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Veröffentlicht am 11.01.2022

Menschen, getragen von dem Wunsch nach Freiheit und Liebe

Zum Paradies
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In ihrem neuen Roman “Zum Paradies” begibt sich Hanya Yanagihara auf die Suche nach dem Großen, nach dem Epochalen. Sie geht der Frage nach, wie Geschichte Menschen prägt, wo sie sie hinträgt, welche Spuren ...

In ihrem neuen Roman “Zum Paradies” begibt sich Hanya Yanagihara auf die Suche nach dem Großen, nach dem Epochalen. Sie geht der Frage nach, wie Geschichte Menschen prägt, wo sie sie hinträgt, welche Spuren sie hinterlässt. Aber es geht auch um das, was uns als Menschen ausmacht, um unsere Sehnsüchte, um den Wunsch nach Erfüllung und um die Grenzen, die durch die Gesellschaft und die Familie gesetzt werden. Und schließlich dreht sich das Erzählte um das Zwischenmenschliche, darum, wie wir uns aufeinander zubewegen und lieben, uns zu kennen glauben und wie doch Distanz zwischen uns herrscht.

“Was war das Leben wert, wenn es ihm nicht eine noch so geringe Aussicht bot, das Gefühl zu haben, dass es wirklich ihm gehörte, dass es bei ihm lag, es zu meistern oder zu zerstören, es wie Lehm zu formen oder wie Porzellan zu zerschlagen.”

In drei Teilen, die jeweils hundert Jahre auseinander liegen und lose miteinander verbunden sind, da sie alle am Washington Square in New York spielen, entfaltet Yanagihara diese Themen. Beginnend in einem alternativen 19. Jahrhundert und endend in einer dystopisch anmutenden Zukunft, widmet sie sich Freiheit und Liebe, Identität und Fremdsein, Rassismus und Kolonialismus, Freundschaft und Familie. Yanagihara versucht mit diesem Roman, den Blick ins Innere zu richten, zum Kern des menschlichen Wesens vorzurücken und dabei den Minderheiten und den an den Rand Gedrängten eine literarische Stimme zu verleihen. Ihr Stil, der sich durch Detailreichtum und durch eingehende Beschreibungen auszeichnet, trägt dazu bei, dass sich die erzählte Welt vor den Augen des Lesers ausdehnen kann und dabei stets fassbar bleibt.

Der Roman hat in thematischer Hinsicht das Potential zur Großartigkeit. Doch drei einzelne Geschichten machen noch längst keinen Roman. Die Verknüpfungen durch gleiche Namen und Orte reichen nicht aus, um genug Tiefe und Bedeutung entstehen zu lassen. Durch die Brüche zwischen den drei Teilen haften auch den Figuren nicht genug Farbe, nicht genug Schattierungen an. Sie wirken teilweise sogar flach und stehen damit im starken Kontrast zur Fülle ihrer Umgebung.

“Zum Paradies” ist stellenweise groß, stellenweise fesselnd. Aber eben nur stellenweise. Letztlich strebt der Roman nach mehr, als er zu erreichen im Stande ist.

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Veröffentlicht am 06.10.2021

Über die Machtlosigkeit der im Recht Stehenden

Wie schön wir waren
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Das kleine afrikanische Dorf Kosawa leidet unter der Umweltverschmutzung, die durch die Ölförderung entsteht. Das Grundwasser ist verseucht und Fische gibt es in den Flüssen längst nicht mehr. Die Böden ...

Das kleine afrikanische Dorf Kosawa leidet unter der Umweltverschmutzung, die durch die Ölförderung entsteht. Das Grundwasser ist verseucht und Fische gibt es in den Flüssen längst nicht mehr. Die Böden haben sich mit Öl vollgesogen und riesige Landflächen wurden gerodet. Außerdem ist die Luft voll Rauch und Ruß, die Menschen husten und besonders die Kinder erkranken schwer und sterben häufig.
Jahrelang hat die amerikanische Ölfirma Pexton den Dorfbewohnern versprochen, dass Wohlstand und Reichtum bei ihnen Einzug halten werden und dass es Jobs geben werde. Doch nichts davon ist eingetreten.

Als wieder zwei Vertreter von Pexton und der Regierung das Dorf besuchen, um zu vertrösten und zu beschwichtigen, wird es den Bewohnern zu viel. Sie halten die Männer gefangen. Das ist der Beginn eines Kampfes, der Jahre andauern wird, Menschenleben fordern und von der Wut der Ausgebeuteten getragen wird.

Es sind die Stimmen unterschiedlicher Dorfbewohner, die den Roman zusammenhalten. Da ist zunächst Thula, ein junges Mädchen, dessen Vater umgebracht wurde, weil er gegen die Ölfirma ankämpfen wollte. Thula kann in den USA zur Schule gehen, wird dort zur Aktivistin und unterstützt aus der Ferne die Dorfbewohner in ihrem zivilen Ungehorsam.
Doch auch ihre Mutter, ihr Onkel und ihre Großmutter erzählen von ihren Verlusten, ihren Schmerzen, ihrer Trauer. Ebenso wie die Kinder des Dorfes. Es ist dieses Mosaik aus Stimmen, aus Schicksalen und Lebenswegen, das die erzählerische Struktur dieses Romans bildet.

“Wie schön wir waren” ist ein Roman über die Machenschaften des Westens, über die Ausbeutung Afrikas, die mit der Sklaverei angefangen hat und heutzutage mit der Skrupellosigkeit der westlichen Unternehmen, die Rohstoffe abbauen, mit der Missachtung jeglicher Menschenrechte und mit der Unterstützung von korrupten Regierungen fortgesetzt wird. So ist auch der Machthaber im Roman ein Diener des Westens, der durch die „Leichtigkeit, mit der er andere abgeschlachtet“ hat, politische Ämter zugeteilt bekommen hat. Er befehligt ein Militär, dass sich nicht davor scheut, Massaker anzurichten. Und so sind die Dorfbewohner in jeder Hinsicht Willkür und Gewalt ausgesetzt.

Imbolo Mbues Roman liest sich wie eine Chronik von Ereignissen. Er verliert sich nicht in Emotionen, sondern wirkt eher beschreibend und darstellend. In sich ist er stimmig und die Autorin hat für sich sicher den richtigen Ton gefunden, um diese Geschichte des Widerstands gegen die Übermacht zu erzählen. Lesenswert ist der Roman allein schon wegen seiner wichtigen Themen und der Ereignisse, die er beschreibt.

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Veröffentlicht am 28.09.2021

Sterne, Karten, Ungeheuer und ein mutiges Mädchen

Die Sternenleserin und das Geheimnis der Insel
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Isabelle wächst als Tochter eines Kartographen auf der abgelegenen Insel Joya auf. Einst eine durch die Weltmeere frei schwimmende Insel, wird Joya heutzutage von einem Gouverneur mit harter Hand regiert. ...

Isabelle wächst als Tochter eines Kartographen auf der abgelegenen Insel Joya auf. Einst eine durch die Weltmeere frei schwimmende Insel, wird Joya heutzutage von einem Gouverneur mit harter Hand regiert. Regeln und Ungerechtigkeiten bestimmen das Leben und den Alltag. Die Bewohner dürfen weder ins Meer noch in den Wald gehen und dürfen sich nur in einem bestimmten Teil der Insel aufhalten. Denn dahinter liegen die Vergessenen Gebiete, in denen der Legende nach Dämonen ihr Unwesen treiben.

Als Cata, ein junges Mädchen, ermordet aufgefunden wird, ändert sich das Leben auf der Insel von einem Tag auf den anderen. Lupe, die Tochter des Gouverneurs und Isas Freundin, macht sich alleine auf die Suche nach dem Mörder. Eine Expedition des Gouverneurs folgt ihr nur kurze Zeit später. Verkleidet als Junge und ausgestattet mit einer Karte des Gebiets, reist Isa mit und leitet die Expedition durch die dunklen Gebiete, in denen überall Gefahren lauern.

“Die Sternenleserin und das Geheimnis der Insel” ist der Debütroman von Kiran Millwood Hargrove, der nun auch endlich auf Deutsch und in einer sehr schönen Aufmachung im Inselverlag erscheint. In England hat der Roman bereits zahlreiche Preise gewinnen können, so unter anderem den Waterstones Children’s Book Prize und den British Book Award’s Children’s Book of the Year. Und das zurecht! Denn Hargrave erzählt eine Geschichte, die von der ersten Seite an durch ihre besondere Welt, ihre Atmosphäre und durch ihre Figuren besticht.

Es ist eine magische Welt, in die die Autorin den Leser entführt, eine, in der Ungeheuer, Bosheit und das Dunkle sich auszubreiten drohen. Aber gleichzeitig ist es auch eine Welt, in der mutige Figuren dazu bereit sind, sich dem Bösen zu stellen und es zu bekämpfen. Besonders Isa wächst dem Leser mit ihrer Abenteuerlust, ihrem Mut und ihrer Unerschrockenheit im Laufe der Geschichte ans Herz. Da, wo Erwachsene und die Mächtigen versagen, setzt Isa an. Sie scheut sich nicht davor, den schwierigsten Weg zu gehen, weiß, was Verantwortung bedeutet und hält stets zu ihren Freunden.

Millwood Hargrave hat einen zauberhaften Roman geschrieben, der es verdient hat, auch in Deutschland viele Leser zu finden. Wenn ihr also erfahren wollt, ob Lupe ihren Alleinritt in die Vergessenen Gebiete überlebt, ob Catas Mörder gefunden wird und was für ein Schicksal der Insel bevorsteht, dann müsst ihr diesen Jugendroman lesen!

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Veröffentlicht am 28.09.2021

Eine kleine Lektion in Physik, angereichert mit einer Prise Fantasy

The Upper World – Ein Hauch Zukunft
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“Es brauchte schon eine beeindruckende Mischung aus Dämlichkeit und Pech, um mitten in einen Bandenkrieg zu geraten, obwohl man nicht einmal Mitglied einer Gang ist. Ich schaffte das in weniger als einer ...

“Es brauchte schon eine beeindruckende Mischung aus Dämlichkeit und Pech, um mitten in einen Bandenkrieg zu geraten, obwohl man nicht einmal Mitglied einer Gang ist. Ich schaffte das in weniger als einer Woche. Und das war noch vor der Sache mit dem Zeitreisen.”

So beginnt der Debütroman des Quantenphysikers Femi Fadugba. Sein Protagonist Esso ist wissbegierig, gut in Mathe und verliebt in Nadia. Er wächst in South London auf, wo Kriminalität und Kämpfe zwischen Gangs an der Tagesordnung stehen. Als Bloodshed, ein Junge aus einer anderen Gang, verprügelt wird, ist Esso zufällig dabei. Doch der große Bruder von Bloodshed, D, nimmt es Esso übel, dass er daneben gestanden und nicht eingegriffen hat. Nun besteht auch für Esso die Gefahr, ein Opfer von Gewalt und Bandenkriegen zu werden.

“Aber obwohl ich mich wirklich bemühte, mich von jeglichem Ärger fernzuhalten, obwohl ich meiner Mutter aus tiefster Seele versicherte, dass ich mich benehmen würde, tat der Ärger leider nicht dasselbe.”

Der Roman verbindet Essos Geschichte mit Rhias, die fünfzehn Jahre nach Essos stattfindet. Rhia wächst bei Pflegeeltern auf, spielt leidenschaftlich gerne Fußball und braucht einen Tutor in Mathe und Physik. Als Dr. Esso als ihr Nachhilfelehrer in ihr Leben tritt, erfährt Rhia nicht nur mehr über ihre eigene Vergangenheit, sondern muss sich auch die Frage stellen, ob sie das Vergangene verändern will.

Physik, Mathematik, Zeitreise, Fantasy und der Lebensalltag eines Jungen in einem Problemviertel. All das verbindet der Roman auf gekonnte Weise miteinander. Er mag besonders im Mittelteil einige Längen haben, aber das tut der Überzeugungskraft der Geschichte keinen Abbruch und lässt auch seine Charaktere nicht blasser erscheinen.

Wenn ihr also wie ich “Physik nach der Mittelstufe abgegeben hab[t] […]. Bei der erstbesten Gelegenheit”, wenn ihr noch nie zuvor von den Experimenten eines Michelson Marleys, Kennedy Thorndikes oder Ives Stillwells gehört habt, wenn es euch nicht schaden würde, euch den Satz des Pythgoras mal wieder ins Gedächtnis zu rufen und wenn ihr nichts gegen einen Mix aus Naturwissenschaft und Fantasy habt, dann liegt ihr mit diesem Buch goldrichtig!

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Veröffentlicht am 13.09.2021

Die Lebenswelten von Frauen in der heutigen russischen Gesellschaft

DAFUQ
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Dafuq, the fuck, what the fuck: Schon der Titel von Jarmyschs Roman macht durch seine Unverfrorenheit und durch das Suggerieren von Zorn, Frust, Wut und Unverständnis auf sich aufmerksam. Hinzu kommt die ...

Dafuq, the fuck, what the fuck: Schon der Titel von Jarmyschs Roman macht durch seine Unverfrorenheit und durch das Suggerieren von Zorn, Frust, Wut und Unverständnis auf sich aufmerksam. Hinzu kommt die interessante Biographie der Autorin. Jarmysch arbeitet als Sprecherin für den Oppositionspolitiker Alexey Nawalny und wurde noch im Januar 2021 festgenommen. Dass der Roman sich nicht scheuen wird, Kritik zu üben, dass er nichts beschönigen wird und wahrscheinlich auch provozieren wird, lässt sich schon anhand des Titels und des Lebenslaufs der Autorin ableiten.

Die Protagonistin des Romans ist Anja. Nachdem sie an einer unangemeldeten Demonstration gegen Korruption in Moskau teilgenommen hat, findet sie sich in Untersuchungshaft wieder. Obwohl sie nicht an der Organisation der Demonstration beteiligt war, wird sie festgehalten und schließlich zu einem zehntägigen Arrest verurteilt. Ihre Zelle in der Arrestanstalt teilt sie mit fünf anderen Frauen, die wegen Trunkenheit oder Fahren ohne Führerschein einsitzen.

“Heutzutage kann man überhaupt für alles in den Bau kommen.”

Es sind die Stimmen und Geschichten dieser sechs Frauen, die den Roman tragen. Auf engstem Raum prallen diese Lebenswelten der Frauen aufeinander und zeugen von der Vielschichtigkeit der heutigen russischen Gesellschaft. Da ist zum Beispiel die heruntergekommene Irka, die alkohol- und medikamentenabhängig ist und für ein Glas Alkohol mit Männern schläft. Maja hingegen ist jung und hübsch. Sie hat sich zahlreichen Schönheits-OPs unterzogen, achtet auf ihr Äußeres, lässt sich von ihren reichen Liebhabern teure Geschenke machen und ihren Lebenswandel bezahlen.

Anjas Geschichte legt die Autorin nur stückweise und in Rückblicken frei. Es ist eine Geschichte von der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, von der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt, von der Beziehung zu den Eltern, von Sexualität und schließlich auch von Politik und dem Wunsch nach Gerechtigkeit.

Jarmyschs Erzählstil ist klar und schnörkellos und sie scheut sich nicht davor, Anjas Aufenthalt in der Arrestanstalt im Detail zu beschreiben. Und trotzdem wirkt der Roman an keiner Stelle langatmig und verliert nie seinen roten Faden. Kritisch, ernst, humorvoll: All diese Töne vereint die Geschichte in sich. Sie erzählt von den Schicksalen der Frauen, vom Erwachsenwerden, von der Enttäuschung der jüngeren Generationen über die Regierung und schließlich legt er die Denkmuster und Lebensweisen, die sich durch die heutige russische Gesellschaft ziehen, frei.

Man kann diesen Roman verpassen, man sollte es aber nicht. Denn er überzeugt bis zum letzten Satz, hinterlässt einen bleibenden Eindruck und brennt sich mit seiner kraftvollen Geschichte und seinen unvergesslichen Figuren in das Gedächtnis des Lesers ein.

Das letzte Lob muss neben der großartigen Leistung des Übersetzers Olaf Kühl auch dem Rowohlt Verlag gelten, der das Buch in einer tollen Optik herausgebracht hat, die kaum besser mit der Geschichte harmonieren könnte.

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