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Veröffentlicht am 09.01.2026

Hoffnungsschimmer trotz Mord und Hungerwinter

Die weiße Nacht
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Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin ...

Mein Hobby ist das Hören von Hörbüchern, insbesondere, wenn sich bei mir die Bücher stapeln, ist das eine gute Gelegenheit, trotzdem interessante neue Bücher kennenzulernen. Ich habe von dieser Autorin noch kein Buch gelesen, obwohl sie bereits mehrere Romanreihen verfasst hat. Aber ich kenne und liebe ein Hörbuch von ihr, „Meine Freundin Lotte“, die Geschichte der Malerin Lotte Laserstein.
Anne Stern ist selbstbewusst und ergreift mit ihrem neuen Kriminalroman erneut die Chance, sich einzureihen in die Kriegs- und Nachkriegsromane z. B. von aktuellen Schriftstellern wie Volker Kutscher, Cay Rademacher, Carmen Korn oder Mechthild Bormann. Ich sehe aber auch eine Verwandtschaft zu der frühen Nachkriegs- oder Trümmerliteratur, die teilweise schon kurz nach Kriegsende die Thematik der Überlebenden, der Opfer, der Täter aufgriff, von Schuld und Sühne, von Verbrechen und Rache erzählte, als Beispiel nenne ich Heinrich Böll oder Siegfried Lenz. Diese Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bewegt sicher nicht nur mich, ich habe viel darüber gelesen und auch selbst recherchiert, es finden sich immer wieder neue Aspekte, die betrachtet werden. Mein Vater kam im Mai 1945 nach zehnjähriger Zuchthaushaft aus Görden nach Berlin, mein Onkel nach der Kriegsgefangenschaft aus Italien. Mich erinnern die Erlebnisse in Die weiße Nacht deshalb auch sehr an die Recherchen, die ich zu diesem Zeitabschnitt durchführte. Ich bin selbst auch in Berlin nach dem Krieg geboren, so dass ich viele der genannten Orte gut kenne. Einschließlich der Heilanstalt Wittenau, in der meine jüdische Großtante einige Monate in den 1930er Jahren verbrachte. Der T4-Aktion entging sie noch, dem Holocaust nicht. Diese persönliche Nähe zu den Orten und Ereignissen fesselt mich bei der Rezeption solcher Bücher, ich kann mitdenken und mitfühlen, entwickle auch eine Vertrautheit zu den Protagonisten.
Anne Stern hat ihren Roman aufgebaut auf Morden, die zuerst nur dem äußeren Anschein nach zusammenhängen. Die Todesart und die ähnlich inszenierten Auffindeorte sagen aber noch nichts aus über Hintergründe, Motive und schlussendlich den Täter.
Die zwei wichtigsten Protagonisten – aus dem Titel als Lou und König zu erkennen, geraten in einen Strudel von Ereignissen, die nicht vorhersehbar sind. Lou, das ist die Fotografin Lou (eigentlich Marielouise Faber), und König, das ist Alfred König, Kriminalkommissar der Berliner Polizei, lernen sich unvermittelt kennen, weil Lou in den Trümmern der Großstadt eine Frauenleiche findet. Dass ihre Fotos am Ende die einzigen vom Tatort sind, weil die Ausrüstung der Polizei eher dürftig ist, bringt die Story weiter voran. Spät, fast zu spät findet sie ein Detail, das zur Aufklärung des Falles führt. Darüber schreibe ich nichts mehr, der Kriminalfall sollte für alle, die lesen oder hören, auf jeden Fall so spannend sein wie für mich.
Anne Stern ist in der Lage, ihre Protagonisten zu lebendigen Personen zu machen, in die man sich hineinversetzen und mit denen man mitfiebern und mitleiden kann. Was mich jedoch etwas irritierte, ich gehe davon aus, dass das die Absicht der Autorin ist, das ist die Figur des deutschen Wehrmachtsoldaten Gregor, der in einem russischen Kriegsgefangenenlager versucht, seine Flucht vorzubereiten. Wer ist dieser Gregor? Das weiß man als Leser/Hörer auch am Ende noch nicht, so ungewisse, zusammenhanglose Details in einem Roman gefallen mir persönlich nicht besonders. Gregor ist aber nicht die einzige offene Stelle im Buch, auch das Schicksal von Justus, einem noch sehr jungen, aber gewitzten Berliner Schwarzhändler, bleibt offen, wie auch das Schicksal von Lous Ehemann. Auch um Lou wabern die Geheimnisse ihrer Herkunft und Lebensgeschichte. Da das alles trotz (wegen?) der Aufklärung des Falles nur angerissen wird, muss ich mich wohl gedulden, bis der nächste Teil der Reihe „Lou und König“ erscheint.
Anne Stern schreibt in einem gut lesbaren/hörbaren Stil, manchmal ist er mir aber doch etwas zu pathetisch. Was mir aber gefällt, sie beschreibt Situationen authentisch und miterlebbar, wir leben heute zumeist in so wohlig warmen behüteten Verhältnissen, dass uns dieser Hungerwinter 1946/1947 wie ein lange zurückliegendes böses Märchen erscheint. Schauen wir nur ein paar Tausend Kilometer nach Osten, ist es in der Ukraine heute bittere Realität, die Menschen dort müssen russischen Bombenangriffen und Kälte trotzen, aber auch dort gibt es etwas, was man den Menschen nicht nehmen kann: Hoffnung. Ohne diese hätten auch unsere Vorfahren die bitteren Jahre kaum überstanden. Das ist etwas, was ich mitnehme aus diesem Roman, denn er gibt auch mir Hoffnung.
Das Cover von Buch und Hörbuch passt perfekt! Der Blick durch die Kameralinse auf das zerstörte Berliner Stadtschloss, davor „fliegende“ Kinder auf einem Kettenkarussell. Hier beginnt der Blick von Lou in eine hoffnungsvolle Zukunft. Das weiß man zwar vorher noch nicht, aber für mich schließt sich hier der Kreis. Gut gelungen!
Das bezieht sich nur aufs Hörbuch! Julia Nachtmann liest den Roman in gewohnt empathischer Art, dass sie manchmal Silben verschluckt, sei ihr bei 12 langen Lesestunden verziehen.
Fazit: Diese 12 Stunden wurden eine sehr spannende Reise in die Vergangenheit. Gern mehr davon.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Gennat beschwört noch einmal die guten alten Ermittlermethoden

Kommissar Gennat und der Raubmord am Ku’damm
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Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow ...

Mir hat dieser Kriminalroman außerordentlich gut gefallen, es ist ja nicht der erste dieser Reihe, aber die bisher erschienenen habe ich nicht gelesen. Nur „Ernst Gennat ermittelt“, die von Regina Stürickow liebevoll recherchierte Biografie kenne und besitze ich. Nun kommt dieser Krimi hinzu und ich liebäugele schon mit anderen Büchern der Autorin. Sie hat sich wohl mit Leib und Seele den alten Berliner Kriminalfällen verschrieben, so dass ich voll auf meine Kosten komme. Denn sie verbindet „True Crime“ und Fiktionales auf ganz wunderbare Weise. Ein bisschen Berliner Schnauze und viel Lokalkolorit sind auch dabei, für mich als gebürtige Berlinerin eine Freude.
Der Fall des Raubmords am Ku’damm könnte jederzeit und überall so passiert sein, Kriminelle finden immer Mittel und Wege, seien sie noch so verschlungen, um an Geld zu kommen. Diesmal hat es den Boten eines Reisebüros erwischt, der mit der gut gefüllten Geldbombe nach Feierabend zur Bank gehen wollte. Zwei finstere Gestalten bringen ihn zu Fall, entreißen ihm die Tasche mit dem Geld und schießen auf ihn. Der Bote namens Schröter verstirbt und es ist ein Fall für die Mordermittler unter Regierungsrat Ernst Gennat. Eine breitgefächerte Suche nach den Tätern beginnt.
In den Kriminalfall eingewoben hat die Autorin eine fiktionale Erzählung rund um Lissy und Max Kaminski, ein jüdisches Berliner Ehepaar, das in der schlimmsten Krise seiner Ehe steht, die Entscheidung „gehen oder bleiben“ im Berlin des Jahres 1936. Zwar hat das Hitlerregime für die Zeit der Olympischen Spiele, winters wie sommers, die öffentlich sichtbaren Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung zurückgefahren, aber der Druck bleibt bestehen. Die Kaminskis – befreundet mit Ernst Gennat und auch mit dem Wiener Journalisten Hawliczek, der gerade in Berlin weilt – , und deren erwachsene Kinder bereits in Paris leben, müssen sich entscheiden. Lissy will lieber sofort emigrieren, Max eher gar nicht. Und Hawliczek ist der Meinung, dass „soetwas“ wie in Deutschland in Österreich nie passieren würde. Aus heutiger Sicht ein fataler Trugschluss. Aber ungeachtet dessen ist Lissy bereit, Gennat bei seinen Ermittlungen tatkräftig zu unterstützen.
Bei den Ermittlungen wird ein ganzes Kaleidoskop an Berliner Alltagsszenen eröffnet, die Autorin lässt den Leser hinter die Kulissen schauen, bei den Armen wie bei den besser Betuchten, sie zeichnet herrlich schnoddrige Berliner Originale, sie lässt Gennat genüsslich Kuchen essen und seine Sekretärin umgarnen, lässt beide Kaffee schlürfen und laut denken. Es macht einfach Spaß, zu lesen, wie sich die Schlinge um die Ku’damm-Mörder langsam zuzieht, auch wenn hin und wieder etwas auf Abwege gerät.
Ernst Gennat ist vielen sicher ein Begriff, seine Mordauto-Erfindung ist legendär, seine Leibesfülle ebenso. Gennat wird schon 1939 mit nur 60 Jahren sterben, aber hier im Buch löst er auf jeden Fall den Fall. Regina Stürickow liefert, man könnte sagen, man bekommt, was man bestellt hat, einen tollen Kriminalroman.
Zur Buchgestaltung: Das Cover würde mich im Buchladen sofort zum Zugreifen animieren! Der nostalgische Blick zur Gedächtniskirche wird zurückgeworfen vom ein wenig grimmig schauenden Buddha. Die Umschlagklappen sind etwas breit geraten, sie haben mich beim Lesen eher gestört. Aber eigentlich verschenkter Platz: Hier hätte eine Berlinkarte mit markierten Schauplätzen in der vorderen Innenseite des Covers für Nichtberliner hilfreich sein können. Nicht jeder Thüringer kennt den Leopoldplatz, nicht jeder Bayer die Charité.
Die Typografie (des gedruckten Buches) ist einerseits sehr großzügig angelegt, sehr breite Stege, die sind ungewohnt, kein Goldener Schnitt. Wenn man vom Platz auf der Seite ausgeht, hätten Grundschrift und insbesondere der Durchschuss gern einen Punkt größer sein können. Das ist aber absolut subjektiv und fließt nicht in meine Bewertung ein, denn Käufer eines eBooks können die Typografie ja selbst verändern.
Fazit: Ein historischer Berlin-Krimi, der nicht nur den beschriebenen Mordfall löst, sondern auch die Geschichte der 1930er Jahre in Berlin einbezieht. Von mir eine Leseempfehlung und fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 06.01.2026

Unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeiten

Down Cemetery Road
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Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple ...

Dieses Buch ist nicht mehr ganz taufrisch, zuerst erschienen im Jahr 2003 in London, erlebt es aber zurzeit einen wahren Hype. Die Verfilmung von "Down Cemetery Road", die seit einigen Wochen auf apple tv+ zu sehen ist, scheint der Grund zu sein. Emma Thompson hat mit ihrem empathischen Vorwort zu dieser Neuausgabe und mit ihrer Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm sicherlich stark dazu beigetragen.
Ich habe zwei der "Slow Horses"-Krimis (Dead Lions, Real Tigers) von Herron gelesen und bin nun doch etwas ratlos und enttäuscht. Das Gespann Sarah Tucker und Zoë Boehm konnte mich bis zum Finale nicht richtig fesseln. Vielleicht liegt es an den hochgesetzten Erwartungen, die nicht nur durch die Verfilmung sondern auch durch Rezensionstexte, wie den auf dem Cover von Val McDermid, verursacht wurden. Ich muss leider sagen, eine Lesesucht nach Zoë Boehm empfinde ich nicht.
Die Story birgt zu viele Unwahrscheinlichkeiten, als dass ich sie wirklich ernst nehmen kann. Trotzdem werde ich mir die Serie ansehen, vielleicht inspirieren mich die Filme mehr als das Buch.

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Veröffentlicht am 17.12.2025

Synästhesie, scharfer Verstand, weiches Herz

Die Kryptografin
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Eine ungewöhnliche Mischung ist der Autorin Hanna Aden nach ihren beiden Fräulein-Lena-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, gelungen. Der Roman Die Kryptografin spielt 1953/1954 in München, Hauptperson ...

Eine ungewöhnliche Mischung ist der Autorin Hanna Aden nach ihren beiden Fräulein-Lena-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, gelungen. Der Roman Die Kryptografin spielt 1953/1954 in München, Hauptperson ist die zwanzigjährige Margot, die ihren Lebenstraum von einer Mathematikprofessur wahrmachen will. Schon das ist ein ungewöhnlicher Wunsch für eine Vertriebene aus Pommern, aber zu ihrem scharfen mathematischen Verstand gesellt sich ihre Synästhesie, von der sie insgeheim vermutet, es könnte eine psychische Erkrankung sein. Es handelt sich jedoch um ein seltenes neurologisches Phänomen, bei dem die Betroffenen die Verschmelzung von verschiedenen Sinneseindrücken erleben. Kürzlich las ich über den isländischen Star-Pianisten Víkingur Ólafsson, dass er z. B. die Töne E und F mit den Farben Gün und Blau in Verbindung bringt, er sieht sozusagen seine gespielten Töne farblich. Ein sehr seltenes Phänomen, dass mir in einem Roman in der Intensität und Ausführlichkeit noch nie begegnet war. Die Protagonistin Margot ist so sensibel, dass sie z. B. Charaktereigenschaften und Ereignisse mit farblichem Empfinden spürt, und auch Bedrohungen empfindet sie farblich. Einher geht das mit einem hohen mathematischen Verständnis und Talent, so dass es für mich kaum nachvollziehbar war, wie sie ihre Aufgaben löste.
Begleitet wird Margot auf dem Weg von und zur Uni von einem Studenten aus der Nachbarschaft, Jasper, der sich im Laufe des Romans als egozentrischer und besitzergreifender Narzisst herausstellt. Eine der unangenehmen Figuren im Roman. Die sensible Margot tut sich schwer damit, ihn wieder abzuschütteln.
Hinzu kommt ihr Trauma aus Kriegstagen, das immer nur angedeutet wird, nie erzählt sie jemandem davon, auch nicht ihrer Mutter. Ganz am Ende des Romans wird Margot vielleicht begreifen, dass das Verschweigen und Verdrängen jener Erinnerungen nicht hilfreich für eine Beziehung zu einem Mann sind. Vielleicht hilft er ihr?
Aber es gibt auch Freunde und Bekannte, die ein Pendant bilden, Sue, eigentlich Susanne, im gleichen Alter wie Margot, aber in einer prekären Situation, sie ist Waise, kümmert sich um zwei jüngere Schwestern und einen mit nur einem Bein aus dem Krieg heimgekehrten Bruder. Diese Sue träumt von mehr als eine Nähstelle bei Madame Palach, sie möchte Journalistin werden, eine, die den berufstätigen Frauen eine Stimme gibt und von den Ungerechtigkeiten ihres Lebens berichtet. Ihr Bruder, der nach neun Jahren der Lethargie plötzlich wieder zum Leben erwacht, will ihr helfen. Aber Sues linksgerichtete Art der journalistischen Arbeit, die sie versucht allein auf die Beine zu stellen, ist bei Zeitungen und Zeitschriften nicht gefragt. Sie wird sich anpassen müssen, um einmal in dieser Umgebung zu bestehen. Sue wird ein großer Raum gegeben in diesem Roman, eigentlich ist das ein zweiter breiter Handlungsstrang, der sich durchs ganze Buch zieht.
Margot und Sue befreunden sich, aber diese Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, denn Margot lässt sich zum Geheimdienst, dem späteren BND, anwerben und nimmt die Geheimhaltungsklausel nach einem ersten Ausrutscher so ernst, dass sie sich wie in ein Schneckenhaus zurückzieht. Wie sie sich aus dieser Situation befreit, was sie erlebt, beschreibe ich hier nicht. Margot und Sue machen ihren Weg. Einige Längen in Szenen oder Dialogen bergen die Gefahr, etwas zu überspringen, das vielleicht für den Handlungsverlauf wichtig ist. Auch die politischen Diskussionen, die mich sehr an heutige erinnern, haben mir nicht besonders gut gefallen, aber das ist sehr subjektiv betrachtet. Gefallen hat mir aber die Figur der Elsa, die als Schwester von Sue mit 13 Jahren mittendrin ist in der Pubertät, der Selbstfindung und der Zukunftsplanung. Eine Lieblingsfigur konnte ich für mich in diesem Roman nicht ausmachen, aber ich konnte mich gut in Margots Mutter hineinversetzen; Margot und Sue hingegen blieben mir beide fremd.
Wer sich jedoch erhofft, einen tieferen Einblick in die Arbeit eines Geheimdienstes der 1950er Jahre zu erhaschen, der wird vielleicht enttäuscht sein. Nach der Anwerbung, die sehr echt beschrieben wird, ist die Geheimdiensttätigkeit nur am Rande erwähnt. Es sind mehr die persönlichen Aspekte, die im Roman in Pullach zum Tragen kommen. Und Kryptografin ist nicht gleich Agentin. Aber Margot hat vielleicht tatsächlich Chancen, eine zu werden.
Das Cover ist aus meiner Sicht etwas zu glatt geraten, das Bild der jungen Frau, die gezeigt wird, hat für mich nichts mit der im Roman geschilderten Margot zu tun. Die Typografie nimmt das Thema Kryptografie auf, kryptische Überschriften, unleserliche Seitenzahlen und ein schwaches Schriftbild haben mein Lesevergnügen etwas getrübt.
Fazit: Ein Roman, der den Leser in die Nachkriegsjahre in München mitnimmt und auf authentische Weise die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Protagonisten schildert. Der Roman von Hanna Arden birgt viel Interessantes und liest sich spannend und gut.

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Veröffentlicht am 11.12.2025

50 verlorene Jahre

Heimat aus Eis und Asche
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Dieses Buch hat mich stellenweise zu Tränen gerührt, bei manchem Detail habe ich auch den Kopf geschüttelt. Aber der Reihe nach:
Die Idee, dass ein kleines Mädchen im ostpreußischen Winter 1945 einfach ...

Dieses Buch hat mich stellenweise zu Tränen gerührt, bei manchem Detail habe ich auch den Kopf geschüttelt. Aber der Reihe nach:
Die Idee, dass ein kleines Mädchen im ostpreußischen Winter 1945 einfach verschwindet und erst als erwachsene Frau hinter ihre Familiengeheimnisse kommt, die finde ich ganz wunderbar. Lena, von der leiblichen Mutter Lenchen genannt, muss den harten Weg gehen. Beinahe 50 Jahre später erfährt sie nach dem Tod der Mutter, dass sie adoptiert wurde. Und hat nach anderthalb Jahren endlich Erfolg. Sie findet ihre Mama Ellie wieder, ziemlich einsam auf einem kleinen Hof in Ostdeutschland. Die Wende machte es möglich und auch diverse Zufälle im Buch, dass diese familiäre Wiedervereinigung überhaupt passieren konnte. Ich spoilere ungern, aber anders geht das mit diesem Buch nicht.
Einige Rezensenten finden es kitschig oder unglaubwürdig, dass sich zwei eigentlich vollkommen fremde Frauen als Mutter und Tochter 50 Jahre nach der Trennung in die Arme fallen, dass Lena ihren Bären Hugo als Erkennungsmerkmal dabeihat und das erste Mal zu Ellie Mama sagen kann. Ich finde es weder kitschig noch unglaubwürdig, weil ich, zwar unter völlig anderen Umständen, fast das Gleiche erlebt habe. Meine kleine Tochter und ich haben uns nach 46 Jahren unter größter emotionaler Anstrengung einander angenähert und uns im Januar 2024 das erste Mal gesehen. Mit dem gleichen Effekt, der auch bei Ellie und Lena eingetreten ist. Die Annäherung dauerte lange, die Frage, wie nahe will man sich nach dieser langen Zeit sein, die ist vollkommen legitim. Die Autorin hat gerade diese innere Zerrissenheit der beiden wunderbar zum Ausdruck gebracht, anders hätte ich über mich und meine kleine Tochter auch nicht denken können. Zitat, Ellies Gedanken: "... Sie war nicht mehr allein, Lena, ihr Lenchen, war wieder da. ... Die verlorenen fünfzig Jahre waren nicht aufholbar. Sie würde immer darum trauern. ..."
Es gibt einige Szenen, die sich etwas aufgepfropft anfühlen. Insgesamt sind es die merkwürdigen Zu- und Unfälle rund um Lena und ihren Freund und Anwalt Ansgar, die mir überflüssig vorkamen. Und wenn ich schon beim Überflüssigen bin, dann denke ich zurück an den Anfang, als Lena einige Male zu oft ins Glas schaute. Auch ihre Art, sich drei Monate frei zu nehmen, entspricht nicht dem Verhalten einer Personalleiterin einer Bank. Ich habe die letzten 25 Jahre vor meiner Rente in Banken gearbeitet, Umgangston und Gepflogenheiten waren dort andere.
Anstelle der bemängelten Überflüssigkeiten hätte ich mir eher etwas Aufklärung über den Adoptivvater von Lena gewünscht. Da sie ja schon beim Recherchieren war, hätte sie auch in diese Richtung forschen können. Und wie waren Geld und Vermögen der von Schweigs über den Krieg gerettet worden? Anstelle grundlegender Erkenntnisse gab es nur ein bisschen Getuschel.
Die sich frisch und schnell entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Lena und ihrem Anwalt lockert den ernsten Hintergrund etwas auf. Die empfand ich auch nicht als überflüssig. Ansgar blieb jedoch ein wenig blass und verschwindet hinter den gut charakterisierten Frauen etwas.
Man sucht sich ja bei einem Roman gern einen Lieblingshelden aus, für mich war es eine Lieblingsheldin, nämlich Ellie. Ganz uneingeschränkt. Ich kann ihr Verhalten, auch das Schweigen über die Vergewaltigung der Russen sehr gut verstehen. Dass es mit zum Ende ihrer Ehe beigetragen hat, wird ihr schwer genug auf der Seele gelastet haben. Was sie als noch sehr junge Frau durchgemacht hat, wie sie ohne Zögern immer ihrer Mutter half, das fand ich bewundernswert. Für mich ist diese kleine Frau ein Vorbild an Menschlichkeit.
Ganz im Gegensatz zur verstorbenen Adoptivmutter. Ja, sie hat Lena das Leben gerettet. Aber sie hat wissentlich auch das Leben von Ellie, Albert und Lenchen zerstört. Diese späte Erkenntnis muss für Lena ein schrecklicher Schlag gewesen sein. Warum aus Ellies geschiedenem Ehemann, Lenas Vater, ein armer, runtergekommener Ossi geworden war, das hat sich mir nicht erschlossen. Lenas ebenso armer, runtergekommener Stiefbruder ist zwar aus dem Westen, wäre aber für die Story wirklich verzichtbar gewesen.
Der Schreibstil ist gut lesbar, auch die Dialoge sind nicht ausufernd. Verwundert war ich mehrere Male, dass Ort und Zeit plötzlich mitten im Fließtext wechselten, keine Blindzeile, kein Sternchen. Einige Begriffe sind nicht ganz passend gewählt, so war nur ein Bruchteil der deutschen Kriegsgefangenen als verurteilte Straftäter in GULAGs, die meisten waren in Kriegsgefangenenlagern (rd. 2.500 in der SU), arbeiteten dort aber auch unter katastrophalen Bedingungen. Wenn man beim DRK eine Suchanfrage gestellt hat, erhält man als Antwort keine Suchanfrage, sondern eine Auskunft. Soviets ist in Ostdeutschland nicht die richtige Schreibweise, hier hieß es Sowjets. Der richtige Begriff für einen stark unter Hunger leidenden Menschen ist ausgemergelt, nicht abgemergelt. Das sind nur Beispiele, wo das Lektorat etwas gründlicher hätte sein müssen.
Interessant war für mich, dass die Autorin auf tatsächliche Lebensläufe und Berichte zurückgegriffen hat. Es ist trotzdem ein historischer Roman und kein Sachbuch geworden. Mir hat es gefallen. So bin ich am Ende auch nicht über das Happy End böse, es ist ein versöhnlicher Abschluss geworden. Ganz am Schluss des Buches findet sich noch ein Dank der Autorin an die Leser. Sie mag ja Spaß an der Recherche und am Schreiben gehabt haben, aber eines muss ich doch anmerken, ein Spaß war dieses Buch für mich als Leser gewiss nicht, es war eine herausfordernde und interessante Lektüre.
Mein Fazit: Ein historischer Roman mit unterschiedlichen Zeit- und Handlungssträngen, dessen innerer Kern – die Fluchtgeschichte und die Lebensgeschichte von Ellie – mir sehr gefallen hat. Die Protagonisten sind alle ziemlich lebensecht dargestellt. Und die von anderen Rezensenten bemängelte Kälte der Hauptperson Lena kann ich nicht sehen, ich sehe eine zutiefst verunsicherte Frau, die gewissermaßen ein Trauma mit sich herumtrug, von dem sie nichts wusste. Und manche Übertreibung verzeihe ich der Autorin gern im Angesicht der tragischen Ereignisse der Flucht und der das Innerste von Lena und Ellie aufwühlenden Wahrheiten.

Die Rezension gibt meine persönliche Meinung wieder und wurde ohne KI erstellt.

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