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Veröffentlicht am 23.03.2026

Ich wünsche Erika einen Neuanfang

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Erika und Jan sind beide 65, seit über 40 Jahren verheiratet, haben einen erwachsenen Sohn. Ihre Beziehung ist respektvoll aber seit 8 Jahren ohne körperliche Nähe. Alles schon tausendmal gehört. Was die ...

Erika und Jan sind beide 65, seit über 40 Jahren verheiratet, haben einen erwachsenen Sohn. Ihre Beziehung ist respektvoll aber seit 8 Jahren ohne körperliche Nähe. Alles schon tausendmal gehört. Was die Geschichte von anderen abhebt, ist, dass sich in diesem Fall Erika nach Sex sehnt und Jan derjenige ist, der ihn verwehrt. Als er ihr in einem Urlaub dann gesteht, dass er bereits seit anderthalb Jahren ein Verhältnis zu einer deutlich jüngeren Frau hat, die beide kennen und die, laut Erika, deutlich unattraktiver ist als sie selbst, zieht das Erika den Boden unter den Füßen weg. Was nun kommt, haben viele von uns schon erlebt – Erika sitzt in einer Achterbahn der Gefühle, wütet, zweifelt, stalkt die Geliebte, kämpft um ihre Ehe. Schließlich begeben sich die Eheleute in Therapie. Aber macht das wirklich Sinn, die Beziehung ohne körperliche Liebe – denn Jan bleibt bei seiner Einstellung, dass er sich keine körperliche Liebe mehr mit seiner Frau mehr vorstellen kann und an der Beziehung zu seiner Geliebten festhalten will – fortzusetzen? Erika stellt sich viele Fragen und lässt die Leserin daran teilhaben. Ihre Gedanken springen hin und her und manchmal hat mich ihr selbstverletzendes Verhalten richtig geschmerzt. Ich hätte ihr am liebsten zugerufen: „Warum gehst Du nicht und suchst Dir einen Mann, der dich will?“ Immerhin kommen ihr diese Gedanken zwischendurch selbst, das lässt mich hoffen.
Das Büchlein, dessen Cover mich richtiggehend angezogen hat, liest man schnell durch, der Text ist fesselnd und ich habe mich oft in Erikas klugen Gedanken wiedergefunden. Was mir nicht so gut gefallen hat, waren die derbe Wortwahl bei Erikas Sexgedanken, damit habe ich mich unwohl gefühlt, was vielleicht mehr über mich als über Wencke Mühleisen aussagt. Die Autorin spricht Klartext, drastisch, konsequent und ehrlich. Manchmal auch witzig. Ich konnte ihren inneren Kampf fühlen und das macht den Roman zu einem, der berührt und manchmal auch weh tut.

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Veröffentlicht am 19.03.2026

Der Zauber des Menschseins

Alt genug
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„Alt genug“ zu sein, davon schreibt Ildiko von Kürthy in ihrer neuesten Veröffentlichung. Alt genug… aber wofür? Nun unter anderem dafür, nun bequeme Unterwäsche zu tragen, zu seinen Falten zu stehen, ...

„Alt genug“ zu sein, davon schreibt Ildiko von Kürthy in ihrer neuesten Veröffentlichung. Alt genug… aber wofür? Nun unter anderem dafür, nun bequeme Unterwäsche zu tragen, zu seinen Falten zu stehen, zu grauen Haaren oder auch mehr Gewicht, sich nicht mehr klein zu machen vor anderen, ehrlich seine Meinung zu sagen, auch wenn die nicht jedem gefällt. Die Autorin hat sich zur Recherche des Buches viele kleine und große Aufgaben gestellt, unter anderem hat sie sich bei „Germany’s next Topmodel“ beworben, ist alleine nach New York geflogen, hat ein Festival besucht. Es geht ums Älterwerden, um eine Art Bestandsaufnahe. Man sollte vielleicht wissen, dass das Buch kein Roman, sondern eher ein persönlicher Einblick in das Leben und die Vergangenheit der Autorin. Ich habe den Entstehungsprozess des Buches neugierig bei Instagram verfolgt und so kamen mir einige Stellen des Buches bereits vertraut und bekannt vor und ich habe mich von Seite 1 wohl gefühlt wie bei einem Gespräch mit einer guten Freundin. Aber wie toll ist bitte die Umsetzung, ihre Biografie in eine Rahmenhandlung einzubetten? So im Sinne von „Ein Tag im Leben von Ildiko von Kürthy“!
Ildiko’s Bücher lese ich schon seit langem mit Begeisterung, ich mag ihre Art des Erzählens, ihre Alltagsbeobachtungen, ihren Humor und ihre Ehrlichkeit und übrigens höre ich die von ihr eingesprochenen Bücher auch unheimlich gern. Altersmäßig hinke ich ihr 6 Jahre hinterher, was man aber bei unserer grundsätzlichen Lebenssituation sicherlich vernachlässigen kann und so fühle ich mich beim Lesen ihrer Bücher einfach gut verstanden. Ihre Gedanken kommen mir bekannt vor. An der Stelle, wo sie ihre Familie beschimpft, um dann fortzulaufen und später zu bemerken, dass es gar niemanden kümmert, habe ich laut aufgelacht und mich hinterher gefreut, dass ich nun drüber lachen kann, während ich so oft in den Situationen einfach nur sauer bin.
Mir gefällt an „Alt genug“ unheimlich gut, dass es neben den vielen witzigen Begebenheiten auch die weniger schönen Dinge beschreibt: Krankheiten, Verluste, Abschiede. Und so habe ich gelacht und auch geweint. Weil mir vieles davon auch bekannt vorkommt. Ich mag ihre Botschaft, dass man als sogenannter „Bestager“ (natürlich auch vorher schon aber da fällt es den meisten von uns ja so unheimlich schwer) ruhig ehrlich sein darf. Und egoistischer.
Mein Fazit: Ich habe das Buch geliebt und bereits an die 2. Freundin verliehen. Aber ich will es zurückhaben, denn es bekommt einen festen Lieblingsplatz in meinem Bücherregal.

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Veröffentlicht am 26.02.2026

Die Sehnsucht hinter der Wut

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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In "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" erinnert sich die Niederländerin Christien Brinkgreve an ihren verstorbenen Ehemann, den Juristen und Journalisten Arend Jan Heerma van Voss. Christien Brinkgreve ...

In "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" erinnert sich die Niederländerin Christien Brinkgreve an ihren verstorbenen Ehemann, den Juristen und Journalisten Arend Jan Heerma van Voss. Christien Brinkgreve ist Professorin für Soziologie und Autorin, ihr Mann war Journalist, beide lebten in Amsterdam und die Autorin zeichnet ein sehr persönliches und komplexes Bild ihrer komplizierten Ehe.
Die Erzählung beginnt im März 2022 mit dem Begräbnis ihres Ehemanns, den sie in ihrem Buch „A“ nennt. Er verstirbt an Krebs und es hat mich sehr berührt, wie sehr er sich gegen dieses Gehenmüssen gesträubt hat. Die folgenden 42 Kapitel wechseln zwischen Erinnerungen und Gegenwart und unterstreichen damit das Aufräumen, die Ruhelosigkeit, das Verarbeiten der Trauer. Ich empfand das Buch als sehr anspruchsvoll, schonungslos ehrlich und klug. Christien Brikgreve beschreibt die Verwahrlosung des Hauses, in dem sich umfangreiche Sammlungen und Listen ihres Mannes befinden und das als gutes Symbol zum Zustand ihrer Ehe steht.
Mich faszinierte die Karriere von Brinkgreve, die innerhalb weniger Jahre promovierte, 2 Kinder bekommt und als Professorin für Frauenforschung arbeitet. Ihren Mann hat das offensichtlich nachhaltig verschreckt, Unterstützung im Haushalt hat sie von ihm nicht bekommen, er besteht auf die alten Rollenklischees. Brinkgreve musste an allen Fronten stark sein, damit steht sie stellvertretend für eine ganze Generation, die sich zwar beruflich ausleben durften, gleichzeitig aber im familiären Umfeld schön bescheiden im Hintergrund bleiben sollten. Brinkgreve schreibt, dass sie nicht gegen ihren Mann ankam und es braucht einen schmerzhaften Trauerprozess, um sich mit der komplizierten Persönlichkeit ihres Mannes und seiner Wahrnehmung ihrer Berufstätigkeit und ihrer Unabhängigkeit als Bedrohung zu versöhnen. Ich habe beim Lesen auch Parallelen zu meiner eigenen Ehe, zu meiner Rolle innerhalb der Familie, zu meinem eigenen Verhalten und Funktionieren gefunden und wurde dazu angeregt, darüber nachzudenken.
Auf das Buch muss man sich einlassen, das hier ist kein Roman, den man schnell mal zwischendurch liest. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, trifft der Inhalt der Geschichte kraftvoll und mit voller Wucht jeden einzelnen Nerv. Mir ging das Buch richtig unter die Haut, auch wegen der Parallelen zu meinem eigenen Leben.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Was genau macht ein gutes Leben aus?

Das gute Leben
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Eine Erbschaft bringt die Protagonistin Christina auf den Weg in die Vergangenheit. Sie wuchs bei ihrer Großmutter Anni auf. Anni stammt aus Siebenbürgen. Nach dem Krieg waren Deutsche in Rumänien nicht ...

Eine Erbschaft bringt die Protagonistin Christina auf den Weg in die Vergangenheit. Sie wuchs bei ihrer Großmutter Anni auf. Anni stammt aus Siebenbürgen. Nach dem Krieg waren Deutsche in Rumänien nicht mehr gern gesehen und als Anni feststellt, dass sie schwanger ist, flüchtet sie nach Deutschland. Sie arbeitet beim Quelle-Versand, wird alleinerziehende Mutter ihrer Tochter Helene, bleibt ansonsten allein und verschlossen. Auch ihre Tochter wird früh schwanger und Anni kümmert sich auch um die Enkelin. Nun ist Anni gestorben und Christina blickt einerseits auf das Leben der Großmutter zurück und denkt andererseits auch über sich selbst nach. Am Ende erkennt sie, was sie ihrer Großmutter alles zu verdanken hat.

Die Erzählung spannt einen Bogen von Rumänien nach Deutschland, wechselt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und behandelt Themen wie Abschied, Fremdsein, Zugehörigkeit, Herkunft, Entbehrungen. Es gibt immer wieder Perspektivwechsel und die Erzählstränge greifen immer wieder ineinander, das hat mir sehr gut gefallen. Sehr interessant fand ich auch die Beschreibungen des Quelle-Versandhauses!
Die abgehackte Sprache, die manchmal recht hart wirkte, ungeschliffen irgendwie, passte für mich sehr gut zur Geschichte

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Wieviel Zeit bleibt uns noch

Wir Freitagsmänner
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„Wir Freitagsmänner“ von Hand-Gerd Raeth hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Geschichte ist sehr unterhaltsam, witzig und klug. Mir war gar nicht bewusst, dass auch Männer mit den Wechseljahren zu ...

„Wir Freitagsmänner“ von Hand-Gerd Raeth hat mir außerordentlich gut gefallen. Die Geschichte ist sehr unterhaltsam, witzig und klug. Mir war gar nicht bewusst, dass auch Männer mit den Wechseljahren zu kämpfen haben, aber da wurde ich eines Besseren belehrt. Aber auch ich, als Frau im mittleren Alter, konnte Henris Problemchen und Handlungen sehr gut nachvollziehen.
Es geht um den 55jährigen Henri, der seine Ehe in den Sand gesetzt hat und es demzufolge nur gerecht findet, dass seine Frau ihn hat bluten lassen. So gehören Haus und Vermögen nun ihr, während er allein in einer kleinen Mietwohnung lebt. Seine letzte Datingerfahrung war eher lau und nun attestiert ihm sein Hausarzt auch noch, in den Wechseljahren zu sein. Was ein bisschen klingt wie bei Ellen Berg, ist keinesfalls kitschig, realitätsfern und überzogen, es gibt keine nervigen Charaktere, sondern ganz im Gegenteil, ich konnte alle Handelnden gut verstehen, egal ob es sich um die Exfrau handelt, seine Arbeitskollegen oder um Freund Felix. Gerade die Männerfreundschaft hat so etwas Herzliches, Rührendes! Hat mir unheimlich gut gefallen! Henri ist auf der Suche nach Liebe und Sinn. Die Metapher, dass das Leben eine Woche ist, man am Montag geboren wird und am Sonntagabend stirbt, hat mir sehr gut gefallen und auch mich zum Nachdenken angeregt. Henri ist der Freitagsmann und ich als Leserin frage mich automatisch, wo ich stehe, wieviel Zeit mir noch bleibt und mit welchen Inhalten ich diese Zeit füllen will.
Henri war für mich ein großartiger Charakter: ehrlich, nahbar, menschlich, mit Ecken und Kanten und sehr sympathisch! Ich musste oft herzlich lachen und doch zeigt uns Raeth viele ernste Wahrheiten auf. Genau diese Mischung macht das Buch so toll! Ich werde es jetzt an meinen Mann weitergeben und freue mich schon darauf, wenn er demnächst beim Lesen laut auflacht. Wunderbar fände ich auch eine Verfilmung!

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