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Veröffentlicht am 02.11.2025

Herausfordernde Dystopie

Die Spur der Vertrauten
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Was passiert, wenn das «Wir» über allem steht? «Die Spur der Vertrauten» ist eine komplexe Dystopie in zwei Teilen, die eine emotionslose Welt ohne Individualität präsentiert. Ist der Instinkt stärker, ...

Was passiert, wenn das «Wir» über allem steht? «Die Spur der Vertrauten» ist eine komplexe Dystopie in zwei Teilen, die eine emotionslose Welt ohne Individualität präsentiert. Ist der Instinkt stärker, als der eigene Wille? Ist es dann Zwang, wenn man nur zum Wohle aller handeln kann?

Der Roman startet mysteriös. Ich war von der Idee des Allgemeinwohls und der Vielzahl der Instinkte fasziniert, aber mir lief es auch manchmal kalt den Rücken runter. Zufriedenheit und Mitgefühl gibt es nicht. Das Ausmaß der Selbstaufgabe und des totalitären «Wir»-Gefühls wirft ein ganz anderes Licht auf die beschriebene Wirklichkeit und ich brauchte etwas, um mich auf diese Heftigkeit einzustellen. Die neue Betrachtung von Kollektiv und Individuum wirft moralische Fragen auf und es kommen einige Unklarheiten auf, auf deren Lösung ich gespannt war. Vieles ist verstrickt und noch unklar, was zum spekulieren einlädt. Armut und Gewalt gibt es nach wie vor. Auch Verbrechen geschehen und das Konfliktpotential scheint hoch. Weshalb Claire, die angehende Absolventin der Schule der Vertrauten, wegen einem verschwundenem Schüler ermittelt.

Es ist manchmal anstrengend gewesen, der Handlung zu folgen und alle Verstrickungen zu durchhauen, aber auch faszinierend. Die Geschichte ist komplex, es kommen immer wieder neue Handlungsstränge und auch Charaktere dazu, die meine Lesegewohnheiten herausgefordert haben. Zudem ist die Welt überraschend düster, weshalb ich es nicht unbedingt als Jugendbuch eingeordnet hätte. Heftige Szenen, geprägt von Gewalt, Zwang und Psychospielchen festigen diesen Eindruck. Christelle Dabos setzt auf Atmosphäre, was ihr gut gelungen ist, und hebt zwei Charaktere hervor, die sich deutlich von der Masse unterscheiden. Passend zur Welt agieren die Charaktere sehr emotionslos, was es mir schwer gemacht hat, mit ihnen warm zu werden.
Ich hätte mir gewünscht, dass die gesellschaftlichen, moralischen und auch ethischen Aspekte, die hier aufgegriffen werden, vertieft worden wären. Es gibt einige Längen und ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich mich an den Schreibstil gewöhnt hatte. Insgesamt war es unterhaltsam, wenn auch nicht leicht zu lesen und zu verstehen. Ich konnte nicht alle Entscheidungen der Protagonisten nachvollziehen und finde die dystopische Welt nicht nur beklemmend, sondern immer noch undurchsichtig. Der zweite Teil des Buches ist spannender geschrieben und zieht merklich das Tempo an. Hier war ich zeitweise wirklich gefesselt. Das Ende fand ich ehrlicherweise unbefriedigend.

Fazit: Lesenswert, allerdings keine leichte Lektüre für Zwischendurch.
Besonders für Erwachsene, die keine Jugendliteratur lesen, wäre «Die Spur der Vertrauten» einen Blick wert, wenn sie Dystopien mögen, die mit neuen Ideen spielen und Komplexität, Denkanstöße und einen ungewöhnlichen Schreibstil bieten.

Veröffentlicht am 26.10.2025

Anstrengende Psychospielchen und brutale Fantasien

Der Nachbar
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Der „Nachbar", wie er sich nennt, sorgt für Psychoterror und ein heftiges Stakling-Problem in Sarahs Leben. Ihr wahnsinniger Peiniger hält sich dagegen für einen Schutzengel und bedroht bald ihre Familie. ...

Der „Nachbar", wie er sich nennt, sorgt für Psychoterror und ein heftiges Stakling-Problem in Sarahs Leben. Ihr wahnsinniger Peiniger hält sich dagegen für einen Schutzengel und bedroht bald ihre Familie. Unvorhersehbar und kleine Cliffhanger am Kapitelende. Der Psychothriller «Der Nachbar» ist ein einziger Fiebertraum aus Psychospielchen mit ein Vielzahl von Twist und morbide Fantasien.

„Wenn du das sehen würdest, was ich hier gerade gesehen habe, würdest du an deinem Verstand zweifeln.“

Ich habe mich von all den begeisterten Stimmen anstecken lassen, die das Buch nicht aus der Hand legen konnten. Aber mir war das einfach zu temporeich, zu abgedreht krank und zu (unnötig) brutal.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Kurzweilige Märchenadaption mit ungewöhnlicher Heldin

Dornenhecke
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«Dornenhecke - Nicht alle Flüche sollten gebrochen werden» ist eine Dornröschen-Nacherzählung der anderen Art. Die Heldin ist eine ungeschickte und aufopfernde Fee mit wenig Magie, die sich in eine Kröte ...

«Dornenhecke - Nicht alle Flüche sollten gebrochen werden» ist eine Dornröschen-Nacherzählung der anderen Art. Die Heldin ist eine ungeschickte und aufopfernde Fee mit wenig Magie, die sich in eine Kröte verwandeln kann, während die Prinzessin Tiere quält und tötet. Das grausame Kind, das die Fee Krötling seit über zweihundert Jahren pflichtbewusst bewacht, während es in einem Turm, umringt von einer Dornenhecke, schlummert. Abends am Feuer erzählt sie dem Ritter Halim ihre Geschichte und man erfährt, wie sie auswuchs und durch welchen fatalen Fehler sie nun büßen muss. Halim ist jedoch nicht abgeschreckt und entschlossen, die Dornenhecke zu durchdringen, um zu der vermeintlichen Prinzessin zu gelangen, von der er in alten Büchern gelesen hat.

T. Kingfisher schätze ich für ihren mit Humor versehenen Schreibstil und ihre düsteren Geschichten abseits vom Mainstream. Diese märchenhafte Novelle entstand durch weitere Einfälle zu der Dornröschen-Thematik. Krötling ist eine wunderbare Heldin und besonders ihre Rückblicke waren interessant und werfen eine andere Sichtweise auf bekannte Märchenstrukturen. Die Nebenfiguren hätte ich mir ausgefeilter gewünscht, aber insgesamt war es eine nette, kurzweilige Märchenadaption.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Glückselige Welt?

All Better Now
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In «All Better Now» erzählt von einer Pandemie, die Menschen nachhaltig verändert. Sieben Prozent der Bevölkerung sind infiziert. Man steckt sich mit dem Virus (Crown Royale) an, wird krank. Dann folgt ...

In «All Better Now» erzählt von einer Pandemie, die Menschen nachhaltig verändert. Sieben Prozent der Bevölkerung sind infiziert. Man steckt sich mit dem Virus (Crown Royale) an, wird krank. Dann folgt ein Augenblick der Klarheit und man stirbt oder lebt weiter. Genesen gehören Gefühle wie Wut, Angst, Scham oder Hass der Vergangenheit an. Es bleibt nur Zufriedenheit, Empathie, Freundlichkeit, Ausgeglichenheit, der volle Genuss und das überwältigende Bedürfnis anderen zu helfen. Damit bedroht der Virus die kapitalistische und sozialistische Wirtschaft. Genesene konsumieren weniger, weil sie die Glücksgefühle nicht mehr brauchen. Das Leben der Gesellschaft ändert sich komplett. Bald herrscht ein Kampf zwischen Genesenen und ihren Gegnern. Das wirft noch andere spannende Fragen auf. Inwieweit wird die Persönlichkeit verändert? Kann man Instinkten mit Willenskraft begegnen? Können Infektionen etwas Gutes bewirken, obwohl ihr historischer Ruf etwas anderes sagt? Kann man der Selbstlosigkeit widerstehen?

Neal Shusterman greift grundlegend drei Szenarien auf: eine Person, die immun gegen das Virus ist, ein Genesener, der hoch ansteckend bleibt und jemand, der nicht infiziert wurde und alles daran setzt, den Virus auszumerzen. Verschiedene Situationen im Laufe der Handlung verdeutlichen, was Crown Royale mit den Menschen macht und regen zum Nachdenken an. Braucht es doch die Schattenseiten des Lebens, um zu bestehen? Ist der Gedanke von uneingeschränkter Selbstaufopferung tröstlich oder erschreckend? Dabei stehen im Vordergrund: Mariel, die ihr Mutter an den Virus verlor, Rón, der sich freiwillig angesteckt hat und Morgan, die durch ihre zweifelhafte Moral ein Imperium übernommen hat. Morgan fand ich besonders interessant. Wenn sie auf Glynis Havilland, einst einflussreich und vermögend, trifft, dann wird der Kontrast besonders deutlich. War Glynis doch einmal wie sie, bevor das Virus ihre Persönlichkeit veränderte. Ihr hat Morgan alles zu verdanken. Eine skurrile Ausgangslage, die das meiste Potential besitzt.

Mit kurzen und prägnanten Sätzen zeichnet Neal Shusterman eine Zukunftsversion, wie ich sie noch nicht kannte. Durch wechselnde Perspektiven bleibt es abwechslungsreich und eine unterschwellige Spannung sorgt dafür, dass man dranbleibt, um zu erfahren, wie es weitergeht. Auch mitten im Kapitel gibt es Wechsel, wodurch eine filmische Erzählweise entsteht. Zwischendurch wurde es mir dennoch zu langatmig, aber das fesselnde Ende hat sich gelohnt und die Schlussszene verspricht eine spannende Fortsetzung.

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Veröffentlicht am 15.10.2025

Spannende Action

Dread Wood. Tödliches Nachsitzen
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Der draufgängerische Gus, die Streberin Naira, die aktivistische Hallie und den einzelgängerische Ich-Erzähler Angelo sind der ‹Loser-Club›, dazu verdonnert an einem Samstag vier Stunden nachzusitzen. ...

Der draufgängerische Gus, die Streberin Naira, die aktivistische Hallie und den einzelgängerische Ich-Erzähler Angelo sind der ‹Loser-Club›, dazu verdonnert an einem Samstag vier Stunden nachzusitzen. Was die Kinder für diese Bestrafung angestellt haben, wird später aufgeklärt, aber ihr Betreuer Mr Canton hat vor, die Gruppe wieder zurück auf Kurs zu bringen. Dann passieren beunruhigende Dinge und als Mr Canton vor ihren Augen verschwindet, sind die Kinder auf sich allein gestellt. Wie man auf dem Cover sieht, kommen Spinnen vor. Es ist also kein Spoiler, wenn ich allen, die wirklich Angst vor Spinnen haben, von dem Buch abrate. Mir hat jedoch dieser Satz gut gefallen: »Ich weiß, du hast Angst vor ihnen, aber Spinnen sind genial. Sie helfen der Umwelt und jagen nur, um zu essen. Sie starten keine Rachefeldzüge und sind auch keine kaltblütigen Killer.« Sie sind harmlos, sorgen aber in dieser Story für Nervenkitzel und actionreiche Spannung. Alles mit einem großen Grusel- und Spaßfaktor, aber auch mit einem ernsten Kern, dem Aufgreifen aktueller Themen und einer gelungenen Charakterentwicklung. Jeder der Vier hat seine Geheimnisse, Sorgen und Probleme. Angelo ist überzeugt, er braucht keine Freunde, „weil sie das Leben nur komplizierter machen.“ Der Umgang mit Tieren fällt ihm viel leichter als mit Menschen. Doch die Ereignisse zeigen ihm neue Wege auf und er wächst über sich hinaus, genauso wie die anderen. Sie müssen sich mit ihren Taten auseinandersetzten und deswegen hat mir auch das Ende gut gefallen. Die Dreamwood High setzt sich unter anderem aus einem alten Herrenhaus, einem Wintergarten und Ziergärten zusammen, und bietet eine Behausung für Schweine, Hühner und weitere Tiere. Mitten in einem Gruselwald gelegen ist es die ideale Kulisse für das schaurige Szenario, dass die Kinder erwartet. Jennifer Killick ist damit ein spannender Gruselroman für Kinder ab 12 Jahren gelungen, indem Außenseiter zusammenarbeiten, um zu überleben.