Ganz tolles Buch über Mütter und Söhne
Sieben Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Torran ist nichts in Annes Leben mehr, wie es war. Die Beziehung zu Robert, dem Vater, ist zerbrochen, sie selbst befindet sich in einem anhaltenden ...
Sieben Jahre nach dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Torran ist nichts in Annes Leben mehr, wie es war. Die Beziehung zu Robert, dem Vater, ist zerbrochen, sie selbst befindet sich in einem anhaltenden Schockzustand, fristet in einem Hotel in Indien ein Dasein in der Warteschleife. Als in ihrer Heimat Schottland ein neuer Hinweis auf Torrans Verbleib auftaucht, reist Roberts Nichte Esther ebenfalls nach Manali, eine junge Frau, die einst bei der Familie lebte und Annes Fähigkeiten als Mutter nach Torrans Verschwinden öffentlich in Frage stellte. Was als verzweifelter Versuch beginnt, Antworten zu finden, wird zu einer spirituellen Reise und Grenzerfahrung. Die beiden Frauen folgen einer zarten Spur in ein abgelegenes Kloster und geraten dabei nicht nur in die Wildnis des Himalayas, sondern in die verborgensten Winkel ihrer eigenen Vergangenheit.
⬇️ enthält Spoiler ⬇️
Penelope Slocombe erzählt hier von der sehr schmerzhaften Aufgabe, ein geliebtes Kind freizugeben, davon, wie die Trauer sich anfühlt, wenn das eigene Kind im Loslassen sein Glück gefunden hat. Richtig stark gelungen ist der Autorin die Darstellung der weiblichen Figuren. Anne und Esther entwickeln sich spürbar weiter, wachsen aneinander und über sich hinaus. Anne gerät in einen vielschichtigen, emotionalen Heilungsprozess, in dem sie lernt, nicht nur ihrem Sohn, sondern auch sich selbst zu vergeben. Der Ausgang ist dabei so unperfekt und fragil wie das Leben selbst – und gerade deshalb so zwangsläufig und eindringlich.
„Sunbirds“ ist ein still aufwühlendes Drama, eine Geschichte über Verlust, Schuld und die Kraft des Weitergehens, getragen von einer klaren, poetischen Sprache, die lebendige Bilder schafft, ohne zu überladen. Als jemand, der selbst stark in Familie und Heimat verwurzelt ist, hat mich das Ringen um Identität über die familiären Bande hinaus und die schwierige Kunst des Abschiednehmens, der ich mich letztes Jahr auch ein kleines Stück weit stellen musste, mitten ins Herz getroffen. Ich glaube, dies ist so ein Buch, das entweder gar nichts mit dir macht oder enorm viel. Je nachdem, wie stark es mit etwas in deinem Inneren resoniert.
Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung.