Wie sich Informationsnetzwerke auf die Gesellschaft auswirken
Der Historiker Yuval Noah Harari befasst sich in seinem neuen Werk mit Informationsnetzwerken und damit, wie diese sich durch das Aufkommen künstlicher Intelligenz verändern.
Er beginnt mit einem Überblick ...
Der Historiker Yuval Noah Harari befasst sich in seinem neuen Werk mit Informationsnetzwerken und damit, wie diese sich durch das Aufkommen künstlicher Intelligenz verändern.
Er beginnt mit einem Überblick über die Geschichte der Informationsverarbeitung, beschreibt die Folgen von bisherigen Weiterentwicklungen in diesem Bereich (zum Beispiel Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks) und überlegt vor allem, was diese für die jeweilige Gesellschaft bedeuteten. Schon dabei wird klar, dass die meisten Entwicklungen sowohl positive als auch negative Auswirkungen hatten. So konnte der Buchdruck zur Verbreitung von Wissen dienen, trug aber auch zu den Hexenjagden zu Beginn der Neuzeit bei, und moderne Kommunikationssysteme und Massenmedien machten sowohl Massendemokratien als auch Totalitarismus erst möglich.
Anschließend lotet er aus, was sich durch die neuen „anorganischen Netzwerke“ ändern könnte und wird. Er erklärt, weshalb die KI-Revolution sich grundlegend von bisherigen Revolutionen in der Informationstechnologie unterscheidet und wie unser aller Leben davon beeinflusst werden wird, dass immer mehr KIs als zusätzliche Akteure in Netzwerken in Erscheinung treten, die bisher Menschen vorbehalten waren. Er konzentriert sich dabei vor allem auf negative Aspekte der KI: Seine Beispiele erstrecken sich von ihrer Fehlerhaftigkeit bzw unerwünschten Konsequenzen von schlecht formulierten Zielvorgaben über die Existenz eines niemals müde werdenden Netzwerks als ultimatives Überwachungsinstrument oder von Sozialkreditsystemen, die zum Ende der Privatsphäre führen, bis hin zu der Gefahr, dass Computer eines Tages ihre eigenen Mythologien erfinden oder dass die Welt durch einen „Silicon Curtain“ in unvereinbare Sphären unterteilt wird.
Der Autor ist von seinem Background her nicht unbedingt ein Experte für Informatik. Aus dieser Ecke kommende Veröffentlichungen zum Thema KI gibt es aber ohnehin schon genug. Hier wird dafür ein neuer Blick auf die Materie geworfen, der hilft, Zusammenhänge zu verstehen und die verschiedenen Innovationen und „Erfolge“, über die in den Medien immer wieder mal berichtet wird, zu einem größeren Bild zusammenzufügen. Gerade der Vergleich mit historischen Entwicklungen ist dabei besonders aufschlussreich. Auch dürfte der Inhalt gründlich recherchiert sein, wie die zahlreichen Anmerkungen belegen.
Der einzige Kritikpunkt könnte eventuell darin bestehen, dass der Autor die KI zu negativ darstellt. Mögliche positive Auswirkungen werden höchstens gelegentlich in einem Nebensatz erwähnt. Auch hierzu ist aber zu sagen, dass es genügend andere Veröffentlichungen gibt, in welchen die KI geradezu gefeiert und als Lösung für diverse Probleme verkauft wird.
Insgesamt ist dies daher eine interessante Lektüre, die wohl jedem neue Einsichten bieten kann, unabhängig davon, ob und wie intensiv man sich zuvor schon mit dem Thema KI beschäftigt hat.