Herausfordernde Dystopie
Die Spur der VertrautenWas passiert, wenn das «Wir» über allem steht? «Die Spur der Vertrauten» ist eine komplexe Dystopie in zwei Teilen, die eine emotionslose Welt ohne Individualität präsentiert. Ist der Instinkt stärker, ...
Was passiert, wenn das «Wir» über allem steht? «Die Spur der Vertrauten» ist eine komplexe Dystopie in zwei Teilen, die eine emotionslose Welt ohne Individualität präsentiert. Ist der Instinkt stärker, als der eigene Wille? Ist es dann Zwang, wenn man nur zum Wohle aller handeln kann?
Der Roman startet mysteriös. Ich war von der Idee des Allgemeinwohls und der Vielzahl der Instinkte fasziniert, aber mir lief es auch manchmal kalt den Rücken runter. Zufriedenheit und Mitgefühl gibt es nicht. Das Ausmaß der Selbstaufgabe und des totalitären «Wir»-Gefühls wirft ein ganz anderes Licht auf die beschriebene Wirklichkeit und ich brauchte etwas, um mich auf diese Heftigkeit einzustellen. Die neue Betrachtung von Kollektiv und Individuum wirft moralische Fragen auf und es kommen einige Unklarheiten auf, auf deren Lösung ich gespannt war. Vieles ist verstrickt und noch unklar, was zum spekulieren einlädt. Armut und Gewalt gibt es nach wie vor. Auch Verbrechen geschehen und das Konfliktpotential scheint hoch. Weshalb Claire, die angehende Absolventin der Schule der Vertrauten, wegen einem verschwundenem Schüler ermittelt.
Es ist manchmal anstrengend gewesen, der Handlung zu folgen und alle Verstrickungen zu durchhauen, aber auch faszinierend. Die Geschichte ist komplex, es kommen immer wieder neue Handlungsstränge und auch Charaktere dazu, die meine Lesegewohnheiten herausgefordert haben. Zudem ist die Welt überraschend düster, weshalb ich es nicht unbedingt als Jugendbuch eingeordnet hätte. Heftige Szenen, geprägt von Gewalt, Zwang und Psychospielchen festigen diesen Eindruck. Christelle Dabos setzt auf Atmosphäre, was ihr gut gelungen ist, und hebt zwei Charaktere hervor, die sich deutlich von der Masse unterscheiden. Passend zur Welt agieren die Charaktere sehr emotionslos, was es mir schwer gemacht hat, mit ihnen warm zu werden.
Ich hätte mir gewünscht, dass die gesellschaftlichen, moralischen und auch ethischen Aspekte, die hier aufgegriffen werden, vertieft worden wären. Es gibt einige Längen und ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich mich an den Schreibstil gewöhnt hatte. Insgesamt war es unterhaltsam, wenn auch nicht leicht zu lesen und zu verstehen. Ich konnte nicht alle Entscheidungen der Protagonisten nachvollziehen und finde die dystopische Welt nicht nur beklemmend, sondern immer noch undurchsichtig. Der zweite Teil des Buches ist spannender geschrieben und zieht merklich das Tempo an. Hier war ich zeitweise wirklich gefesselt. Das Ende fand ich ehrlicherweise unbefriedigend.
Fazit: Lesenswert, allerdings keine leichte Lektüre für Zwischendurch.
Besonders für Erwachsene, die keine Jugendliteratur lesen, wäre «Die Spur der Vertrauten» einen Blick wert, wenn sie Dystopien mögen, die mit neuen Ideen spielen und Komplexität, Denkanstöße und einen ungewöhnlichen Schreibstil bieten.