Hoffnungsschimmer trotz Mord und Hungerwinter
Die weiße NachtMein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin ...
Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin noch kein Buch gelesen, obwohl sie bereits mehrere Romanreihen verfasst hat. Aber ich kenne und liebe ein Hörbuch von ihr, „Meine Freundin Lotte“, die Geschichte der Malerin Lotte Laserstein.
Anne Stern ist selbstbewusst und ergreift mit ihrem neuen Kriminalroman erneut die Chance, sich einzureihen in die Kriegs- und Nachkriegsromane z. B. von aktuellen Schriftstellern wie Volker Kutscher, Cay Rademacher, Carmen Korn oder Mechthild Bormann. Ich sehe aber auch eine Verwandtschaft zu der frühen Nachkriegs- oder Trümmerliteratur, die teilweise schon kurz nach Kriegsende die Thematik der Überlebenden, der Opfer, der Täter aufgriff, von Schuld und Sühne, von Verbrechen und Rache erzählte, als Beispiel nenne ich Heinrich Böll oder Siegfried Lenz. Diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bewegt sicher nicht nur mich, ich habe viel darüber gelesen und auch selbst recherchiert, es finden sich immer wieder neue Aspekte, die betrachtet werden. Mein Vater kam im Mai 1945 nach zehnjähriger Zuchthaushaft aus Görden nach Berlin, mein Onkel nach der Kriegsgefangenschaft aus Italien. Mich erinnern die Erlebnisse in Die weiße Nacht deshalb auch sehr an die Recherchen, die ich zu diesem Zeitabschnitt durchführte. Ich bin selbst auch in Berlin nach dem Krieg geboren, so dass ich viele der genannten Orte gut kenne. Einschließlich der Heilanstalt Wittenau, in der meine jüdische Großtante einige Monate in den 1930er Jahren verbrachte. Der T4-Aktion entging sie noch, dem Holocaust nicht. Diese persönliche Nähe zu den Orten und Ereignissen fesselt mich bei der Rezeption solcher Bücher, ich kann mitdenken und mitfühlen, entwickle auch eine Vertrautheit zu den Protagonisten.
Anne Stern hat ihren Roman aufgebaut auf Morden, die zuerst nur dem äußeren Anschein nach zusammenhängen. Die Todesart und die ähnlich inszenierten Auffindeorte sagen aber noch nichts aus über Hintergründe, Motive und schlussendlich den Täter.
Die zwei wichtigsten Protagonisten – aus dem Titel als Lou und König zu erkennen, geraten in einen Strudel von Ereignissen, die nicht vorhersehbar sind. Lou, das ist die Fotografin Lou (eigentlich Marielouise Faber), und König, das ist Alfred König, Kriminalkommissar der Berliner Polizei, lernen sich unvermittelt kennen, weil Lou in den Trümmern der Großstadt eine Frauenleiche findet. Dass ihre Fotos am Ende die einzigen vom Tatort sind, weil die Ausrüstung der Polizei eher dürftig ist, bringt die Story weiter voran. Spät, fast zu spät findet sie ein Detail, das zur Aufklärung des Falles führt. Darüber schreibe ich nichts mehr, der Kriminalfall sollte für alle, die lesen oder hören, auf jeden Fall so spannend sein wie für mich.
Anne Stern ist in der Lage, ihre Protagonisten zu lebendigen Personen zu machen, in die man sich hineinversetzen und mit denen man mitfiebern und mitleiden kann. Was mich jedoch etwas irritierte, ich gehe davon aus, dass das die Absicht der Autorin ist, das ist die Figur des deutschen Wehrmachtsoldaten Gregor, der in einem russischen Kriegsgefangenenlager versucht, seine Flucht vorzubereiten. Wer ist dieser Gregor? Das weiß man als Leser/Hörer auch am Ende noch nicht, so ungewisse, zusammenhanglose Details in einem Roman gefallen mir persönlich nicht besonders. Gregor ist aber nicht die einzige offene Stelle im Buch, auch das Schicksal von Justus, einem noch sehr jungen, aber gewitzten Berliner Schwarzhändler, bleibt offen, wie auch das Schicksal von Lous Ehemann. Auch um Lou wabern die Geheimnisse ihrer Herkunft und Lebensgeschichte. Da das alles trotz (wegen?) der Aufklärung des Falles nur angerissen wird, muss ich mich wohl gedulden, bis der nächste Teil der Reihe „Lou und König“ erscheint.
Anne Stern schreibt in einem gut lesbaren/hörbaren Stil, manchmal ist er mir aber doch etwas zu pathetisch. Was mir aber gefällt, sie beschreibt Situationen authentisch und miterlebbar, wir leben heute zumeist in so wohlig warmen behüteten Verhältnissen, dass uns dieser Hungerwinter 1946/1947 wie ein lange zurückliegendes böses Märchen erscheint. Schauen wir nur ein paar Tausend Kilometer nach Osten, ist es in der Ukraine heute bittere Realität, die Menschen dort müssen russischen Bombenangriffen und Kälte trotzen, aber auch dort gibt es etwas, was man den Menschen nicht nehmen kann: Hoffnung. Ohne diese hätten auch unsere Vorfahren die bitteren Jahre kaum überstanden. Das ist etwas, was ich mitnehme aus diesem Roman, denn er gibt auch mir Hoffnung.
Das Cover von Buch und Hörbuch passt perfekt! Der Blick durch die Kameralinse auf das zerstörte Berliner Stadtschloss, davor „fliegende“ Kinder auf einem Kettenkarussell. Hier beginnt der Blick von Lou in eine hoffnungsvolle Zukunft. Das weiß man zwar vorher noch nicht, aber für mich schließt sich hier der Kreis. Gut gelungen!
Das bezieht sich nur aufs Hörbuch! Julia Nachtmann liest den Roman in gewohnt empathischer Art, dass sie manchmal Silben verschluckt, sei ihr bei 12 langen Lesestunden verziehen.
Fazit: Diese 12 Stunden wurden eine sehr spannende Reise in die Vergangenheit. Gern mehr davon.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.