Ein Buch, das laut lacht und leise trifft
Sugar Crush„Sugarcrush“ ist eine dieser Geschichten, die auf den ersten Blick leicht und unterhaltsam wirken, dabei aber überraschend viel Tiefe entwickeln. Chris Tall schafft es, zeitlose Themen wie Selbstwahrnehmung, ...
„Sugarcrush“ ist eine dieser Geschichten, die auf den ersten Blick leicht und unterhaltsam wirken, dabei aber überraschend viel Tiefe entwickeln. Chris Tall schafft es, zeitlose Themen wie Selbstwahrnehmung, Mobbing, Freundschaft und erste Liebe in eine jugendliche Geschichte zu packen, ohne dabei zu belehren oder künstlich cool wirken zu wollen. Genau das macht das Buch für mich so lesenswert, und zwar nicht nur für Jugendliche.
Im Mittelpunkt steht Mateo, ein eher zurückhaltender und verunsicherter Teenager, der sich selbst nicht gerade als Hauptfigur seines eigenen Lebens sieht. Seine einzige echte Verbindung zu jemandem läuft über die App BeYou, in der er mit einer anonymen Person namens „Pumpkinpie“ schreibt. Diese digitale Beziehung ist sein Zufluchtsort: ehrlich, ungefiltert und ganz ohne Druck. Als er beginnt zu vermuten, wer sich hinter Pumpkinpie verbergen könnte, nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Mit jedem Kapitel gibt es mehr Indizien für die Leser:innen, bis zu dem Moment, an dem man ehrlich denkt: „Ich weiß es!“ (Spoiler: Du weißt es nicht.)
Besonders gelungen fand ich Mateos persönliche Entwicklung. Auch wenn er manchmal jünger und bockiger wirkte, als man es einem Siebzehnjährigen vielleicht zutrauen würde, hat das für mich gepasst. Gerade diese jugendliche Trotzhaltung, dieses impulsive und gleichzeitig überforderte Verhalten war oft sehr authentisch, auch wenn ich manchmal dachte: „Oh Junge, jetzt reiß dich zusammen!“ Aber genau das macht ihn so menschlich. Er macht Fehler, wächst daran und bleibt trotzdem immer irgendwie Mateo.
Die Dynamik zwischen ihm, Rashid und Toni hat mir ebenfalls gut gefallen. Es tat gut zu sehen, wie sich Mateo langsam aus seinem Schneckenhaus herauswagt, neue Kontakte knüpft und vor allem merkt, dass er nicht allein ist. Die Freundschaften entwickeln sich glaubwürdig, nie zu schnell, nie zu kitschig.
Und dann ist da natürlich noch Chris Tall selbst, als Figur im eigenen Buch. Ich gebe zu, ich war anfangs skeptisch. Diese Meta-Ebene hätte schnell unangenehm selbstverliebt wirken können, aber überraschenderweise hat es für mich funktioniert. Die Mentorrolle war vielleicht an einigen Stellen ein wenig überhöht, aber nicht unsympathisch. Und gerade aus der Perspektive junger Leser:innen kann das sicher motivierend wirken. Zudem hatte ich das Gefühl, dass wir hier den echten Chris erleben, so wie er sich auch in seinen Shows oder auf Instagram zeigt. Seine tiefgründige Art hat es auf jeden Fall mit ins Buch geschafft.
Ein echtes Highlight war für mich das Ende. Ich war mir mehrfach sicher, dass ich die große Auflösung längst durchschaut hätte, und musste dann doch feststellen, dass ich komplett danebenlag. Dieser Plottwist ist wirklich gelungen, genau im richtigen Moment platziert und weder zu übertrieben noch zu gezwungen. Ich liebe es, wenn ein Buch mich an der Nase herumführt, und das ist hier definitiv passiert.
Sprachlich ist der Roman angenehm zu lesen: locker, flott, mit einem Gespür für jugendliche Sprache, ohne aufgesetzt zu wirken. Es gibt viele witzige, charmante Momente, aber eben auch ernstere Töne, die Raum zum Nachdenken lassen.
Allerdings hätte ich mir die Auflösung zum Schluss etwas langsamer und ausführlicher gewünscht. Das Ende war mir persönlich einfach zu abrupt, gerade im Vergleich zum sonstigen Erzähltempo der Geschichte.
Fazit: Sugarcrush ist ein ehrliches, charmantes und stellenweise auch sehr berührendes Jugendbuch, das nicht nur für junge Leser:innen etwas bereithält. Es ist witzig, nachdenklich und überraschend, mit einer Hauptfigur, die man gerne durch Höhen und Tiefen begleitet. Wer Lust auf eine Geschichte mit Herz, Identifikationspotenzial und einem wirklich starken Ende hat, sollte es definitiv lesen.