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Veröffentlicht am 23.07.2021

Auf der Suche nach einer alten Freundin in Südafrika

Mabena
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Die Protagonistin kehrt, nachdem sie sich von ihrem Ehemann getrennt hat, zurück nach Johannesburg und will dort ihre frühere Freundin Gerda ausfindig machen, mit der sie während ihres ersten Aufenthalts ...


Die Protagonistin kehrt, nachdem sie sich von ihrem Ehemann getrennt hat, zurück nach Johannesburg und will dort ihre frühere Freundin Gerda ausfindig machen, mit der sie während ihres ersten Aufenthalts in Südafrika viel Zeit verbracht hat. Eine Suche beginnt. Nicht nur nach Gerda, sondern auch eine Suche nach dem eigenen Selbst, eine Aufarbeitung der Vergangenheit und der Versuch, mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Unscheinbar, zurückhaltend, anspruchslos. Das sind drei Worte, die meinen ersten Eindruck von der Hauptfigur zusammenfassen. Gleichzeitig ist sie warm, liebenswürdig und weiß selber nicht wirklich, wer sie ist. Als Leser*in begleitet man sie also auch auf ihrem Weg zu sich selbst, einer Seite, die sie während ihrer langjährigen Beziehung unterdrückt hat. Sie öffnet sich nur selten Menschen, es fällt ihr relativ schwer, über sich und ihre Ziele zu sprechen. Auch wenn man eine Entwicklung im Verlauf der Geschichte erkennt und sie ihr Selbstbewusstsein und sich selbst immer mehr wiederfindet, hatte ich dennoch das Gefühl, dass ihre wirkliche Seite, die unter der Oberfläche brodeln würde, bis zum Schluss nicht herausgearbeitet wird. Das finde ich sehr bedauerlich.
Von Gerda hört man nur aus außenstehenden Perspektiven. Sie wird als schüchtern und freundlich, aber auch verschlossen und arrogant beschrieben. Ich würde sie als starke Frau einschätzen, die sich für das Gute einsetzen und etwas bewirken will.
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir zu Beginn schwer, da ich selber erstmal realisieren musste, bei wem es sich um welche Person handelt, und was überhaupt geschehen ist, doch nachdem ich einen Anknüpfungspunkt gefunden hatte und meine Unklarheiten sich aufklärten, bin ich gut durch die Geschichte gekommen. Der Schreibstil ist im einen Moment sehr simpel und im nächsten wieder hochgestochen, entspricht also nicht überall meinem eigenen Sprachgebrauch, was an manchen Stellen etwas irritierend war. Durch Rückblicke in die Vergangenheit der Protagonistin und der Nebencharaktere lernt man diese besser kennen und begreift die Beweggründe vieler Handlungen leichter, was ich sehr schön fand, da die Autorin auch Rückblicke für Menschen gewählt hat, die der Hauptfigur nur kurz begegnet sind, man dadurch aber den Eindruck gewonnen hat, dass auch das Leben dieser Nebencharaktere eine Bedeutung hat. Der Schreibstil von Alma Ramsden ist sehr auf Beschreibungen verlagert, was mir bei Beschreibungen der Umgebung oder einer Situation auch sehr gefallen hat, bei Dialogen mich aber leider etwas stört, da ich oft gerne mehr über den Inhalt der Gespräche als die Art und Weise erfahren hätte.
Durch Fußnoten hat die Autorin es mir sehr erleichtert, Einblicke in Megacity Johannesburg zu gewinnen, da viele Bezeichnungen für Orte mir unbekannt waren, diese in einer Fußnote am Ende des Buches aber erläutert werden. Auch die Rückblenden fand ich, wie schon erwähnt, ansprechend und passend. Alma Ramsden zeigt in ihrem Roman positive wie negative Seiten von Johannesburg auf, ohne zu romantisieren oder in rassistische Stereotype zu verfallen, und spricht viele Themen an, die das Land und die Menschen bewegen, wie Gewalt, Kinderhandel, Korruption, aber auch Glaube, Hilfsbereitschaft und Freundschaft. Zwar ist die Perspektive auf Südafrika immer die Perspektive einer weißen Frau, doch die Protagonistin ist sich dieser Fakten selber bewusst und reflektiert auch selber über ihre eigenen Gedanken und Worte sowie die jeweilige Situation. Das empfand ich als sehr positiv.
Der Kernpunkt der Handlung ist die Suche nach Gerda, weshalb ich gerne mehr über die Freundschaft der beiden Frauen erfahren hätte, was mir einfach zu kurz kam. Man liest zwar davon, dass die beiden sich gut verstanden und wichtig für einander waren, aber mir blieb bis zuletzt unklar warum. Hier hätte ich mir noch mehr Tiefe gewünscht. Ferner zog sich die Geschichte an manchen Stellen etwas, da die Suche kaum voranging und auch Nebenhandlungen kaum existent waren.

Alles in allem hat Alma Ramsden eine bewegende Geschichte geliefert, in der sie viele wichtige und interessante Themen anspricht und Einblicke bietet in das Leben der Stadt Johannesburg, auch wenn dies in erster Linie aus der Perspektive einer weißen Frau geschieht. Es ist also ein Buch mit einem spannenden Ansatz, jedoch auch einigen Schwächen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.05.2021

Jane Ehre im 21. Jahrhundert

Beyond the Sea
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„Er war der erste der ich erkannte und liebte was er sah“ – Charlotte Bronte, Jane Eyre

„Beyond the sea“ ist eine Jane Eyre-Adaption von L.H. Cosway, in der neben der Liebesgeschichte Elemente wie Religion ...

„Er war der erste der ich erkannte und liebte was er sah“ – Charlotte Bronte, Jane Eyre

„Beyond the sea“ ist eine Jane Eyre-Adaption von L.H. Cosway, in der neben der Liebesgeschichte Elemente wie Religion und Übernatürliches eine Rolle spielen.
Seit dem Tod ihres Vaters lebt die achtzehnjährige Estella zusammen mit ihrer Stiefmutter Vee, von der sie wie Dreck behandelt wird. Estella will nur eines und das ist: weg, sobald sie ihren Schulabschluss in der Tasche hat. Doch dann taucht Vees Bruder Noah auf und wirft damit alles gewissermaßen über den Haufen. Denn er ist anders als die Jungs, mit denen Estella bis jetzt zu tun hatte, auch wenn das bislang nur sehr wenige waren, da sie eine Mädchenschule besucht. Die beiden lernen sich immer mehr kennen, doch Vee ist nicht die einzige, die der Beziehung im Wege steht, denn auch die Vergangenheit wirft ihre Schatten auf die beiden.
Estella ist ein sehr vielschichtiger Hauptcharakter, der viele Parallelen zu Jane Eyre aufweist. Der Schulbesuch bringt sie selten in Kontakt mit dem anderen Geschlecht. Diese Kontaktarmut bleibt nicht folgenlos für ihr Verhalten gegenüber Männern. Teilweise wirkt Estella schwach, lässt sich herumkommandieren und gibt nach. Doch Noah bringt andere Seiten an ihr zum Vorschein, so dass sie bald auch nicht mehr davor zurückschreckt sich zu wehren, anderen ihre Meinung zu sagen und mutiger wird.
Noah entspricht auf den ersten Blick dem typischen Bad Boy Klischee im New Adult-Bereich. Er wirkt mysteriös, hat ein Geheimnis, raucht, fährt Motorrad und trinkt. Doch im Verlauf des Buches legt er sein hartes Äußeres ab und offenbart seine liebevolle, zärtliche, ja verletzbare Seite. Dennoch empfand ich sein Verhalten immer wieder als sehr unsympathisch und stark überzeichnet, z. B. seine Freude am Schmerz anderer Menschen oder seine Beleidigungen, auch wenn seine Vergangenheit manche Verhaltensweise als nachvollziehbar erscheinen lässt. Im nächsten Moment, in dem etwa religiöse Themen diskutiert werden, fand ich ihn dann wieder sehr sympathisch.
Meine Meinung über Stiefmutter Vee hat sich im Verlauf des Buches massiv gewandelt. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten: Alle, die genauer wissen wollen, was ich meine, müssen das Buch selbst lesen.
Der Schreibstil ist typisch für New Adult-Romane: sehr einfach und flüssig lesbar in einer Sprache, die es dem Leser leicht macht, sich die beschriebenen Situationen vorzustellen.
Der Autorin gelingt es, im ganzen Buch, bis zum Höhepunkt, die Spannung aufrecht zu erhalten, wobei sie durch die Offenbarung kleinerer Details und Informationen, die Spannung bei dem:der Leser:in noch mehr steigen lässt. Die Handlung ist fesselnd und hält so einige Überraschungen bereit. Die Zusammenhänge zu „Jane Eyre“ finde ich sehr gelungen, da die Parallelen immer noch deutlich zu erkennen sind, die Autorin aber dennoch durch die zeitgemäßen und neuen Aspekte ihre eigene Geschichte geschaffen hat. Auch die Exkurse zu den Themen Religion, Glaube und Übernatürliches verleihen dem Buch einen einzigartigen Anstrich und bereichern die Liebesgeschichte ungemein.
Teilweise ist die Handlung freilich etwas klischeehaft und wird an zwei Stellen übertrieben dramatisiert. Es hätte der Geschichte sicherlich gut getan, wenn die Autorin auf diese beiden Zuspitzungen verzichtet hätte.
Insgesamt hat mich das Buch aber überzeugt, weil übernatürliche und religiöse Elemente geschickt eingebaut werden, die Handlung sehr fesselnd ist und Parallelen zu Jane Eyre unaufdringlich, aber dennoch sehr deutlich gezogen werden. Ich kann das Buch also allen ans Herz legen, die gerne Adaptionen von Klassikern lesen und einmal etwas anderes, für den New Adult-Bereich untypisches lesen wollen.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Gefühl
Veröffentlicht am 30.05.2021

Ein Einblick hinter die Fassade des vermeintlich perfekten Socialmedia-Lebens

Come back stronger
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Schon 2018 hat sich die Bodybuilderin und Fitness-Influencerin Sophia Thies aus der Öffentlichkeit und den Social Media zurückgezogen. Vorausgegangen waren dem Rückzug Probleme mit ihrem Körper, ihrem ...

Schon 2018 hat sich die Bodybuilderin und Fitness-Influencerin Sophia Thies aus der Öffentlichkeit und den Social Media zurückgezogen. Vorausgegangen waren dem Rückzug Probleme mit ihrem Körper, ihrem Verhältnis zu Essen, in den Social Media aufgebauter Druck, Hass und Bewertungen, die auf ihr Gewicht und ihren Körper sowie ihre zahlreichen Diäten Bezug nahmen. In ihrem autobiographischen Buch „Come back stronger“ räumt sie mit Gerüchten über sich und ihre Situation auf, erzählt schonungslos ehrlich von ihren Ängsten, ihrer Essstörung, ihrer Körperwahrnehmung und vielem mehr und nimmt den:die Leser:in mit auf eine Reise durch die Höhen und Tiefen ihres Leben bis hin zu einem absoluten Tiefpunkt , an dem schließlich ihr Heilungsprozess beginnt, durch den sie endlich zu sich selbst finden sollte.
Wer das Buch lies, hört gewissermaßen Sophia selbst sprechen, da der Schreibstil den Sprachgebrauch aufnimmt, den man aus ihren Youtube Videos kennt. Er ist locker, immer sehr umgangssprachlich und bezieht auch Emojis mit ein, die dem gesamten Text eine große Authentizität verleihen. Leider wahrt der Text keine Einheitlichkeit im Umgang mit gegenderten Ausdrücken. Hier hätte ein:e Lektor:in stärker eingreifen müssen.
Die eigenen Erfahrungen mit den Themen Essstörung, Bodybuilding, Diäten, Erwartungsdruck, emotionales Essen und vieles mehr bleiben nicht einfach isoliert und unkommentiert stehen, sondern werden durch Expert:innen, Ärzt*innen und Therapeut:innen ergänzt, allerdings als Einschübe, die das Layout und den Lesefluss stören, weil sie den Satz unterbrechen, zum Blättern zwingen und dabei doch nur das jeweilige Thema oberflächlich berühren, ohne darüber hinaus Neues zu bieten. Ferner lassen Layout und Qualität des Buches zu wünschen übrig: Die Schrift ist wirklich winzig, und gerade in den Expert:innenabschnitten war das Lesen der Texte wirklich sehr anstrengenden, außerdem ist die Qualität des Umschlages nicht gerade die Beste. Schon nach 50 Seiten waren Leserillen entstanden, obwohl ich das Buch sehr sorgfältig behandelt habe.
Diesen Mängeln zum Trotz will ich positiv hervorheben, dass Sophia Thiel so offen mit ihren Gefühlen umgeht und die Leser:innen an ihrem Leben, den positiven und den negativen Momenten teilhaben lässt. Was ihre persönlichen Beziehungen angeht, ist die Autorin sehr zurückhaltend. Diese Diskretion kann ich sehr gut nachvollziehen: Nach ihren negativen Erfahrungen und Erlebnissen hat sie ein gutes Recht darauf, nicht alles mit der Öffentlichkeit teilen zu wollen. Fragen am Ende des Buches sollen schließlich der:die Leser:in zur Selbstreflexion anregen.
Das Buch kann auf jeden Fall denjenigen etwas bieten, die Fans von Sophia Thiel sind und wissen wollen, wie es ihr in den letzten Jahren erging, und was sie alles durch machen musste. Diese Gruppe, die sich Erklärungen wünscht für die Höhen und Tiefen im Leben von Sophia Thiel und ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit. Ich persönlich konnte dem Buch dagegen nicht allzu viel abgewinnen. Ob die Ausführungen Menschen helfen, die selber an einer Essstörung leiden, kann und mag ich nicht beurteilen. Doch Sophia Thiel zeigt mit ihrem Text immerhin, dass man nicht alleine ist mit diesen Problemen. Es zeigt allen Betroffenen, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig Hilfe zu holen. Gleichzeitig warnt Sophia Thiels Schicksal aber auch vor einem allzu sorglosen Umgang mit den sozialen Medien. Die Reaktionen in den Netzwerken können ein Menschenleben ruinieren. Nicht allen ist es wie Sophia Thiel vergönnt, aus tiefen Lebenskrisen gestärkt hervorzugehen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.04.2021

Berührend und herzzerreißend

Wenn es uns gegeben hätte
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8 Jahre ist es her, seit Timo nach Amerika abgereist ist, um seinen Traum als Fotograf zu leben. Damit endet die Freundschaft zwischen Timo und Ela abrupt. Ela bleibt zurück in einem kleinen Dorf, wo sich ...

8 Jahre ist es her, seit Timo nach Amerika abgereist ist, um seinen Traum als Fotograf zu leben. Damit endet die Freundschaft zwischen Timo und Ela abrupt. Ela bleibt zurück in einem kleinen Dorf, wo sich ihr ganzes Leben abspielt, mit einem gebrochenen Herzen, da sie Timo nicht gestanden hat, dass sie ihn liebt. Sie hat die Chance einer Beziehung verstreichen lassen. Doch dann taucht Timo plötzlich wieder auf und stellt damit Elas Welt auf den Kopf. Wird ihre Liebe eine zweite Chance bekommen?
Ela und Timo sind zwei sehr sympathische Charaktere, deren Gefühle füreinander man als Leser:in auf jeder Seite des Buches zu spüren bekommt. Beide haben ihre Interessen und Leidenschaften, sind aber füreinander da und lassen sich auch in schlechten Zeiten nicht im Stich.
Der Schreibstil der Autorin ist gefühlvoll und sehr bildhaft, so dass man sich die Personen und die Handlungsorte sehr gut vorstellen und die Gefühle nachempfinden kann.
Die Emotionen und die Beziehung der Charaktere hat die Autorin Josefine Weiss gut herausgearbeitet. Sie wirken mit all ihren Stärken und Schwächen authentisch und lebensnah. Obwohl die Handlung für mein Verständnis teilweise etwas zu schnell gewissermaßen abgespult wird, passt der Verlauf auf seine eigene Art und Weise zu der Geschichte und der Beziehung zwischen Ela und Timo. An vielen Stellen hat mich die Handlung überrascht. Die Autorin arbeitet mit Klischees, aber nicht in dem Maß, dass ich es als unangenehm oder aufdringlich empfunden hätte. Die Dosierung ist genau richtig. Dabei werden auch Themen angesprochen, die bestimmt vielen im Leben hin und wieder begegnen: Mut, Vertrauen, Augenblicke, in denen sich Genuss und Genießenswertes einstellen, Ängsten, denen man sich stellen muss, und auch Risiken, die einzugehen es sich lohnt, um aus der eigenen Komfortzone herauszukommen.
Insgesamt ist „Wenn es uns gegeben hätte“ eine süße und romantische Liebesgeschichte. Emotional, berührend, herzzerreißend und bewegend. Empfehlenswert.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.04.2021

Schwermütig und tiefgründig

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer
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Was heißt es schwermütig zu sein? Der Schwermütige ist niedergeschlagen, in fortwährend düstrer-trauriger Stimmung. Der Schwermütige spürt nichts als innere Leere und Lähmung, die ihn von aller Tatkraft ...

Was heißt es schwermütig zu sein? Der Schwermütige ist niedergeschlagen, in fortwährend düstrer-trauriger Stimmung. Der Schwermütige spürt nichts als innere Leere und Lähmung, die ihn von aller Tatkraft abhält. Diese Grundstimmung zieht sich durch das ganze Buch „Barbarotti und der Schwermütige Busfahrer“ von Håkan Nesser. Nicht nur den Busfahrer plagen Melancholie und Schwermut, die ganze Atmosphäre des Buches wirkt teilweise äußerst bedrückend.
Nach einem tödlichen Gebrauch ihrer Schusswaffen, die Eva Backmann eingesetzt hat, um Schlimmeres zu verhüten, wird gegen die Kommissare Barbarotti und Backmann intern ermittelt. Das Paar, das sowohl beruflich als auch privat verbandelt ist, begibt sich auf die Insel Gotland, um vom Arbeitsalltag Abstand zu gewinnen, und stößt dabei wieder auf einen fast sechs Jahre alten Fall, in dem beide ermittelt haben. Damals ist ein Mann verschwunden, dessen Leiche nie gefunden wurde; jetzt meint Barbarotti, den damals verschollenen Busfahrer in einem Mann auf einem roten Fahrrad wiedererkannt zu haben.
Der Schreibstil ist flüssig lesbar und sehr angenehm. Vergleiche und eine bildhafte Sprache erleichtern der Fantasie, sich die Natur der Insel Gotland und Südschwedens vorzustellen. Zeitlich wechselt die Handlung zwischen 2013 und 2018 hin und her, sodass man Einblicke in den damaligen Fall und die Ermittlungsarbeit sowie in die Aufzeichnungen des „schwermütigen Busfahrers“ Albert Runge erhält. Letztere sind prägend für die Wahrnehmung des Opfers und des Falles. Dabei nimmt die Handlung einen sehr ruhigen Verlauf. Auch wenn das Buch bei mir kein übermäßiges Nervenkribbeln hervorgerufen hat, ist der Roman auf seine Art und Weise spannend, da bis zum Ende unklar bleibt, was nun tatsächlich damals geschehen ist. Meine Vermutungen haben sich dabei immer wieder als falsch erwiesen; Håkan Nesser ist also immer wieder gelungen, mich in die Irre zu führen, sodass ich vom Ende sehr überrascht war. Das zeichnet aber einen guten Kriminalroman genauso aus wie tiefere Gedanken über Gott, die Welt und philosophische Themen, die gewissermaßen wie nebenbei in die Handlung einfließen und das Bild von Kommissar Barbarotti, seiner Denkweise und seiner Lebenshaltung abrunden.
Diese intellektuellen Nebenschauplätze mögen in mir mitunter das Gefühl erzeugt haben, dass sich die Handlung träge und ohne Überraschungsmomente dahinschleppt. Am Ende hat sich habe meine Geduld in jedem Fall gelohnt, weil die Gedankenschwere zur düsteren Stimmung der Handlung passt und die Schwermütigkeit zusätzlich verstärkt. Wer also eine spannungsgeladene und rasante Geschichte erwartet, wird wohl enttäuscht werden. Wer aber sich für einen ruhigen Verlauf und die reflektierte, intellektuell fundierte Erzählweise Håkan Nessers begeistern kann und sich dabei Überraschungsmomente wünscht, kann ich nur empfehlen, zu dem Buch zu greifen. Er wird auch etwas über das Phänomen der Melancholie lernen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere