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Veröffentlicht am 04.05.2025

Feiner literarischer und atmosphärischer Debütroman

Herzgrube
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Das ist logischerweise mein erster Roman von Andrew McMillan, denn es ist sein Debütroman. Wenn dir sein Name vertraut vorkommt, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass er bereits mehrere hochgelobte ...

Das ist logischerweise mein erster Roman von Andrew McMillan, denn es ist sein Debütroman. Wenn dir sein Name vertraut vorkommt, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass er bereits mehrere hochgelobte Gedichtbände („Physical“ und „Pandemonium“) veröffentlicht hat, die in Deutschland jeweils als zweisprachige Ausgabe beim März Verlag erschienen sind.

Dass McMillan schon viel Lyrik geschrieben hat, merke ich auch in seinem ersten Roman, denn er ist stilistisch äußerst kunstfertig und sehr gekonnt aufgebaut und komponiert.
Auch inhaltlich ist sein Roman sehr vielschichtig und dicht, wobei allerdings nicht jedes Thema ausführlich behandelt wird, manches wird nur in Nuancen angedeutet.
Mir fiel der Einstieg in den Text nicht ganz leicht, ich habe erst ungefähr nach der Hälfte die Zusammenhänge und die Verbindungen zwischen den Figuren und dem geschichtlichen Kontext verstanden.

Die Genialität des Aufbaus und der Geschichte ist mir erst ganz am Schluss klar geworden, als die Puzzlestücke alle an ihrem Platz lagen.

McMillan zeichnet in seinem ersten Roman das Porträt einer Kleinstadt im Norden Englands, es ist der Ort Barnsley, in dem er auch aufgewachsen ist. Dort hatten einst die Männer der Stadt unter Tage Kohle abgebaut. Auch Simons Vater, eine von McMillans Figuren, hat dort in der Dunkelheit seinen Lebensunterhalt verdient. Heute sind die Gruben geschlossen, doch die Zeiten der Bergarbeit sind noch lange nicht vergessen.

„Die gesellschaftliche Gewalt der Vergangenheit liegt offen zutage. Das Verborgene, Verdrängte unter der Erde ist quicklebendig und gegenwärtig, es atmet noch, es hustet noch, es ist noch rutschig, es sackt weg.“

Simon verdient neben seinem Job im Callcenter seinen Lebensunterhalt mit Auftritten als Drag Queen und mit intimen Videos auf OnlyFans.
Sein Freund Ryan weiß davon und schwankt zwischen Faszination und Ablehnung.
In dem kleinen Ort, der lange vom harten Bergarbeitermilieu geprägt war, ist Queerness immer noch etwas Schambehaftetes. Und diese Scham hat lange Tradition.

McMillan gräbt in seinem Roman schichtweise in die Tiefe, lässt die Feldforschung und historische Stimmen zu Wort kommen, dazwischen scheinbar kontextlose Bergarbeiterszenen, die das Männliche, Archaische und das Gemeinschaftliche der Grubenarbeit unterstreichen.

„Und der Gestank; das animalische Dickicht aus Männern, gemischt mit dem Öl und Ruß des Förderbands.“

Im Heute suchen Simon und Ryan ihre queere Identität, genauso wie Simons Vater Alex, der noch mit der Vergangenheit klarkommen muss.

Erzähltechnisch spielt McMillan mit verschiedenen Stilmitteln, nutzt verschiedene Perspektiven, bewegt sich im Spannungsfeld von Voyeurismus und der Lust, sich zu zeigen.

„HERZGRUBE“ hat keine stringent durchgehende Handlung, sondern zeigt vielmehr ein Stimmungsbild, dessen Gesamtheit sich mir aber erst ganz am Schluss komplett erschloss und erst nachträglich einige Szenen in den Kontext setzte.
Ich fand den Roman etwas herausfordernd, aber am Ende sehr lohnenswert und literarisch besonders.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Große Leseempfehlung für dieses Wahnsinns-Debüt!

Cinema Love
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Ich habe gerade einen dicken, fetten Kloß im Hals. Ich habe nämlich gerade die letzten Seiten von „Cinema Love“ gelesen, diesem schrecklich schönen, traurigen und so vielschichtigen Roman.

„Cinema Love“ ...

Ich habe gerade einen dicken, fetten Kloß im Hals. Ich habe nämlich gerade die letzten Seiten von „Cinema Love“ gelesen, diesem schrecklich schönen, traurigen und so vielschichtigen Roman.

„Cinema Love“ ist der Debütroman des chinesisch-amerikanischen Schriftstellers Jiaming Tang und ich hoffe und vermute, dass er auf großes und begeistertes Echo stoßen wird.

In den ersten Kapiteln steht verbotene, homosexuelle Liebe zwischen Männern im China der 80er im Mittelpunkt der Geschichte. Im Mawai Arbeiterkino haben sich die Männer einen privaten Safe Space geschaffen, wo sich treffen und sich in der Dunkelheit körperlich näher kommen können.

Viele der Männer sind verheiratet und leben nach außen ein heterornormatives Leben. Und viele können selbst nur schwer verstehen und akzeptieren, dass es die Liebe und die Körper von Männern ist, nach der sie sich sehen.

“Unsere Körper kannten die Wahrheit, aber unsere Köpfe konnten sie nicht akzeptieren.”

Auch Old Second und Shun-Er fühlen sich schon lange von einander angezogen und haben im Kino einen geheimen Zufluchtsort gefunden, wo sie sich begegnen können.

“Keiner von beiden spricht es aus, aber sie wissen, dass ihre Freundschaft nicht normal ist. Würde man sie erwischen, gäbe es Gerüchte.”

Doch der Zufluchtsort wird verraten und schließlich trotz Proteste und Demonstrationen zerstört. Es gibt schreckliche Verluste und Schmerz.
Danach wandern einige, Männer wie Frauen, nach Amerika aus, wo sie sich ein besseres und freieres Leben erhoffen.
Doch der amerikanische Traum platzt nach der Ankunft und stellt sich schnell als kapitalistische Lüge heraus. Jiaming Tang beleuchtet das traurige Leben der chinesischen Migrant*innen, die in China Restaurants und Shopping Malls als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden und trotzdem versuchen sich in ihren Community kleine Gemeinschaft aufzubauen, die an die verlassene Heimat erinnern sollen.
Gerade an die Heimat, die sie aus Not und Verzweiflung verlassen haben. Es ist nicht die einzige vielschichtige Ambivalenz, die Tang in seinem Roman aufgreift.

Während es im ersten Teil mehr um die verbotene Liebe und heimliche Leben der Männer ging, rücken im weiteren Verlauf zunehmend die Frauen in den Vordergrund. Ich lese wie sich Bao Mei, Yan Hua und ihren Freundinnen in den USA zurechtfinden. Einige waren und sind mit homosexuellen Männer verheiratet und sind ebenfalls die Leidtragenden eines gesellschaftlichen Standards, der nur die Verbindungen zwischen Mann und Frau kennt und akzeptiert.

“Er kam nie auf den Gedanken, dass Menschen wie wir überhaupt existieren. Dass es so etwas wie gleichgeschlechtliche Liebe geben kann.«”


Das Arbeiterkino in Mawei war ein Ort der Liebe für die Männer - und gleichzeitig Ort des Betrugs und der Demütigung für die Frauen.
Es ist für mich ein sehr wichtiger Punkt, dass Jiaming Tang diese Ambivalenz so deutlich herausarbeitet. Dass er nicht nur den Männer und ihren Geschichten eine Stimme gibt, sondern auch klar zeigt, dass sie nicht die einzigen Leidtragenden ihrer verleugneten und unterdrückten Sexualität sind.

Dass gefällt mir wirklich extrem gut und unterscheidet „Cinema Love“ von vielen Romanen ähnlicher Art. Gleichzeitig steckt noch so viel mehr in diesem bewegenden Roman, der seine Figuren über viele Jahrzehnte beim Älterwerden begleitet.
Es ist auch eine große, emotionale Geschichte über Verrat, Schuld und Vergebung.

Und am Schluss auch eine Geschichte von unerfüllten und zerstörten Leben und Träumen, die aber nicht unversöhnlich oder hoffnungslos endet.

Keine Frage, als Roman ist „Cinema Love“ großes Kino und in seiner Botschaft ein starkes Pläydoyer für eine bunte und freie Gesellschaft, etwas das heute eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber gerade leider wieder so notwendig und dringend gebraucht wird.

Große Leseempfehlung für dieses Wahnsinns-Debüt!

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Fresh und wild mit ein paar Abzügen

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Als jemand der aktiv Social Media nutzt, habe ich mir schon öfter Gedanken um die Dauerhaftigkeit meiner Daten im Netz gemacht. Und ich gehe, vielleicht typisch für meine Generation, vorsichtig mit meiner ...

Als jemand der aktiv Social Media nutzt, habe ich mir schon öfter Gedanken um die Dauerhaftigkeit meiner Daten im Netz gemacht. Und ich gehe, vielleicht typisch für meine Generation, vorsichtig mit meiner persönlichen Exposition um.
Einige Content Creator*innen sehen das weniger kritisch und zeigen ihre Kinder unverpixelt im Netzt und bestreiten ihr Einkommen mit der Vermarktung ihres Familienlebens.
In ihrem wortwörtlich schillernden Debütroman denkt Fiona Sironic die Frage weiter, die auch ich mir stelle: was passiert, wenn die Kinder älter werden und nicht mehr mit der öffentlichen Verbreitung ihrer Bilder und Videos einverstanden sind?

Die fiktive Antwort darauf gibt sie mit ihrem Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“.

Maja und Merle sind zwei Schwestern im Teenageralter und Töchter eines berühmten Influencerinnenpaars. Vor allem die ältere Maja hat sich schon länger dafür entschieden, nicht mehr auf den Accounts ihrer Mütter in Erscheinung zu treten und versucht auch ältere Daten aus dem Netz zu entfernen. Die beiden suchen neue Wege, gegen die bestehende Verhältnisse zu revolutionieren und gehen Samstags immer in den Wald und sprengen Sachen in die Luft.

Der Roman ist aus der Ich-Perspektive der Teenagerin Era geschrieben, die die beiden bewundert und Samstags heimlich im Wald beobachtet. Als sie von den beiden dabei erwischt wird, schließt sie sich der kleinen Gruppe an. Zwischen ihr und Maja knistert es. Eine junge Liebe zwischen Sprengsätzen.

Sironics Roman selbst ist eine wahre Themen Explosion! Ihre Handlung ist nicht weit in der Zukunft angesiedelt und doch hat sich die Welt stark verändert. Der Klimawandel ist fortgeschritten und hat den Alltag der Menschen verändert. Gemüse- und Obstanbau ist nur noch in Gewächshäusern möglich und viele Tierarten sind ausgestorben.
Mir gefällt diese leicht dystopische Setting wirklich sehr gut, es ist realistisch und fühlt sich ziemlich nah und bedrohlich an.
Die Menschheit wird schließlich notgedrungen gezwungen sich verändern um zu überleben. Immer wieder kommt Sironic auf ausgestorbene Vögel und Tierarten zu sprechen und stellt somit Vernichtung und Aussterben in den Mittelpunkt ihres ganzen Romans.

In der Welt von Era, Maja und Merle gibt es nur noch Überreste vieler Tiere und Pflanzen, aber auch die Überreste von vergangenen Technologien, die ebenfalls ausgestorben sind.
Was wird am Ende von uns bleiben? Unsere Bilder und Videos im Netzt?

“Die Aufmerksamkeit einer Spezies ist so eine Sache, deren Mechanismen sich in kurzer Zeit verändert haben.”

Ich fand sehr interessante Gedankengänge in diesem irisierenden Roman und ich fand großen Gefallen an Sironics Zukunftsversion. Teilweise fiel es mir etwas schwer dazwischen den Geschichte von Era,Maja und Merle zu folgen und fand ihre Motivationen und innere Welten nicht nachvollziehbar genug beschrieben.

Ich mochte den modernen und jugendlichen und somit für die 15-jährige Erzählerin authentischen Schreibstil sehr gerne. Der Roman ist meiner Meinung nach ein super freshes Beispiel für zeitgenössisches Nature Writing, was auch die Auszeichnung Sironics mit einem Werkstattstipendium im Rahmen des Deutschen Preises für Nature Writing zeigt.

Sprachlich fresh, inhaltlich wild – die Figuren für mich nicht ganz rund, aber definitiv ein ideenreichen Blick auf das was war und (vielleicht) bleibt.

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Veröffentlicht am 28.04.2025

Spannung UND Tiefgang

Settlers Creek
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Letztes Jahr war „Kerbholz“ (Culturbooks) eine echte Entdeckung für mich, denn der krimiähnliche Roman des neuseeländischen Schriftstellers Carl Nixon war ein tiefgründiger und spannender Pageturner.
Als ...

Letztes Jahr war „Kerbholz“ (Culturbooks) eine echte Entdeckung für mich, denn der krimiähnliche Roman des neuseeländischen Schriftstellers Carl Nixon war ein tiefgründiger und spannender Pageturner.
Als ich dann „Settlers Creek“ in der Vorschau des Unionsverlag entdeckte, wollte ich natürlich auch diesen Roman lesen.
Ich vermute, der Erfolg von „Kerbholz“ veranlasste den Verlag den Roman als Taschenbuch neu aufzulegen, denn im Original erschien „Settlers Creek“ bereits 2010 und auf Deutsch erstmalig 2013 beim Weidleverlag.
Dabei ist das Erscheinungsjahr weitgehend egal, denn die Geschichte, die Nixon erzählt ist klassisch und (leider) zeitlos.

Box Saxton, Mitte 40, ist ein Bär von einem Mann und ein neuseeländischer Cowboy, wie er im Buche steht: er hat das Herz am rechten Fleck und seit er durch den Immobilienmarkt sein eigenes Unternehmen verloren hat, verdient er den Lebensunterhalt selbst auf dem Bau. Er versteht sich als Provider für seine Familie.
Als er die Nachricht bekommt, dass sich sein neunzehnjähriger Sohn an einem Baum erhängt hat, bricht für ihn eine Welt zusammen. Obwohl Mark nicht sein leiblicher Sohn ist, zieht er das Kind seiner Frau, das aus einer losen Beziehung mit einem Māori stammt, seit frühester Kindheit groß.
Carl Nixon nimmt sich viel Zeit, den Schmerz von Box zu beschreiben, die tiefe Trauer und vor allem seine Frage nach dem Warum, die keiner beantworten kann.
Box steht völlig neben sich und muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wo sein Sohn beigesetzt werden soll.
Er und seine Frau entscheiden sich für den Friedhof, auf dem bereits der jung verstorbene Bruder von Box beerdigt wurde und in der Bucht liegt, wo seine Familie noch Land besitzt.

Allerdings kommt noch vor der Beerdigung zu einem Konflikt mit Marks leiblichen Vater Tipene, der mit seiner Community angereist ist. Er möchte Mark, den er Maaka nennt, nach Māori-Tradition auf dem Land seiner Ahnen bestatten.

Box ist über die Dreistigkeit des Mannes, der sich nach Marks Geburt einfach aus dem Staub gemacht hat und sich jahrelang nicht um seinen Sohn geschert hat, entsetzt. Brüsk und ohne Diskussion lehnt er dessen Bitte ab.

Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und es entbrennt ein bitterer Kampf der Männer um die Leiche des Jungen.

Auch dieser Roman von Nixon ist mit hoher Erzählkunst äußerst spannend geschrieben. Im Kampf um das Anrecht auf Marks Körper sind unschwer die lange schwellenden Konflikte zwischen der Nachfahren der indigenen Neuseeländer*innen und der dominierenden westlichen Kultur zu erkennen. Nixon wirft komplexe moralische Fragen auf, die nicht nur kulturelle Identität und kulturelles Erbe betreffen, sondern auch auf individueller Ebene die Definition von Familie und Herkunft.

Im Kern erzählt Nixon die immer gleiche Geschichte von Männlichkeit und Gewalt, die ihr eigenes Recht definiert und schaffen will, und das um jeden Preis.

Und so tritt die unangenehme Frage, ob warum Mark, ein Halb-Māori, sterben wollte, völlig in den Hintergrund, sie wird ausgelöscht durch sinnlose Kämpfe und ein kompromissloses Rechtsverständnis, das eigentlich nichts anderes als ein Besitzanspruch ist.

Nixons Erzähltalent fesselte mich wieder an die Seiten, auch wenn der Roman für mich nicht die Intensität und den Schauer von „Kerbholz“ erreichte.

Aber wenn du einen spannenden Pageturner aus dem neuseeländischen Down Under suchst, der die großen gesellschaftlichen Bruchlinien verhandelt, ist „Settlers Creek“ definitiv ein Lesetipp!

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, authentisch und unterhaltsam erzählt

Bardame gesucht – Zimmer vorhanden
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Ich habe eine große Vorliebe für die Lebensgeschichten von Menschen, die mir Einblicke in ganz andere Zeiten und Lebensrealitäten vermitteln.
So landete auch „Bardame gesucht-Zimmer vorhanden“ auf meiner ...

Ich habe eine große Vorliebe für die Lebensgeschichten von Menschen, die mir Einblicke in ganz andere Zeiten und Lebensrealitäten vermitteln.
So landete auch „Bardame gesucht-Zimmer vorhanden“ auf meiner Leseliste. Es zeichnet das Leben von Herta Lueger, geboren 1947, vom österreichischen Burgenland bis zur ihrer Arbeit als Domina und Clubbesitzerin in der Münchner Szene nach.
Herta Lueger ist lange Jahre das, was manche Menschen vielleicht umgangssprachlich als „Puffmutti“ bezeichnen würden.
Ihr Buch beginnt mit einem schrecklichen Ereignis, das einschneidend im Leben Luegers ist: die junge Aline, die sie für erotische Dienstleistungen vermittelt, wird von einem Freier getötet.
Lueger landet wegen Zuhälterei vor Gericht. Danach ist nichts mehr wie vorher.

Doch wie wurde aus der als Ältesten von 8 Kindern im ländlichen Burgenland geborenen Lueger die schillernde Domina, die 20 Jahre führend in der Müncher Szene für erotischen Unterhaltung sein wird?

Schon als Kind weiß sie, dass sie nicht wie anderen ihr Leben lang auf dem Rübenacker arbeiten will. Sie wird sie mit 16 schwanger und heiratet in eine Familie voller Alkoholiker ein.
Doch ihr kleines Kind stirbt tragisch und ihre unglückliche Ehe scheitert nach der Geburt des zweiten Kindes.
Nach einem Rosenkrieg, den Lueger kämpferisch mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln führt, geht sie nach München.

“Im München der Siebzigerjahre konnte ich so sein, wie ich war. Es klingt seltsam, aber das erste Mal in meinem Leben musste ich mich nicht mehr verstellen.”

Lueger ist gelernte Friseurin, eine Arbeit, die ihr zeitlebens viel Freude macht und zu der sie immer wieder gerne zurückkehrt. Auch in München arbeitet sie in einem Friseursalon und bald auch als Bar- und Animierdame.

Nachdem Lueger erste Erfahrungen als Domina gesammelt hat, bleibt sie im Milieu.

“Warum ich das tat? Ich denke, weil ich mich im Grunde als wertlos empfand.”

Oft anekdotisch, manchmal nachdenklich erzählt Lueger von dieser Zeit. Die Arbeit als Domina, später auch als Clubbesitzerin und Vermittlerin von Sexarbeit macht ihr viel Spaß.

“Was war so toll, könnte man fragen. Die Macht und das Spiel, jeder buckelte. Ich spürte eine Macht, die ich nicht für möglich gehalten hätte.”

Doch Lueger blickt keineswegs nostalgisch auf das Milieu. Ich bin geschockt, wie viele ihre Freundinnen und Kolleginnen trotz Sicherheitsvorkehrungen durch männliche Gewalt den Tod finden. Es war und ist immer noch ein großes Risiko, als Sexarbeiterin oder in der erotischen Unterhaltung tätig zu sein.

“Irgendwie war man als Frau, egal, was einem passierte, immer selbst schuld.”

Lueger, die sich für ihre Lebensgeschichte keine Ghostwriter geholt hat, sondern ihre Lebensgeschichte gemeinsam mit ihrer Tochter Patricia aufschreibt, erzählt hauptsächlich anekdotisch und anhand der wichtigen Ereignisse in ihrem Leben. Sie ist eine äußerst tatkräftige und energetische Frau, die sich in ihrem Buch wenig mit gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhängen beschäftigt. Reflektionen über strukturelle sexistische Mechanismen im Milieu oder Gesellschaft findest du hier nicht.

Auch Überlegungen über die Geschlechterrollenzuschreibungen der jeweiligen Zeit finden sich eher selten. Dafür ist Lueger viel zu pragmatisch, unbemerkt bleiben sie ihr aber natürlich keineswegs.

“Es war paradox, ich hatte gut verdient, aber mein Mann rügte mich, dass seine Hemden noch nicht gebügelt waren.”

Luegers ungewöhnliche Lebensgeschichte spricht stattdessen für sich selbst und ist voller Licht und Schatten, voller Freude und Leid.
Sehr gerne bin ich mit ihr in ihre Erinnerungen an ein vergangenes Leben und an eine vergangen Zeit eingetaucht.
Ich habe mich darüber gefreut, dass Lueger mit ihren beiden erwachsenen Kinder ein so enges und gutes Verhältnis hat und ihr Buch leztendlich mit einem positiven Fazit endet.

„Bardame gesucht – Zimmer vorhanden“ ist kein analytisches Sachbuch, sondern eine eindrucksvolle autobiografische Erzählung über ein außergewöhnliches Leben. Herta Lueger berichtet ehrlich und direkt - und sehr unterhaltsam.

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