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Karolina_Hruskova

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Verantwortungsgefühl und Leidenschaft

Der Krabbenfischer
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Auf »Der Krabbenfischer« habe ich schon länger ein Auge geworfen, daher habe ich den Roman mit großen Erwartungen begonnen - und konnte ihn zum Schluss fast nicht mehr aus der Hand legen.

Der junge Thomas ...

Auf »Der Krabbenfischer« habe ich schon länger ein Auge geworfen, daher habe ich den Roman mit großen Erwartungen begonnen - und konnte ihn zum Schluss fast nicht mehr aus der Hand legen.

Der junge Thomas Flett lebt mit seiner Mutter in den 60er Jahren in ärmlichen Verhältnissen. Die Abwesenheit des Vaters ist allgegenwärtig und tief verankert in Thomas' Gedanken und Sein. Täglich fährt er stoisch und pflichtbewusst zum Krabbenfischen auf das Meer hinaus und aus diesem Pflichtbewusstsein heraus verheimlicht er auch seine eigentliche Leidenschaft, seinen Traum davon, Musiker zu werden. Sein Leben ist grau und trostlos, und das hat Benjamin Wood mit einer extremen Tiefe und düsteren, fast schon melancholisch Atmosphäre ergreifend umgesetzt. Vor allem durch Woods nüchternen Erzählstil, mit dem er dennoch eine einnehmende Lebendigkeit geschaffen hat, wird man als Leser:in direkt in das Geschehen und die Gedankenwelt einbezogen.

Als Thomas den Regisseur Edgar Acheson kennenlernt, fängt er an sich zu verändern. In der Freundschaft zu Edgar findet er Inspiration und den Mut, um seine Musik, die er in seinem Inneren bewahrt hat, auch nach außen zu tragen. Der keimenden Selbstbestimmung steht jedoch noch immer das Pflichtbewusstsein gegenüber, letztendlich ist er doch Krabbenfischer. Plötzlich steht Thomas vor einer Entscheidung, die er nicht treffen kann.

Der Roman spricht mit ruhiger Stimme über den Spagat zwischen Verantwortung und Leidenschaft, über das schmerzhafte Fehlen des Vaters und Loyalität zu einem Freund - auch wenn der sie möglicherweise gar nicht verdient hat.

Alles in einem sind meine Erwartungen erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Thematisch, stilistisch und atmosphärisch hat Benjamin Wood eine Roman geschaffen, der einen Moment perfekt eingefangen hat und damit noch lange im Gedächtnis bleibt.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Zwischen Schein und Sein

Bestie
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Ich musste lange sacken lassen, wie krass mich »Bestie« abgeholt hat. Vor allem in der heutigen Zeit, in der der Fokus auf Oberflächlichkeiten wie Beauty, Interior und Influencer liegt, spricht »Bestie« ...

Ich musste lange sacken lassen, wie krass mich »Bestie« abgeholt hat. Vor allem in der heutigen Zeit, in der der Fokus auf Oberflächlichkeiten wie Beauty, Interior und Influencer liegt, spricht »Bestie« stellenweise aus der Seele.

Anouk und Lilly verkörpern diese Welt auf ihre eigene Art perfekt. Alles dreht sich um Selbstinszenierung und Selbstdarstellung: Anouk lässt ihre Follower in dem Glauben, dass alles mühelos und makellos an ihr ist. Lilly ist so tief in ihren Selbstzweifeln verloren, dass sie sogar ein Alter Ego entwickelt, um Anouks Scheinwelt gerecht zu werden. Verblendet von dem, was Anouk die Welt sehen lässt, steigert sich Lilly immer mehr in das Bedürfnis, auf einer Ebene damit sein zu wollen.

Und das ist der Knackpunkt: Dieser Unterschied zwischen Schein und Sein hat mich extrem angesprochen. Beide Frauen sind relatable, denn sie treffen beide keine richtigen Entscheidungen, zweifeln an sich, stürzen ab, bauen Lügenkonstrukte auf und verlieren sich dabei. Nur hinter ihrer Fassade sind sie authentisch, verletzlich, wütend. Menschlich. Schnell bekommt das Wort Bestie eine ganz neue Bedeutung: Weg ist die beste Freundin, die sich langsam zu einer Bestie entwickelt hat. Pun included, ich mags sehr. Die Freundinnenschaft zwischen Anouk und Lilly ist bewegend und wirkt mit ihren vielen Fehlern einfach nur echt.

Joana June hat mit »Bestie« einen klugen Debütroman geschaffen, der mich in allen Aspekten voll und ganz angesprochen hat. Er transportiert Schmerz, Verletzlichkeit, Inszenierung und Selbstfindung mit starkem Ausdruck. Jedes einzelne Wort sitzt. Die Figuren sind nahbar, wie vertraute Menschen. »Bestie« ist eine Geschichte, die mich vollumfänglich eingenommen hat, als hätte sie mir eine gute Freundin erzählt - und ich will unbedingt mehr von »Bestie«, mehr von Joana June!

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Satire und gelungene Gesellschaftskritik

Hustle
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Der Klappentext hat mich voll abgeholt: Leonie lügt, betrügt, prellt die Zeche und wirkt auch sonst sehr tough. Ihr moralischer Kompass ist etwas verstellt, aber genau das hat mich so wahnsinnig neugierig ...

Der Klappentext hat mich voll abgeholt: Leonie lügt, betrügt, prellt die Zeche und wirkt auch sonst sehr tough. Ihr moralischer Kompass ist etwas verstellt, aber genau das hat mich so wahnsinnig neugierig auf »Hustle« gemacht. Wenn ein Roman schon so benannt ist, ist der Name Programm.

Leonie ist neu in München und überwältigt von den Lebenshaltungskosten. Glücklicherweise hat sie ein Händchen für Racheaktionen und schlägt schon bald Kapital daraus. Die Idee finde ich originell, ansprechend und irgendwie auch relatable (hatten wir nicht alle schon einmal Rachegelüste?), die Umsetzung war für mich dann aber zu schwach.

Oft wurde ihren Aktionen nur ein Absatz gewidmet - keine Tiefe dabei, keine Spannung, kaum Witz. In der Hinsicht wurden meine Erwartungen nicht erfüllt, was mich enttäuscht. Im Mittelpunkt stand eher Leonies Leben in München und wie sie sich dort angepasst hat. Mit ihren Freundinnen tauscht sie sich über das jeweilige (fragwürdige) Business aus und schnell wird klar: Moral und Gewissen sind für die Freundinnen sehr dehnbare Begriffe, it's all about the money. Das fand ich dann tatsächlich spannend, welche Mittel und Wege gefunden wurden, um in einer Stadt wie München zu (über-)leben. Julia Bähr hat die Gesellschaft mit wunderbar verpackter Ironie und Satire punktgenau kritisiert. Die Darstellung hat mich fasziniert und angesprochen, und ich fühlte mich, als sei ich in eine fremde Welt eingetaucht.

»Hustle« war also nicht unbedingt das, was ich erwartet habe, aber hat mich auf unvorhergesehene Weise dann doch gut unterhalten. Und trotz meiner kleinen Enttäuschung hätte ich gerne mehr von Leonie gehabt!

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Veröffentlicht am 24.09.2025

In der Tat einfach nur erstaunlich

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
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Ich machs kurz: Lest den Roman! Man fliegt nur so durch die Seiten und wird ständig überrascht.

Mich begeistert vor allem, wie Gabrielle Zevin den Roman von Anfang bis zum Ende mit so vielen Details ...

Ich machs kurz: Lest den Roman! Man fliegt nur so durch die Seiten und wird ständig überrascht.

Mich begeistert vor allem, wie Gabrielle Zevin den Roman von Anfang bis zum Ende mit so vielen Details durchdacht hat. Vieles rastet erst später ein, vermeintlich unwichtige Punkte spielen plötzlich eine entscheidende Rolle. Die Handlung ist einnehmend, hin und wieder jedoch durch größere Zeitsprünge unterbrochen.

Mit viel Tiefgang und Humor wird eine Geschichte über zweite Chancen, Liebe und Literatur erzählt. A.J. ist seit dem Tod seiner Frau ein Griesgram, führt eine Buchhandlung und lebt sein Leben für die Literatur. Zu allem hat er eine Meinung, eckt damit und mit seiner sturen, eigensinnigen Art oft an. Aber dann passieren Dinge, die ihn (und mich) völlig aus dem Konzept gebracht haben.

Es war herrlich erfrischend, wie sich A.J. auf ganz natürliche Weise dem Leben wieder geöffnet hat, welche Chancen er ergriffen und welche Veränderungen er zugelassen, ja sogar aktiv vorangetrieben hat. Er war genauso wie die Geschichte unberechenbar. Auch andere Figuren waren eine willkommene Ergänzung, die vom Gabrielle Zevin lebendig und charakterlich stark gestaltet wurden.

Ich mochte den Roman. Er war bunt und lebendig wie auch die Covergestaltung, hat mich unterhalten, meine Gedanken angeregt und ernste Themen wie Tod und Trauer auf einfühlsame Weise vermittelt.

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Veröffentlicht am 21.09.2025

Warmherzig, berührend und behutsam

Unsere Stimmen bei Nacht
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Eine willkürlich zusammengewürfelte WG - vom Chemieprofessor bis zum Studenten und Teenager finden sich zuerst Fremde bei Gloria und Herbert ein. Nach und nach wird jedoch aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft ...

Eine willkürlich zusammengewürfelte WG - vom Chemieprofessor bis zum Studenten und Teenager finden sich zuerst Fremde bei Gloria und Herbert ein. Nach und nach wird jedoch aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft eine Wahlfamilie. Den Weg dorthin habe ich gerne gemeinsam mit Franziska Fischer verfolgt und wurde von ihrer sehr feinfühligen, atmosphärischen, manchmal auch poetischen Sprache eingenommen.

Für mich galt durch und durch: Der Weg ist das Ziel. Franziska Fischer hat keinen spannenden Roman geschaffen, vielmehr hat sie ihre Figuren langsam zu sich selbst und zueinander finden lassen. Gespräche entstanden, Gewohnheiten, emotionale Nähe, die auch Geborgenheit ausgestrahlt hat. Auffällig waren für mich zudem die vielen Naturbilder, die dem Roman eine eigene gemütliche Note verpasst haben.

Hin und wieder ist es durch diese Coziness jedoch auch vorgekommen, dass sich ein paar Längen eingeschlichen haben oder die vielen detaillierten Beschreibungen zu überwältigend waren. Auch einige der Charaktere haben neben anderen eher blass auf mich gewirkt, ohne wirkliches Profil oder Individualität.

»Unsere Stimmen bei Nacht« ist warmherzig, berührend und sehr behutsam. Franziska Fischer beschreibt auf ruhige Art, wie eine neue Gemeinschaft, eine Wahlfamilie, entstehen kann, wie deren Alltag sich verändert und lädt mit ihren stimmungsvollen Bildern zum Innehalten in der eigenen Hektik ein. Eine kleine Wohltat für Zwischendurch, die noch lange in Gedanken bleibt!

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