Sehr besonders
Ich, die ich Männer nicht kannteIch, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman ist ein einzigartiges Buch, das sich keiner Kategorie so wirklich unterordnen will. Im Kern wohl am nächsten dran an einer dystopischen Erzählung, ...
Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman ist ein einzigartiges Buch, das sich keiner Kategorie so wirklich unterordnen will. Im Kern wohl am nächsten dran an einer dystopischen Erzählung, versetzt einen der Roman in eine befremdliche neue Realität und zwingt einen dazu sich mit Überleben, Freiheit und der ganz essenziellen Frage auseinanderzusetzen, was es überhaupt bedeutet Mensch zu sein. Man begegnet der namenlosen Erzählerin in einem Keller, in dem sie eingesperrt mit 39 anderen Frauen lebt, ein jeder Aspekt ihres Lebens von einer unbekannten Entität bestimmt. Es ist die einzige Realität, die sie je kannte. Bis sich eines Tages eine Tür öffnet und die Frauen in eine Welt entlässt, die nur Fragen, niemals Antworten für sie bereithält.
Der Schreibstil ist schlicht und gerade zu Anfang war ich überrascht, wie sachlich er sich anfühlt. Es war fast, als bestünde eine greifbare Distanz zwischen mir und der Erzählerin, ein Befremden angesichts ihrer ungewöhnlichen Stimme. Bis man etwas mehr darüber erfährt, welche Umstände sie geformt haben. Erst dann begreift man, wie einzigartig ihre Erzählstimme eigentlich ist. Was bleibt? Was macht einen aus, wenn sich sämtliche Erfahrungen des Lebens in einem abgegrenzten, künstlichen Raum mit den immer selben Leuten beschränken? Wenn man nie erlebt hat, wie sich die Sonne auf der Haut anfühlt oder das Gras unter den Füßen. Weshalb Wörter lernen wie Vogel oder Flugzeug, wenn man beides nie gesehen hat und niemals sehen wird. Unsere Erzählerin, die so beraubt von Einflüssen und Erfahrungen ist, die wir in unserem Alltag meist für selbstverständlich halten, bringt all das und mehr in ihrer Stimme zusammen. Es fällt schwer in Worte zu fassen, wie sich das beim Lesen angefühlt hat. Noch schwerer es in so banale Kategorien wie gut oder schlecht einzuteilen. Es war einfach anders. Einzigartig. Ich habe mich beim Lesen an McCarthys The Road und Emily St. John Mandels Station Eleven erinnert gefühlt, wobei Einsamkeit und Ungewissheit hier irgendwie ungleich viel schlimmer und drückender ausgearbeitet sind.
Über den Inhalt an sich will ich nicht viel sagen. Ich finde je weniger man weiß was einen erwartet, desto besser. Was ich aber ansprechen will ist mit welcher Erwartungshaltung man an dieses Buch rangehen sollte. Es ist definitiv kein comfort-read, kein gemütlich-zum-einkuscheln-und-mal-zwischendurch-lesen Buch. Wer in Büchern einen runden Abschluss, ein großes Finale oder happy-end sucht und alle offenen Fragen beantwortet haben will, wird hier nicht fündig. Und auch wenn man es bei dem Titel vielleicht vermuten könnte, findet in dem Roman keine tiefgreifende Auseinandersetzung damit statt, warum eine Welt ohne Männer besser oder schlechter wäre. Es ist schlicht ein weiterer Umstand im Leben der Protagonistin. Das Patriachat oder starre Geschlechterrollen lernt sie nicht kennen, weil sie Männer nicht kennt. Da darf der Titel gerne wörtlich verstanden werden. Das alles soll aber keineswegs abschrecken, denn lässt man sich drauf ein, kann Ich, die ich Männer nicht kannte eine unglaublich tolle Leseerfahrung werden. Es ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt, unaufgeregt ist und dennoch intensiv und über den man noch lange nachdem man die letzte Seite hinter sich gelassen hat nachdenken wird.