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Veröffentlicht am 07.01.2026

Amüsanter Regionalkrimi aus dem Burgenland

Kopftuchmafia
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Dieser von dem österreichischen Kabarettisten Thomas Stipsits verfasste und bereits mit dem Autor in der Hauptrolle verfilmte Kriminalroman spielt im burgenländischen Stinatz, einem Dorf, in dem sich gut ...

Dieser von dem österreichischen Kabarettisten Thomas Stipsits verfasste und bereits mit dem Autor in der Hauptrolle verfilmte Kriminalroman spielt im burgenländischen Stinatz, einem Dorf, in dem sich gut 60% zur kroatischen Volksgruppe bekennen und das trotz einer Einwohnerzahl von nur knapp 1300 nicht nur fünf Wirtshäuser beherbergt, sondern auch mit einigen bekannten Künstlern in Verbindung steht:
Inspektor Sifkovits vom Landeskriminalamt Eisenstadt wird in seine alte Heimat Stinatz entsandt, um den Mord an einer jungen Frau aufzuklären, die ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit getötet wurde. Er wohnt dort bei seiner Mama Baba, die ihn gemeinsam mit ihren Freundinnen (der namensgebenden Kopftuchmafia) mit allerlei Hintergrundinformationen zu den beteiligten Personen versorgt, und trifft zahlreiche alte Freunde und Bekannte.

Wie bei Regionalkrimis üblich, tritt die eigentliche Krimihandlung hier öfters in den Hintergrund zugunsten des Lokalkolorits. Der Erzählstil ist angenehm und gemächlich, Actionszenen sucht man vergeblich. Obwohl sämtliche Beschreibungen eher sparsam ausfallen, sind Personen und Situationen bildhaft vor meinem inneren Auge entstanden. Auch spürt man die Sympathie des Autors für Stinatz und seine Bewohner.
Die Auflösung am Ende ist allerdings nicht wirklich überraschend und die Erklärung, wie Sifkovits auf den Täter gekommen ist, wirkt nicht ganz überzeugend. Außerdem hätte die Geschichte mehr als 180 Seiten verdient gehabt.
Wer über ein paar Schwächen hinwegsehen kann, wird hier aber sicher gut unterhalten werden.

Veröffentlicht am 07.01.2026

Was ist eine Hexe?

Hexen
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Die Antwort auf diese Frage hat sich einerseits im Lauf der Jahrhunderte stark gewandelt, weist andererseits aber doch immer wieder erstaunliche Parallelen auf.
Die Autorin hat hier 13 Fälle von „Hexerei“ ...

Die Antwort auf diese Frage hat sich einerseits im Lauf der Jahrhunderte stark gewandelt, weist andererseits aber doch immer wieder erstaunliche Parallelen auf.
Die Autorin hat hier 13 Fälle von „Hexerei“ aus den letzten 500 Jahren ausgewählt, die sich in unterschiedlichen Ländern und vor unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Hintergründen ereignet haben. An diesen Beispielen wird illustriert, welche Umstände dazu führen können, dass eine Person (meist eine Frau) als Hexe wahrgenommen wird und wie der Umgang mit Hexen und die „wissenschaftliche“ und juristische Bewertung von Hexerei in der jeweiligen Epoche ausgesehen haben. Außerdem zeigt sich, dass sowohl den als Hexen verfolgten Menschen als auch den Hexenjägern einige Charakteristika gemein sind.
Die Zusammenstellung der einzelnen Episoden ist durchaus interessant und regt dazu an, Vergleiche zu ziehen und sich zu dem einen oder anderen Ereignis weiter zu informieren.
Die Ausführungen bleiben allerdings sehr an der Oberfläche. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den eigentlichen Ursachen für „Hexenjagden“, die unter anderem auch breiter angelegte soziologische und eventuell wirtschaftliche Rahmenbedingungen und erst recht psychologische Faktoren miteinbeziehen müsste, findet nicht statt.
Gestört hat mich außerdem die nervige Art des Genderns, die noch dazu inkonsistent ist. So werden beispielsweise „Nachbar:innen“ oder „Bürger:innen“ gegendert, „Hexenjäger“ aber nicht. (Obwohl es zumindest in der Gegenwart definitiv auch Hexenjägerinnen gibt.)

Veröffentlicht am 04.01.2026

Wie sich Informationsnetzwerke auf die Gesellschaft auswirken

NEXUS
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Der Historiker Yuval Noah Harari befasst sich in seinem neuen Werk mit Informationsnetzwerken und damit, wie diese sich durch das Aufkommen künstlicher Intelligenz verändern.
Er beginnt mit einem Überblick ...

Der Historiker Yuval Noah Harari befasst sich in seinem neuen Werk mit Informationsnetzwerken und damit, wie diese sich durch das Aufkommen künstlicher Intelligenz verändern.
Er beginnt mit einem Überblick über die Geschichte der Informationsverarbeitung, beschreibt die Folgen von bisherigen Weiterentwicklungen in diesem Bereich (zum Beispiel Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks) und überlegt vor allem, was diese für die jeweilige Gesellschaft bedeuteten. Schon dabei wird klar, dass die meisten Entwicklungen sowohl positive als auch negative Auswirkungen hatten. So konnte der Buchdruck zur Verbreitung von Wissen dienen, trug aber auch zu den Hexenjagden zu Beginn der Neuzeit bei, und moderne Kommunikationssysteme und Massenmedien machten sowohl Massendemokratien als auch Totalitarismus erst möglich.
Anschließend lotet er aus, was sich durch die neuen „anorganischen Netzwerke“ ändern könnte und wird. Er erklärt, weshalb die KI-Revolution sich grundlegend von bisherigen Revolutionen in der Informationstechnologie unterscheidet und wie unser aller Leben davon beeinflusst werden wird, dass immer mehr KIs als zusätzliche Akteure in Netzwerken in Erscheinung treten, die bisher Menschen vorbehalten waren. Er konzentriert sich dabei vor allem auf negative Aspekte der KI: Seine Beispiele erstrecken sich von ihrer Fehlerhaftigkeit bzw unerwünschten Konsequenzen von schlecht formulierten Zielvorgaben über die Existenz eines niemals müde werdenden Netzwerks als ultimatives Überwachungsinstrument oder von Sozialkreditsystemen, die zum Ende der Privatsphäre führen, bis hin zu der Gefahr, dass Computer eines Tages ihre eigenen Mythologien erfinden oder dass die Welt durch einen „Silicon Curtain“ in unvereinbare Sphären unterteilt wird.
Der Autor ist von seinem Background her nicht unbedingt ein Experte für Informatik. Aus dieser Ecke kommende Veröffentlichungen zum Thema KI gibt es aber ohnehin schon genug. Hier wird dafür ein neuer Blick auf die Materie geworfen, der hilft, Zusammenhänge zu verstehen und die verschiedenen Innovationen und „Erfolge“, über die in den Medien immer wieder mal berichtet wird, zu einem größeren Bild zusammenzufügen. Gerade der Vergleich mit historischen Entwicklungen ist dabei besonders aufschlussreich. Auch dürfte der Inhalt gründlich recherchiert sein, wie die zahlreichen Anmerkungen belegen.
Der einzige Kritikpunkt könnte eventuell darin bestehen, dass der Autor die KI zu negativ darstellt. Mögliche positive Auswirkungen werden höchstens gelegentlich in einem Nebensatz erwähnt. Auch hierzu ist aber zu sagen, dass es genügend andere Veröffentlichungen gibt, in welchen die KI geradezu gefeiert und als Lösung für diverse Probleme verkauft wird.
Insgesamt ist dies daher eine interessante Lektüre, die wohl jedem neue Einsichten bieten kann, unabhängig davon, ob und wie intensiv man sich zuvor schon mit dem Thema KI beschäftigt hat.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Nachdenkliche Geschichte mit ein paar Schwächen

Das Jahr des Dugong – Eine Geschichte für unsere Zeit
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Gerade war Toby Markham, Chef einer Investmentfirma, auf einer Skipiste in Val-d-Isere damit beschäftigt, sich von den jüngeren Kollegen nicht allzu sehr abhängen zu lassen. Nun wacht er an einem wahrhaft ...

Gerade war Toby Markham, Chef einer Investmentfirma, auf einer Skipiste in Val-d-Isere damit beschäftigt, sich von den jüngeren Kollegen nicht allzu sehr abhängen zu lassen. Nun wacht er an einem wahrhaft seltsamen Ort auf. Was er zunächst für ein Krankenhaus hält, erweist sich als Gefängnis und er sieht sich einer Anklage wegen Komplizenschaft bei Terrazid und Genozid gegenüber. Die dafür vorgesehene Strafe soll der langsame Tod sein. Zunächst denkt er noch an einen schlechten Scherz einer fanatischen Gruppe von Klimaaktivisten. Die Wahrheit ist aber noch weitaus überraschender und verstörender.

Diese nur ca 140 Seiten lange Geschichte befasst sich mit ebenso aktuellen wie brisanten Themen und lotet die Folgen von Klimawandel und Artensterben aus. Sie regt daher durchaus zum Nachdenken an.
„Handwerklich“ finde ich sie aber trotzdem nicht wirklich gelungen. Das hier entworfene Szenario wirkt unrealistisch und ist auch in sich oft unlogisch, und das Verhalten einiger Personen nicht nachvollziehbar. Auch finde ich die Wahl des Protagonisten nicht gerade ideal. Toby ist zu unsympathisch, als dass man sich mit ihm identifizieren könnte, aber auch nicht unsympathisch genug, um einen passablen Anti-Helden abzugeben, und außerdem nicht wirklich repräsentativ für einen Menschen seiner Zeit und seiner Position.
Lesenswert ist das Ganze dennoch, es wäre allerdings mehr drinnen gewesen.

Veröffentlicht am 04.01.2026

Über Fehlanpassungen und Dysevolution

Unser Körper
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Daniel Lieberman, Professor für Paläoanthropologie und Biologie, untersucht hier, welche Lehren wir aus der Evolutionsgeschichte des menschlichen Körpers für unsere Gesundheit ziehen können. Ausgehend ...

Daniel Lieberman, Professor für Paläoanthropologie und Biologie, untersucht hier, welche Lehren wir aus der Evolutionsgeschichte des menschlichen Körpers für unsere Gesundheit ziehen können. Ausgehend von der Beobachtung, dass zwar die Mortalität (Sterblichkeit) in modernen Gesellschaften sinkt, an ihre Stelle jedoch eine höhere Morbidität (schlechter Gesundheitszustand) tritt, kommt er zu dem Schluss, dass viele Menschen heute an vermeidbaren Krankheiten leiden. Ob Diabetes des Typ 2, Osteoporose, Arterienverhärtung, Allergien oder Kurzsichtigkeit – letztlich handelt es sich bei all diesen und zahlreichen weiteren Beschwerden um Fehlanpassungskrankheiten, die dadurch entstehen, dass unser steinzeitlicher Körper nur schlecht oder unzureichend an bestimmte moderne Verhaltensweisen und Bedingungen angepasst ist.
Doch bevor er diesen Gedanken anhand zahlreicher Beispiele näher ausführt, überlegt der Autor zunächst, woran wir eigentlich angepasst sind. Er verfolgt dazu die verschiedenen Etappen der menschlichen Evolution und zeigt, dass sowohl lang zurückliegende Faktoren, wie die Ernährungsvorlieben der Australopithecinen als auch relativ neue Entwicklungen wie die Erfindung er Landwirtschaft unseren Körper prägten.
Daraufhin beschreibt er typische Ursachen für Fehlanpassungskrankheiten, die er in drei Kategorien unterteilt: Krankheiten, die durch ein Zuviel eines früher seltenen Reizes entstehen, Krankheiten durch Nichtgebrauch und Krankheiten infolge von Neuerungen und Annehmlichkeiten.
Besonders interessant fand ich außerdem das Konzept der Dysevolution. Darunter versteht er einen schädlichen Rückkopplungskreislauf, der sich daraus ergibt, dass die eigentlichen Ursachen für Fehlanpassungskrankheiten nicht bekämpft werden (müssen), weil die kulturelle Evolution erfolgreiche Behandlungsmethoden für einmal eingetretene Krankheiten entwickelt hat. Sodass beispielsweise ungesunde Ernährungsweisen von Generation zu Generation weitergegeben werden können, weil es Medikamente gegen Diabetes und Bluthochdruck oder Zahnbehandlungen gegen Karies gibt.
Von diesem wirklich erhellenden Gedanken abgesehen bewegt sich ein Großteil des Inhalts im Rahmen des üblichen. Zwar gibt es auch ein paar (für mich) neue Informationen, wenn der Autor beispielsweise für häufigeres Barfußgehen plädiert oder überlegt, ob sich Kurzsichtigkeit bei Kindern durch anders gestaltete Bücher vermeiden ließe.
Die meisten Ausführungen laufen aber letztlich darauf hinaus, dass wir zu viel vom Falschen essen und uns zu wenig bewegen. Auch wenn dies zweifellos richtig ist, klang es für mich doch öfters zu sehr nach erhobenem Zeigefinger, erst recht im letzten Kapitel, wo mögliche Lösungsansätze erörtert werden.
Weiters ist zu bedenken, dass sich der Autor bei seinen Aussagen und den von ihm präsentierten Statistiken hauptsächlich auf die Situation in den USA bezieht. Wenngleich die Ergebnisse natürlich auch auf andere Länder übertragbar sind.
Insgesamt ist dies dennoch eine lesenswerte Abhandlung zum Zusammenspiel zwischen Evolution und Medizin, die dazu animiert, über die wahren Ursachen vieler Krankheiten nachzudenken, aber auch manche allzu plakativen Behauptungen darüber, welche Lebensweise der menschlichen „Natur“ entspricht, zu hinterfragen.