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Veröffentlicht am 22.10.2025

Wichtiges Thema!

Im Herzen der Katze
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IM HERZEN DER KATZE
Jina Khayyer
ET: 20.7.25

Teheran 2022:
Als die junge Jina Mahsa Amini von der Sittenpolizei so brutal geschlagen wird, dass sie ins Koma fällt und wenige Stunden später stirbt – nur, ...

IM HERZEN DER KATZE
Jina Khayyer
ET: 20.7.25

Teheran 2022:
Als die junge Jina Mahsa Amini von der Sittenpolizei so brutal geschlagen wird, dass sie ins Koma fällt und wenige Stunden später stirbt – nur, weil ihr Kopftuch verrutscht war – geht ein Aufschrei durch die Welt. Immer mehr iranische Frauen protestieren ohne Schleier auf den Straßen und riskieren dabei ihr Leben.

Die Autorin Jina Khayyer versucht in ihrem fiktionalen Roman, all diesen Frauen ein Gesicht zu geben.
Ihre Protagonistin Jina, in Deutschland aufgewachsen und mit persischen Wurzeln, reist nach Teheran. Dort trifft sie nicht nur auf die vier Schwestern ihres Vaters, sondern auch auf ihre eigene große Schwester und ihre Nichte.

Durch diese vielen Frauenstimmen entsteht ein eindrucksvolles Mosaik weiblicher Erfahrungen.
Wir werden in die Geschichte des Iran zurückgeführt – in eine Zeit, in der Frauen unter Schah Mohammad Reza Pahlavi mehr Freiheiten genossen, Bildung und Berufschancen erhielten und moderne Kleidung tragen durften.
Doch auch diese Ära war von politischer Repression geprägt, der Schah ließ Oppositionelle verfolgen und regierte zunehmend autoritär.
Mit der Islamischen Revolution von 1979 änderte sich das Leben der Frauen radikal:

„Von einem Tag auf den anderen mussten wir uns den Männern vollkommen unterordnen, wir durften nur mit ihrer Einwilligung arbeiten, verreisen, unsere Eltern besuchen, einen Reisepass besitzen, uns scheiden lassen, sie durften uns schlagen, vergewaltigen, uns jederzeit verstoßen, sie durften so viele Frauen haben, wie sie wollten, und wir durften nichts. Bis heute dürfen wir nichts. Mit neun Jahren können wir verheiratet werden, wir müssen unserem Mann hörig sein, wenn wir ihn betrügen, verurteilt uns das Ajatollah-Gesetz zum Tod. Tod durch öffentliche Steinigung.“
(Tolino, S. 71)

Jina Khayyer bringt uns ein wichtiges Stück iranischer Geschichte näher.
Auch wenn ich zwischendurch kleinere Längen verspürte, habe ich das Buch sehr gerne gelesen.
Es ist unfassbar, was den Frauen im Iran angetan wird – und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass sich das eines Tages ändern wird.

Fazit:
Ein wichtiges, starkes Buch – große Leseempfehlung!
4½/5

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Stark und Skurril

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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WENN DU ES HEIMLICH MACHEN WILLST, MUSST DU DIE SCHAFE TÖTEN
Anna Maschik
ET: 10.9.25

Anna Maschik erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte von vier Generationen. Wir lernen Henrike kennen, die auf ...

WENN DU ES HEIMLICH MACHEN WILLST, MUSST DU DIE SCHAFE TÖTEN
Anna Maschik
ET: 10.9.25

Anna Maschik erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte von vier Generationen. Wir lernen Henrike kennen, die auf einem Bauernhof nahe der Nordsee lebt und das Schlachten versteht – gelernt hat sie es von ihrer Mutter, die viel zu früh verstarb. Ab diesem Moment musste Henrike sich um ihren Vater und die Brüder kümmern. Kochen und den Hof in Ordnung halten, das konnte sie. Nur ihre Mutter ersetzen, das konnte sie nicht.

Später bekommt sie eine Tochter, Hilde, die auf keinen Fall Bäuerin werden will. Also nutzt sie die Gelegenheit und lässt sich von dem erstbesten Soldaten schwängern. Der Soldat holt Hilde und das Kind – von dem er nur hoffen kann, dass es wirklich seines ist – nach dem Krieg ab und bringt sie in die große Stadt. Erst dort merkt Hilde, dass es auf dem Bauernhof vielleicht doch nicht so schlecht war.

Ja, ich könnte euch jetzt noch vieles erzählen – zum Beispiel von Hildes Sohn, der nach seiner Geburt 15 Jahre lang in seinem Bett lag und schlief, und der, als er endlich erwachte, nie wieder schlief. Oder von Anna, die in ihren schwarzen Kleidern immer dann kam, wenn sie wieder einen Toten abholen sollte. Aber lest das Buch doch einfach besser selbst …

Was für ein schräges und besonderes Buch! Ja, genau. Wenn ich das Buch mit nur ein paar Worten zusammenfassen müsste, wären das: schräg, skurril, einzigartig, atmosphärisch, rasant und literarisch stark.
Maschik versteht es, die Geschichten von vier Generationen auf gerade einmal 232 teils nur halb beschriebenen Seiten prägnant und stimmungsvoll zusammenzufassen. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen – musste aber die ein oder andere Stelle ein zweites Mal lesen, um sie ganz zu erfassen.

Fazit:
Ein atmosphärisch dichtes und facettenreiches Buch, das aber sicher nicht für die breite Masse geschrieben ist. Ich habe es sehr gerne gelesen und spreche daher eine klare Leseempfehlung aus.
4/5

„Einige Jahre später gräbt Miriam sich ein. Sie stellt sich bis zu den Knien in einen Topf, den größten, den sie besitzt, und bedeckt die Füße und Unterschenkel mit Anzuchterde für tropische Zimmerpflanzen. Dann richtet sie sich auf und beginnt zu wurzeln. Sie steht im bläulichen Licht des Gewächshauses, von Zitronenbäumen überschattet, die dunklen Blätter und grelle Früchte tragen. Fliegen schwirren gegen das Glas, fallen bald zu Boden, wo mehr und mehr liegen, wie ausgestreute Brotkrumen, die einen wirren Weg zwischendrin Pflanzen weisen. (S. 226)

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Ein feines Buch!

Und Federn überall
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UND FEDERN ÜBERALL
Nava Ebrahimi
ET: 29.8.25

In einem kleinen Ort im Emsland werden in der Geflügelfabrik Möllring täglich 650.000 Hühner geschlachtet. Hier begleitet Nava Ebrahimi sechs ganz unterschiedliche ...


UND FEDERN ÜBERALL
Nava Ebrahimi
ET: 29.8.25

In einem kleinen Ort im Emsland werden in der Geflügelfabrik Möllring täglich 650.000 Hühner geschlachtet. Hier begleitet Nava Ebrahimi sechs ganz unterschiedliche Menschen durch einen einzigen Tag – Menschen, deren Leben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben und die doch auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.

Da ist zum Beispiel Sonja, die längst von Hühnern träumt. Eigentlich wollte sie nie in der Fabrik arbeiten – es sollte nur eine Übergangslösung sein, bis sich etwas Besseres findet. Doch dann durfte ihr kleiner Sohn in den betriebseigenen Kindergarten, und der war außergewöhnlich gut. Wie hätte sie ihn da wieder herausnehmen können? Nun steht sie Tag für Tag am Fließband, verdient wenig und sieht auch in ihrer Zukunft vor allem: Huhn. Ihre ältere Tochter wiederum begegnet ihr mit Schweigen – ein stiller Protest gegen all den Frust, den sie aus der Schule mitbringt. Heute Nachmittag will Sonja sich für einen Job in der Verwaltung bewerben und ihr Leben ändern ...

Sonja ist nur eine von sechs Stimmen, die Ebrahimi in diesem Roman zu Wort kommen lässt. Sie erzählt von Migration, vom Alltag Alleinerziehender, von Selbstbestimmung und von den leisen wie lauten Kämpfen des Lebens. Jede Figur bekommt ihren eigenen Raum, ihre eigene Sprache – das hat mir besonders gut gefallen.

Allerdings gab es für mich auch einige Längen, vor allem in der Geschichte von Peters Großmutter, die mich irgendwann etwas verloren hat. Trotzdem: Und Federn überall ist ein eindringliches Buch über Menschen, die noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt sind – und darüber, wie schwer dieses Suchen sein kann.

Fazit:
Ein kluges, fein beobachtetes Buch über das Leben am Rand und die Sehnsucht nach einem „Mehr“. Sehr Empfehlenswert!
3,5 /5

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Ein ganz liebes Vorweihnachtsbuch!

Der Weihnachtskauz
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DER WEIHNACHTSKAUZ
Britta Sabbag
ET: 1.10.2025

Kauz ist eigentlich immer schlecht gelaunt – so sehr, dass die anderen Waldbewohner ihn meiden. Während die Tiere voller Vorfreude das Weihnachtsfest vorbereiten ...


DER WEIHNACHTSKAUZ
Britta Sabbag
ET: 1.10.2025

Kauz ist eigentlich immer schlecht gelaunt – so sehr, dass die anderen Waldbewohner ihn meiden. Während die Tiere voller Vorfreude das Weihnachtsfest vorbereiten – die Eichhörnchen basteln und die Vögel Schmuck sammeln – sitzt Kauz brummig auf seinem Baumstamm. Er beobachtet, wie alle gemeinsam lachen, arbeiten und Spaß haben. Tief in seinem Inneren wünscht er sich, dazuzugehören. Doch sein Stolz hält ihn zurück, und so wächst der Groll in seinem Bauch bis es fast schon weh tut.

Erst, als alle Tiere des Waldes ihn überraschend zum Fest einladen, merkt Kauz, was ihm wirklich fehlt: Gemeinschaft und Freundschaft. Doch wie soll er den ersten Schritt wagen? Da kommt ihm ein Zufall zu Hilfe – und vielleicht hat er so endlich die Chance, den anderen zu zeigen, dass hinter seiner mürrischen Art ein gutes Herz steckt …

Ein warmherziges Bilderbuch über Stolz, Freundschaft und das Überwinden der eigenen Mauern. Die liebevollen Illustrationen von Anika Voigt fangen den Zauber der Vorweihnachtszeit wunderschön ein.

Fazit: Ein herzerwärmendes Buch, das ich besonders für Kinder ab 4 Jahren empfehlen möchte – perfekt zum Vorlesen in der Adventszeit.
Klare Leseempfehlung:
5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Wichtig!

ë
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„Ich habe mir gewünscht, mein Schweigen könnte mich unsichtbar machen“. (S.15)

Ë
Jehona Kicaj
ET: 23.7.25

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem ...

„Ich habe mir gewünscht, mein Schweigen könnte mich unsichtbar machen“. (S.15)

Ë
Jehona Kicaj
ET: 23.7.25

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ (S.11/12)
Jehona Kicaj ist die Tochter albanisch-kosovarischer Einwanderer, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen.
Ein Besuch bei einem Zahnarzt, der ihren völlig verspannten Kiefer untersuchen soll, weckt Erinnerungen an ihre Vergangenheit – an Szenen aus der frühen Kindheit in der Schule, aber auch an Besuche in der alten Heimat, dort, wo die Serben ihr Volk vertrieben und ihre Sprache verboten.

Jehona möchte keine Fehler machen, sie will perfekt sein – vor allem in der deutschen Sprache. Nur so, glaubt sie, kann man unauffällig und angepasst leben. Deshalb überdenkt sie jeden Satz, der ihr eigentlich schon auf der Zunge liegt, immer wieder – bis sie merkt, dass sie ihn gar nicht mehr aussprechen muss, weil das Thema längst ein anderes ist oder es ihr schlicht nicht mehr wichtig ist, etwas zu sagen.
Doch ihre Angepasstheit in Deutschland führt zu einer Entwurzelung in ihrer Heimat. Sie lernt die albanische Sprache nicht richtig und gewöhnt sich ab, das „R“ zu rollen – ein Laut, der in ihrer Muttersprache so bedeutsam ist.

Ë ist ein Buch, bei dem ich mich als Deutsche fremdgeschämt habe – für die mangelnde Einfühlsamkeit der Kindergärtnerin, für die Unsensibilität der Kommilitonen und an vielen anderen Stellen.
Wir können nur aus diesem Buch lernen.

Heute gibt es keine „Lesemäuse“ von mir, aber ich möchte euch verraten, dass ich das Buch an einem Tag gelesen habe und dass ich Jehona Kicaj für den kommenden Montag, den Tag, an dem der Deutsche Buchpreis 2025 vergeben wird, ganz fest die Daumen drücke. Ich wünsche mir, dass sie weder schweigen noch sich unsichtbar machen wird.
Toi, toi, toi!

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