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Veröffentlicht am 10.04.2026

Es geht auch ohne Beichtstuhl

Mirabellentage
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Mein erster Roman von Martina Bogdahn und mein erster Eindruck ist positiv! Ich bin in eine Welt eingetaucht, die ich nicht kenne, ins katholische, fiktive Dorf Blumfeld in Bayern, mit all seinen urigen ...

Mein erster Roman von Martina Bogdahn und mein erster Eindruck ist positiv! Ich bin in eine Welt eingetaucht, die ich nicht kenne, ins katholische, fiktive Dorf Blumfeld in Bayern, mit all seinen urigen und kauzigen Bewohnern und Geschichten.
Der Leser lernt sie alle kennen und fast würde ich sagen, auch lieben, die Bewohner und die Geschichten auch. Letztere erfährt man von der Haushälterin des verstorbenen Pfarrers Josef, man könnte beinahe meinen, sie wäre seine Witwe, aber nein, das geht ja nicht, sie war wirklich nur die Haushälterin. Und nun steht sie da mit ihrem Talent (sie kann nämlich so gut wie alles) und bekommt im Handumdrehen einen neuen Pfarrer ins Haus. Fridtjof, ein Norddeutscher wie er im Buche steht, und dessen Predigten sogar zum Nachkochen anregen. Aber da will ich nicht vorgreifen.
Anna, die Haushälterin, mit Mitte 50 noch längst nicht in Rente, versucht den „Neuen“ so gut es geht in die Geheimnisse von Blumfeld einzuweihen. Dass ihre Dorfgeschichten manchmal etwas lang werden, nun ja, das muss der Fridtjof wie der Leser aushalten, wenn er wissen will, wie die Geschichte ausgeht.
Was die Anna selbst betrifft, so braucht sie keinen Beichtstuhl, sie geht lieber auf den Dachboden und erzählt alles, was sie bedrückt, den ausgeknockten Heiligenfiguren. Der Fridtjof staunt nicht schlecht, als er das erste Mal unters Dach steigt im Pfarrhaus.
Der verstorbene Pfarrer Josef - der recht jung mit 57 Jahren beim heimlichen Kuchenschmaus um Mitternacht das Zeitliche segnete - hatte einen letzten frommen Wunsch, den nun die Anna erfüllen will, und bei diesem Vorhaben bekommt sie auch kräftige Unterstützung. Unter anderem ist da Manfred Tanner, der ehemalige Fahrschullehrer, mit dem sie sich verbündet, oder er sich mit ihr, ganz wie man es liest. Und die Asche soll ins Meer, koste es was es wolle.
Der schöne Mirabellenbaum in Pfarrers Garten hat natürlich auch seine Auftritte, die schönste Idee jedoch kommt von den Pfadfindern, die wollen nun endlich mal Schnaps brennen. Man kann ihn direkt auf der Zunge schmecken!
Es gibt traurige und tiefgründige Momente im Buch, einige lustige und manches kommt einem recht spanisch, nein, italienisch vor. Für Abwechslung ist jedenfalls gesorgt.
„… Das Leben ist am Ende doch so etwas wie eine Reise.“ sagt die vom Schicksal gebeutelte Frau Schuster zur Anna. Wie recht sie hat.
Das Cover ist eines der schönsten, das derzeit auf den Ladentischen liegen kann, selbst wenn die Rückseite nach oben schaut.
Fazit: Wer gern liebevoll erzählte Geschichten liest und sich davon in den siebten Lesehimmel bringen lassen will, der ist bei „Mirabellentage“ genau richtig.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 04.04.2026

Ein tragisches Märchen für Erwachsene

Madame Lazare
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Irische Literatur hat, wie es scheint, zurzeit Konjunktur, beim Alfred Kröner Verlag ist dieser Roman erschienen, aber auch andere haben Irland entdeckt bzw. wiederentdeckt, z. B. „Twist“ von Colum McCann ...

Irische Literatur hat, wie es scheint, zurzeit Konjunktur, beim Alfred Kröner Verlag ist dieser Roman erschienen, aber auch andere haben Irland entdeckt bzw. wiederentdeckt, z. B. „Twist“ von Colum McCann oder der neueste Roman „Die Schwestern“ von Colm Tóibín. Der Ursprung der bekannten irischen Literatur für jeden heutigen Bücherfan ist aber sicher „Ulysses“ von James Joyce. Dass der wirkliche Ursprung irischen Erzählens und Dichtens sehr viel weiter zurück liegt, lässt Tadhg Mac Dhonnagáin (der Name spricht sich so aus: Teig Mäc Ronnagahn oder Gonnagahn) – der wohl bisher den wenigsten als Romanautor ein Begriff war –, die Leser in diesem Roman erfahren.
Für mich war die umfangreiche Werbung für den Roman „Madame Lazare“ ein Hauptgrund, mich darauf einzulassen. Denn die Ankündigung enthielt Hinweise auf die verwickelte Lebensgeschichte jener Madame Hanna Lazare, um die es im Roman in erster Linie geht: Eine Jüdin estnischer Herkunft, die in Paris mit ihrem Mann Samuel lebt und niemandem, auch nicht der früh verstorbenen Tochter Brigitte und erst recht nicht ihrer Enkelin Levana, über ihre Kindheit und Jugend und ihre furchtbaren Erlebnisse berichten will. Levana wächst bei ihren Großeltern, Mémé und Pépé, erzogen im jüdischen Glauben auf und geht von klein auf mit ihnen in die Synagoge, feiert Schabbat, achtet peinlich darauf, dass alle jüdischen Gesetze eingehalten werden, so wie sie es bei ihrer verstorbenen Mutter lernte. Der Großvater gibt sich größte Mühe, Levana alles recht zu machen, die Großmutter aber wird immer zurückhaltender, abweisender und mürrischer.
Das war Mitte der 1990er Jahre, 20 Jahre später arbeitet Levana in Brüssel, besucht die mittlerweile verwitwete Großmutter möglichst häufig und muss feststellen, dass diese in eine Demenz abgleitet. Sie nimmt die Großmutter zu sich nach Brüssel in ein Seniorenheim, um sich besser kümmern zu können. Noch ist die Großmutter klar genug, um ihr das Betreten ihrer Pariser Wohnung in ihrer Abwesenheit zu verbieten. Aber sie dämmert immer mehr dahin und vergisst. Nur nachts kommen ihre Erinnerungen zurück, aber es ist nicht Französisch oder gar Estnisch, das sie im Traum oder Halbschlaf laut spricht, es ist Irisch.
Levana beginnt über die seltsamen Worte nachzugrübeln und findet einen Übersetzer, Gearailt, der ihr hilft, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Alles beginnt mit dem Namen eines Vogels. Heimlich wird im Laufe der Zeit immer wieder die Stimme der Großmutter aufgenommen und die langwierigen Recherchen ergeben, dass sie von einer Insel in Irland stammt, wo ein spezieller irischer Dialekt gesprochen wird.
Der Roman spielt in der Gegenwart von 1996, 2006, 2015 bis 2018 und wechselt in die Vergangenheit von Muraed, einem Mädchen, das in ärmlichen Verhältnissen mit ihrem Vater, der Schwester Bid und ihrem geistig behinderten Zwillingsbruder Páraic aufwächst. Muraed ist sehr gut in der Schule, aber die meiste Zeit verbringt sie mit ihrem Bruder, um den sie sich aufopferungsvoll kümmert. Das Besondere an diesem einsamen, abgeschiedenen Leben ist aber die traditionelle Art der Geschichtserzählungen, die oftmals in Form sehr langer, komplizierter Gedichte von Generation zu Generation weitergegeben werden. Muraeds Vater, ein einfacher Fischer, ist einer der großen Könner im Dorf, bei ihm finden die Zusammenkünfte der Leute statt, die sich diese Geschichten erzählen. Muraed ist fasziniert davon und als in der Schule aufgerufen wird, das Gehörte zu Papier zu bringen, um die Erforschung der Volkskunde zu befeuern, macht sie sich mit Eifer ans Werk. Später im Roman wird man von diesen Gedichten lesen, die nicht verlorengingen, sondern als nationales Erbe verwahrt wurden und unauslöschlich im Kopf der dementen Hanna fest verwurzelt sind.
Der Autor lässt seine Leser mehr erfahren, als es Levana vergönnt ist, aber auch den Lesern enthält er Entscheidendes vor. Das und die Geschichte von Muraed, die teilweise einem modernen, schrecklichen Märchen gleicht, haben mich nicht vollkommen überzeugt. Andererseits ist der Prolog für sich genommen bereits beinahe die Lösung des Rätsels um Hanna und das hat mich auch etwas gestört. Die sich langsam rückwärts und vorwärts bewegende Geschichte wäre viel geheimnisvoller gewesen ohne diese frühe Enthüllung.
Das Buch hat einen angenehm lesbaren Stil, aber die vielen irischen Namen und Texte sowie das eingestreute Französisch haben die literarische Melancholie, die über allem schwebte, immer wieder unterbrochen. Dieses Zitat „Doch die Welt, wie sie jetzt war, bestand nicht mehr aus einzelnen Räumen, sondern aus einem Flur, einem langen, namenlosen Flur.“ gibt wieder, wie sich Hanna in den letzten Jahren vor dem ihrem Tod fühlt. Die Protagonisten werden teilweise psychologisch gut in Szene gesetzt, aber vieles bleibt in der Schwebe oder im Dunklen.
Im Anschluss an den Epilog, der den Prolog noch einmal inhaltlich aufgreift, findet man ein Glossar und lautsprachliche Hilfen, im E-Book sind die Verlinkungen wirklich hilfreich. Was man nicht findet, das ist ein Nachwort des Autors. Ich hätte gern von ihm erfahren, welche seiner Ideen auf wahren Begebenheiten beruhen, nicht nur wenn es um die irische Volkskunde geht, sondern auch welchen Einfluss der Katholizismus bei allem hatte, wie Muraed trotz ihrer katholischen Erziehung ihre selbstgewählte Rolle als Jüdin spielen konnte. Es gab nicht nur im und nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch heutzutage bei großen Unglücken oder Terroranschlägen das Phänomen der Annahme falscher Identitäten. „Gelegenheit macht Diebe.“ Da hätte der Autor seine Leser nicht ohne etwas Erklärendes aus dem Buch entlassen sollen, nicht nur, was Muraed, auch was Samuel betrifft.
Fazit: Ein Roman, der in Erinnerung bleibt, aber der bei mir viele Fragen offenließ. Eine Story, die einem Märchen ähnlich ist, Schuld und Sühne inklusive.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Tatort Wald

Tatort Trelleborg - Gunni Hilding ermittelt
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Der schwedische Autor Mattias Edvardsson startet mit diesem Kriminalroman eine neue Reihe, „Gunni Hilding ermittel“. Gunni ist eine junge Polizistin mit einer düsteren Vergangenheit, die kurzfristig vom ...

Der schwedische Autor Mattias Edvardsson startet mit diesem Kriminalroman eine neue Reihe, „Gunni Hilding ermittel“. Gunni ist eine junge Polizistin mit einer düsteren Vergangenheit, die kurzfristig vom Streifendienst an die Kriminalpolizei ausgeliehen wird. Da hat sie es als Neue nicht leicht, aber sie versucht, den aktuellen Fall möglichst faktenbasiert aufzuklären. Das ist der neueste Fall: ein Junge, Robin Falk, fährt mit seinen zwei Nachbarsjungen zum Spielen in den nahen Wald – und verschwindet. Sie wohnen im sehr kleinen, abgeschiedenen Örtchen Gabeljung in der Nähe von Trelleborg. Die Nachbarn werden teilweise als merkwürdige Kauze beschrieben, manche unsympathisch, manche mitfühlend, manche raubeinig. Robin lebt mit seiner Mutter Lola und dem jüngeren Bruder Filip bei Tony Jönsson, seinem ziemlich barschen, rechthaberischen Stiefvater. Nachdem die Nachbarskinder Dennis und Daniel aus dem Wald zurückkommen und niemand weiß, wo Robin ist, macht sich das Dorf auf die Suche. Der kleine Robin wird erschlagen aufgefunden und es beginnt eine verzweifelte Suche nach dem Täter, die Polizei verdächtigt fast jeden, auch im Dorf gibt es Hinweise auf einige Einwohner, zwei junge Burschen werden verdächtigt, der Stiefvater auch, ein Sonderling namens „Ekel-Bengt“ erhält Polizeibesuch und ein Nachbar, Allan, wird auf Grund von Hinweisen in Untersuchungshaft genommen. Aber keiner gesteht, so dass ein Psychologe hinzugezogen wird, der die beiden Freunde von Robin wegen ihrer Erinnerungslücken befragen soll. Dies erschien mir sehr manipulativ, aber die Ermittlungen werden eingestellt, der Verdächtige entlassen und die Kinder werden nach ihrem fragwürdigen Geständnis als die Täter benannt.

Der Autor beschreibt die Szenerie wie auch die Protagonisten sehr lebendig, ich konnte mich recht gut in die Situation hineinversetzen. Aber er beschreibt auch sehr ausführlich und die Vorgeschichte von Gunni, die wird aus meiner Sicht so sehr betont, dass der Kriminalfall in den Hintergrund gerät. Gunni leidet offensichtlich an starken Minderwertigkeitskomplexen, aber trotzdem, oder gerade deshalb will sie als Polizistin den Menschen unbedingt helfen. Außerdem liegt ihr wohl viel daran, mit der Kollegin Inga Sjölin zusammenzuarbeiten. Aber es läuft nicht alles nach Wunsch.

So sehr ich mich schwertat mit dem ersten Teil, so sehr gefiel mir der zweite. Als hätte ein anderer Schriftsteller die Macht ergriffen und bringt jetzt Spannung ins Geschehen. Ja, vielleicht musste erst mal fünf Jahre vergehen, vielleicht ganz gut, dass die übersprungen wurden und die Ereignisse im Rückblick erzählt werden. Es wurde endlich spannend, immer wieder neue Verdachtsmomente, neue Schrecksituationen – besonders für Lola, Robins Mutter –, und Gunni wird wohl doch eine richtige Ermittlerin und bleibt nicht ein Leben lang Streifenpolizistin. Der zweite Mord, der in diesem Krimi geschieht, bringt eine Lawine ins Rollen, bei den Ermittlungen und bei den Menschen. Das ist gut gemacht.

Dieses Buch macht klar, dass Verdachtsmomente, Beschuldigungen und "Gefühle" eine Aufklärung sehr beeinflussen können, eben auch ins Negative. Was Menschen durchmachen, die wegen falscher Beschuldigungen kein normales Leben führen können, das geht schon sehr an die Nieren beim Lesen. Es ist ja „nur“ ein Krimi, aber das Schicksal von Daniel und Dennis, das hat mir tatsächlich viele Gedanken gemacht.

Fazit: Ein solider Krimi, der im zweiten Teil deutlich an Fahrt zulegt und Lust auf eine Fortsetzung macht.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

„Nichts außer Charlotte.“

33 Place Brugmann
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„Nichts außer Charlotte.“ denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ...

„Nichts außer Charlotte.“ denkt François Sauvin, ihr Vater. Und er hat recht. In diesem Roman von Alice Austen begegnet der Leser vielen Bewohnern des Hauses 33 Place Brugmann in Brüssel, aber am Ende ist es zumindest für mich nur diese Charlotte Sauvin, die mich fesselte.
Der Roman beginnt mit dem Protokoll der Bewohner von 33 Place Brugmann am 2. April 1939, nur eine Person ist gestrichen, weil verstorben. Am 20. Januar 1942 wird sie aktualisiert, wie sie nach Kriegsende aussehen wird, bleibt der Phantasie der Leser überlassen. Zwischen diesen beiden Daten liegt eine Welt. Alice Austen nimmt die Hausbewohner in die Pflicht, jeder berichtet aus seiner Sicht von Ereignissen, Gerüchten, Liebe, Verrat, einem Hund namens Zipper und der verschwundenen jüdischen Familie Raphaël, von Kleidern, die genäht werden und Köpfen, die für Hüte vermessen werden, und von einem ungeborenen Kind. Anfänglich fiel es mir nicht leicht, den unterschiedlichen Personen und ihren Gedankengängen zu folgen, aber ich gewöhnte mich an den ungewöhnlichen Stil. Und ich gewöhnte mich an Charlotte, die als Halbwaise bei ihrem Vater aufwächst, künstlerisch sehr begabt ist, aber vollkommen farbenblind.
Die Zeit, in der der Roman angesiedelt ist, lässt schon 1939 nichts Gutes ahnen, der Faschismus wirft seine Schatten voraus, als im Mai 1940 das neutrale Belgien von deutschen Truppen überfallen wird und Ende Mai kapituliert, wäre es für die Familie Raphaël wohl sehr viel schwieriger geworden, in Sicherheit zu kommen. Die Rechtzeitigkeit ihres Verschwindens bedeutet aber für Charlotte auch, dass sie den geliebten Jugendfreund Julian verliert. Aber noch bleibt ihr Masha, eine Schneiderin, die als staatenloser Flüchtling mit einem Nansen-Pass Zuflucht gefunden hat in diesem Haus, direkt unter dem Dach, als Ersatzmutter und Freundin. Auch sie wird misstrauisch beäugt, wie fast jeder Bewohner sich vom anderen beobachtet fühlt. Die einen still, die anderen laut, so wie das ganze Haus.
Die surreale Lage, in der sich die Hausbewohner ebenso wie die Deutschen befinden, wird mit Hilfe von Traumsequenzen noch verstärkt. Die ständig wechselnden Perspektiven erleichterten mir die Rezeption des Buches nicht. Das Davor und Danach machen es aber leichter, sich die Brüsseler Welt im Kleinen vorzustellen. Der Roman wurde schon im Vorfeld hochgelobt, auf der Umschlagrückseite ist zu lesen: »Das größte Leseerlebnis seit Jahren.« Oprah Daily. In der Originalfassung gibt es mindestens 20 Auszüge aus lobenden Rezensionen, bevor der Roman überhaupt beginnt. Nun sind Buchempfehlungen in jedem Fall sehr subjektiv, ich würde den Satz von Ophra Daily jedenfalls nach dem Lesen nicht verkünden. Mir hat das Buch nur teilweise gefallen, Euphorie hat es nicht ausgelöst. Und das, obwohl ich mich sehr häufig mit der Thematik Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg beschäftige. Oder gerade deshalb.
Die originale Leseprobe (von amazon.de) habe ich auch noch gelesen, sie hat mir gut gefallen, ersetzt aber natürlich nicht den Eindruck für das gesamte Buch. Frauke Brodd hat den Roman aus meiner Sicht so authentisch und gut lesbar wie möglich ins Deutsche übersetzt.
Fazit: Ich möchte keine ausdrückliche Leseempfehlung geben, aber empfehle das Lesen von anderen Rezensionen. Da wird vielleicht das Interesse dann doch geweckt.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

„Ich konnte keinen Frieden finden.“ (bezieht sich auch auf das Hörbuch)

Zugwind
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Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. ...

Die ukrainische Autorin Iryna Fingerova blickt in ihrem autofiktionalen Roman auf rund zehn Jahre Leben in Deutschland zurück. Sie kam als Auswanderin aus Odessa nach Deutschland, bevor Russland am 24. Februar 2022 seinen Krieg gegen die Ukraine begann, die Krim aber war bereits bei ihrer Ausreise besetzt und es herrschte Krieg in der Donbasregion. Angekommen in Deutschland beginnt sie ein vollkommen neues Leben, es gelingt ihr, als Ärztin in einer Praxis zu arbeiten, sie und ihr Mann Andrij bekommen eine Tochter Rosa. Für eine junge Frau in Deutschland ist das nicht ungewöhnlich, für eine Ukrainerin ist es ein Weg, der mit zahllosen Hürden garniert ist.
Iryna Fingerova gibt dem Leser bzw. Hörer einen tiefen Einblick in ihr Leben, auch in ihr Seelenleben und besonders auch in das ihrer Landsleute, die seit dem Februar 2022 zu Hunderttausenden nach Deutschland kamen und Zuflucht suchten. Es gelingt ihr, ihre Eltern nach Deutschland zu holen, aber im Hinterkopf bleiben immer Verwandte und Freunde, die in der Heimat in Gefahr sind, die sich in Kellern verstecken müssen oder an der Front kämpfen. Selten habe ich so eindringlich erfahren, welche Seelenpein es für Eltern bedeutet, Söhne zu haben, die sie vor dem Krieg schützen wollen, die aber in der Heimat zur Verteidigung dringend gebraucht würden. Wer schickt seine Kinder freiwillig an diese unmenschliche Front? Wer verlangt von fremden jungen Männern, sich an dieser Front gegen die Russen zu stellen und für die Ukraine zu kämpfen, während man selbst in Sicherheit ist? Es ist ein unauflösbares Dilemma und die Autorin zieht ihre Leser in den Strudel der widersprüchlichen Gedanken. Die Überschrift dieser Rezension ist ein Zitat, das in einem Satz sagt, wie sich das alles anfühlt für die betroffenen ukrainischen Menschen. Mich hat das sehr bewegt.
Dass die junge Ärztin Mira Zehmann, eine nicht religiöse Jüdin, jenseits der geschilderten schmerzlichen Gedanken und Ereignisse über ihre ärztlichen Erfahrungen erzählt, ist verständlich, weniger verständlich ist mir die umfangreiche und oft ironische Art, die Leiden und Charaktere ihrer Patienten zu beschreiben. Vielleicht kann man das als Arzt auch nur so ertragen. Aber es nahm Überhand und war mir ehrlich gesagt teilweise sogar unangenehm. Es steht sehr im Gegensatz zu der feinfühligen Art, mit der sie die „Zugluft“ beschreibt, die sie spürt, selbst wenn alle Fenster und Türen verschlossen sind. Diese Dünnhäutigkeit muss es sein, die die Widersprüche im Roman so hervorstechen lässt. Die Momente mit ihrer Tochter Rosa sind geradezu erbaulich, auch wenn es teilweise erschreckend ist, womit sich ein kleines Kind schon beschäftigt bzw. beschäftigen muss.
Wenn man dem Hörbuch lauscht, dann hat man das Gefühl, die Autorin hätte das Buch der Sprecherin Lisa Hrdina auf den Leib geschrieben. Diese liest es nicht einfach nur vor, sie interpretiert es auf ganz natürliche und authentische Weise, sie wird eine lebendige Mira Zehmann. Obwohl mir der manchmal etwas flapsige Schreibstil nicht immer gefallen hat, muss ich sagen, dass das Zuhören einfach genial war.
Fazit: Ein höchst interessanter Einblick in das Leben ukrainischer Menschen in der deutschen Wahlheimat. Das Zuhören war ein Vergnügen und hat trotzdem sehr nachdenklich gemacht.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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