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Veröffentlicht am 03.06.2020

Nicht wie erwartet, aber trotzdem gut gelungen!

Die Schule am Meer
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Als sich die braune Zukunft Deutschlands erst zaghaft andeutet, gründen einige Pädagogen auf der kleinen Insel Juist eine Reformschule bzw. eher ein Internat. Diese Schule ist so modern, dass sie problemlos ...

Als sich die braune Zukunft Deutschlands erst zaghaft andeutet, gründen einige Pädagogen auf der kleinen Insel Juist eine Reformschule bzw. eher ein Internat. Diese Schule ist so modern, dass sie problemlos in der heutigen Zeit gegründet sein könnte. Sie baut auf einem gleichberechtigten Miteinander auf - praktisches Lernen im Einklang mit der Natur. Die Lehrkräfte werden geduzt und Religion und Abstammung spielen keinerlei Rolle.
Was so schön gedacht war scheiterte letztendlich an den Menschen um sie herum mit ihrem Misstrauen gegenüber solch sozialistisch anmutenden Zuständen und am zunehmenden Antisemitismus, der aus diesem Internat einen angeblichen "Hort für Juden und Kommunisten" machte.

Erwartet hatte ich ursprünglich einen Roman über die schwierige Zeit in der Weimarer Republik mit Aussicht auf den drohenden Nationalsozialismus und den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Statt dessen fand ich einen durchaus fesselnden Roman mit Episoden rund um Entstehung und 9jähriges Bestehen dieser Inselschule. Episoden sowohl um die Gründer der Schule als auch um einzelne Schüler und Lehrkräfte.
Vieles davon ist tatsächlich so oder zumindest ähnlich passiert. Es entstammt vieles dem "Logbuch" der Schule, das einer der Gründer, Martin Luserke, täglich führte. Vieles wurde spannungsgerecht "aufgearbeitet" oder sogar dazu gedichtet, was ich im Sinne eines Romans keinesfalls verwerflich finde. Schließlich ist ein Roman immer noch ein Roman und kein historisches Sachbuch. Und dem Roman hat es absolut gut getan!
Die Episoden reihen sich aneinander zu einer neun Jahre währenden Geschichte mit größtenteils realen Menschen, die dem Lesenden auf den Einband-Innenseiten mit echten Fotos jener Menschen näher gebracht werden. Es wäre ein großes Unrecht, ihre Geschichte vergessen zu lassen!

Mein Fazit: Keine Geschichte übers 3. Reich aber ein sehr gelungener Roman gegen das Vergessen einer großartigen Schule und seiner Menschen am Rande der Weimarer Republik

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.05.2020

Leider nicht ganz wie erwartet

Die verlorene Tochter der Sternbergs
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Amanda Sternberg lebt mit ihrer jüdischen Familie in Berlin, als die Nazis die Herrschaft an sich reißen. Als ihr Mann 1939 verhaftet wird und ins KZ kommt, wo er stirbt, bekommt sie über Dritte mitgeteilt, ...

Amanda Sternberg lebt mit ihrer jüdischen Familie in Berlin, als die Nazis die Herrschaft an sich reißen. Als ihr Mann 1939 verhaftet wird und ins KZ kommt, wo er stirbt, bekommt sie über Dritte mitgeteilt, dass ihr Mann bereits Vorkehrungen für die Rettung seiner beiden Töchter getroffen hatte. Sie sollen per Dampfer nach Kuba zu ihrem Onkel reisen. Als es an die Abreise geht kann sich Amanda jedoch - aus welchen Gründen auch immer - nicht von ihrer jüngsten Tochter Lina trennen und gibt ihre älteste Tochter Viera alleine in die Obhut wildfremder Mitreisender. Sie selbst begibt sich mit Lina nach Frankreich in ein Dorf, in dem sie eine Bekannte hat.
So weit so gut und daraus hätte echt was werden können. Leider versucht der Autor jedoch aus dieser Rahmenhandlung ein umfangreiches Zeitbild zu gestalten, in dem aber auch alles bedient wird, was in den Wirren des Krieges alles so geschah.
SPOILER!
Das Schiff St. Louis schippert mit Viera los und niemand erfährt, was mit ihr ab da geschah. Die Geschichte der St. Louis ist stadtbekannt und beschäftigte den Autor bereits in seinem ersten Buch. Auch die Geschichte des Dorfes Oradour-sur-Glane ist durchaus bekannt. Und auch dass es in jedem Krieg Verräter in den eigenen Reihen gibt und auch Liebchen, die mit dem Feind anbandeln, um selbst (besser) überleben zu können. Auch das Kloster gab es, dass die überlebenden Kinder aufnahm und zu vermitteln versuchte. Aber muss ich das alles in einem einzigen, nicht mal ausschweifenden Roman unterbringen?
Das tut der Handlung leider nicht gut, denn es erstehen wahllos Protagonisten auf und lösen sich kurz darauf auch wieder in Luft auf. Sie dienen offenbar nur dem einen Zweck darzustellen, dass die arme Lina einen Verlust nach dem anderen hinnehmen muss. Sogar ihren Namen verliert sie - nicht nur den Nach- sondern auch den Vornamen. Der Titel des Buches ist hier Programm, wenngleich nicht die Tochter verloren ging, sondern sie selbst alles verlor.
Die eigentlich verlorene Tochter war m. E. Viera, der zahlreiche Briefe gesandt wurden, die immer als unzustellbar zurück kamen. Leider erfährt der Leser aber mit keiner Silbe, warum sie zurück kamen.

Insgesamt war das Buch gut zu lesen und auch spannend und unterhaltsam (sofern man das bei diesem Thema sagen darf). Leider hat es meine durch das Thema gesteckten Erwartungen nicht erfüllt, denn es erweckt den Anschein, als hätte die grobe Handlung festgestanden und der Rest wurde vom Autor mit heißer Nadel dazu gestrickt und verläuft letztlich im Nirwana. Eigentlich schade!

Fazit: Obwohl der Schreibstil sehr ansprechend und gefällig ist, war das Buch für mich enttäuschend! Viel gewollt und wenig gekonnt.

  • Cover
  • Thema
  • Geschichte
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 23.02.2020

Nicht schlecht!

Cold Case - Das verschwundene Mädchen
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Inhalt:
Tess Hjalmarsson arbeitet bei der schwedischen Polizei als Leiterin der Abteilung für ungeklärte Verbrechen (Cold Case). Bei dem aktuellen Fall eines Serienvergewaltigers/Mörders ergibt sich ein ...

Inhalt:
Tess Hjalmarsson arbeitet bei der schwedischen Polizei als Leiterin der Abteilung für ungeklärte Verbrechen (Cold Case). Bei dem aktuellen Fall eines Serienvergewaltigers/Mörders ergibt sich ein Zusammenhang mit einem seit 19 Jahren verschwundenen Mädchen. Im Zuge der Ermittlungen kommen Tess und ihre Kollegen unter anderem dem Vergewaltiger auf die Spur und auch das Dunkel um die verschwundene Annika lichtet sich langsam.

Schreibstil:
Der Einstieg ist spannend und es kommt glaubhaft rüber wie oft gute Polizeiarbeit aus Kleinarbeit und Faktencheck besteht. Wie das in skandinavischen Krimis häufig vorkommt, spielen auch hier die persönlichen Rahmenbedingungen der Akteure eine Rolle.
Die Personen sind glaubhaft entwickelt, wenngleich die privaten Sorgen nicht in den Vordergrund treten, sondern höchstens die Glaubwürdigkeit der beteiligten Personen erhöhen. Tess ist sehr um die hinterbliebenen Angehörigen in ihren Fällen bemüht, um ihnen endlich Gewissheit geben zu können.

Fazit:
Ein guter, klassischer Schwedenkrimi, der authentisch ist und überzeugt. Er weckt durchaus Interesse an den weiteren Fällen, hebt sich aber nicht so sehr deutlich von dem ab, was man als Lesender dieses Genres bereits kennt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2020

Die letzte Tour...

Weit weg ist anders
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Edith und Christel, beide um die 70, lernen sich während einer Reha-Maßnahme am Meer kennen. Erst hat es den Anschein, als wären die rustikale Berlinerin Edith und die empfindsame norddeutsche Kleinstädterin ...

Edith und Christel, beide um die 70, lernen sich während einer Reha-Maßnahme am Meer kennen. Erst hat es den Anschein, als wären die rustikale Berlinerin Edith und die empfindsame norddeutsche Kleinstädterin Christel in gar keinem Fall zu irgendeinem Zusammenspiel zu bekommen. Die erste Begegnung verläuft jedenfalls alles andere als glücklich. Die harmonieliebende Christel lässt jedoch nicht locker und nach ein paar Tagen kommen die Beiden doch recht gut mit- bzw. nebeneinander aus. Einige Zeit nach der Reha macht Christel Edith ein Angebot, dass diese wider erwarten annimmt: Sie lädt sie ein auf ihre Kosten nach Husum zu kommen, um sie zu besuchen. Noch ahnt Edith nicht, was aus diesem kurzen Besuch werden soll...

Zunächst möchte ich einwerfen, dass der Text und die Aufmachung des Bucheinbandes etwas irreführend ist. Es wird der Eindruck eines Roadtrips per Bus erweckt, was absolut nicht zutrifft. Das angebliche "Abenteuer", das sie quer durch Deutschland führen soll, führt genau genommen in eine einzige Stadt - allenfalls in 2 Städte, wenn man die Fahrt zu Edith nach Berlin mitrechnet, weil Christel dort noch niemals war. Die Fahrt findet auch nicht per Bus statt, sondern per Bahn bzw. Auto. Der Begriff "Abenteuer" weckt auch gewisse Assoziationen beim Lesenden. Davon ist jedoch die Story ziemlich weit entfernt. Aber natürlich ist für 70jährige ein Abenteuer auch etwas anderes als für einen deutlich jüngeren Menschen.
Eigentlich geht es in dem Buch ohnehin nicht um irgendein Abenteuer, sondern eher um die Frage, wie viel Eigenständigkeit und Entscheidung man älteren oder kranken Menschen noch zubilligen kann, darf oder sollte. Darf nicht jeder Mensch eigentlich selbst entscheiden, wo und ggf. auch wie sein Leben enden soll?
Und es geht um die Frage, wie viel Harmonie bzw. Auseinandersetzung im menschlichen Miteinander wirklich nötig sind. Die eine Protagonistin steht recht stabil in den 4 Wänden ihrer Mietwohnung, wenn man von ihrem Sturz absieht, der ihr neue Hüften einbrachte. Sie hat nicht viel Geld, ist am liebsten alleine und kümmert sich eigentlich auch nicht um irgendwelche anderen Leute. Die Verletzlichkeit durch den Unfall macht ihr jedoch bewusst, dass sie ziemlich alleine dasteht - und sei es noch so stabil und unabhängig.
Die andere hingegen ist mehr als verunsichert. Sie ist todkrank, will aber partout nicht aus ihrem viel zu großen Häuschen ausziehen und fühlt sich überrumpelt von ihrer Tochter und dem Exmann. Da sie Auseinandersetzungen und klare Worte scheut geht sie den für sie einzigen Weg, den sie sieht: Sie flieht, um die unvermeidliche Auseinandersetzung mit ihrer Tochter aufzuschieben. Sie fühlt sich verplant und wie entmündigt.
Die beiden Charaktere sind hervorragend heraus gearbeitet. So gut, dass ich Edith von Grund auf unsympathisch empfunden habe. Die gern als typisch deklarierte Berliner Schnauze, die es einfach nicht schafft, Fremden gegenüber höflich und freundlich zu begegnen. Die Patzigkeit mit fehlender Anbiederung gleichsetzt.
Die Story an sich ist abenteuerarm, was mich jedoch nicht sonderlich störte. Das Buch liest sich hervorragend und wenn man keinen Abenteuer-Roman erwartet, sondern eher ein Buch mit etwas Tiefgang, dann wird man hier nicht enttäuscht. Eine Thematik, die irgendwann auf jeden von uns zukommt. Sei es bei den Eltern oder bei einem selbst. Wir werden ja schließlich alle nicht jünger...

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.01.2020

Geschichte zum anfassen

Der Attentäter
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Am 28.06.1914 beenden zwei Schüsse die Leben des Thronfolgers von Österreich-Ungarn, Franz Ferdinand, sowie dessen Frau, der Herzogin Sophie Chotek. Das Buch behandelt die letzte Woche vor diesem allseits ...

Am 28.06.1914 beenden zwei Schüsse die Leben des Thronfolgers von Österreich-Ungarn, Franz Ferdinand, sowie dessen Frau, der Herzogin Sophie Chotek. Das Buch behandelt die letzte Woche vor diesem allseits bekannten Attentat in Sarajevo, das lange Zeit als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt, was inzwischen jedoch bezweifelt werden darf. Vermutlich war es nur der Funke, der den Kriegsausbruch beschleunigte.

Aufgebaut im Stil eines Tagebuches folgt der Leser den unterschiedlichen Stationen der Geschichte. Eingeleitet wird jeder neue Tag mit originalen Zeitungsberichten aus der Zeit. Die blutjungen Attentäter um Gavrilo Princip, die perspektivlos sind und mit ihrem steten Gefühl der Unterdrückung der Serben durch die machthabenden Österreicher ideale Voraussetzungen für Radikalisierung bieten, sind von der Richtigkeit ihres Tuns absolut überzeugt. Sie wollen Serbien befreien, Volkshelden werden und unsterblich. Allesamt vom Schicksal gebeutelt und vom Umfeld belächelt und ungeliebt sehen sie ihre große Chance, allen zu zeigen, was für tolle Hechte sie tatsächlich sind. Ihren Tod nehmen sie dabei in Kauf, da sie ohnehin krank sind und nicht mehr lange zu leben haben.

Franz Ferdinand - durch seine robuste und unbeherrschte Art nicht eben beliebt beim Volk und bei Hofe - der völlig unzeitgemäß eine Liebesheirat mit Sophie Chotek einging und diese zur geplanten Reise zum Abschluss des Militärmanövers in Bosnien mitnimmt. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ihn überhaupt begleiten darf, da sie als nicht standesgemäße Gattin lediglich eine morganatische Ehe schließen durften. Dieser Aspekt der gegenseitigen Liebe, auch für ihre drei gemeinsamen Kinder, wird sehr schön beleuchtet. Franz Ferdinand bekommt so ein deutlich sympathischeres Antlitz als die meisten Geschichtsschreiber ihm haben zukommen lassen.

Dann gibt es noch die fiktive Figur Markovic - ein Major des Geheimdienstes, der damit beauftragt wird, unter Serben kursierende Gerüchte von einem evtl. Anschlag zu erhellen und vor allem eben jene Anschläge zu verhindern. Wir alle wissen, dass ihm das leider nicht gelingen wird.

Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen! Eine gelungene Mischung aus Historie und Fiktion. Der stetige Wechsel der Perspektiven, der gegen Ende in gefühlt immer kürzeren Abständen erfolgt, macht es dem Leser leicht, den einzelnen Protagonisten zu folgen und annäherungsweise zu verstehen. Was einem bei den Attentätern noch recht gut gelingt stellt zumindest mich in Bezug auf die Verantwortlichen für die Sicherheit des Thronfolgerpaares vor größere Probleme. Denn trotz aller sich verdichtenden Hinweise besteht vor allem Feldzeugmeister Potiorek auf einem Besuch in Sarajevo vor reichlich jubelndem Volk - völlig die Gefahr verkennend, die sich aus einer solchen Fahrt ergibt; im offenen Fahrzeug, ohne Militär- und mit nur unzureichendem Polizeischutz.

Mit gewissen historischen Anpassungen zur Steigerung der Spannung kann ich absolut leben, zumal wenn sie nicht wirklich entscheidend für den Ausgang der Geschichte sind. So wurde die Anreise der Attentäter aus dramaturgischen Gründen in eben diese sieben Tage des Romans verlegt. Insgesamt wurden selbstverständlich die sehr gut recherchierten Fakten verwendet. Durch die Romanform bieten sich wesentlich mehr Möglichkeiten, dem Leser Geschichte näher zu bringen. Und das ist gelungen, denn spannend ist das Buch definitiv bis zum Schluss. Die Auflockerung der Story durch eine kleine Romanze des Major Markovic passt gut ins Geschehen und bietet am Ende zumindest ein ganz klein wenig Happy-End-Feeling.

Fazit: Ich habe viel gelernt! .....und es hat richtig Spaß gemacht

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  • Erzählstil
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