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Veröffentlicht am 25.02.2026

Das Dunkle in der Welt zeigt sich früh genug

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine ...

Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine Buch denken müssen, es hatte mich im tiefsten Inneren erwischt. Nun erscheint ein neuer schmaler Band mit dem großen Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, vielleicht hat die Autorin daran gerade gearbeitet, als ich über sie und mich, unsere Ähnlichkeiten (Vorname, Geburtsstadt, Pellkartofffeln und Quark, das Kind) nachdachte. In diesem Buch sprach sie nie von ihrem Großvater mütterlicherseits, nur der schreckliche Großvater väterlicherseits war thematisiert worden.
Völlig unerwartet habe ich festgestellt, dass eine weitere, prägende Ähnlichkeit vorhanden ist: wir haben beide einen Großvater, der bereits bei unserer Geburt tot war und über den in der Familie eher wenig gesprochen wurde. Womit die Ähnlichkeit abrupt endet. Ihr Großvater war ein SS-Angehöriger, der den Krieg bis auf eine Tätowierung unterm Arm körperlich unversehrt überstand, mein Großvater war Jude und wurde in Auschwitz ermordet, die Mörder nahmen sich nicht die Zeit, ihm eine Nummer zu tätowieren. Einen größeren Unterschied zwischen unseren Großvätern gibt es wohl kaum. Und doch bin ich fasziniert und bewegt von Judith Hermanns Versuch, in der Zeit zurückzugehen.
Wir haben in der Nachkriegsgeneration Traumata, die wir versuchen zu überwinden, zu verstehen, zu „literarisieren“ oder einfach Orte zu sehen, an denen etwas Geschichtliches und Familiäres stattgefunden hat. Wir irren uns in der Hausnummer, wir suchen am falschen Ort, wir sehen einfach nichts und doch sehen wir alles. Judith Hermann ist nach Radom gefahren, der polnische Ort, in dem ihr Großvater im Einsatz war, auch bei der Auflösung des jüdischen Ghettos, bei vielleicht bis heute unaussprechlichen Taten, die er begangen hat, oder auch nicht. Radom zeigt ihr nichts, gibt freiwillig nichts preis, Unverständnis und Ignoranz sind keine ungewöhnlichen Reaktionen. Trotzdem spinnt sie sich ein in einen Kokon, in dieser auf Zeit gemieteten Wohnung und versucht dem Phänomen „Großvater-Täter“ auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu mir hat sie zumindest Fotos, weiß wie er aussah, wie er posierte. Von meinem Großvater ist nichts als eine Rauchwolke geblieben, und ein paar Urkunden in Archiven sind erhalten, kein Foto, kein Knopf, gar nichts. So denke ich, sie kann froh sein, dass sie nicht nur einem Phantom nachjagt, sondern ein wenig mehr herausfinden will über den Vater ihrer Mutter, die mit ihm bis zum vierzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod zusammenlebte. Meine Mutter konnte sich nicht einmal an ihren Vater erinnern. Aber ihre Mutter möchte nicht viel erzählen, kann es vielleicht auch nicht. So bleiben beide immer wieder stecken in den unvollständigen Erinnerungen. Die Zeit in Radom geht zu Ende, Judith Hermann will in den Süden, nach Italien, zu ihrer Schwester und deren Familie, aber bevor sie fährt, ereignet sich ein kleines Wunder. „… ganz am Ende habe ich Sabbat gefeiert, zum ersten Mal in meinem Leben.“ Und da habe ich mich für sie gefreut, denn ich habe tatsächlich noch nie Sabbat gefeiert.
Auf dem Weg nach Italien wird Judith Hermann in Wien Station machen, da bin ich wieder ganz bei ihr, erkunde das Jüdische Museum mit ihr und spüre in meinem Herzen, wie sie „die Nerven verliert“. Sehe mich selbst völlig aufgelöst im Museum in Auschwitz. Wir sind uns sehr ähnlich, über achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir die Enkelgeneration, Opferenkel, Täterenkel, wo ist der Unterschied, wir leben heute, müssen heute klarkommen mit unseren Gedanken und Gefühlen.
Der Besuch bei der Schwester ist keinesfalls problemfrei, aber die südliche Sonne, das südliche Wesen entspannen auch ihr Inneres. Die Erlebnisse sind das Gegenteil des kalten Radoms, die Lichtblicke, das Fröhliche der Kinder, die unwirklich wirkliche Wohnung der toten Agata Alba in Neapel, die aufblitzende Vertrautheit der Schwestern, Pompeji, die Hermeneutikproblematik des Schwagers, all das lässt den Leser wie die Autorin Judith Hermann am Ende hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Der Berg wird nicht abstürzen ins Tal, zumindest nicht so bald. „Ich saß im Zeittäschchen in der Sonne auf einem Stein vor einem Haus, …“ Dieses Zeittäschchen werde ich mitnehmen aus dem Buch, mich hineinsetzen zu Lesen und zum Denken.
Das waren meine Eindrücke zu den Teilen I und II des Buches, Radom und Napoli, Teil III heißt Tidslomme, der mit der existentiellen Frage der Unsterblichkeit (oder Sterblichkeit?) im Vagen bleibt. Dieser dritte Teil passt nicht so ganz zu den ersten beiden, der Zeitsprung kommt zu unvermittelt, die Geschehnisse sind abstrakt, wie durch ein Fernglas betrachtet werden sie erzählt. Fremd und doch sehr persönlich.
Ein Zitat aus dem Buch habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, es könnte auch mein Gedanke sein. „Was, frage ich meine Mutter, mache ich, wenn du nicht mehr da bist. Oh, sagt sie leichthin. Dann wirst du dich an mich erinnern.“ Der schönste Satz im ganzen Buch. Mein schönster Satz.
Fazit: Der Großvater von Judith Hermann ist in jeder Hinsicht ein Cold Case. Keine Reise und kein Archivbesuch werden der Autorin jemals hundertprozentige Klarheit bringen. Ich denke, am besten ist es, mit einem solchen Zustand seinen Frieden zu machen. Ich bin 16 Jahre älter als die Autorin und habe dementsprechend 16 Jahre mehr mit Archivrecherchen und Ortsbesichtigungen verbracht, irgendwann kommt man zu einem Ende, auch wenn es unbefriedigend ist. Aber dann ist es auch gut. Und: Von Familienmitgliedern darf man niemals das gleiche Interesse erwarten, das einen selbst antreibt. Judith Hermanns Schwester jedenfalls „gräbt“, aber 2000 Jahre früher. Judith Hermann schreibt, übrigens mit vielen Fragen, aber ohne Fragezeichen, das sollte unbedingt so bleiben, beides.
Unbedingte Leseempfehlung und aufgerundete 4,5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Grün ist die Farbe der Hoffnung

Immergrün
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Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die ...

Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die Autorin arbeitet mit zwei Zeitebenen, es fiel mir nicht schwer, mich in beiden Zeiten zurechtzufinden, als geborene Berlinerin fiel mir das natürlich in Olshans Berliner Erinnerungen leichter als in denen, die sie zu Israel vermittelt. Erzählen kann sie aus der Zeit dort eigentlich noch nicht, die Baby- und Kleinkinderinnerungen sind wohl eher aus zweiter Hand. Aber das macht nichts, sie lesen sich wahrhaftig und lassen deutsche Leser sicher manchmal verwundert aufschauen. Erzählt wird diese Lebens- und Familiengeschichte immer aus Sicht der Hauptperson, der willensstarken Ruth.
Die Olschans (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem im Buch gewählten Familiennamen) sind eine Emigrantenfamilie aus Moskau, die Mutter stammt ursprünglich aus Litauen, das Jüdische und das Katholische mischen sich bei Ruth Olaschans Eltern, die Mutter wurde mit der Taufe während der Besetzung Litauens dem rassischen Verfolgungswahn der Deutschen entzogen. Der Vater ist Jude, mit dem schönen, bedeutungsschweren Vornamen Israel, aber praktiziert eher nicht. Es ist kompliziert und wird es das ganze Buch über auch so bleiben.
Nach einer zuerst geglückten Emigration 1970 aus der Sowjetunion nach Israel stellt sich dort bald heraus, dass Ruths Eltern sich an dieses Land nicht anpassen, sich dort nicht integrieren können. Ruth wäre das wohl gelungen, aber die Eltern wollen nach Deutschland. Das Land, das ihren Lebensweg so dramatisch mitbestimmte, über Leben und Tod in den Familien entschied, soll nun die neue Heimat werden. Auch hier, in Berlin (West) ist Integration und Assimilation schwierig, wieder ist es Ruth, die sich schneller an die Gegebenheiten gewöhnt. Da Ruths Mutter als ausgebildete Sängerin und Chorleiterin keine Arbeit findet, und auch der Vater sich mit einer Beschäftigung schwertut, ist die kleine Familie auf Sozialhilfe angewiesen. Wie sehr, das wird im Buch immer wieder deutlich. Die teilweise prekäre Lage spitzt sich zu und manifestiert sich in wüsten Streits und gegenseitigen Beschimpfungen der Eltern, die sich irgendwann auch scheiden lassen. Um die gemeinsame Tochter Ruth kümmern sie sich immer weniger. Bald zeichnet sich eine schwere psychische Erkrankung der Mutter ab, die Ruth versucht, mit allen Mitteln zu verheimlichen. Die Schilderungen des Zustands der Mutter und es Zustands der verwahrlosten Wohnung sind haarsträubend.
Der zweite Erzählstrang beginnt im ersten Kapitel mit dem Tod der Mutter; Ruth, unterdessen eine erwachsene Frau, hat als Hinterbliebene ein schweres Vermächtnis zu erfüllen: Die Asche von Mutter und Großmutter sollen im Familiengrab in Kaunas beigesetzt werden. Ruth will zuerst mit dem Flugzeug und den beiden silbernen Urnen, die wie kleine Bomben aussehen, dorthin fliegen, aber das stellt sich als zu kompliziert und bürokratisch heraus. Also packt sie die Urnen in eine Einkaufstasche und fährt, begleitet vom nervtötenden Scheibenwischerquietschen, von Berlin über Polen nach Litauen. Um dann in Kaunas festzustellen, dass sie nicht einmal vorher eruiert hat, auf welchem Friedhof sich das Familiengrab befindet. Die ordentliche Ruth muss schon ziemlich aus dem Konzept geraten sein, dass sie die Reise so unvorbereitet antrat. Aber das Glück ist ihr weiter hold.
Ich will hier nicht zu viel erzählen vom Inhalt, nicht von den Erlebnissen unterwegs, nicht von den Erinnerungen an die Kindheit von Ruth. Aber ein wirklich einschneidendes Ereignis will ich hervorheben: Der Fall der Mauer am 9. November 1989, der die Welt auch von Ruth und ihrer Mutter auf den Kopf stellt. Beide können bald danach in das Land der Vorfahren reisen, die Annäherung zwischen Enkelin und Großmutter ist rührend beschrieben.
Jeder wird dieses Buch anders lesen, manche werden es mögen, andere nicht, ich mag es sehr. Auch, weil ich in einer Mutter-Tochter-Großmutter-Welt aufgewachsen bin. Meine Ahninnen sind nicht emigriert, aber sie mussten flüchten am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Befreiung war für meine Mutter nach 12 Jahren der Repressionen, die sie als Halbjüdin erlitt, eine echte Befreiung. Auch sie litt unter Depressionen, besonders im Alter, auch ich habe sie in einer psychiatrischen Klinik besuchen müssen. Alles unter vollkommen anderen Bedingungen, als Ruth sie erlebte, aber es hat mich sehr an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Und ich habe mir beim Lesen vorgestellt, ich würde mit den Urnen meiner Oma und meiner Mutter nach Polen reisen und sie beide in Meseritz beerdigen, ich glaube, sie hätten nichts lieber gehabt als das. Deshalb kann ich das Vermächtnis, das Ruth nach Kaunas führt, so gut verstehen.
Dass die Autorin sich in der Lage sah, gerade über ihre Mutter, aber auch über ihren Vater so schonungslos zu berichten, hat mich trotzdem sehr erschüttert. Ich habe vor Jahren die Biografie meines Vaters veröffentlich, meine Mutter darin fast nicht erwähnt, ich habe es nicht übers Herz gebracht, etwas Negatives oder Unschönes über sie zu schreiben. Zu meinem Vater hatte ich ein distanzierteres Verhältnis, in einer Dokumentation war es auch leichter, ihn zu beschreiben und zu kritisieren. Über meine Mutter so zu schreiben, wie Ruth Olshan das gemacht hat, das könnte ich nicht.
Mich hat das Buch an eine Reihe von Emigranten-, Auswanderer- und Exilromanen erinnert, die alle mit alltäglichen Sorgen umgehen mussten, entweder hier in Deutschland oder weil sie aus Deutschland vertrieben wurden. Wenige Beispiele: Yoko Kuhn, Onigiri; Mariusz Hoffmann, Polnischer Abgang; Erich Maria Remarque, Arc de Triomphe; Sabrina Janesch, Katzenberge; Jehona Kicaj, ë; Melissa Müller, Mit dir steht die Welt nicht still – alles Romane, die den Verlust der Heimat und die Probleme des Alltags in einem fremden Land wunderbar beschreiben.
Dieses Buch IMMERGRÜN reiht sich ein, aber es hebt sich mit seiner Schärfe und Tragik auch sehr von anderen Romanen ab.
Der Epilog mit dem Gedicht vom Papierschiffchen hat alles Gelesene rückblickend in ein etwas sanfteres Licht gerückt. „Papierschiffchen, meine Hoffnung“ – hier schließt sich der Kreis, auch Immergrün hat die Farbe der Hoffnung.
Fazit: eine nicht alltägliche Lebens- und Familiengeschichte, auch die Geschichte einer psychischen Erkrankung, die das Leben zur Hölle machen kann. Leseempfehlung!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Die Liebe zu den Büchern ist wie die Liebe zu den Menschen – unverzichtbar

Die Buchhandlung der Exilanten
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Mit der Thematik Exilschriftsteller habe ich mich 2025 bereits intensiv beschäftigt, dieses neue Buch bringt mich zu einem guten Abschluss. Bereits bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ und dem 11. Band ...

Mit der Thematik Exilschriftsteller habe ich mich 2025 bereits intensiv beschäftigt, dieses neue Buch bringt mich zu einem guten Abschluss. Bereits bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ und dem 11. Band der Geschichte der deutschen Literatur „Schreiben in finsteren Zeiten“ von Gerhard Kiesel habe ich über Schriftsteller, die in Frankreich Exil suchten und gleichzeitig ihre Arbeit weiterführen wollten, einiges gelesen. Uwe Neumahr wendet sich dem Thema über die Unterstützer der Exilschriftsteller zu. In diesem Fall zuerst den beiden Buchhändlerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach, die in Paris in der Rue de l’Odéon ihre Buchhandlungen führen. Adrienne Monnier, eine zupackende und empathische Frau, Pariserin durch und durch, nennt ihren Literaturtempel „Das Haus der Bücherfreunde“, die US-Amerikanerin Sylvia Beach findet den Namen „Shakespeare und Company“ passend. Schon kurz nach dem ersten Weltkrieg befreunden sich die beiden Frauen und es kommt zu einem regen Austausch der Gedanken; Neumahr verfolgt ihre Entwicklung über viele Jahre mit einzelnen Kapiteln, bis sich um 1943 die Geschichten vermischen. Es sind aufregende und anregende Jahre für die Buchliebhaberinnen und für die Literaten, in der Nachkriegszeit entstehen Freundschaften (aber auch Feindschaften), die sich bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach erstrecken. Der komplizierte Umgang mit einigen Künstlern bleibt den beiden Frauen nicht erspart, besonders deutlich wird das in Bezug auf James Joyce, dessen „Ulysses“ zuerst von Sylvia Beach verlegt wird, die aber viel zu gutmütig ist und von Joyce nicht den Dank erhält, der ihr zustünde. Aber ihr ist es wohl zu verdanken, dass die Welt den 16. Juni (1904) noch immer als Blooms-Day feiert.
Als mit Beginn der Hitlerdiktatur Emigranten aus Deutschland in großer Zahl nach Frankreich, besonders nach Paris kommen, sind unter ihnen nicht wenige Schriftsteller und Künstler. Die Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach werden Anlaufpunkt für viele, deren Namen bereits bekannt sind. Neumahr widmet sich diesen Exilanten mit viel Spürsinn, seine Recherchen sind atemberaubend. Monnier und Beach, die nicht nur Kolleginnen im besten Sinne sind, sondern auch Liebhaberinnen sind, müssen ihre Liebe so gut es geht vor der Öffentlichkeit verbergen, auch in Paris ist freie Liebe nicht gleich freie Liebe. Dass sie dann jedoch, zumindest was das gemeinsame Leben in der Wohnung der Monnier angeht, getrenntere Wege gehen, liegt an einer der Exilanten, Gisele Freund. Adrienne Monnier wird diese junge deutsche Jüdin nicht nur beruflich unter ihre Fittiche nehmen und ihr alle möglichen Wege zum Erfolg insbesondere ihrer Fotografien ebnen, sie wird auch ihre (mütterliche) Liebhaberin. Doch die Freundschaft zu Sylvia Beach kann das nicht zerstören.
Teil 2 und 3 beschäftigen sich mit der Zeit des Kriegsbeginns, als plötzlich vor allem deutsche Exilanten unter Generalverdacht gestellt und interniert wurden, und später im Buch mit der der Okkupation Frankreichs, mit den Repressalien nicht nur gegen Juden, auch gegen die allgemeine Bevölkerung. Als zum Beispiel Sylvia trotz aller Hilfsversuche interniert wird, zeigt sich Adriennes wahre Liebe und Freundschaft, sie unterstützt die Freundin ohne zu zögern mit allem, was sie ermöglichen kann. Aber auch andere erhalten ihre Hilfe in größter Not, Walter Benjamin, Arthur Koestler oder Siegfried Kracauer sind nur drei Namen, die ich nennen will. Dass damit nicht jedem das Leben gerettet werden konnte, dafür ist Walter Benjamin ein trauriges Beispiel, er nahm sich in Spanien das Leben, weil er keinen Ausweg mehr sah.
Die beiden Buchhändlerinnen waren aber nicht nur praktisch veranlagt, besonders Adrienne Monnier schrieb auch selbst, verlegte Bücher und Zeitschriften, machte sich für viele literarische Ereignisse stark. Sylvia Beach übersetzte und zeigte eine große Liebe zu englischsprachigen Autoren, die bei ihr Hilfe fanden. Einer ist hervorzuheben: Ernest Hemmingway.
Es ist nicht nur die Breite der Informationen über diese beiden Buchhändlerinnen und ihren Lebensweg, die mich beeindruckt hat, es ist auch die Tiefe, mit der Neumahr seine durch umfangreichste Recherchen ermittelten Details darbietet. Zeitweise läuft er aber Gefahr, dass die Informationen zu ausufernd wirken und ich beim Lesen hoffte, er würde bald wieder zu den Wurzeln, zu den beiden Frauen, zurückkehren. Nun bin ich aber kein Literaturwissenschaftler oder Historiker, ich bin nur ein interessiert lesender Rezipient seiner Arbeit. Und die ist famos!
Der umfangreiche Anhang sollte nicht übersehen werden, die Anmerkungen bergen einige zusätzliche Details, unabhängig von den vielen Quellen. Die Literaturverzeichnisse sind ebenso reichhaltig wie das Personenverzeichnis.
Fazit: ein Buch, das schon zu Jahresbeginn bei mir auf das oberste Treppchen der Sachbücher 2026 steigt. Selten habe ich eine solche Fülle an Informationen so gut lesbar aufbereitet erlebt. Ein Muss für Literatur- und Geschichtsliebhaber. 5 Sterne!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Großer Künstler und ewiger Optimist

Wolfgang Kohlhaase
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Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für ...

Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für mich zuerst „Berlin Ecke Schönhauser“, ganz in der Nähe habe ich gewohnt. Meine Mutter arbeitete in der Filmbranche, so kam ich früh mit vielen Filmen auf Tuchfühlung, das hier im Kapitel „Denken ist wie Licht, es geht in jede Richtung“ von Bastienne Voss beschriebene Jahr 1966, das für Kunst und Kultur verheerende 11. Plenum des ZK der SED, verbotene Filme und kampfesmutige Filmemacher, all das ist mir lebhaft in Erinnerung. Auch, dies: „Für viele, vor allem politisch Denkende und Künstler, war die Bundesrepublik mit der gerade erst vergangenen Adenauer-Ära, mit den nur unbefriedigend aufgearbeiteten Verbrechen des Nationalsozialismus, mit ihrem Konservatismus und Katholizismus und dem ganzen verstaubten Heimatkitsch, keine Alternative.“ Das änderte sich erst nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann drastisch.
Der Film, der meine Jugend geprägt hat, wird hier in diesem Buch sehr ausführlich behandelt, „Ich war neunzehn“. Gedreht hat ihn Konrad Wolf, das war ein geniales Duo, der Dramaturg Kohlhaase und der Regisseur Wolf! In den 1980er Jahren folgte von beiden der legendäre Film „Solo Sunny“, und mit dem Regisseur Frank Beyer „Der Aufenthalt“ nach dem Roman von Hermann Kant. Kohlhaase dazu, Zitat: »Man darf sich nicht vorstellen, dass die Leute sich damals nur Unterhaltungsware ansehen wollten«, erzählt er. »Es gab ein Bedürfnis, wenigstens im Nachhinein zu verstehen, was mit den Deutschen passiert war. Wir suchten nach Geschichten, die nicht vergessen werden sollten.« Ja, genauso war es. So viele und ähnliche Erinnerungen habe auch ich an diese Kinozeiten vor 1989. Aber die Wende hat einiges durcheinandergewirbelt.
Bewusst habe ich Kohlhaase dann erst wieder wahrgenommen, als „In Zeiten abnehmenden Lichts“ erschien, auch auf diesen Film, der 18 Jahre nach der Wende entstand, trifft ja das im letzten Absatz erwähnte Zitat auch zu. Unterdessen sind auch die DDR-Bürger um einiges klüger geworden, denn die inhaltlichen Beschränkungen der DDR-Zeit waren vorbei. Zumindest auf mich trifft das zu. Zitat: „Die Zeit“ schreibt (zu diesem Film): »Es gibt nicht so viele Filme, die den Osten mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet haben. Dieser gehört definitiv dazu.«
Was mich im ganzen Buch sehr erstaunt hat, ist der Optimismus von Kohlhaase und seine Unerschütterlichkeit, was die DDR anbelangt. Vielleicht war er durch seinen Status doch etwas weiter weg von den „Mühen der Ebene“ (siehe Brecht).
Kohlhaase war mit Emöke Pöstenyi verheiratet, auch sie kannte ich, vom Berliner Friedrichstadtpalast und aus dem Fernsehen, dass sie seine Ehefrau war, hatte ich wohl vergessen. Erst im Buch habe ich wieder darüber gelesen. Sehr berührend beginnt es nämlich mit dem völlig unerwarteten Tot von Kohlhaase nach einem wunderbaren und gelungenen Abend. Da war er bereits 92 und hatte eigentlich noch viel vor.
Das Buch wird vielleicht nicht jeden interessieren, aber ich empfehle es trotzdem jedem. So gebündelt findet man nicht viele, gut lesbare Sachbücher über die DDR-Kunst- und Kulturgeschichte. Wer diese Zeit miterlebt hat, kann einiges auffrischen, wer nicht viel davon weiß, lernt eine Menge dazu. Der Autorin Bastienne Voss spreche ich meinen Dank aus für die liebevolle Umsetzung ihrer sicher nicht einfachen Recherchen und (Er)-Kenntnisse. Und einen zusätzlichen Dank dafür, dass ich mich mit ihrer Hilfe an so viele, meist schöne Filmerlebnisse erinnert habe.
Fazit: Eine interessante und aufschlussreiche Biografie zu einem hoffentlich noch lange in Erinnerung bleibenden Dramaturgen und den mit ihm entstandenen Filmikonen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Mischung aus Cosy- und Regiokrimi

Mörderisches Therapieren: Krimikomödie aus Bayern
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Im abgelegenen und sonst eher ruhigen bayrischen Dorf Fackenreuth passieren merkwürdige und schlimme Dinge. Der Dorfpolizist Dorfpolizist Xaver Gottwald ist schnell etwas überfordert, eine Kriminalpolizistin ...

Im abgelegenen und sonst eher ruhigen bayrischen Dorf Fackenreuth passieren merkwürdige und schlimme Dinge. Der Dorfpolizist Dorfpolizist Xaver Gottwald ist schnell etwas überfordert, eine Kriminalpolizistin hängt tot im Wald, ein Psychotherapeut gibt komische Ratschläge, ein geistig etwas gestörter junger Mann wechseln sein Sammelgebiet usw. Hinzu kommen Probleme mit einer verschwundenen Undercoverfrau und zwei Damen namens Petra und Anna. Es gibt reichlich Abwechslung im Krimi, aber er ist auch leicht zu durchschauen. Auch wenn es dem Xaver beinahe an de Kragen geht, bleibt der Krimi eher cosy.
Mir hat die Stimme von Michael A. Grimm und ihr bayrische Klang gefallen, ich fühlte mich vor Ort und inmitten des Dorftrubels wohl. Einfach gute Unterhaltung, fürs Putzen, Bügeln, Autofahren. Und deshalb empfehlenswert.

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