Der Autor berichtet als Ich-Erzähler von seinem neu gefundenen Wohnort La Paillette im Département Drôme, das ist im Südenosten Frankreichs. Pitoresk ist es, wenige Menschen, viel Natur. Und viel Geschichte. ...
Der Autor berichtet als Ich-Erzähler von seinem neu gefundenen Wohnort La Paillette im Département Drôme, das ist im Südenosten Frankreichs. Pitoresk ist es, wenige Menschen, viel Natur. Und viel Geschichte. An der Hauswand entdeckt Le Tellier eine Inschrift, den Namen André Chaix. Er findet heraus, dass dieser André mit gerade einmal 20 Jahren im Widerstandskampf gegen die „boches“ gestorben ist. Seine Recherchen führen ihn zu Archiven und er erhält eine kleine Schatulle mit ideellen Schätzen, aus denen er ein ganzes Leben rekonstruiert. Er lernt viele andere kennen, Lebende und Tote, Helden, Kämpfer, Hinterbliebene, Kollaborateure, die auf irgendeine Weise in Verbindung standen zu diesem tapferen jungen Mann und dem Kampf der Resistance. Aus seinen Recherchen, Erfahrungen und Erkenntnissen setzt er Stück für Stück des so furchtbar beendeten Lebens von André zusammen, auch wenn er vieles nur vermuten kann. Es entsteht eine fiktionale Biografie, die sehr berührend ist.
Auf der einen Seite stehen die Opfer, die Helden jener Zeit, auf der anderen Seite gibt es die Täter, die wenig oder gar nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Zufällig las ich vor kurzem den Roman „Frag nicht nach Agnes“, in dem deutsche Täter, die u. a. in Tulle ein Massaker anrichteten, der Justiz entgingen. Jene Deutschen aber, die nach Gerechtigkeit riefen, waren die „Nestbeschmutzer“. Vorher hatte ich noch nie von Tulle gehört, nur Oradur-sur-Glane war mir ein Begriff und natürlich der Nazi-Schlächter Barby.
Ich finde das folgende Zitat sagt viel aus über den Autor und sein Engagement, das fast Vergessene wieder an die Oberfläche und in die Erinnerung zu bringen: „Was ich weiß, ist, dass ich ohne diesen in eine Wand gravierten Namen, dass ich ohne André Chaix als Senkblei niemals diese Epoche hätte erkunden können, in der Großherzigkeit und Mut mit Egoismus und Niedertracht eng beieinanderlagen wie nur selten. Niemals hätte ich so engen Umgang mit Männern wie Henri Roché, mit Frauen wie Marguerite Soubeyran gehabt, die ein immenses Vertrauen in den Menschen setzten.“ Ja, dass man immer noch, trotz aller Tragödien und Schrecken in der Vergangenheit auch Vertrauen in die Menschen und in die Zukunft braucht, das nehme ich aus diesem Buch mit.
Der Schreibstil von Le Tellier gefällt mir jedoch nicht so sehr, mancher Satz ist kaum zu entschlüsseln, manches erschließt sich nur mit viel Fantasie. Ich kann nicht gut genug Französisch, um das Original zu lesen, so kann ich nur vermuten, dass die Übersetzer sehr nah am Original geblieben sind. Schon „Die Anomalie“ fand ich schwer lesbar, auch dieses Buch war, wie alle anderen Romane von Le Tellier von Jürgen und Romy Ritte übersetzt worden. Ich vermute, dass beide unterdessen wahre Experten für den – aus meiner Sicht anstrengenden – Schreibstil des Autors geworden sind.
Das Cover ist sehr ansprechend gestaltet, André und seine geliebte Simone werden in so inniger Zweisamkeit gezeigt, dass es mir beim Lesen über ihre Liebe die Tränen in die Augen trieb. Und ihr Leben ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem Unglück, dass der Zweite Weltkrieg verursacht hat.
Die Autoren Stephan Lebert und Louis Lewitan haben sich mit Vehemenz auf ein Thema eingelassen, das auch mich schon seit Jahren beschäftigt. In diesem (Hör)-Buch geht es aber vor allem um das Schweigen ...
Die Autoren Stephan Lebert und Louis Lewitan haben sich mit Vehemenz auf ein Thema eingelassen, das auch mich schon seit Jahren beschäftigt. In diesem (Hör)-Buch geht es aber vor allem um das Schweigen der Täter und ihrer Nachkommen. Ich gehöre zu jenen, die im Buch als die mit einem Kaleidoskop an Vorfahren verschiedenster Prägung – jedoch überwiegen bei mir die Opfer– bezeichnet werden. Und ich gehöre zu jenen, die versucht haben, das Schweigen und Verschweigen in der Familie zu durchbrechen, was sich mittlerweile als Lebensaufgabe herausgestellt hat. Für mich also genau das richtige Buch.
Dass es mittlerweile immer mehr Nachfahren von Opfern wie auch von Tätern gibt, die ihre Familiengeschichte aufarbeiten möchten, ist ein gutes Zeichen. Die Autoren dieses Buches haben sich mehrheitlich auf die „Täter“-Nachfahren konzentriert, die Traumata des Krieges sind jedoch wesentlich weiter verbreitet. Und oftmals ist die Unterscheidung von Täter und Opfern auch schwierig, man denke nur an die Millionen Vertriebenen aus den sogenannten Ostgebieten und anderen früheren Wohnorten der Deutschen, wie aus dem Sudetenland oder anderen Ländern wie Ungarn oder Rumänien. Da wird es wohl nicht wenige gegeben haben, die (Mit-)Täter in der Familie hatten und selbst zu Opfern wurden.
Jetzt, kurz vor dem 8. Mai, an dem wieder jede Menge wohlmeinender Reden gehalten werden, denke ich an das, was die Autoren als kollektive Scham und Schmach bezeichnen. Noch immer hört man von “Nestbeschmutzern“, für viele ist es nach wie vor kein Feiertag, der Tag der Befreiung. Vorsichtshalber wurde das Gedenken der Deutschen aus ihrem Leben vertrieben. Eines der Kapitel berichtet von Christiane Hoffmann, der die Aufarbeitung durch einen langen Marsch entlang der Fluchtroute ihres Vaters geschafft hat. Ihren Roman „Alles was wir nicht erinnern“ kann ich als ergänzende Lektüre (egal ob Buch oder Hörbuch) sehr empfehlen.
Die Autoren haben eine Vielzahl an Nachfahren befragt, nicht nur bekannte Persönlichkeiten, sondern auch völlig unbekannte Menschen, die ihnen von der Schwierigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit und vom Verschweigen in den eigenen Familien berichteten. Von Karl-Theodor zu Guttenberg über Klaus-Michael Kühne und Ida Ehre bis hin zu Erwin Strittmatter, Ute Scheub oder Charlotte Link begegnet man Menschen, die auf verschiedenste Weise mit dem Schweigen über ihre Vorfahren und eine Verflechtung mit den Taten der Nationalsozialisten zurechtgekommen sind oder es zumindest auf ihre Art versuchen. Der besondere, ich könnte auch schreiben, besonnene Blick auf die Lage in der DDR, in der ja offiziell keine Nazis mehr waren, es offiziell keinen Antisemitismus gab, offiziell die Deutsch-Sowjetische Freundschaft über allem stand, das hat mir noch einmal einen Rückblick gegeben, dem ich hier nur voll zustimmen kann. Dass es im Gegensatz zur DDR in der BRD aber auch ein beharrliches Verschweigen und Vertuschen gab, das wird hier auch thematisiert. Allein diese Ost-West-Aspekte würden ein weiteres Buch ergeben mit Analysen, wie und warum die ehemals zwei deutschen Staaten nun vereint immer noch gern verschweigen und vertuschen. Zumindest ist klar, nicht jede Wahrheit verbessert die Reputation.
Eine interessante Art der Verantwortungsübernahme bietet das Beispiel ZDF, das mittlerweile seine Krimi-Serie Derrick im Giftschrank verrotten lässt, anstatt sich vernünftig mit Vergangenheit und Gegenwart auseinanderzusetzen. Der Umgang mit der Nazivergangenheit ist immer noch verlogen. Bloß nicht dran rühren. Horst Tappert ist nach seinem Tod zur persona nongrata geworden, Herbert Reinecker soll auch zu Lebzeiten besser ruhig bleiben.
Zufällig wurde gerade als ich dieses Hörbuch hörte, in einem Beitrag des Historikers Thomas Gruber erstmals die NSDAP-Mitgliedschaft des bekannten Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld öffentlich gemacht. Unseld ist bereits 2002 verstorben, die Mitgliedskarte, die den Beitritt mit 18 Jahren belegt, war ein „Recherchebeifang“, mit dem wohl auch der Historiker nicht gerechnet hatte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch hier nun ein Schweigen aufgebrochen wird, das 80 Jahre lang und über den Tod Unselds hinaus gehalten hat. Wäre der Fund etwas früher geschehen, wäre er sicherlich als Kapitel in dieses Buch eingegangen.
Die Autoren sagen sinngemäß „Verdrängung sei ein Filter, den Menschen dringend brauchen“. Nur durch Verdrängung ist es aber vielen, Opfern wie Tätern einschließlich der Nachfahren, seit 80 Jahren möglich, ein normales Leben zu führen. „Man wird seine Geisterbibliothek nicht mehr los“, aber man kann sich auch nicht Tag und Nacht zerfleischen. Viele haben sich dafür entschieden, nie etwas zu sagen oder zu fragen, einige verarbeiten die ambivalenten Gefühle durch das Schreiben, das Drehen von Dokumentarfilmen oder das Sprechen über das Erlebte vor Publikum. In diesem Buch lernen wir unterschiedlichste Sichtweisen kennen, das macht das Zuhören (bestimmt auch das Lesen) sehr spannend. Z. B. Niklas, der Mann mit den verschlungenen Pfaden seiner Vorfahren ist ein gutes Beispiel für das komplizierte Geflecht aus Verschweigen, Erinnern und die Wahrheit suchen und finden. Wobei Wahrheit ein sehr dehnbarer Begriff bei der Familienforschung ist.
In die Kapitel eingebaut wurden die „Zwischenrufe“ des Psychologen Louis Lewitan, der Nachkomme von Schoah-Überlebenden ist. Als Expert für Stress(bewältigung) erklärt er sehr gut verständlich die sich herausbildenden, auch krankhaft werdenden Traumata. Im Buch wird auch der Unterschied zwischen Schoah (hebräisch für "große Katastrophe") und Holocaust (altgriechisch holókaustos, deutsch für „vollständig verbrannt“) sehr umfangreich erklärt. Die Sicht der Autoren ist wissenschaftlich gesehen sicher zutreffend, umgangssprachlich jedoch wird zumeist von Holocaust und Holocaust-Opfern gesprochen und geschrieben. Auch ich verwende diese Bezeichnung und empfinde sie nach wie vor nicht als falsch.
Der Epilog hat eine andere Autorin: Joëlle Lewitan, die 1999 geborene Tochter von Louis Lewitan, die auch Psychologie studiert hat. Sie bezeichnet sich selbst als Angehörige der Generation Z und sie lässt einen Blick zu auf die Befindlichkeiten der heutigen jüdischen jungen Leute. Und sie macht unumwunden klar, die NS-Zeit ist ein Teil ihrer Biografie. Ihr unverfälschter Blick auf die Ereignisse um den 7. Oktober 2023 in Israel und auf die Entwicklung antisemitischer Haltungen danach spricht Bände. Besonders bewegte mich die Frage, ob und wie offen sie ihre Kette mit dem Davidstern denn in unserem Land, in Europa, in der Welt überhaupt noch tragen kann.
Obwohl zu Beginn des Buches davon die Rede ist, dass die Autoren sich „meist“ für das grammatische, generische Maskulinum entschieden hätten, haben mich die vielen Wiederholungen der „Jüdinnen und Juden“ oder auch „Bürgerinnen und Bürger“ genervt. Die anderen „geschlechtergerechten“ Wortfindungen erwähne ich erst gar nicht. Es ist einfach unschön, beim Hören wie beim Lesen, es stört den Satz, es stört mich beim Denken, weil ich mich jedes Mal von Neuem darüber ärgere. Im Gegensatz zu dieser kleinen Kritik hat mir der Schreibstil ebenso gut gefallen, wie die Lesung von Thomas Dehler. Hier hätte ich gleich einen Vorschlag für den nächsten Hörbuchpreis!
Das Cover passt perfekt zum Thema, das Blaugrau des Fotos mit dem Wehrmachtsangehörigen und dem Mädchen erinnert sehr an die Dramatik der Weltkriegszeit. Entweder fiel der Vater oder er kam in Gefangenschaft, viele Kinder sind so ohne ihre Väter aufgewachsen. Und wenn dann einer nach Hause kam, war er meist nicht mehr der alte, es begann das Schweigen, das Verschweigen, die Traumata in der Familie.
Fazit: Ein aktuelles Thema, das die letzten 80 Jahre überdauert hat und wohl auch noch weitere Generationen beschäftigen wird. Das Buch trägt aus meiner Sicht sehr dazu bei, sich auch in der heutigen Zeit gedanklich nicht über die Vorfahren zu erheben. Niemand weiß, wie er gehandelt hätte, wäre er in der Lage der Väter, Großväter usw. gewesen, egal ob sie Täter oder Opfer oder beides waren. Egal ob Hörbuch oder Buch, ich spreche eine Empfehlung aus, sich mit der Thematik zu beschäftigen, die Stephan Lebert und Louis Lewitan in eine sehr gut rezipierbare Fassung gebracht haben, interessant und aufschlussreich von Anfang bis Ende. 5 Sterne.
Ich habe vor einigen Jahren das Hörbuch von Simon Stranger „Vergesst unsere Namen nicht“ gehört und es hat mich sehr beeindruckt, auch wenn mir der Stil nicht ganz so gut gefiel. Norwegen und seine Geschichte ...
Ich habe vor einigen Jahren das Hörbuch von Simon Stranger „Vergesst unsere Namen nicht“ gehört und es hat mich sehr beeindruckt, auch wenn mir der Stil nicht ganz so gut gefiel. Norwegen und seine Geschichte im Nationalsozialismus und in Verbindung zum Holocaust ist mir durch das Hörbuch aber schon damals etwas nähergekommen. Nun habe ich bei ttt den Bericht über das neue Buch von Stranger gesehen und war sofort Feuer und Flamme, bestellte und las in kurzer Zeit das ganze Buch.
Zuerst war ich wieder irritiert vom Schreibstil, von den hin- und herspringenden Gedanken, von verschiedenen Familien, von unglaublichen Schicksalen, von Erinnerungsstücken und Dokumenten. Dass das Buch den Genretitel Roman trägt, kann ich nicht so ganz verstehen, für mich kommt es einem Geschichte und Geschichten erzählenden Sachbuch näher.
Die Grundidee von Stranger ist der Besuch des imaginären „Museums der Mörder und Lebensretter“, er führt den Leser vom Foyer über 12 Säle bis zum Ausgang. Er führt durch Geschichte seiner Familie und Familienangehörigen, die er an Ellen, die Großmutter seiner Ehefrau Rikke, adressiert. Das Leben von Ellens Familie vor der Besetzung Norwegens durch die Nazis ist vergleichbar mit dem Leben gutbürgerlicher jüdischer Familien in Deutschland vor 1933. Der Vater besitzt eine Tabakfabrik und Ellen, ihre Zwillingsschwester Grete und zwei weitere Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Welt in Stücke bricht. Schritt für Schritt begleitet der Leser die Familie bis in die Emigration nach Schweden und wieder zurück.
Parallel dazu erfährt man vom Großvater des Autors, der als Druckereibesitzer während der deutschen Besatzung schmutzigste Nazipropaganda für die deutschen und norwegischen Nazis druckt. Auszüge aus diesen Pamphlets lassen einem das Blut in den Adern stocken, besonders, wenn man selbst jüdische Vorfahren hat, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Einen Großvater zu haben, der die Nazis durch seine Arbeit unterstützte, ist auch kein leichtes Erbe. Ohne die Nachforschungen des Autors wären diese Details seiner Familiengeschichte aber wohl auch im Dunklen geblieben.
Stranger reiht Ausstellungsstück an Ausstellungsstück, Fotografie an Fotografie, die Säle sind angefüllt mit Erinnerungsdetails, die er durch mühevolle Recherchen zusammengetragen hat und beschreibt, einige auch als Illustrationen zeigt. Ursprünglich hat er die Inspiration zum Buch wohl einem Podcast zu verdanken, der verschüttete Wahrheiten ans Licht brachte. Und so ist das tragische Schicksal der nicht mit Stranger verwandten Eheleute Jakob und Rakel Feldmann der rote Faden, der durch das Buch geleitet. Ihr Tod auf der Flucht nach Schweden ist kein Unfall, er ist Mord, ein Mord der nie gesühnt wird.
Je länger man diesen Erzählungen folgt, umso spannender und aufwühlender wird das Buch. Dass es gerade Ellen und ihre Familie ist, die durch die gleichen Fluchthelfer nach Schweden gerettet werden, die den Tod der Feldmanns auf dem Gewissen haben, ist so makaber wie der ganze Holocaust. Eine Aneinanderreihung von Zufällen, die gut oder böse ausgehen, wenn man die einzelnen Schicksale betrachtet. Und selbst wenn die Zufälle gut ausgehen, wie bei Ellen, so heißt das noch lange nicht, dass mehr als ihr nacktes Leben gerettet wurde. Das Erlebte bleibt so traumatisch, nicht nur für sie, für alle Überlebenden, dass ein normales Leben kaum möglich wurde. Die Traumata wirken nach bis in die Generationen der Kinder, Enkel, Urenkel. Zitat (S. 277) der Tochter eines ehemaligen KZ-Häftlings: „… die, die wir direkt nach dem Krieg geboren wurden, haben die Angst unserer Eltern mitgenommen. Das ist unser Erbe.“
Makaber sind auch die Auflistungen der Gegenstände, die aus jüdischen Haushalten gestohlen und versteigert wurden, es sind Parallelen zum Vorgehen der Nazis in Deutschland, Österreich und überall, wo ihnen Juden und deren Hab und Gut in die Hände fielen. Die Gier kannte keine Grenzen. Ebenso makaber ist die sogenannte Wiedergutmachung , die nach dem Krieg die wenigen überlebenden Juden zu Bittstellern machte, die am Ende ein Almosen von ihren Staaten bekamen oder gar nichts. Das lief in Norwegen genauso ab wie in Deutschland, ich besitze Akten von einem Verwandten, der eigentlich nur ausgelacht wurde ob seiner Forderungen nach Gerechtigkeit.
Interessant fand ich die Charaktere der Protagonisten. Alles bezieht sich ja immer auf real existierenden Vorbilder, aber der Autor ist natürlich ein subjektiv beobachtender Mensch, innerhalb seine Familienstruktur und innerhalb der gefundenen Details bei seinen Recherchen. So mutet zumindest die Beschreibung der ungeduldigen, zänkischen Frau Feldmann etwas übertrieben an. Vielleicht war sie so, vielleicht haben die, die sie beschrieben haben, ja auch nur ihre Unschuld zeigen wollen ob des Gezeters. Man weiß es nicht. Man weiß auch nicht, wie sehr Peder sich den Mord zu Herzen genommen hat, sein Mittäter jedenfalls scheint über moralische Skrupel erhaben gewesen zu sein. Wie muss sich da erst Peders Mutter gefühlt haben, in deren Stiefeln Frau Feldmann in den Tod ging. Und dann auch die Schilderung der Widerstandskämpfer, die tatsächlich selbstlos gehandelt haben, wie schwer muss es sein, im Nachhinein immer die Spreu vom Weizen zu trennen? Simon Stranger hat es sich nicht leichtgemacht mit diesem Buch!
Mir ist beim Lesen ein Wort immer wieder, eigentlich viel zu oft begegnet, die ständigen Wiederholungen sind vielleicht in Ermangelung passender Äquivalenzen zu verstehen. Flüchtende. Im Staatsrecht ist es so, dass die Bezeichnung Flüchtling, die mir persönlich oft viel leichter fällt, nur für diejenigen Personen gilt, die in einem anderen Land Asyl erhalten haben. Die sogenannte Genfer Flüchtlingskonvention hat das so festgelegt.
Fazit: Dem Leser bietet sich keine leichte, unterhaltsame Lektüre. Der schwierige und emotional bedrückende Gang durch das „Museum der Mörder und Lebensretter“ lohnt sich jedoch. Für den Widerstand gegen den seit dem 7. Oktober 2023 ständig anwachsenden, sich überall zeigenden Antisemitismus und Israelhass stärkt er den offenen Leser auf jeden Fall. Ich empfehle das Buch gern weiter. Gute vier Sterne.
Sarah Höflich hat mich mit ihrem Roman überrascht und begeistert. Ich weiß viel über die Nazizeit, den Holocaust, den Krieg, die Nachkriegsjahre, habe selbst für eigene Bücher recherchiert und kann hier ...
Sarah Höflich hat mich mit ihrem Roman überrascht und begeistert. Ich weiß viel über die Nazizeit, den Holocaust, den Krieg, die Nachkriegsjahre, habe selbst für eigene Bücher recherchiert und kann hier bestätigen, dass die Autorin an Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, an Empathie und beim Erzählen einer tragischen Familiengeschichte dem Leser nichts erspart. Eben aus meinen eigenen Erfahrungen zum Thema empfinde ich alle Ereignisse und die psychischen Belastungen als echt und unverfälscht. Es gibt tatsächlich die unwahrscheinlichsten Zufälle, die in diesen schwarzen Jahren des 20. Jahrhunderts von den Menschen erlebt wurden.
Erzählt wird die Familiengeschichte der Baumgartners, einer bürgerlichen Familie, die in Dresden auch im Krieg noch verhältnismäßig gut leben kann, ihren Ältesten aber schon an den Krieg verloren hat. Die Zwillinge Anni und Tristan, zwei die im Inneren zusammengeschweißt sind fürs Leben, versuchen diesen Krieg zu überleben, jeder auf seine Art und jeder mit furchtbaren Erlebnissen. Anni ist 1944 frisch verheiratet mit Fritz Angerer, ihrer großen Jugendliebe, und erwartet ein Kind, Tristan ist Bomberpilot am Ärmelkanal. Der Roman unterteilt sich in Kapitel, die jeweils von einem der beider erzählen und sie begleiten, Anni und ihr Baby Clara durch die Bombennächte von Dresden, Tristan durch die Hölle des Abschusses und der Kriegsgefangenschaft. Und dann ist da noch Adam, der begnadete Geiger und Halbjude, der von Annis Vater wider besseres Wissen, ohne Rücksicht auf sich selbst oder die Familie, versteckt und so gerettet wird. Anni aber verliert dadurch erst den geliebten Vater, dann auch die Mutter. Wie sie mit Adam zusammen dem Inferno Dresdens entkommt, ist eine sehr berührende Geschichte. Mehr will ich zum Inhalt aber nicht schreiben, die Spannung wuchs bei mir jedenfalls von Seite zu Seite.
Sarah Höflich hat in diesem zweiten Roman, nach „Heimatsterben“, einen Schreibstil gefunden, der sehr gut lesbar ist, ohne Schnörkel, ohne abgehackte Sätze auskommt und mich bei Weitem mehr gefesselt hat.
Besonders der Konflikt den Tristan erlebt, der als deutscher Kriegsgefangener in England dem Hass seiner (ehemaligen) Feinde ausgesetzt ist, aber auch Empathie und Solidarität erlebt, sogar Liebe, das ist sehr berührend. Mich lässt es an den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine denken, an die Feindschaften und den abgrundtiefen Hass, der Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert dauern wird, ehe er sich auf beiden Seiten vielleicht wieder abschwächt. Mir wird das insbesondere dann bewusst, wenn ich zum Beispiel in Frankreich oder Polen im Urlaub bin, es gibt zwar keine offene Ablehnung der Deutschen, das würde der Tourismusbranche sicher nicht gut zu Gesicht stehen, aber jenseits der touristischen Pfade, bei Unterhaltungen mit Landsleuten werden die Ressentiments immer wieder deutlich. Wie muss es da erst kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen sein, als alle Wunden noch offen waren? Das Vernarben dauert sehr lange.
Die andere Problematik ist der Hass, die Abneigung und Ausgrenzung von Adam, der im Roman der zurückhaltendste Protagonist ist. In sich gekehrt, vorsichtig und feinfühlig, aber auch todesmutig kümmert er sich um Anni und die kleine Clara. Und wieder kommen mir auch hier Gedanken an das Heute, den aufschäumenden Antisemismus seit dem 7. Oktober 2023, der für viele Juden den Tod bracht, einige sind noch immer Hamasgeiseln und vom Tode bedroht, anderen ist die Welt auf den Kopf gestellt worden. Die sogenannte deutsche „Staatsräson“ hat aus meiner Sicht einen tiefen Riss bekommen, wenn die Täter mehr unterstützt werden als die Opfer, wenn Universitäten und Hochschulen zulassen, dass jüdische Studenten ausgegrenzt, geschlagen und verletzt werden, aber gleichzeitig Pro-Palästina-Demos und -Camps unterstützt werden. Das jüdische Volk wird diese Haltung nicht vergessen, so wie nach 1945 auch der Holocaust nicht vergessen werden konnte. Manches ist niemals aus und vorbei.
Gut gefallen haben mir die historischen Überblicke über die jeweiligen Zeitabschnitte 1944, Februar 1945 bis hin zum Sommer 1947. Ich glaube, dass der Roman für jüngere als mich ein guter Einstieg sein kann, wenn etwa der Geschichtsunterricht lange her ist oder die Themen gar nicht behandelt wurden. Mit dieser Faktenklammer, die immer vom persönlichen Erlebnis des Romanteils beendet wird, werden die Probleme von Anni, Tristan, Adam und ihren Familien auf eine gemeinsame Ebene gestellt.
Der hervorragend gelungene Schutzumschlag würde mich im Buchladen sofort einfangen, auch die Typografie gefällt mir gut. Die Aldus Nova als Schrift ist sehr gut lesbar, einzig die Briefe, die sich mit ihrer Schreibschrift vom Text abheben sollen, sind nicht ganz gelungen. Besonders die fette (für Tristans Schreiben) liest sich schlecht, die feine Variante (für Annis) ist etwas augenfreundlicher. Wären alle Briefe in etwas größerer Schriftgröße gesetzt, wäre es angenehmer, zumindest für mich als Brillenträger. Was mich aber sehr gefreut hat, ist das graue Lesebändchen, das die Farbe der Blüten auf dem Umschlag wieder aufnimmt und einen schönen Kontrast zum Orange des Bucheinbandes wie des Umschlags bildet.
Am Ende des Romans angekommen hatte ich nun einen Gedanken, den ich der Autorin ans Herz legen möchte: Dieser Roman schreit förmlich nach einem Folgeband! Was wird im Laufe der Jahre aus Anni, Clara, Tristan, Rosalie, Fritz, Adam oder Jonathan und ihren Verwandten und Freunden? Können sie das Erlebte und Erlittene hinter sich lassen und ein ganz neues Leben leben? So sehr sind mir die Protagonisten ans Herz gewachsen, dass ich fast vergessen konnte, dass sie einem Roman entsprungen, dass die Personen fiktional sind.
Fazit: ein Roman, der sich mit der deutschen Geschichte und ihren tragischen Auswirkungen auf jeden einzelnen Menschen auseinandersetzt, und das in einer fesselnden und Mut machenden Art, die man selten findet. Unbedingt 5 Sterne!
Es ist schwierig, hier über die Geschichte zu schreiben, ohne nennenswerte Spoiler einzusetzen, denn der Verlagstext ist eigentlich schon die schönste Rezension, die mir einfallen könnte: "Wer temporeiche ...
Es ist schwierig, hier über die Geschichte zu schreiben, ohne nennenswerte Spoiler einzusetzen, denn der Verlagstext ist eigentlich schon die schönste Rezension, die mir einfallen könnte: "Wer temporeiche Hochspannung zum Miträtseln liebt, kommt an Ursula Poznanski nicht vorbei. In ihren Krimi-Bestsellern aus Wien geht es ebenso blutig wie geheimnisvoll zur Sache. Und wie die junge Ermittlerin Fina Plank sich in einem eingeschworenen Männer-Team Respekt verschafft, ist einfach nur ein großes Vergnügen."
Ich habe die ersten beiden Bände dieser Reihe nicht gelesen bzw. gehört, das werde ich nun nachholen, denn mir hat Fina Plank als Ermittlerin gut gefallen. Man kann "Teufels Tanz" auch gut hören oder lesen, ohne die ersten Bände zu kennen, und ich verspreche nicht zu viel, wenn ich gute Unterhaltung wünsche. Mir hat es Spaß gemacht, Julia Nachtmann zuzuhören.
Was ich noch anmerken muss: Das Cover ist sehr gut gelungen, ein absoluter Eye-Catcher.