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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.08.2025

Ultrafeministischer Banger!

Hotel Love
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Du stehst auf ultrafeministische Romane? Du liest gerne Dystopien und hast nichts dagegen, wenn es ordentlich abgeht?
Dann willkommen im „Hotel Love“, dem knalligen Must-Read aus dem leykam-Herbstprogramm!

Schon ...

Du stehst auf ultrafeministische Romane? Du liest gerne Dystopien und hast nichts dagegen, wenn es ordentlich abgeht?
Dann willkommen im „Hotel Love“, dem knalligen Must-Read aus dem leykam-Herbstprogramm!

Schon von außen signalisieren Cover und Farbschnitt in Warnfarben, was dich innen erwartet: eine bitterböse und und gleichzeitig unterhaltsame Abrechnung mit der toxischen Männerwelt.
Die hat in der Piuks Zukunftsversion alle Frauenrechte abgeschafft und die Frauen durch von ihren programmierte Fem-Bots ersetzt. Die sind nämlich, anders als reale Frauen, fügsam, formbar und setzten immer das Wohl der Männer an erste Stelle.
Die männliche Hauptfigur des Romans heißt Roman (und nein, diese Übereinstimmung ist kein Zufall, es gibt nämlich eine Roman-Metaebene 😂) und trauert immer noch seiner (realen) Traumfrau Julia hinterher.
Im Love Hotel, einer Mischung aus Reality-Show und Coaching-Camp für Männer, darf er jetzt unter Anleitung seine perfekte Ehefrauen-Androidin generieren inklusive Traumhochzeit am Ende der Woche.
Und genau wie die anderen Campteilnehmer hat Roman schon klare Vorstellungen für seine neuen Traumfrau: ihm geht es weniger um große Brüste und optimierten Vaginas, er möchte sich seine Julia 2.0 erstellen.


„Was, wenn es nicht funktioniert? Wenn ihm ein Fehler unterläuft? Wenn auch Julia 2.0 am Ende nur mit ihm spielt? Könnte sie das? Mit ihm spielen? Nein, oder? Ihr programmiertes Ziel wird es sein, ihn glücklich zu machen. Sie wird ihn lieben, wie er sie liebt, immer geliebt hat, dass sie das nicht kapiert hat, dass das nicht in ihren Schädel ging!“

In Rückblicken erfährst du übrigens auch, warum es damals mit der echten Julia und Roman nicht funktioniert hat. Aber vielleicht kannst du es dir auch schon denken.

Wenn du schon mal einen Roman über künstliche Roboterfrauen, oder Filme wie beispielsweise „Ex Machina“ geschaut hast, kannst du dir auch wahrscheinlich auch denken, dass eine gewisse Eskalation mit zum Genre gehört.

In Zeiten, in denen manche Männer es vorziehen mit einer KI oder einer Sexpuppe eine Beziehung zu führen und die Kluft zwischen den Geschlechtern größer wird, wirkt die Zukunftsperspektive von Piuk nicht so unrealistisch, wie es vielleicht den Anschein hat. Und wir leben in Zeiten, in denen es nicht mehr unsagbar oder undenkbar ist, Frauen* wieder vermehrt von Menschenrechten auszuschließen.

Das gibt „Hotel Love“, obwohl er poppig und leicht zugänglich angelegt ist und auch einfach Spaß beim Lesen macht, eine sehr bittere Note. Ich finde seine Gesellschaftskritik hochrelevant und schmerzhaft realistisch.

Große Leseempfehlung für „Hotel Love“ - unter Berücksichtigung eingangs erwähnter Disclaimer.

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Vielversprechender Debütroman

Botanik des Wahnsinns
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Dieses Jahr habe ich bereits einige neu erschienene Debütromane gelesen. Die „Botanik des Wahnsinns“ gehörte für mich zu den besonders vielversprechenden.


Englers Text erweckt den Eindruck von sehr ...

Dieses Jahr habe ich bereits einige neu erschienene Debütromane gelesen. Die „Botanik des Wahnsinns“ gehörte für mich zu den besonders vielversprechenden.


Englers Text erweckt den Eindruck von sehr großer autofiktionaler, wenn nicht gar autobiografischer, Nähe. Doch es steht „Roman“ auf dem Cover und ich vermute, dass Engler diese Form als Schutz für seine Familie und sich selbst gewählt hat, denn sie bietet die Freiheit zur Verfremdung, Ergänzung und Veränderung.
Passend dazu lehrt Engler an der Universität Wien mit Fokus auf kreatives Schreiben und narrative Identität.
Der Mann kennt sich also aus und kann definitiv schreiben.
Doch von irgendeiner professionell bedingten Distanz merke ich beim Lesen seines Romans nichts.

Sein Ich-Erzähler lässt mich ganz nah an seine Ängste, Gefühle und Familiengeschichte heran.
Die sind vom Wahnsinn geprägt. Psychische Erkrankungen ziehen sich durch die Generationen. Das Leben von Englers Erzähler ist überschattet von der großen Angst, selbst zu erkranken, davon verrückt zu werden.


“Schizophrenie? Sucht? Depression? Bip-lare Störung? Mein Stammbaum ist befallen von so ziemlich jeder Plage, die in den Bibeln der Psychiatrie zu finden ist. In wessen Fußstapfen soll ich treten? Welche verirrte Linie weiterführen? Die Depression meines Vaters? Die Schizophrenie meines Großvaters?
Die Todessehnsucht meiner Großmutter? Die Abhängigkeit meiner Mutter?”

Mich bewegt es sehr, wenn Engler herausarbeitet, wie sowohl die Mutter als auch der Vater das Leben ihrer eigenen verlorenen Eltern wiederholen, trotz ihrer enormen Versuche diesem Schicksal zu entkommen.
Ein Schicksal, dem der Erzähler ebenfalls folgen wird?

Tatsächlich landet er schließlich selbst unausweichlich in der Psychiatrie - allerdings als Psychologe. Er will mehr über die Erkrankungen wissen, die das Leben seiner Eltern und Vorfahren so vereinnahmt hat.

Was er in der Psychiatrie beobachtet und lernt widerspricht der verbreiteten Meinung von Nichtbetroffenen, nämlich dass alles behandelbar und therapierbar ist. Und nur geheilte und/oder gesunde Menschen ein lebenswertes und gutes Leben führen können.

„Die Vorstellung eines glücklichen, symptomfreien Lebens ist eine Illusion.“

Ich finde die Fragen, die Engler in seinem Roman aufwirft gehen sehr dicht an die Komplexität des echten Lebens heran, er bildet es so differenziert und und reflektiert ab, wie ich es nicht so oft in Romanen lese und was mich immer sehr bewegt und freut.

Stilistisch schreibt Engler auf hohem literarischen Niveau, wie ich finde. An zitierfähigen Zitaten gibt es keinen Mangel und ich fühle mich trotz vieler Zeit- und Szenenwechsel gut betreut.

Vieles findet neben den Geisteskrankheiten Eingang in seinen sehr dichten Text: Klassenauf- und Abstieg, Eltern-Kind Beziehung, aus der Not geborene toxische Beziehungen, die Möglichkeit von Vergebung und Aussöhnung mit der eigenen Geschichte.

Letztendlich lässt es Englers Erzähler offen, wie weit es ihm gelingt, sich von der familiären Vorbestimmung zu lösen.

Und letztendlich ist es vielleicht auch gar nicht die Frage, die wirklich zählt.

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Vielschichtig, interessant und gesellschaftlich und für mich persönlich relevant!

Heimat
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Der neue Roman von Hannah Lühmann hat mich in vielerlei Hinsicht thematisch sofort angesprochen. Das tolle Cover schadet natürlich auch nicht.
Ich fand, dass „Heimat“ meine Erwartungen nach dem vielversprechenden ...

Der neue Roman von Hannah Lühmann hat mich in vielerlei Hinsicht thematisch sofort angesprochen. Das tolle Cover schadet natürlich auch nicht.
Ich fand, dass „Heimat“ meine Erwartungen nach dem vielversprechenden Klappentext und dem Blurb von Daniela Dröscher gut getroffen hat!

Lühmanns Protagonistin Jana ist mit ihrem dritten Kind schwanger. Überfordert davon, die zwei Kinder und die neue Schwangerschaft mit ihrer Berufstätigkeit zu vereinbaren, hat sie impulsiv ihren Job gekündigt.
Jetzt hätte sie zwar theoretisch mehr Zeit, aber die Finanzen sehen schlecht aus.
Das lässt sie auch ihr Freund Jonah spüren, mit dem sie erst ein Haus in einer ländlich gelegenen Neubausiedlung gekauft hat.
Das Paar ist nicht mehr glücklich.

„Was vielversprechend geklungen hatte, stellte sich mehr und mehr als ein Albtraum der Spießigkeit und Langeweile heraus.“


Jana sucht nach Anschluss in ihrer neuen Nachbarschaft und kommt schließlich zufällig mit Karolin in Kontakt.

Die unkonventionell wirkende junge Frau hat fünf kleine Kinder und ihr Lebensstil ist alternativ, um nicht zu sagen völkisch inspiriert. Auf ihrem Instagram Account inszeniert sie sich als rechtsgerichtete „Tradewife“, teilt Apfelkuchenrezepte neben spirituellen und esoterischen Lebensweisheiten.

Jana ist von Karolins Lebensstil und ihrer Familie extrem fasziniert und schließt sich der selbstbewussten Frau und ihrer Gruppe an.

„In Karos Welt gab es überhaupt nichts, das sich nicht durch einen Aufenthalt im Wald oder eine Apfeltarte klären ließ. Jana spürte eine große Sehnsucht in sich.“

Lühmann zeigt in ihrem Roman für mich sehr nachvollziehbar und nachfühlbar, wie Jana durch ihre eigene Überforderung und Unsicherheit immer weiter ihre alten Wertevorstellungen in Frage stellt. Während ihre Beziehung und ihre Karriere zerbröseln, findet sie in der wesentlich einfacheren Weltordnung und Rollenverteilung von Karolin Trost und Gemeinschaft.

Dabei vermeidet Lühmann selbst Vereinfachungen und legt die Figuren von Karoline und ihren Freundinnen ambivalent an. Unsere Gesellschaft lässt gerade junge Familien und Mütter allein mit der Aufgabe, den Anforderungen einer immer komplexeren Welt und einem Arbeitsleben gerecht zu werden.
Der Wunsch nach einer klaren Aufgabenverteilung und Benennung ist nachvollziehbar. Lühmann zeigt allerdings auch, wie der Wunsch nach der vermeintlich einfacheren Welt von Rechten oft für ihre Hetze gegen alles, was nicht in ihr Weltbild passt, instrumentalisiert wird.

Auch Jana merkt, wie sie sich unter dem Einfluss und dem Vorbild von Karoline verändert.
Aber ist es ein Weg zu mehr Unabhängigkeit von Männern, Staat und Kapitalismus oder nur eine neue Form der Unfreiheit?

Ich fand “Heimat” einen mehrschichtigen und sehr interessanten Roman, der viele aktuelle Fragen auf spannende Weise aufgreift. „Heimat“ hat mich auch auf persönlicher Ebene sehr stark angesprochen hat und in meiner aktuellen Lebenssituation abgeholt.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Schöner und sehr lesenswerter Roman, der bestimmt viele Leser*innen bewegen wird

Zeit ihres Lebens
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Mit diesem Roman habe ich meinen üblichen Lesepfad, der gepflastert ist mit aufregender feministischer und zeitgenössischer Literatur, weit verlassen, ohne dass es mir vorher klar war.
Aber es hat sich ...

Mit diesem Roman habe ich meinen üblichen Lesepfad, der gepflastert ist mit aufregender feministischer und zeitgenössischer Literatur, weit verlassen, ohne dass es mir vorher klar war.
Aber es hat sich für mich definitiv sehr gelohnt, am Ende von „Zeit ihres Lebens“ bin ich fast widerwillig sehr bewegt und gerührt.

Dirk Gieselmann erzählt in seinem zweiten Roman nach „Der Inselmann“ eine Liebesgeschichte, die sich über eine ganze Lebensspanne erstreckt.
Sie beginnt 1983 mit der zufälligen Begegnung zwischen Frieda und Georg, dem ein Zauber innewohnt. Beide wissen sofort, dieses kurze Zusammentreffen war etwas ganz besonderes.

“Er wusste es mit einem Mal, so wie alles Wissen plötzlich da ist: Etwas begann hier, und etwas anderes hörte auf.”

Gieselmann nimmt sich für die tastende Annäherung der beiden viel Zeit und beschreibt zart und einfühlsam das Verliebtsein der beiden.

Nur: Georg ist verheiratet, hat einen Sohn und ist als Vertretter immer wieder nur kurz zu Besuch in der Stadt, in der Frieda wohnt.
Auf Initiative von Frieda beschließen die beiden, ihre Liebe nicht zu realisieren und ihre alten Leben weiterzuführen.
Sie treffen sich über viele Jahre immer wenn George in der Stadt ist und telefonieren in schwierigen Lebenszeiten miteinander.
Währenddessen lebt Georg sein Leben mit seiner Frau weiter, die er längst nicht mehr liebt. Es ist ein ziemlich gewöhnliches Leben, an dem die Jahre vorüberziehen.
Auch Frieda lebt als alleinstehende Lehrerin gut, wenn auch nicht aufregend, hat ein ruhiges durchschnittliches Leben.
Der Gedanken an ihre Treffen und ihre Liebesgeschichte trägt sie durch die Jahre und durch ihr Leben.

Genauso ruhig ist Gieselmanns Erzählstil, was den Roman für ich wie aus der Zeit gefallen wirken lässt. Seine Sprache ist sehr poetisch und gediegen und frei von modernen Anwandlungen. Ich würde nicht sagen, altmodisch sondern zeitlos.
Durchaus altmodisch möchte ich aber die Geschlechterrollen nennen, die ich in Gieselmanns Geschichte finde. Mir fällt es einfach unangenehm auf, wenn einem verheiratetem Mann Masturbation zugeschrieben wird, es aber bei der alleinstehenden Frau keine Erwähnung findet. Oder wenn die Kleidung und das Aussehen von Frieda wesentlich öfter beschrieben wird, als bei Georg. Und es ist auch sicher kein erzähltechnischer Zufall, dass es der Mann ist, der eigentlich Frau und Kind hat und trotzdem fremdgeht, und nicht die Frau.
Aber ich habe beim Lesen ziemlich schnell bemerkt, dass ich diese Kriterien hier nicht anwenden darf, wenn ich den Roman genießen möchte. Das möchte ich und ich folge Gieselmanns Einladung mich auf die Gedanken und Fragen zu fokussiert, die in seinem Roman im Vordergrund stehen.

Wie bewerte ich die Geschichte von Georg und Frieda? War ihre Liebe deswegen so groß, beständig und besonders, weil sie nie im Alltag bestehen musste?
Haben sie ihre Chance für ein außergewöhnlicheres Leben verpasst und sind im sumpfigen Mittelmaß versackt?
Hätten sie doch etwas wagen sollen?

Gerade zum Schluss hin entwickelt der Roman eine große Melancholie und Traurigkeit, die mich nicht kalt lässt und mein Fazit in Summe sehr positiv ausfallen lässt. Atmosphärisch hat mich der Roman ein bißchen an „Die Regenschirme von Cherbourg“ erinnert, vielleicht war es aber auch nur das Cover.

So fand ich letztendlich trotz meiner größeren, feministischen Kritikpunkte, dass „Zeit ihres Lebens“ ein sehr schöner und sehr lesenswerter Roman war, der bestimmt viele Leser*innen bewegen und berühren wird.

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Veröffentlicht am 08.08.2025

Metamäßig vielschichtig

Die Ausweichschule
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Der Amoklauf von Erfurt erschütterte 2002 meine Welt. Bilder, die ich zuvor nur aus Amerika kannte, gab es plötzlich auch aus Deutschland und dann auch noch so nah.
Ich ging damals noch zur Schule und ...

Der Amoklauf von Erfurt erschütterte 2002 meine Welt. Bilder, die ich zuvor nur aus Amerika kannte, gab es plötzlich auch aus Deutschland und dann auch noch so nah.
Ich ging damals noch zur Schule und bereitete mich auf das Abitur vor. Eine Klassenkameradin von mir trug den gleichen Nachnamen wie der Schütze. Als das bekannt wurde, wurde sie gemobbt.

„In meiner Schule wird geschossen, das war 2002 ein Satz, der keinen Sinn ergab oder zumindest keine unmittelbare Assoziation hervorrief. In einer Schule schießt man doch nicht, vielleicht in den Staaten, aber doch nicht in Europa und schon gar nicht in Erfurt.“

Natürlich wollte ich den neuen Roman von Kaleb Erdmann lesen, der sich mehr als 20 Jahre später wieder den Ereignissen von Erfurt nähert.

Er tut das auf sehr innovative und unerwartete Weise. Erdmann selbst hatte als elfjähriger Schüler am Gutenberg Gymnasium den Amoklauf miterlebt und wurde in der Zeit danach in einer Ausweichschule unterrichtet. Sein Protagonist hat viel Ähnlichkeit mit Erdmann selbst und erzählt aus der Ich-Perspektive. Dennoch ist der Roman klar fiktiv, wenn auch vermutlich mit vielen autofiktionalen Elementen.

Es ist gerade dieses Spiel mit den verschiedenen Metaebenen, das den Roman für mich so spannend und faszinierend macht.

„Der Zweck dieses doppelten Bodens scheint es zu sein, den eigenen Voyeurismus und dadurch auch den des Lesers im Zaum zu halten, die eigene vulgäre Lust an dieser grässlichen Geschichte zu sanktionieren, eine Wand der Reflexion zwischen Romand und sich selbst einzuziehen.“

Erdmann verzichtet auf eine detaillierte Nacherzählung der Tat oder auf Spekulationen zu den Motiven des Täters. Und doch lässt er die Frage nach dessen Schuld immer wieder einfließen und zeigt die verschiedenen Sichtweisen auf dessen Verantwortung für die Tat.

„Die Komplexität erlischt, sie wird erstickt von der simplen Brutalität der einundsiebzig Schüsse. Steinhäuser tritt vor das eigentliche Thema des Textes - die Opfer und Hinterbliebenen.“

Auch die Verarbeitung eines solchen Traumas und die Erinnerungskultur nach einer solchen Tat ist ein großes Thema in Erdmanns sehr persönlich wirkendem Roman. In seinem Erzähler wirken Verdrängungsmechanismen und der Wunsch nach Erklärungen gleichermaßen.


„Heißt eine Sache zu bearbeiten, sich von ihr zu befreien?,“

„Aber bedeutet es nicht im Gegenteil auch, etwas am Leben zu halten, zu konservieren? Irgendwas in die Richtung?“

Mir gefällt das Vorgehen Erdmanns sehr gut und ich bewundere seine kunstfertige Romankonstruktion, die nur wie auf den ersten Blick spontan und im Moment geschrieben wirkt, aber natürlich auf den zweiten Blick sofort die gedankliche Reflektion dahinter erahnen lässt. Auch die kulterellen Referenzen wie beispielsweise die Verweise auf die Literatur von Ines Geipel und Emmanuel Carrère gefallen mir sehr gut.

Ich bin wirklich sehr beeindruckt von Erdmanns zweitem Roman. Jetzt habe große Lust auf Erdmanns Debütroman aus dem letzten Jahr, der mir zuvor in der Kurzbeschreibung zu zeitgeistig und jung geklungen hatte.

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