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Veröffentlicht am 19.08.2025

Trügerische Idylle

Heimat
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Hannah Lühmann thematisiert in ihrem Roman ‘Heimat‘ die Verkörperung der Tradwife, jenes von Influencerinnen seit den 2010 Jahren idealisiertes Rollenbild der Frau, das die Tradition des unterwürfigen ...

Hannah Lühmann thematisiert in ihrem Roman ‘Heimat‘ die Verkörperung der Tradwife, jenes von Influencerinnen seit den 2010 Jahren idealisiertes Rollenbild der Frau, das die Tradition des unterwürfigen Weibs, die den Haushalt führt, keine beruflichen Ambitionen verfolgt und das der liebevollen Mutter verkörpert. Staatliche Institutionen wie der Kindergarten, die erzieherischen Einfluss auf die Kinder haben, werden strikt abgelehnt ebenso wie Impfungen als vorsorgende Schutzmaßnahme zum Beispiel für die Gesundheit Schwangerer.
Die Protagonistin Jana, die mit ihrer Familie, dem Mann Noah, zwei Kleinkindern und schwanger mit dem Dritten aus der Großstadt in die dörfliche Idylle flieht, fühlt sich überfordert von Beruf und Familie. In der neuen Heimat lernt sie die charismatische Karolin und ihre Freundinnen kennen, die ihr eine Wertebild vorleben, das sie beeindruckt und gefangen nimmt. Mehr und mehr, nicht zuletzt auch durch verstörende aktuelle Berichterstattungen von terroristischen Aktionen im Lande und die beachtlich steigende Anzahl zu versorgende Migranten, lässt sie sich einbinden in politische Aktionen der AfD, die den Alltag der Dorfgemeinschaft prägen. Der Prozess der Veränderung in Janas Persönlichkeit vollzieht sich schleichend, bei dem ihr Partner leider nur hilflos zuschauen kann.
Mit steigender Brisanz drängt sich dieser Sachverhalt der unterschwelligen Unterwanderung demokratischer Normen in den Alltag unserer Gesellschaft, verunsichert und sorgt für Disharmonien in der Bevölkerung. Der Roman rüttelt wach, fordert auf zum Nachdenken und Handeln im Sinne des Erhalts einer humanistischen Wertevorstellung.

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Veröffentlicht am 19.08.2025

Nichts ist, wie es scheint

Die Verlorene
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Änne und Luise sind ein Zwillingspaar, das unterschiedlicher im Charakter nicht sein könnte. Trotz ihrer verblüffenden äußeren Ähnlichkeit wirken sie völlig unterschiedlich auf ihre Mitmenschen. Während ...

Änne und Luise sind ein Zwillingspaar, das unterschiedlicher im Charakter nicht sein könnte. Trotz ihrer verblüffenden äußeren Ähnlichkeit wirken sie völlig unterschiedlich auf ihre Mitmenschen. Während die eine immer strahlt und Lebensfreude versprüht, besitzt Änne ein eher düsteres Gemüt, fühlt sich vielleicht gerade durch ihre missmutige Ausstrahlung untrennbar verbunden mit ihrer immer freundlichen Schwester Luise. Sie wachsen auf einem großen Landgut in Schlesien auf. Ihre Jugendjahre fallen in die Zeit der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs. Der Vater ist unnahbar streng, trägt die Verantwortung für den laufenden Betrieb allein, duldet keine Widerrede und hat zwangsverpflichtete Fremdarbeiter als auch Kriegsgefangene als billige Arbeitskräfte, die für die seit mehreren Generationen ansässige deutschsprachige Familie schuften müssen und ein armseliges Leben führen, unter seiner Obhut. Als eines Tages ein scheinbar russischer Kriegsgefangener, ein junger, völlig abgemagerter aber gutaussehender Mann dem Gutshof für Frondienste zugeteilt wird, ändert sich das Leben der beiden Schwestern grundlegend mit prägender schicksalhafter Gestaltung ihrer Zukunft.
Miriam Georg ist eine Geschichtenerzählerin, die es vermag zu fesseln, zu unterhalten, Spannung aufzubauen und nicht zuletzt auch informativ geschichtliche Ereignisse lebensnah zu verpacken. In ‘Die Verlorene‘ verarbeitet sie persönliche Aufzeichnungen und Berichte ihrer Großeltern. Sie weiß, dass die ältere Generation ungern über die Zeiten der Vertreibung und des Neubeginns mit verletzender Ausgrenzung berichtete. Sie schwiegen über die Gräueltaten, die sie erdulden mussten, aber auch über ihr Leben in den ehemaligen Ostgebieten wurde nicht viel berichtet. So begeben sich Laura und Ellen in dem Roman auf Erkundungstour in die Vergangenheit, um die Rätsel, die ihnen ihre Großmutter und Mutter aufgegeben hat zu lösen. Doch nichts ist wie es scheint.
Die Autorin liefert eine berührende Geschichte, die mit vielen rätselhaften Gegebenheiten, unerwarteten Wendungen, verblüffenden Tatsachen ausgestattet ist und ein Teil unserer deutschen Geschichte darstellt. Schon aus diesem Grund finde ich den Roman lesenswert.

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Ein Leben im Rückblick

Spät am Tag
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Dieser Roman ‘Spät am Tag‘ von Kristin Vego gehört zu den anspruchsvolleren Lesarten der Gegenwartsliteratur. Er macht uns vertraut mit den Gedanken und Gefühlen einer Frau, einer Schriftstellerin, die ...

Dieser Roman ‘Spät am Tag‘ von Kristin Vego gehört zu den anspruchsvolleren Lesarten der Gegenwartsliteratur. Er macht uns vertraut mit den Gedanken und Gefühlen einer Frau, einer Schriftstellerin, die nach dem schmerzvollen, weil frühen Verlust ihres zweiten Ehemannes, einen Teil ihrer Lebensgeschichte aufschreibt und insbesondere auf das Zusammenleben mit ihm, seiner Exfrau und seiner kleinen Tochter in der Einsamkeit, in einem großen weißen Haus am Wasser, eingeht.
Johanna ergreift nach der Scheidung von einem Mann, den sie nie geliebt hat, die Flucht, weg aus dem Lärm der Großstadt, den vielen Menschen, um still und abgeschieden an ihrem zweiten Roman zu arbeiten. Hier in der ländlichen Idylle trifft sie auf den charismatischen Mikael, der ihr ein anderes Leben in Freiheit und Unbeschwertheit vorlebt. Aber auch er ist nicht unbelastet von Sorgen, die Ängste in ihm hervorrufen. Sie lebt mit den Jahreszeiten, spürt die Kälte, die Schönheit der schneebedeckten Flächen, die Hitze des Sommers, die heftigen Stürme.
Kristin Vego schreibt distanziert und lässt ihre Protagonistin bruchstückhaft erzählen, springt zwischen den Zeiten und gibt dem Leser viel Freiraum, eigene Ideen zu entwickeln.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Geschichten über das Leben

Die Tage im Café Torunka
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Ich mag Satoshi Yagisawa als Schriftsteller sehr gern. Bereits seine beiden Romane ‘Die Tage in der Buchhandlung Morisaki‘ – sein Debüt, mit Auszeichnungen belegt - und ‘Die Abende in der Buchhandlung ...

Ich mag Satoshi Yagisawa als Schriftsteller sehr gern. Bereits seine beiden Romane ‘Die Tage in der Buchhandlung Morisaki‘ – sein Debüt, mit Auszeichnungen belegt - und ‘Die Abende in der Buchhandlung Morisaki‘ habe ich mit Begeisterung gelesen.
In seinem Buch ‘Die Tage im Café Torunka‘ traf ich wieder auf liebenswerte Menschen, die sich in ihrem Alltag mit viel Respekt und gegenseitiger Achtung begegnen. Es werden in gleicher Weise alte Traditionen gepflegt als auch das persönliche Leben in Harmonie mit dem eigenen Ich gestaltet. Japaner scheinen diese Einstellung verinnerlicht zu haben und so suchen sie selbst in der hektischen Großstadt Tokio ihre Rückzugsorte auf, in denen sie Ruhe und Zurückgezogenheit von den herausfordernden, kräftezehrenden Stunden ihrer beruflichen Tätigkeit finden, sich austauschen in vertrauter und dennoch immer höflicher distanzierter Atmosphäre.
Das Café Torunka, das seit vielen Jahren als Familienbetrieb geführt wird, verkörpert genau solch einen Ort, an dem die Menschen zur Ruhe kommen beim Genuss eines einzigartig wohlschmeckenden Kaffees, der sich in seiner Zubereitung neben der Verwendung von hochqualitativen Produkten vor allem durch fachmännisches Wissen um den Geschmack des Getränks auszeichnet. Dieses Café liegt in einer kleinen, unscheinbaren Gasse, die von einer belebten und beliebten Geschäftsstraße in der Unterstadt abzweigt und von nicht Ortskundigen eher übersehen wird. Die Stammgäste sind treu und wissen was sie verbindet.
Der Autor lässt in drei größeren Kapiteln seine Protagonisten erzählen. Sie berichten von Liebe, Verlust, glücklichen und schmerzlichen Erlebnissen, von Versprechen und offenbaren, uns dem Leser, ihre geheimsten Gedanken und Gefühle. Ich durfte eintauchen in eine völlig fremde Welt, in eine sehr fremdartige Kultur von Menschen, die ich wieder ein Stückchen näher kennengelernt habe, deren Alltag doch so viel anders ist als der unsere in Europa.
Es hat mir sehr viel Spaß gemacht der Geschichte zu folgen, die obendrein den eigenen Horizont wunderbar erweitert.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Völlig abgefahrene Geschichte

Dr. No
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Percival Everett präsentiert in seinem neuen Roman ‘Dr. No‘ eine völlig abgefahrene Geschichte mit anspruchsvollem Hintergrund. Mathematisch-physikalische Erkenntnisse vermischt er gekonnt mit philosophischen ...

Percival Everett präsentiert in seinem neuen Roman ‘Dr. No‘ eine völlig abgefahrene Geschichte mit anspruchsvollem Hintergrund. Mathematisch-physikalische Erkenntnisse vermischt er gekonnt mit philosophischen Ansätzen, um gesellschaftspolitische Strömungen in seiner Heimat den USA genauer unter die Lupe zu nehmen. Bei all der vorherrschenden Slapstick, er bedient sich der Strukturen aus ‘Big Bang Theory‘ oder ‘James Bond‘, sind die angesprochenen Themen wie Rassenhass, Sozialkritik und gesellschaftliche Notstände ernstzunehmende Tatsachen, die das Alltagsbild in den Vereinigten Staaten von Amerika prägen. Indem er fundierte Ansätze der Schrödinger Gleichung in Szene setzt, Theorien der Quantenfluktuation geschickt platziert und diese zu einem philosophischen Nichts vereint, schafft er Raum für Spekulationen, Gedanken, die in unvorhersehbare Richtungen driften können. Seine Dialoge sprühen vor trockener Heiterkeit. Ganz nebenbei wird nichts in seiner Mehrdeutigkeit immer wieder beleuchtet, in den Mittelpunkt brillanter Formulierungen gestellt.
Dr. No, alias Wala Kitu – eine ausführliche Erklärung zur Herkunft und Bedeutung des Namens liefert der Roman, ist ein begnadeter Mathematikprofessor, der sich ganz gut in Teilgebieten der Physik, zu meiner großen Freude, auskennt, was bei seinem Forschungsprojekt über das Nichts vorteilhaft erscheint. Gemeinsam mit seiner ebenso talentierten Kollegin Eigen Vector, die ebenso wie Dr. No in eingeschränkter Interaktion und Kommunikation lebt, wird er in die kriminellen Machenschaften des Milliardärs John Sill verwickelt, der nach dem Besitz des alles beherrschenden Nichts strebt, welches die US-Regierung sicher verwahrt.
Percival Everett ist mit dieser Geschichte ein genialer Schelmenstreich gelungen, für den man sich etwas Zeit zum Genießen nehmen sollte.

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