Leseprobe offenbar nicht downloadbar.
Mit gefällt der Aufbau dieses kleinen Nachschlagewerks! Ein erklärendes Vorwort zur 2. aktualisierten und erweiterten Auflage, eine tiefergehende Einleitung, zu jedem erklärten Wort eine Empfehlung zur (Nicht)-verwendung, am Ende ein Inhaltsverzeichnis, das gleichzeitig wie ein Index aufgebaut ist. Warum das Inhaltsverzeichnis aber in so kleiner Schriftgröße gedruckt wurde, erschließt sich mir nicht. Platz am Ende ist doch wahrlich genug vorhanden.
Besonders die Einleitung habe ich langsam und mit Bedacht gelesen, für mich eine Unterrichtsstunde in Sprachentwicklung und -gebrauch, auch -missbrauch. Dass ich nicht mit allem konform gehe bzw. Parallelen zur heutigen Schreibweise gerade in den Print-/Internetmedien feststelle, liegt in der Natur der Sache. Wenn ich zum Beispiel auf Seite 22 lese "..., Propaganda müsse sich immer am Dümmsten ihrer Adressaten orientieren." (O-Ton Hitler in Mein Kampf), liegt bei mir die Vermutung nahe, dass das leider auch heute nicht ganz ausgeschlossen ist. Ein Begriff Heines gefiel mir besonders: "grobianische Umgangssprachlichkeit", auch da fallen unsere Medien ab und zu bei der Wahl der Worte nicht sonderlich positiv auf.
Die behandelten Wörter und Phrasen sind alphabetisch geordnet, von Absetzbewegung über alttestamentarisch, Arier, ausrichten, Blockwartmentalität, Eintopf, Gleichschaltung, innerer Reichsparteitag, Judenstern, S wie Siegfried bis hin zu Weltanschauung und zersetzen finden sich hochinteressante Analysen. Ich habe mir mitunter fast verwundert die Augen gerieben, was mir im Alltag bisher alles nicht aufgefallen war. Vielleicht hätte es den Rahmen gesprengt, aber das eine oder andere heute gebräuchliche oder „verbrannte“ Wort hat mir doch gefehlt. Zum Beispiel Muttertag oder Endlösung.
Ich kann natürlich hier nicht zu 103 Einträgen einen Kommentar abgeben, aber meine Gedanken zum Wort „Gutmensch“ möchte ich als Beispiel anführen. Ich bin kein Nietzscheaner, aber der auf Seite 125 zitierte Satz von Nietzsche in Bezug auf "Diese ›guten Menschen‹ ..." liegt aus meiner Sicht auch heute sehr nahe an der Wahrheit. Wenn politische Einsicht und Pragmatismus mit der Moralkeule bekämpft werden, ist das für eine funktionierende Gesellschaft eher abträglich.
Das Wort Krise habe ich zuvor nicht mit nationalsozialistischem Gedankengut in Verbindung gebracht, da es sich auf so viele heutige Probleme und Störungen bezieht, dass der "Untergang" mir gar nicht mehr in den Sinn kam.
Matthias Heine bezieht sich bei seinen Erklärungen im Buch nicht nur auf den Gebrauch der Wörter heute und in der Nazizeit, er bezieht auch die Benutzung in der DDR mit ein. So z. B. bei Kulturschaffende, die ich als ehemalige DDR-Bürgerin nicht unbedingt mit dem Nationalsozialismus in Verbindung brachte. Ich habe mich schon früher mit dem Wortschatz der Nazis, aber auch der DDR auseinandergesetzt. In "Giftige Worte der SED-Diktatur" von Ullrich Weißgerber findet man auch Begriffe wie „asozial“, „entartet“, „Hetze“ und „Zersetzung“. In der DDR wurde sehr ähnlich argumentiert wie zu Nazizeiten, nur eben mit anderen Vorzeichen.

Fazit: Für mich ist die Lektüre sehr anregend und auch lehrreich gewesen. Heine hat einen sehr gut lesbaren Stil, seine Erklärungen sind schlüssig formuliert. Vieles war mir bekannt, aber es noch einmal erklärt zu bekommen und neu darüber nachzudenken, das war das Lesen wert! Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich mit der deutschen Sprache beschäftigt.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Gerettet von den Helden der Résistance

Die Kinder von Beauvallon
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Obwohl das Buch und das Hörbuch bereits zwei Jahre auf dem Markt sind, habe ich es erst jetzt gehört. Mich hat die Geschichte, die auf wahren Ereignissen basiert, zutiefst berührt. Die Autorin Bettina ...

Obwohl das Buch und das Hörbuch bereits zwei Jahre auf dem Markt sind, habe ich es erst jetzt gehört. Mich hat die Geschichte, die auf wahren Ereignissen basiert, zutiefst berührt. Die Autorin Bettina Storks hat in unnachahmlicher Weise Tatsachenberichte und Dokumente mit ihrer literarischen Fiktion vereint und so dem Hören resp. Leser die menschliche Größe der Résistancekämpfer, ihren Mut und ihre Opferbereitschaft gezeigt, ohne die die Kinder von Beauvallon verloren gewesen wären.
Erzählt wird der Roman aus der Sicht von Agnes, die als Mädchen den Abtransport ihrer jüdischen Freundin Lily aus ihrem Heimatort Sulzburg erlebte. Die zweite Erzählebene ist das Martyrium von Lily, ihren Eltern und unzähligen anderen Juden, die nach Gurs in Frankreich deportiert wurden. Die meisten von ihnen starben später in Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern. Aber eine kleine Anzahl von Kindern konnte durch die Résistance gerettet werden. Unter ihnen die Kinder von Beauvallon, die auf abenteuerlichsten Wegen dorthin gebracht wurden und bis zum Kriegsende durch die Hilfe auch der Einwohner des Dorfes dort beinahe friedlich leben konnten.
Mitte der 1960er Jahre ist Agnes Journalistin beim Rundfunk und hat alle Versuche, Lily wiederzufinden, bereits aufgegeben. Durch Zufall kommt sie durch die Reportage eines anderen Journalisten zu neuen Erkenntnissen und beginnt umfangreiche Recherchen. Im Wirtschaftswunderland BRD macht sie sich zu dieser Zeit keine Freunde, als sie beginnt, alte Wunden aufzureißen. Dass sie Lily wiederentdeckt und versucht zu ihrer ehemaligen besten Freundin wieder Kontakt aufzunehmen, ist der Ausgangspunkt für den weiteren spannenden Verlauf des Romans.
Mich hat die Wahrhaftigkeit der Erzählung sehr bewegt, seien es die Berichte über die Zustände in Gurs, seien es die Berichte über das Leben der Kinder an einer Schule, die sich ihrer von ganzem Herzen annimmt. Auch wenn es um den Widerstandskampf, um Liebe, Verrat und Verzeihen geht, bleibt die Autorin immer glaubhaft.
Es ist ihr gelungen, all ihre Protagonisten eindringlich zu charakterisieren, ob es die Widerstandskämpfer sind, die Lehrerinnen von Beauvallon, die Eltern von Lily oder Agnes, die Vorgesetzten beim Radio, mit den Agnes klarkommen muss, bis hin zu Nebenrollen, wie der ehemaligen Nachbarin in Sulzburg. Sie alle leben, denken und handeln im Roman entsprechend ihrer Charaktere vollkommen plausibel. Besonders gut ist das bei der Figur der Lily gelungen. Der Leser/Hörer lernt ein Opfer des Holocaust kennen, das die gesamte Familie verloren hat und sich mühsam durchbeißt, allen Vorurteilen und Hindernissen zum Trotz. Von Lily, deren Seele zutiefst verletzt wurde, hätte ich aber gern noch mehr erfahren, ihr Leben von 1945 bis 1965 ist nur bruchstückhaft sichtbar geworden. Von meiner Mutter, die vor wenigen Jahren starb, weiß ich, dass sie bis zu ihrem Tod die zwölf Jahre der Hitlerdiktatur und der Ausgrenzung als Halbjüdin nie verwunden oder gar vergessen hat. Auch Überleben hat seinen Preis. Das wird in diesem Roman überdeutlich.
Durch meine eigenen Recherchen über die Nazizeit, mein Vater war auch im Widerstand und wurde 1935 verraten, kann ich vieles sehr gut nachvollziehen. Es gab im Untergrundkampf die sonderbarsten Zufälle, die über Leben und Tod entschieden. An keiner Stelle im Buch ist das mehr besser zu verstehen als beim Wiedersehen und Wiederverstehen der beiden Hauptpersonen Lily und Agnes. Und nicht alles benötigt Worte, manchmal reichen Blicke.
Fazit: Das Buch setzt den Rettern wie den jüdischen Kindern ein wunderbares Denkmal. Ich empfehle es aus ganzem Herzen. Es ist in einer klaren, schnörkellosen Sprache geschrieben, entbehrt aber in keiner Weise Empathie und Verständnis für die Protagonisten. Tessa Mittelstaedt liest von der ersten bis zur letzten Zeile adäquat und mit Gefühl. Hervorragend!

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Veröffentlicht am 16.05.2025

Selbstgemachte und andere Kalamitäten

Die geheime Sehnsucht der Bücher
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„Das Lavendelzimmer“ und „Das Bücherschiff des Monsieur Perdu“ bilden die Grundlage für den neuen Roman von Nina George. Ich habe leider erst mit dem dritten Buch angefangen, Monsieur Perdu kennenzulernen. ...

„Das Lavendelzimmer“ und „Das Bücherschiff des Monsieur Perdu“ bilden die Grundlage für den neuen Roman von Nina George. Ich habe leider erst mit dem dritten Buch angefangen, Monsieur Perdu kennenzulernen. Vielleicht wäre es doch hilfreich, zu wissen, was einen erwartet.

Die Idee der Literarischen Apotheke in der Ankündigung des Buches fand ich so berückend, dass ich unbedingt lesen wollte, was da auf dem Bücherschiff geschieht. Außerdem hat mir das Cover so gut gefallen, das müsste doch eigentlich ein tolles Buch sein. Hoffte ich. Nach mehr als der Hälfte des Romans dachte ich aber tatsächlich ans Aufgeben. Der Wortspiele – die zu Beginn recht witzig und einfallsreich waren – war ich langsam überdrüssig und die Handlung mäanderte hin und her. Anstatt eines Roten Fadens hatte ich wohl zu viele vor Augen. Aber wie das so ist mit dem Lesen, der Mensch ist eben auch neugierig. Wie würde das ausgehen, was hält die Autorin noch in der Hinterhand? Bücher konnten es kaum sein, derer gab es schon reichlich.

Und dann begann das Buch mich tatsächlich zu fesseln, das Rätsel um die junge Françoise und ihre Mutter wurde aufgelöst, Pauline würde vielleicht doch glücklich werden, Perdu ist und bleibt der Mann fürs „Psychologische“… Ich will nichts verraten, nur so viel, dass es mir am Ende doch Freude gemacht hat, dieses Buch.

Lässt Nina George auf Seite 303 so etwas Selbstkritik durchscheinen? Zitat: „Na ja, sie musste halt dreihundert Seiten vollkriegen, der Druck ist sonst im Verhältnis so teuer.“ Aber man kann es bekanntlich nicht jedem recht machen, so sind es halt über 330 Seiten geworden. Mir hätten vielleicht 250 gereicht.

Einige Details haben mich sehr beschäftigt, z. B. die Sorge der zwölfjährigen Françoise um ihre Mutter. Das Geschilderte ist kein Hirngespinst, ich habe während meiner Berufstätigkeit den Verein Young Carers kennen gelernt, der sich explizit um pflegende Kinder kümmerte, ihnen Beistand und Hilfe gab, Freizeiten und Ferienlager organisierte. Das funktioniert aber nur, wenn die Umgebung überhaupt etwas mitbekommt von der familiären Katastrophe. Diesen Teil des Romans empfand ich als sehr gelungen, den Zwiespalt, die Angst, die Scham des Kindes zum Thema zu machen. Die Literarische Apotheke von Perdu passt jedenfalls hervorragend dazu.

Auch Pauline ist als „Azubine“ von Perdu mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Insbesondere ihr Äußeres macht ihr zu schaffen, denn jeder, der sie ansieht, sieht ihre arabischen Wurzeln. In Frankreich sind Vorurteile gegen die Eingewanderten offensichtlich nicht selten, was vielleicht auch aus der relativ hohen Prozentzahl der dort lebenden Einwohner mit Migrationshintergrund und der französischen Geschichte resultiert. Dass und wie sich das nicht nur im Alltag, sondern auch in der Liebe widerspiegelt, kann man bei Paulines Geschichte gut nachvollziehen.

Dieses Zitat von S. 320 muss ich noch hinzufügen: „Wie konnte das denn sein, dachte Françoise, so lange nicht miteinander zu reden. In Geschichten war das so, aber auch im Leben?“ — Und ich beantworte die Frage gleich selbst: ja, das Leben schreibt noch viel schrägere Romane. 46 Jahre Schweigen waren bei mir echt, ich kenne keinen Roman, der das übertroffen hat. Deshalb finde ich dieses Buch mit seinen vielen ausgedachten Unwahrscheinlichkeiten auch gar nicht so besonders unwahrscheinlich.

Alle Protagonisten waren recht intensiv, einfach starke Charaktere, haben sich aber aus meiner Sicht gegenseitig ein bisschen ausgebootet. Perdu ist für mich der mit den tollsten Ideen, aber sein leises Charisma reicht nicht für meine Nummer Eins. Zuerst war es Françoise, die ich am meisten liebte, nun, zum Schluss ist es eher Pauline.

Das zukunftsfrohe Ende und „Die Wälder der Zeit“ sind emotionale Höhepunkte dieses Romans. Schön!

Fazit: Ehrliche Leseempfehlung, ein bisschen Geduld und viel Freude an sprachlicher Akrobatik und „Metapherstreubomben“ setze ich voraus.

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Nicht nur 80 Jahre zurück

Wir Ostpreußen
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Jochen Buchsteiner, mir bekannt als Journalist, der viele interessante Themen bei der FAZ aufgreift, ist zurück in die Vergangenheit gereist mit seinen Gedanken. Die Aufzeichnungen seiner Großmutter bilden ...

Jochen Buchsteiner, mir bekannt als Journalist, der viele interessante Themen bei der FAZ aufgreift, ist zurück in die Vergangenheit gereist mit seinen Gedanken. Die Aufzeichnungen seiner Großmutter bilden den privaten Rahmen für ein Buch, das weitaus umfangreicher über Ostpreußen berichtet als über die Familiengeschichte.
So erfährt der Leser vieles über Ostpreußens Geschichte, Land und Leute, Dichter und Denker. Wer das Glück hat, überhaupt keine Vorfahren, die aus ihrer Heimat flüchten mussten oder vertrieben wurden, zu haben, der kann sich wohl glücklich schätzen. Denn die Traumata von Flucht, Vertreibung und Neuanfang belasten nicht nur diejenigen, die es direkt erlebt haben, die Traumata sind in den nachkommenden Generationen immer noch tief verwurzelt. Meine Vorfahren mussten Meseritz, das jetzt in Polen liegt verlassen, ich weiß, wovon Buchsteiner schreibt. In der DDR durften sie nur als Umsiedler bezeichnet werden. Eine sehr prosaische Umschreibung der Tatsachen. Dass Buchsteiners Großmutter Else eine so pragmatische und tapfere Frau war, hat nicht nur ihr und ihren Kindern, sondern auch vielen anderen das Leben gerettet. Wie schwer später der Neuanfang auch fiel, sie hatte überlebt und konnte noch im hohen Alter ihre Erinnerungen genau wiedergeben. Ein Glücksfall, nicht nur für den Autor, auch für die Leser dieses Buches.
Buchsteiner hat sich mit der Materie sehr intensiv auseinandergesetzt, das merkt man mit jedem Kapitel mehr. Seine negativen Eindrücke vom „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ kann ich nur bestätigen, ich empfand die Ausstellung als beschämend – gefördert von der Bundesregierung! –, beschämend ist vor allem die vorherrschende Distanz und Emotionslosigkeit im Bezug auf die Verluste und Opfer der deutschen Zivilbevölkerung.
Sehr interessant sind die Erlebnisse des Autors in Polen, es ist vor Ort dann doch anders, als man es aus Büchern liest. Und die Kontakte zu jungen Polen, die zeitweise auch zu Missverständnissen führen und viele Vorbehalte zeigen sind etwas , dass ich aus der Familienforschung meines Mannes im Heimatkreis Schlochau kenne: Die Vorbehalte gegen Deutsche sind weitergegeben und „vererbt“, es geht schnell, dass die polnische Seite sich zurückzieht und sehr reserviert ist gegenüber den neugierigen Deutschen. Offenbar ist da auch immer noch die Angst, man könnte ihnen Vorhaltungen machen, weil sie jetzt im ehemaligen deutschen Gebiet leben. Sehr dünnes Eis, das merkte auch der Autor.
Ganz am Ende in der Danksagung schreibt Buchsteiner, dass er bereits seit 1999 die Gedanken über dieses Buch mit sich trägt. Mich wundert das nicht, über die eigene Familie zu schreiben, bedeutet auch immer die Gefahr, sehr private Empfindungen, auch die eigenen, zu verletzen. Auch das kenne ich aus eigener Erfahrung. Das breite Repertoire an Quellen musste vom Autor für seine historischen Texte auch erst einmal studiert werden, Recherchen ziehen Recherchen nach sich, da dauert die Fertigstellung eines druckreifen Manuskriptes eben Jahre. Ich kann zum Ergebnis nur gratulieren. Dass mir trotz allen Lobs der Schreibstil nicht immer gut gefallen hat, ist eher subjektiv.
Obwohl ich keine Vorfahren in Ostpreußen hatte, hat mich dieses Buch doch sehr gefesselt. Und ich habe meine Geschichtskenntnisse gut aufgefrischt. Insbesondere die Entwicklung der Stadt Königsberg, heute russisch Kaliningrad, der der totale Garaus gemacht wurde, wird umfassend betrachtet. Die Bezüge zur aktuellen Situation beiderseits der Grenze lassen nichts Gutes ahnen, man kann nur hoffen, dass die Nato russischen Attacken gewachsen ist.
Insgesamt sage ich als Fazit: Leseempfehlung! Das Thema passt zum Tag der Befreiung, den wir gerade zum 80. Mal begangen haben. Ich freue mich, dass auch heute noch darüber so beherzt geschrieben wird und wünsche dem Buch viele Leser. Fünf von fünf Sternen sind ehrlich verdient.

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Veröffentlicht am 11.05.2025

I’m giving it all oder wie man Krieger wird

Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt null Prozent
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Die Geschichte des Hannes Hennes ist ungewöhnlich, nicht frei von Komik und Tragik, und wird ganz wunderbar erzählt von der perfekten Sprecherin Irina Scholz (mir z. B. bekannt durch „Café Engel“ oder ...

Die Geschichte des Hannes Hennes ist ungewöhnlich, nicht frei von Komik und Tragik, und wird ganz wunderbar erzählt von der perfekten Sprecherin Irina Scholz (mir z. B. bekannt durch „Café Engel“ oder die Müttertrilogie).
Wie es kommt, dass dieser eher durchschnittliche Mathelehrer Hannes bei einem Männerseminar „Mannsein und Krieger werden“ landet, der tatsächlich einen Bruder hat, welcher einen Nobelpreis errang, der auf dessen Nobelpreisfeier sein darf, der sich immer noch über seinen Vater ärgert, der mit ihm nicht so viel Geduld hatte, dass er vielleicht auch einen Preis hätte erringen können. So viele Konjunktive, so viele verpasste Möglichkeiten. Aber genauso viele Dramen, die der eigentlich furchtbar schüchterne Hannes erlebt, der die Schuld am Tod eines Gymnasiasten nicht verkraftet, der die Beinaheschuld am nicht eingetretenen Tod seiner Ehefrau nicht wagt zu erklären. Doch er wird auch eine unwahrscheinliche Rettungsaktion durchführen. Und er weiß erstaunlich viel über Neutrinos.
„Große Zahlen bringen mich dazu, mich weniger wichtig zu nehmen.“, das erfährt Hannes by the way, nachdem er auf etwas gewaltsame Weise sein Seminar beendet hatte. Er findet einen neuen Freund und alles sollte nun doch noch gut werden.
Es ist ein Roman, der nur auf den ersten Blick eine Satire ist, der Käufer, Hörer bzw. Leser, hat aus meiner Sicht eine psychologisch tief gehende und philosophische Erzählung erworben. Was ist normal? Wer ist normal? Diese Fragen wird sich am Schluss jeder Rezipient selbst beantworten müssen. Der Autor Michael Ebert bleibt im vagen, dass er seinen Antihelden sehr mag, merkt man aber auf jeder Seite. Auch wenn Hannes Mathematiker ist, muss man Mathematik nicht lieben oder verstehen, dieser verrückte Hannes wächst einem trotzdem sehr ans Herz. Mir jedenfalls.
Michael Ebert benutzt eine angenehm eindringliche Sprache, Wortwahl, Stil und Rhythmus der Sätze sind authentisch und selbst beim Stammeln noch verständlich. Irina Scholz hat sich mit Eberts Sprache symbiotisch vereinigt, auch wenn von Zeit zu Zeit ihre Betonung nicht ganz den richtigen Ton trifft.
Fazit: Auf dem Buchcover findet sich ein Satz von Juli Zeh: »Ein mitreißendes Buch! Michael Ebert erzählt mit großer erzählerischer Kraft, der man sich gern überlässt.« Besser kann ich das auch nicht schreiben. Beim Hörbuch muss ich dann nur noch hinzufügen, dass es mitreißend gelesen wird von Irina Scholz.
Tatsächlich fünf Sterne.

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