Profilbild von Leseclau

Leseclau

Lesejury Profi
offline

Leseclau ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Leseclau über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.10.2023

Manipulation von Erinnerungen – ein erschreckendes Szenario

Memoria
0

Die Autorin entführt uns in die Zukunft und malt ein düsteres Bild. Überall brennt es, es ist unglaublich heiß, die Spanne zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Und dies erlebt Harriet ...

Die Autorin entführt uns in die Zukunft und malt ein düsteres Bild. Überall brennt es, es ist unglaublich heiß, die Spanne zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. Und dies erlebt Harriet am eigenen Leib. Offensichtlich in Wohlstand und behütet aufgewachsen, hält sie sich nun mühsam mit Klavierunterricht und als Klavierbauerin über Wasser. Dabei stand ihr doch eine große Karriere als Pianistin bevor. Sie weiß, dass sie an der Hand operiert wurde und dieser Traum deswegen nie in Erfüllung ging. Doch wie es dazu kam, darüber hat sie nur wenig Erinnerungen. Und hinterfragt dies auch nicht, bis sie eines Tages durch Zufall Erinnerungsblitze bekommt.
Das mühsame Aufrollen dieser Erinnerungen lässt einen als Leser wirklich schaudern. Man mag sich gar nicht vorstellen, was mit Harriet passiert ist und liest dennoch neugierig bangend weiter. Das Szenario ist – wenn auch noch fiktiv – sehr nah an dem, was man sich als Realität vorstellen kann. Das macht das Buch für mich so besonders.
Die Kapitel sind relativ kurz und das Buch liest sich absolut flüssig. Ich habe es fast in einem Rutsch gelesen. Das einzige, was mich störte, ist die etwas einseitige Beschreibung des Zukunftsszenarios. Hier wird – wie auch auf dem Cover – die Hitze als zentrales Stilmittel genutzt. Ein paar mehr fiktive Details hätte ich mir gewünscht.
Mich hat das Buch mit seinen überraschenden Wendungen sehr gefesselt, so dass ich jetzt noch die anderen Bücher von Zoe Beck lesen werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.10.2023

Ein gelungener zweiter Fall für Hanna Ahlander

Tief im Schatten
0

Wieder wird in Are eine übel zugerichtete Leiche gefunden Dieses Mal ist es der beliebte ehemalige Ski-Rennläufer Johan. Es ist klassische Ermittlerarbeit gefragt und das Umfeld des Opfers wird befragt. ...

Wieder wird in Are eine übel zugerichtete Leiche gefunden Dieses Mal ist es der beliebte ehemalige Ski-Rennläufer Johan. Es ist klassische Ermittlerarbeit gefragt und das Umfeld des Opfers wird befragt. Dies schildet Viveca Sten gewohnt gekonnt und unterhaltsam.
Interessant ist die zweite Ebene im Buch. Die mit Rebekka gekennzeichnete Kapitel starten in der Vergangenheit und erzählen das Leben einer jungen Frau. Hoffnungsvoll und sich sehr geehrt fühlend ist sie die Ehe mit einem Pastor eingegangen. Doch diese Ehe wird zur Hölle. Einfühlsam und sehr genau beschreibt die Autorin physische und psychische Gewalt.
Auch wenn man bald ahnt, wie die beiden Stränge zusammenhängen, gibt es doch immer wieder überraschende Wendungen. Diese sind nicht überkonstruiert, sondern gut nachvollziehbar.
Mir gefällt, wie das Ermittlerteam behutsam weiterentwickelt wird. Hanna verbeißt sich wie immer in den Fall. Sie kann ein Stück Vergangenheit – das im ersten Band noch sehr prägend war – nach und nach verarbeiten. Ihr Partner Daniel ist zerrissen zwischen familiären und dienstlichen Verpflichtungen. Er bleibt für mich nach wie vor am wenigsten greifbar. Dafür wird ein weiterer Kommissar, Anton, nun ein ganzes Stück lebendiger. Dieses Team weckt Vorfreude auf weitere Fälle im Norden von Schweden.
Der gesamte Einband ist mit Liebe zum Detail gestaltet. Das Cover ist ähnlich gestaltet wie beim ersten Band und bietet somit einen hohen Wiedererkennungswert. Auf den Innenseiten ist die Karte von Are abgebildet. Das erhöht die Vorstellungskraft für die ganze Gegend. Überhaupt ermöglicht Viveca Sten Einblicke in den schwedischen Alltag. Nicht zuletzt dadurch wird das Buch sehr lebendig.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.09.2023

Für mich das Buch des Jahres!

Kleine Probleme
0

Am Ende des Jahres sitzt Lars wieder einmal mit der Liste unerledigter Dinge da. Dabei hatte er sich so viel vorgenommen. Und dann ist seine Frau Johanna auch noch weg. Nicht mehr ausgehalten hat sie es ...

Am Ende des Jahres sitzt Lars wieder einmal mit der Liste unerledigter Dinge da. Dabei hatte er sich so viel vorgenommen. Und dann ist seine Frau Johanna auch noch weg. Nicht mehr ausgehalten hat sie es mit seinen unerfüllten Träumereien, Hoffnungen und dem immer wieder enttäuscht werden.
Doch heute soll alles anders werden. Er wird die Liste abarbeiten und endlich alles schaffen, was so liegen geblieben ist, Steuererklärung, Nudelsalat, Vater anrufen. Alles Dinge, die fast jeder so auf seiner Liste hat. Und wir begleiten ihn dabei: beim Anfangen, beim doch noch mal aufs Handy schauen, beim abgelenkt sein vom wichtigen Internetsurfen, beim wieder anfangen, fast aufgeben und sich doch nochmal aufraffen. Das alles ist wunderbar beschrieben. Lars Gedanken können so weit abschweifen. Und während er so vor sich hindenkt, bearbeitet er viele gesellschaftsrelevante Themen. So ganz nebenbei. Kein Wunder, dass er zu vielen praktischen Dingen gar nicht kommt.
Diese Gedankenspiele sind für mich die unglaubliche Stärke des Buches. Wenn er philosophiert, welche Merkmale ein Mann heute braucht, um wahrgenommen zu werden. Wenn er alltagsklug feststellt „Wenn es hart auf hart kommt, kann man alles schaffen, aber meistens kommt es weich auf weich, und da bleibt man besser liegen“. Wenn er über Inspiration und Kreativität nachdenkt („Kunst zu machen, in dieser durchalgorithmisierten Netflix- und Marvel- und Spotify-Epoche,…“). Das alles kann man schon zweimal lesen, so genau beobachtet Nele Pollatschek.
Am Ende geht den philosophischen Betrachtungen ein bisschen die Luft aus. Dennoch ist das Buch für mich grandios in seinen Betrachtungen der heutigen Gesellschaft und wie viel es braucht, darin mit all den kleinen Problemen nicht unterzugehen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.09.2023

Berührend, beeindruckend und vielschichtig

Wellenkinder
0

Was für ein berührendes Buch! Liv Marie Bahrow verknüpft gekonnt deutsch-deutsche Geschichte mit einer Familientragödie.
Erzählt wird dies alles aus der Perspektive von drei Hauptpersonen, deren Verbindung ...

Was für ein berührendes Buch! Liv Marie Bahrow verknüpft gekonnt deutsch-deutsche Geschichte mit einer Familientragödie.
Erzählt wird dies alles aus der Perspektive von drei Hauptpersonen, deren Verbindung sich erst nach und nach aufklärt.
Da ist Jan, irgendwie rastlos und abgekoppelt von seinen Empfindungen, Familienvater und derzeit getrennt lebend von seiner Frau. Da es nun Erkenntnisse zum frühen Tod seiner Mutter gibt, muss er in die alte Heimat. Da erwartet ihn nicht nur ein todkranker Vater, sondern er muss permanent Neues über seine Ursprungsfamilie verarbeiten.
Eine andere Perspektive gibt Margit. Kriegskind, Flüchtlingskind, in der DDR angekommen und dem Land stets dienend. Ihre Geschichte ist so typisch für die frühen Jahre des Aufbaus. Nicht fragen, anpacken, wo es nur geht, linientreu und die kleine Welt der Familie so heile wie möglich gestalten. Sehr beeindruckend ist die Sequenz, in der die Flucht ihrer Familie beschrieben wird.
Richtig erschütternd ist Odas Geschichte. Sie ist DDR-Bürgerin und versucht aus Liebe zu einem Mann und Sehnsucht zu ihrem im Westen lebenden Vater über die Ostsee in die BRD zu fliehen. Dies gelingt nicht und sie kommt in den gefürchteten Frauenknast Hohenschönhausen. Was sie hier erlebt, ist gar nicht ausführlich erzählt. Doch die kurzen Einblicke in Odas Gefühlswelt und das, was sie erleben muss, lässt einem wirklich das Blut in den Adern gefrieren.
Das Buch spricht ganz viele Ebenen an. Da sind die Einzelschicksale, an denen deutlich wird, wie sehr Kindheitserlebnisse das komplette Leben prägen können. Da ist das Leben in der DDR. Da ist die Flucht vor dem Krieg. Da ist der Kampf um die eigene Familie. Es geht um Freundschaften und Vertrauen. Und trotz all der Vielschichtigkeit ist das Buch nicht überladen, weil jeder Charakter genau die Geschichten zugeschrieben bekommt, die er für das Verstehen benötigt.
Für mich ein sehr beeindruckendes, nachhallendes Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.08.2023

Ein kurzweiliger gut unterhaltender Krimi

Schwarzvogel
0

Beworben wird der Krimi als „Nr. 1 Bestseller aus Schweden“. So ganz kann das Buch aber nicht mithalten mit all den nordischen Hochkarätern.
Die Story beginnt nordisch düster. Eine Frau wird auf einen ...

Beworben wird der Krimi als „Nr. 1 Bestseller aus Schweden“. So ganz kann das Buch aber nicht mithalten mit all den nordischen Hochkarätern.
Die Story beginnt nordisch düster. Eine Frau wird auf einen halb zugefrorenen See getrieben und ertrinkt dort. Ausgerechnet Fredrikas Großmutter muss dies mit ansehen. Und Fredrika – gerade frisch zurück in der Heimat – übernimmt den Fall. Zur Seite wird ihr der eher eigenbrötlerische und dabei sehr sympathische Henry gestellt. Gemeinsam beginnen sie das Leben der verstorbenen Frau zu erkunden und stoßen dabei auf viele verheimlichte alte Geschichten. Und immer ist Fredrikas Familie involviert. Bei so vielen Verbindungen sollte man meinen, dass ein Ermittler eigentlich vom Fall abgezogen werden sollte. In diesem Buch wird die Familienverbundenheit als Stilmittel genutzt. Fredrika ist ohnehin voller Fragen zu ihrer eigenen Vergangenheit. Diese überlagern sich mit den Untersuchungen zum Fall. Und so geht es munter durcheinander.
Die zentralen Charaktere sind sympathisch beschrieben und haben Entwicklungspotenzial. Man merkt deutlich, dass sie auf eine längere Reihe angelegt sind. Der Rest des Ermittlerteams bleibt noch ein bisschen blass. Und warum, bitte, muss der Chef so als Depp hingestellt werden?
Sprachlich könnte manches – gerade kritische Wortwechsel - noch etwas ausgefeilter erzählt werden. Die eher kurzen Kapitel haben dazu geführt, dass ich voller Neugierde das nächste auch gleich noch mitgelesen habe. In Summe war es ein kurzweiliger gut unterhaltender Krimi.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere